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  #1  
Alt 12.02.2006, 12:39
Huber Huber ist offline
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Standard Wieder mal eine Frage

Ich habe eine Bekannte, die sehr von Sagen fasziniert ist und ganz nebenbei ist sie Journalistin und belletristische Buchautorin. Ihre größten Erfolge hat sie mit Fantasy-Geschichten. Für diese kreiert sie Sagen, die in ihren Text einfließen und die gerade für ihre Fans eine ihrer Erfolgsgeheimnisse ausmachen.
Jetzt meine Frage: Gibt es eine Bezeichnung für derartige Menschen bzw. haben sie Relevanz für die Sagenforschung (vielleicht ähnlich der Kunstmärchen?) ?

Liebe Grüße
EH
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  #2  
Alt 12.02.2006, 23:14
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: Wieder mal eine Frage

Fantasy ist eine Literaturgattung, wo jemand daheim am Schreibtisch sein "Fantasie" zu Papier oder heute eher in den Computer klopft. Obwohl sich Fantasy-Autoren sehr gerne aus Elementen der Volkssage Stoffe holen, wenn deren eigene Fantasie ins Stocken gerät, hat das mit "Sagen" schlichtweg gar nichts zu tun.

Volkssagen sind in der Regel niedergeschriebene Erzählungen aus Themen und Inhalten der Erzählkultur einer Region und werden/wurden zumindest teilweise vom Erzähler wahr gehalten. Daher auch die volkstümliche Redewendung "In jeder Sage steckt auch ein wahrer Kern".

Heldensagen, Göttersagen, Sagen des Altertums fallen zwar auch in die Kategorie Sagen, sind aber auch literarische Produktionen und haben mit Volkssagen nur noch bedingt Zusammenhänge.
Schwierig zu unterscheiden wird es, wenn Literaten Volkssagen umarbeiten oder fälschen: Leider wissen manche Buchherausgeber und Autoren nicht einmal die einfachsten Unterscheide zwischen Fantasie und Volkserzählung. Ein Pressetext eines unlängst von mir (versehentlich) gekauften Sagenbuches lautet etwa: "Teils durch Generationen überliefert, teils der Phantasie des Autors entnommen", was also nichts mit Erzählstoffen oder Sagen zu tun hat.

Trotzdem ist es oft recht witzig, wenn man bei Fantasy-Texten oder auch in Filmen plötzlich die Handlung erkennt, wenn man die Übereinstimmung zwischen Erzähltext der Sage mitten etwa im Film erkennt...

Um auf Deine zweite Frage einzugehen: in der Sagenforschung bzw besser gesagt 'Erzählforschung', sagt man ganz einfach, das Leben ist viel zu kurz um sich mit den (niedergeschriebenen) Fantasien Dritter auseinanderzusetzen.

Da schaut man vielmehr, 'was wurde erzählt' bis 'was wird erzählt' (und das geht bis SMS und weiter).

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #3  
Alt 13.02.2006, 10:51
Huber Huber ist offline
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Standard AW: Wieder mal eine Frage

Ich glaube, da liegt jetzt ein kleines Mißverständnis vor.

Sie füllt keineswegs ihre Texte mit Sagen an, um Seiten zu schinden oder weil ihr gar die Ideen ausgehen. Sie verwendet die Sagen als wichtiges literarisches Element. Natürlich lehnt sie sich an Schöpfungs- oder andere Sagen und Legenden an, setzt sie aber ansonsten sehr bewußt ein und das macht sie derart gut, daß sie zu Lesungen und Podiumsdiskussionen gebeten wird, die sich ausschließlich mit Sagen beschäftigen und wo ihre erfundenen Sagen in Kontext zu anderen (echten) Sagen gestellt werden. Da mir bisher ein derartiges Phänomen unbekannt war, hatte ich meine Frage gestellt.

Doch im Kern besagt deine Antwort, wenn ich es richtig verstanden habe, daß es den Begriff der "Kunstsage" nicht gibt.

LG
EH

Geändert von Huber (13.02.2006 um 10:54 Uhr)
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  #4  
Alt 13.02.2006, 19:33
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baru baru ist offline
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Standard AW: Wieder mal eine Frage

Zitat:
Volkssagen sind in der Regel niedergeschriebene Erzählungen aus Themen und Inhalten der Erzählkultur einer Region und werden/wurden zumindest teilweise vom Erzähler wahr gehalten. Daher auch die volkstümliche Redewendung "In jeder Sage steckt auch ein wahrer Kern".
Mit Hilfe von Sagen versuchte man wahrscheinlich auch, Naturphänomene und –ereignisse zu erklären bzw. zu begründen. So gibt es Sagen zu Bergstürzen, Vergletscherungen, Vermurungen usw. Häufig ist der Teufel oder eine (Wetter-)Hexe im Spiel, oft hat diese Unglücke jemand durch unchristliches Verhalten heraufbeschworen und sie sind gleichsam eine Strafe. Ich könnte mir vorstellen, dass solche Sagen auch als Erziehungsmittel eingesetzt wurden, nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Kirche.


