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  #1  
Alt 26.01.2007, 21:04
Nicobär Nicobär ist offline
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Standard 6. und 7. Buch Mose

Nahezu sagenhaft sind die Geschichten, die in meiner Familie über das 6. und 7. Buch Mose erzählt wurden. Im regionalen Aberglauben spielte dieses, vermutlich aus dem Mittelalter stammende Buch eine ganz herausragende Rolle; später erschienen weitere Versionen, ja es war sogar ein 8. und 9. Buch Mose zu bekommen.

Wenn von diesen Büchern die Rede war, dann wurde nur geflüstert, denn das, was darin stehen sollte, hätte Moses von Gott erhalten und es wäre so brisant, dass es nie veröffentlicht werden dürfte. Da stünden Zaubersprüche drin und das Buch wäre siebenmal versiegelt. Das wäre für Leute, die den zweiten Blick hätten und die Böses im Schilde führten. Nahezu jeder kannte irgendwen, der irgendwann irgendwo im Ort gewohnt hat und der es angewendet hätte.

Bezüglich der Brisanz dieser Schriften kenne ich aus Bremen eine Geschichte, dass nach 1945 die amerikanische Besatzungsmacht intensiv nach diesen Büchern geforscht hätte, weil sie angeblich während des Kalten Krieges von höchstem Interesse für den amerikanischen Geheimdienst gewesen wären.

Umso erstaunlicher war es dann für mich, als ich vor wenigen Jahren ein solches Buch in der Hand hielt. Es handelte sich dabei nämlich um eine Ansammlung alter Hausrezepte, deren Wirksamkeit recht zweifelhaft war. U.a. standen dort Rezuepte zur Krebsbehandlung drin, die nicht nur wirkungslos, sondern für den Patienten außerordentlich gefährlich waren - was übrigens mit dazu beitrug, dass man in den 50er Jahren versuchte, dieses Buch gerichtlich aus dem Verkehr zu ziehen.
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  #2  
Alt 27.01.2007, 15:15
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: 6. und 7. Buch Mose

Das "6. und 7. Buch Mose" ist tatsächlich ein sagenhaftes Beispiel, wie grenzenlos die Dummheit vieler Menschen ist.

Das "6. und 7. Buch Mose" wurde in einer Zeit, als Zauberpraktiken populär waren, auf den Markt gebracht, laut Christoph Daxelmüller findet sich am 28. März 1797 die erste Verkaufsanzeige im "Allgemeinen Literarischen Anzeiger". Das selbe Datum wird auch im HdA genannt, weitere frühe Editionen 1849, 1851 und 1853.

Es handelt sich um ein "krauses Sammelsurium ... im niederen Buchhandel" von fiktiven Texten "der auf ungebildete oder abergläubische Gemüter seinen Eindruck nicht verfehlt." (Jacoby in HdA).

In diesem Zusammenhang ist übrigens ganz interessant, dass Magie- und Zauberliteratur überhaupt erst sehr vereinzelt im 17. Jahrhundert und eben erst im 18. Jahrhundert in "schriftstellerische Mode" kommt... (Daxelmüller)

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #3  
Alt 27.01.2007, 15:21
Nicobär Nicobär ist offline
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Standard AW: 6. und 7. Buch Mose

Unter anderem fand ich in diesem Buch ein Rezept gegen irgendwas, was ich inzwischen vergessen habe...

Um den Kranken zu heilen, so hieß es dort, bräuchte man einen mit Deckel verschließbaren irdenen Topf, Urin des Kranken und ein Ei. den Urin des Kranken solle man dann in den Topf abfüllen, ihn auf das Feuer stellen das Ei dort hineingeben und anschließend gar kochen. Wenn das Ei gar wäre, solle man es nehmen und in einem Haufen der Roten Ameise vergraben. Der Kranke würde wieder gesund, wenn die Ameisen das Ei verzehrt hätten.

In einem anderen 'Rezept' solle der Topf nach dem Kochen mit weißem Hundekot verschmiert und anschließend vergraben werden.

Interessant ist die Tatsache, dass das Aufkommen 'magischer Rezepte' mit einer Blütezeit der Alchemie und dem Zeitalter der Universlgelehrten einhergeht, aus der sich dann die modernen Wissenschaften entwickelten. Goethes Arbeiten - hier insbesondere seine Naturforschungen, die Farbenlehre, aber auch der 'Faust' zeigen hier ja derartige Entwicklungen auf. Ebenso der damals weitverbreitete Irrglaube, man könne Gold mit Hilfe des 'Großen Elixiers' künstlich aus Stoffen herstellen, die gar kein Gold enthielten.

Nun ja - man hat geforscht und auch wegweisende Entdeckungen dabei gemacht. Die hatten allerdings wenig mit dem gemein, was zu entdecken man vor hatte. Aber dass wir heute das Porzellan hier in D kennen, ist ja auch den Irrwegen dieses Zeitalters zu verdanken.

Übrigens: welche Furcht man noch im 20. Jahrhundert vor diesen Büchern hatte, zeigt auch der Umstand, dass man noch in den 50er Jahren in Niedersachsen versuchte, Hexenprozesse vor ordentlichen Gerichten durchzuführen. Hierzu habe ich hier gerade etwas gefunden... Der Hexenforscher Johann Kruse scheint da einiges dokumentiert zu haben. Das Archiv befindet sich im Museum für Völkerkunde in Hamburg. Interessant dürfte in diesem Zusammenhang auch das hier sein.

