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  #1  
Alt 18.03.2009, 16:19
harry harry ist offline
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Standard Geschichte(n) von Speisen

Am Eckhaus Neustiftgasse, Kaiserstraße in Wien ist eine Gedenktafel angebracht mit dem Text:

In diesem Hause Kaiserstr. 99 / Neustiftg. 112, früher mit der
Bezeichnung Am Schottenfeld No. 54 stellte die Fleischselcher-
und Fleischhauermeisterfamilie LAHNER von 1832 bis 1967 die nur
in Wien als FRANKFURTER, auf der ganzen Welt jedoch als
WIENER bekannten Würstel her. Der Dynastiegründer JOHANN
GEORG LAHNER (1772 - 1845) aus Gasseldorf, einem kleinen Ort in
Franken, Bayern, stammend, erlernte den Metzgerberuf in Frankfurt
a. M. Auf der Walz nach Wien kommend, verblieb er in der
Kaiserstadt und gründete Am Schottenfeld No. 272, heute
Neustiftgasse 111 im Jahre 1804 eine eigene Selcherei. Dortselbst
erzeugte er erstmals 1805 die weltbekannte Wurstfeinmischung
LAHNER - Würstl, die er dann in dankbarer Erinnerung
FRANKFURTER nannte.

Gewidmet 1994 von der Landesinnung Wien der Fleischer


Tafel am Haus Wien, Neustiftgasse 112

Im Jahr 1804 kam der junge Johann Georg Lahner auf seiner Walz nach Wien. Zuvor hatte er im für seine Würste berühmten Frankfurt am Main die dort üblichen Methoden zur Wurstherstellung erlernt. Nach den Frankfurter Wurstgesetzen durfte damals nur Schweinefleisch oder Rindfleisch, aber keinesfalls eine Fleischmischung zu Würsten verarbeitet werden. Zudem waren die Frankfurter Würste seinerzeit durchwegs Bratwürste, die in großen Pfannen im Öl gebrutzelt wurden. Lahner arbeitete 1804 in Wien als Aufhackknecht, schon im Jahr darauf konnte er sich ein eigenes Geschäft an der Ecke Kaiserstraße/Neustiftgasse leisten.


Haus Wien, Neustiftgasse 112

Dort verarbeitete er im Jahr 1805 eine Mischung aus gekochtem Rind- und Schweinefleisch. Diese Mischung stopfte er in den Dünndarm eines Schafes. Diese von Muskeln und Schleimhaut gelösten "Saitlinge" dienten ursprünglich zur Fertigung von Saiten für Streichinstrumente, ihr Name Saitlinge blieb als Bezeichnung für die Wursthaut bis heute erhalten.Johann Georg Lahners Würste wurden in Wien nicht mehr – wie in Frankfurt üblich – gebraten, sondern gesotten und zunächst unter der Bezeichnung "Lahner Würste" zum Verkauf angeboten. In Wien konnte sich der Würste produzierende Fleischer schnell durchsetzen. Er wurde nach seiner Heimatstadt von den Würste verschlingenden Wienern bald "der Frankfurter" genannt, und sie dehnten diese Bezeichnung auch auf seine Kreation, die "Frankfurter Würste", aus. Außerhalb Wiens jedoch trug man der Tatsache Rechnung, dass diese Würste eben aus Wien kamen, und nannte sie "Wiener Würste". Als Johann Georg Lahner am 23. April 1845 starb, konnte er ein wohlbestalltes Haus übergeben. Seine Nachfolger belieferten unter anderem auch das "Michaeler Bierhaus" am Michaelerplatz. Von dort ließ sich der ums Eck residierende Kaiser jeden Tag zum Gabelfrühstück Frankfurter bringen.

