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  #1  
Alt 28.06.2012, 20:42
Benutzerbild von Elfie
Elfie Elfie ist offline
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Standard Sprichwörtlicher Alltag

Die Geschichte ist während einer Schreibwerkstatt entstanden.
Die Teilnehmer schrieben an eine Tafel „Sprichwörter, Redewendungen, geflügelte Worte“, zusätzlich wurde je ein Name (Gerda), ein Beruf (Hausmeister) und ein Ort (Käseabteilung) gezogen, um sie in die Geschichte einzubauen. Ich hatte mir vorgenommen, Sämtliches von der Tafel einzubauen, es sind insgesamt 21 geworden.
Bis auf Gerda und den Nachbarn ist nichts erfunden, leider auch nicht die Autogeschichte .


SPRICHWÖRTLICHER ALLTAG

Morgenstund´ hat Gold im Mund, denkt Lisa, nachdem sie früher als gewohnt erwacht war.
Was steht heute auf dem Programm? Der übliche Ortswechsel – wie der Ochs im Joch, drängt sich ihr der Vergleich auf.
Aller Anfang ist schwer, das gilt jeden Tag aufs Neue, solange der Kaffee nicht duftet und heute kommt auch noch die Katze, bevor das Wasser kocht.
Lisa liebt Häferlkaffee und hat die fauchende weil ewig verkalkte Kaffeemaschine vor geraumer Zeit entsorgt. Das schwarze Vieh hat keine Zeit zu warten, mauzt herum und steht permanent vor den Beinen und auf den Füßen. Da ist es besser, gleich das Futter hinzustellen, sonst kann sie sich das Kaffee aufgießen aus dem Kopf schlagen.

Sie öffnet das Schälchen mit Katzenbild und gelogener Inhaltsangabe. Das Zeug stinkt zum Himmel und sie überlegt, ob es nun ein Skandal oder doch genial ist, was diese Futterproduzenten da schaffen, indem sie mit organischen Abfällen einem unübertroffenen Instinkt ein X für ein U vormachen.
Gerda ruft an und beginnt das gemeinsame Projekt über den grünen Klee zu loben. Irgendwas stimmt da nicht. Aha, jetzt kommt sie auf den Punkt: sie hat da eine gute Freundin, die will mitmachen. Damit ist die Katze aus dem Sack und Lisa wenig begeistert. Mehr als zwei sind eine Gruppe und viele Köche verderben den Brei. Aber sie hört geduldig zu. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold denkt sie, gleich muss ja nichts entschieden werden. Nach dem Gespräch beginnt sie die Tasche zu packen und den Kühlschrank zu räumen.
Jede Woche das Gleiche, sie kommt sich vor wie der Hausmeister im eigenen Leben. Irgendwann wird das aufhören, kommt Zeit kommt Rat.
Jetzt besteht die Katze noch auf ihre Milch. Sie landet samt Schüssel vor der Haustüre, denn die wird jetzt abgesperrt. Die Tasche noch ins Auto und Abfahrt.

Als Lisa das Haus verlässt, trifft sie auf den Nachbarn, der gern mal einen über den Durst trinkt. Er arbeitet in der Käseabteilung des Supermarktes. Vielleicht deshalb, denkt sie. Jeder muss leben und Geld stinkt nicht, aber den ganzen Tag Käse in der Nase, da braucht man öfter einen Schnaps.
Er bedankt sich überschwänglich für die Hilfe, die sie seiner Frau hat zukommen lassen. Das Lob tut ihr gut. Eigentlich hat sie ja nur einen indirekten Anstoß gegeben, aber irgendwie wollte sie, dass die Nachbarin das weiß. Tue Gutes und rede darüber – früher war das verpönt, aber eine Hand wäscht die andere und warum soll man nicht schon mal einen Vorschuss geben?

Als sie die Stadtgrenze erreicht, ist Lisa zufrieden. Gut gegangen, schön gelaufen – es beginnt zu regnen. Noch 20 Minuten, dann wieder Tasche raus, auspacken in der Wohnung – es wird doch noch ein guter Tag.
In Gedanken fährt sie die Straße hinunter, sieht es in der Ferne grün werden, hört das Blaulichtsignal.
Von wo kommt es? Rechts – aha, was ist das?
Es rutscht, das Auto wird schneller, haben wir Winter mitten im August?
Runter von der Bremse – zu spät!
Na, deshalb wird sie nicht ins Gras beißen, aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
Sie steigt aus, geht zur Vorderfrau, die sie ziemlich streng ins Auge fasst: „tut mir leid“.