Geändert von Nicobär (27.01.2007 um 15:40 Uhr)
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  #4  
Alt 27.01.2007, 18:36
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: 6. und 7. Buch Mose

Johann Kruse (1889 - 1983) beschäftigte sich fast sein ganzes Leben mit dem Thema Hexen und sammelte dazu alles, was er erhalten konnte. Zweifellos engagierte er sich für Frauen in Norddeutschland, die als Hexen verrufen waren und trat als Gutachter bei Prozessen auf, in denen sich die betroffenen Frauen gegen die Verleumdungen zur Wehr setzten.

Andererseits war Johann Kruse sicherlich auch von einem gewissen Fanatismus geplagt und hat dabei manchmal auch zu sehr um sich geschlagen. Unter anderem hat er Wissenschaftler beschuldigt, durch Forschungen und Dokumentationen an der Verbreitung von Wissen schuld zu sein. Also eine ziemlich überholte Weltanschauung...

Johann Kruse's Sammlung wurde 1978 durch das Museum für Völkerkunde in Hamburg übernommen und heißt heute "Johann-Kruse-Archiv zur Erforschung des neuzeitlichen Hexenglaubens".

Zu den ganz großen Schätzen des Museums für Völkerkunde in Hamburg gehört auch die Amulett-Sammlung von Siegfried Seligmann (1870 - 1926), ein Hamburger Augenarzt, der sich in seiner Freizeit der Erforschung des Aberglaubens und vor allem des bösen Blickes widmete.

Das Hamburger Museum für Völkerkunde veranstaltet regelmässig Sonderausstellungen zum Thema Hexen und Hexenwelten, welche eine gewisse Gratwanderung und Herausforderung für einen Museumsbetrieb darstellen.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #5  
Alt 27.01.2007, 19:05
Nicobär Nicobär ist offline
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Standard AW: 6. und 7. Buch Mose

Zitat:
Zitat von SAGEN.at
Johann Kruse (1889 - 1983) beschäftigte sich fast sein ganzes Leben mit dem Thema Hexen und sammelte dazu alles, was er erhalten konnte. Zweifellos engagierte er sich für Frauen in Norddeutschland, die als Hexen verrufen waren und trat als Gutachter bei Prozessen auf, in denen sich die betroffenen Frauen gegen die Verleumdungen zur Wehr setzten.
Ich kann mich noch gut an meine Kinderzeit erinnern, wo hinter vorgehaltener Hand Frauen der Hexerei oder des bösen Blicks wegen verdächtigt wurden. Wenn ich jetzt einmal genauer überlege, gab es damals auch häufiger Anzeigen in der Tageszeitung, in denen es hieß "Die von mir über Person xyz gemachten Behauptungen sind falsch und ich nehme sie mit Bedauern zurück". Diese Anzeigen haben die Betreffenden nicht freiwillig in die Zeitung gestellt, sondern waren in der Regel Folgen eines Verleumdungsprozesses - wobei der Vorwurf der Hexerei und des Bösen Blickes wohl eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat. Wie solche Verleumdungen abliefen kann man hier nachlesen.
Ich denke einmal, dass der gesamte gut recherchierte Abschnitt hier sehr interessant sein könnte. Bemerkenswert finde ich vor allem die Widerstände, auf die Kruse noch nach dem II. WK traf...

Zitat:
Das Hamburger Museum für Völkerkunde veranstaltet regelmässig Sonderausstellungen zum Thema Hexen und Hexenwelten, welche eine gewisse Gratwanderung und Herausforderung für einen Museumsbetrieb darstellen.
Selbst heute ist dieses Thema außerordentlich heikel und delikat, was mit Sicherheit auch auf Grund der Haltungen der Kirchen hierzu in Verbindung zu bringen ist.

Geändert von Nicobär (27.01.2007 um 19:14 Uhr)
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  #6  
Alt 29.01.2007, 16:42
Berit (SAGEN.at) Berit (SAGEN.at) ist offline
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Standard AW: 6. und 7. Buch Mose

Zitat:
Das Hamburger Museum für Völkerkunde veranstaltet regelmässig Sonderausstellungen zum Thema Hexen und Hexenwelten, welche eine gewisse Gratwanderung und Herausforderung für einen Museumsbetrieb darstellen.
Wie oft war ich nun schon in diesem genannten Museum? Und konnte mir niemals dieses berühmte "Hexenkabinett" anschauen, die Türen waren stets verschlossen... Und auf meine Frage wann das Hexenarchiv wohl geöffnet habe, bekam ich zur Antwort: "Wenn Sie immer in den Ferien kommen!"

Und damit werde ich wohl nie einen Blick in diese ominöse Sammlung werfen können... und in meinen Augen hat die Museumsleitung in der "Herausforderung" die Öffnungszeiten besucherfreundlich zu gestalten ganz einfach versagt!

Berit
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  #7  
Alt 29.01.2007, 18:36
Nicobär Nicobär ist offline
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Beiträge: 450
Standard AW: 6. und 7. Buch Mose

Zitat:
Zitat von Berit (SAGEN.at)
Wie oft war ich nun schon in diesem genannten Museum? Und konnte mir niemals dieses berühmte "Hexenkabinett" anschauen, die Türen waren stets verschlossen... Und auf meine Frage wann das Hexenarchiv wohl geöffnet habe, bekam ich zur Antwort: "Wenn Sie immer in den Ferien kommen!"

Und damit werde ich wohl nie einen Blick in diese ominöse Sammlung werfen können... und in meinen Augen hat die Museumsleitung in der "Herausforderung" die Öffnungszeiten besucherfreundlich zu gestalten ganz einfach versagt!

Berit

Man muss sich besser vorher anmelden. Hier habe ich eine Telefonnummer gefunden.
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