Zitat:
Schwierig zu unterscheiden wird es, wenn Literaten Volkssagen umarbeiten
Da fällt mir spontan „Der Alchimist“ von dem bekannten brasil. Schriftsteller Paulo Coelho ein. Mir sind dazu auf Anhieb 3 Sagen (2 aus Österreich, 1 aus Irland – ich habe nicht nachgeschaut, ob sie auf sagen.at. vorhanden sind) eingefallen, die denselben Inhalt haben:
Ein armer Mensch träumt von einem Schatz, der ihn von seiner Armut befreien würde, den Ort verschweigt der Traum, gibt aber einen Hinweis, wo etwas zu erfahren wäre. Mann/Frau macht sich auf den Weg, trifft an der im Traum angegeben Stelle einen Menschen, der auch einen Traum von einem Schatz hatte und auch weiß, wo der zu finden wäre, aber den Ort nicht kennt. Der Ort liegt ganz in der Nähe des armen Menschen, der den Schatz dann hebt…..
__________________
Servus und a guate Zeit! Leni
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  #5  
Alt 13.02.2006, 20:19
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gavial gavial ist offline
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Standard AW: Wieder mal eine Frage

Zum Beispiel die kärntner Sagen "Wie man im Traume reich wird" oder "Der steinerne Fuchs"
__________________
gavial

--------------------------------------
Widme dich der Liebe und dem Kochen mit ganzer Hingabe (Dalai Lama)
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  #6  
Alt 13.02.2006, 21:55
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Standard AW: Wieder mal eine Frage

Zitat:
Ich könnte mir vorstellen, dass solche Sagen auch als Erziehungsmittel eingesetzt wurden, nicht nur von den Eltern, sondern auch von der Kirche.
diese Entwicklung erfolgte eigentlich sehr spät. Die frühen Erzählforscher, wie die Brüder Grimm und dann vor allem in der Zeit zwischen 1850 bis 1914 hatten das Problem, dass Sie zwar alles von den Erzählern richtig transkribiert (also mitgeschrieben) hatten, aber dann aus Angst vor der Öffentlichkeit die "harten" Passagen im Druckwerk entschärfen mussten.

Die wirklich schlimme Zeit war die Zeit zwischen 1950 bis 2000, in der viele Autoren aus verschiedenen Gründen meinten, "Sagen" neu erzählen zu müssen.

Ich kann hier nur aus meiner eigenen Kindheit berichten: diese Elaborate erschienen mir schon als Kind unfassbarer Unsinn, es war für mich das grösste Erlebnis, in den Schulferien in der Bibliothek meines Großvaters die Bücher aus dem 19. Jahrhundert zu lesen.

Einen kleinen Teil davon und auch aus vielen anderen Archiven haben wir, mit Hilfe von sehr vielen Helfern, zwischenzeitlich im Volltext auf SAGEN.at online stellen können - ich denke, das ist eine schöne Sache.


Zitat:
Da fällt mir spontan „Der Alchimist“ von dem bekannten brasil. Schriftsteller Paulo Coelho ein. Mir sind dazu auf Anhieb 3 Sagen (2 aus Österreich, 1 aus Irland
Das wäre überhaupt ein sehr spannendes Thema hier im Forum:
Wenn Autoren sich an an traditionellen Volkssagen bedienen!

Paolo Coelhos "Alchemist" ist da natürlich ein Paradebeispiel, allerdings ist die Sage vom Schatz im Traum ein Wandermotiv in der Erzählung, das tatsächlich von Asien nach Europa gekommen ist. In Europa ist die Volkssage bei den Brüdern Grimm verschriftlicht, 'Traum vom Schatz auf der Brücke', es gibt eine Menge interessante Varianten. (Zudem auch eine Reihe volkskundliche Forschungsarbeiten zu exakt dieser Sage.)

Gavial hat schon auf Varianten aus Kärnten hingewiesen.

Ein klein wenig stolz sind wir auch auf die von Tanja Beinstingl hervorragend dokumentierte Sage "Der Meßnerbauer in Rinn bei Hall" , wo sie durch Dokumentarfotos vor Ort Schatzgräber belegt, die der Sage nachgegangen sind...

Wolfgang (SAGEN.at)
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