Die Würfel sind gefallen, denkt Lisa. Die Entscheidung, ein neues Pickerl oder doch gleich ein neues Auto ist nicht mehr auf die lange Bank geschoben.
Ihr treuer Gefährte sieht aus wie ein einäugiger Mops.
Scherben wegräumen, Straße verlassen, hinter ihr steht zufällig ein ARBÖ-Auto. Der Fahrer hat nichts gemerkt, sie spricht ihn an: „ich bin Mitglied, könnten sie da mal schieben?“
Er macht sein Gelblicht an und besieht sich die Misere: „sie haben Glück, sie können fahren.“
Tatsächlich, der Kühler ist heil, die Räder frei. Nichts raucht, nicht läuft aus.
Nicht verzagen, ARBÖ fragen.
Ab in die Seitenstraße, das Protokoll schreiben, die Brille teilen, die Dame beruhigen.
Ende gut, alles gut.
Danach vorsichtig die letzten paar hundert Meter zur Wohnung und die Knitterkarre abgestellt.
Das ist erst mal das Ende vom Lied.

Geändert von Elfie (28.06.2012 um 23:52 Uhr)
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  #2  
Alt 29.06.2012, 08:24
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

wahnsinn elfie, das ist ja ein hammer-aufsatz. *beeindruckt bin*
also wenn du den bei einem wettbewerb einschickst verdienst du sicher den ersten preis.
ich finde den GENIAL!!!!!
wow.
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  #3  
Alt 29.06.2012, 09:28
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

danke, naja, war mehr oder weniger ein Spaß und streckenweise ein wenig aufgesetzt mit der Aneinanderreihung der Sprichwörter, deshalb ist die "Entstehungsgeschichte" wichtig, denn wie kommt man auf sowas . Aus diesem Grund hab ich in meine Bücher auch einen Zettel mit den Themen gelegt. Es gibt ja eine Menge Eigenartigkeiten dort . Im Übrigen schreib ich halt wie du vom Leben ab, wie heißt es in deinem Buch: So verrückte Geschichten kann man sich gar nicht ausdenken...?
Hab übrigens erst noch ein 22. Sprichwort entdeckt, so sehr ist das manchmal in der Alltagssprache drin.
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  #4  
Alt 17.10.2012, 00:46
Hojeweible
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Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

eine Elfie-Geschichte!

Ich mag Lisa. Ich mag sie für ihre Gedanken, weißt Du. Für ihre Ruhe und ihren Humor. Es ist schön, ihr "über die Schulter zu blicken".
- Und ich mag sie, weil sie mit der angefahrenen Frau die Brille teilt!
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  #5  
Alt 17.10.2012, 00:52
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

Danke, ich mag deine Art zu lesen - es entgeht dir nichts .
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  #6  
Alt 17.10.2012, 01:02
Hojeweible
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Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

Danke, Dein Kompliment ist ein schönes Betthupferl...

aber im Ernst, es ist schön, wenn man in einem Text spürt, dass es leise und doch wichtige Töne gibt. Das ist für mich fast mit der Mimik in einem Gesicht zu vergleichen, - je mehr kleine Regungen man wahrnehmen kann, um so genauer versteht man, wie der Mensch, dem das Gesicht gehört, fühlt und denkt. Eine wichtige Sache für mich, das genaue Hinsehen...
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  #7  
Alt 18.10.2012, 11:01
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Beiträge: 2.559
Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

Möchte "Hojeweible" hier auch noch herzlich begrüßen und Elfie für ihre
Geschichte(n) danken! - Irgendwo (?) habe ich hier auch eine sprichwörtliche
Geschichte eingestellt. - Viele Grüße an alle hier und noch sprichwörtlich einen
"goldenen Oktober" : Ulrike
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  #8  
Alt 18.10.2012, 11:36
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

Freut mich, wenn sie dir gefallen Ulrike - und hier ist deine .
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  #9  
Alt 22.10.2012, 23:12
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cerambyx cerambyx ist offline
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Lächeln AW: Sprichwörtlicher Alltag

Hallo Elfi und Ulrike!
Na ihr macht's ja Sachen ... !! Sagenhaft ;-)
Find' i toll!
GLG Norbert/cerambyx
__________________
unterwegs mit allen Sinnen ...
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  #10  
Alt 23.10.2012, 15:06
@lara @lara ist offline
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Standard AW: Sprichwörtlicher Alltag

...super.
musste sehr oft schmunzeln!
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Stichworte
schreibwerkstatt, sprichwort

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