Ein Urenkel Lahners Leopold Lahner nahm im Jahr 1906 als Hammerwerfer und Kugelstoßer an den Olympischen Spielen in Athen teil. In Wien kreierte er die "Würstel im Schlafrock", indem er die Frankfurter seines Urgroßvaters in eine Brotteighülle packte. Sie wurden in den USA als hot dog bekannt. Der Hund schlich sich in die Sprache, weil die Krümmung des Dackelrückens, nach Meinung der pragmatischen Amerikaner, der Krümmung der Wurst entspreche.
__________________
Harry
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  #2  
Alt 18.03.2009, 16:21
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Beiträge: 5.274
Standard AW: Geschichte(n) von Speisen

super, das ist ja echt spannend.
vielen dank für diese schöne erklärung und die fotos! *freu*
liebe grüße, sonja
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  #3  
Alt 18.03.2009, 19:57
Berit (SAGEN.at) Berit (SAGEN.at) ist offline
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Standard AW: Geschichte(n) von Speisen



und da fällt mir natürlich die Sage der Speckseite vom Roten Turm in Wien ein

und die Legende vom Wiener Kipfel - natürlich auch auf SAGEN.at

In das Jahr 1683 verlegt die Sage auch die Entstehung des so beliebten Wiener Gebäckes, der Kipfel.

Der Bäckermeister Peter Wendler, dessen Geschäft sich damals in der Stadt, Grünangergasse, befand, war über die glückliche Errettung der Stadt aus der Türkengefahr außerordentlich erfreut und stimmte vom ganzen Herzen in den allgemeinen Jubel, der deshalb in Wien herrschte, ein. In allen Straßen wurden Loblieder auf die Sieger und Spottlieder auf die Besiegten gesungen.

Man konnte es den Wienern von dazumal wahrlich nicht verargen, wenn sie ihrem Unmute und Spott gegen die barbarischen Türken in allen möglichen Formen Ausdruck zu verleihen suchten. Der eine gab seinem Hunde den Namen Sultan, der andere benannte den seinen Türk; ein dritter erfand ein derbes Sprüchlein; ein vierter schmückte sein Haus mit einem zutreffenden Schild. Bei Stichelreden kamen die Worte, Mufti, Pascha, Pantoffelheld und anderes in Gebrauch.

Der Bäckermeister Wendler wollte aber seinen Spott auf eine besondere Art zum Ausdrucke bringen. Er kam nämlich auf den Einfall, den türkischen Halbmond durch eine neue Art von Gebäck, welches er nach dem ehemals auf dem Gipfel des Stephansturmes prangenden Halbmonde Gipfel oder Kipfel nannte, lächerlich zu machen.

Seine Idee, noch viel mehr aber das neue schmackhafte Gebäck fand allgemeinen Anklang bei den Wienern; er konnte anfangs nicht genug Kipfel zum Verkaufe bringen. Bald fand das neue, vielbegehrte Gebäck auch bei allen andern Wiener Bäckern Eingang, und seit jener Zeit sind die Kipfel ein beliebtes, ja sogar weltberühmtes Gebäck.

Freilich macht die Chronik dem ehrsamen Meister Wendler die Erfindung dieses Backwerkes streitig; denn sie erwähnt, daß die Kipfel ein uraltes Wiener Gebäck seien, welches schon zur Zeit Leopolds des Glorreichen allgemein bekannt gewesen wären.

In dem "Fürstenbuch" des Wiener Dichters und Chronisten Johann Ennenkel (Jans der Ennenkel) geschieht desselben Erwähnung, es heißt darin:


"Do prachten im die pechken
Chiphen und weiße Flecken,
Weißer dan ein Hermelein,
Une sne der kund nit weißer sein"

("Sodann brachten die Bäcken
Kipfel und weiße Flecken,
Weißer als Hermelin,
Selbst der Schnee konnte nicht weißer sein.")

***

Ein Bäckermeister aus Baden verkaufte dieses Gebäck nachweislich bereits vor 1683 (der zweiten Türkenbelagerung). Jedoch wurde die Turmfahne auf dem Wiener Wahrzeichen, dem Stephans Dom, ausgetauscht, da der sichelförmige Mond mit der "sternenförmigen Sonne" zu sehr an die türkische Symbolik erinnerte. Die heutige Turmfahne besteht aus einem Doppeladler mit Doppelkreuz.

Berit
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