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  #1  
Alt 02.04.2014, 23:11
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Standard Die Kaminfeger aus dem Tessin - Die schwarzen Brüder

Heute hat mich in einem interessanten Gespräch zu volkskundlichen Themen mein Gesprächspartner auf ein mir bisher nicht bekanntes Thema aufmerksam gemacht:

Die Kaminfeger aus dem Tessin

Es ist ein unglaublich brutales Thema, das ich eigentlich in der Schweiz nicht erwartet hätte.
Kurz gesagt, handelt es sich bei den Kaminfegern aus dem Tessin um "hunderte von Tessiner Jungen, die als Kaminfeger in Norditalien ihr Brot verdient haben" (Zitat Zeitung Schweizer Bund, 1. Juli 1978, Kartei: Peter H. Sommer).

Einfach zu findende Fundstellen zu diesem Thema sind

- Wikipedia - Die schwarzen Brüder
Kurt Held (Kurt Kläber, auch: "Die rote Zora und ihre Bande") hat zu diesem historischen Thema das Jugendbuch "Die schwarzen Brüder" verfasst, das zwei Mal verfilmt wurde. Der Artikel bringt drei historische Fotos der Kaminfeger aus dem Tessin, ansonsten keine Information zum Kernthema.

- Im Tal der "Schwarzen Brüder" in der Online-Ausgabe der "Zeit".
Einst zwang Armut die Kinder des Tessins, fern der Heimat als Kaminkehrer zu schuften. Ein Roman machte ihr Schicksal berühmt, nun wurde die Geschichte neu verfilmt. Heute ist der Weg in die Knechtschaft von Sonogno bis an den Lago Maggiore eine Wanderroute. Von Barbara Baumgartner.
Ein dem hohen Niveau der "Zeit" entsprechend gut recherchierter Artikel mit etwas touristischem Touch.

Es würde mich interessieren, ob Leser aus der Schweiz zu diesem Thema weitere Informationen bringen könnten?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #2  
Alt 03.04.2014, 17:45
ulli292 ulli292 ist offline
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Standard AW: Die Kaminfeger aus dem Tessin - Die schwarzen Brüder

Zwar nicht aus der Schweiz, aber im viktorianischen England waren die "climbing boys" sehr häufig. Die Kinder kamen meistens aus Armen- und Waisenhäusern und wurden bei Kaminfegern in die Lehre gegeben - das bedeutete, sie hatten auch keine Chance wegzukommen, weil man für die Lehrzeit an den Meister gebunden war und man praktisch keine Rechte hatte. Kinder für diese gefährliche Arbeit einzusetzen war billiger, als sich das passende Werkzeug dafür zuzulegen, auch Strafen wurden in Kauf genommen, existierende Verbote ignoriert .
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  #3  
Alt 03.04.2014, 17:59
Babel Babel ist offline
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Standard AW: Die Kaminfeger aus dem Tessin - Die schwarzen Brüder

Zitat:
Zitat von ulli292 Beitrag anzeigen
... im viktorianischen England waren die "climbing boys" sehr häufig.
Siehe Kapitel 3 in "Oliver Twist" von Charles Dickens.
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  #4  
Alt 03.04.2014, 18:09
ulli292 ulli292 ist offline
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Standard AW: Die Kaminfeger aus dem Tessin - Die schwarzen Brüder

Stimmt, und die Geschichten die Dickens geschrieben hat waren was das anging nicht übertrieben. Es hatte seine Gründe warum Leute lieber verhungerten als ins Arbeitshaus zu gehen. Faulheit war keiner davon.
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  #5  
Alt 03.04.2014, 20:44
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Standard AW: Die Kaminfeger aus dem Tessin - Die schwarzen Brüder

Vielen Dank für Eure Ergänzungen!

Über die Kindersklaven, die als "lebende Besen" oder auf italienisch "Spazzacamini" gehalten wurden, ein exzellentes Radio-Feature auf Doppelpunkt, Radio SRF1:

Spazzacamini - die Kaminfeger - Kindersklaven aus dem Tessin

Zu Wort kommen auch noch ehemalige Kaminfegerkinder; alte Männer, die ihre Erinnerung an ihre schlimme Kindheit bis heute im Gedächtnis bewahrt haben.
Hinweis: Sendung teilweise Schweizerdeutsch/Schwizerdütsch, dennoch gut verständlich. Sendung kann lokal als Datei heruntergeladen werden, Sendungsdauer ca. 45 min.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #6  
Alt 03.04.2014, 23:10
Laumesfeld Laumesfeld ist offline
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Standard AW: Die Kaminfeger aus dem Tessin - Die schwarzen Brüder

In Frankreich kamen die Schornsteinfeger auch aus den Alpen. Aber nicht aus dem Tessin sondern aus Savoyen. Sie trugen auch Briefe aus.


http://fr.wikipedia.org/wiki/Ramoneur
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  #7  
Alt 06.04.2014, 14:50
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Standard AW: Die Kaminfeger aus dem Tessin - Die schwarzen Brüder

Vielen Dank für den Hinweis auf die Kinder bei den Ramoneurs in Frankreich!

Nach dem was ich bisher in der Literatur gesehen habe, ist das ein äußerst zwiespältiger Umgang mit den Kindersklaven:
- Zum einen gab es offenbar ein romantisches Bild über die grausame Kinderarbeit, erfrierende und notleidende Kinder wurden als romantische Foto- und Postkartenmotive verbreitet (Belege folgen).

- Andererseits gab es aber auch völlige Ignoranz und Unglauben zur Kinderarbeit.

So schreibt in der Zeitschrift "Schweizer Volkskunde" Camilla Venzl aus Basel in ihrer ausführlichen Untersuchung "Der Kaminfeger" (1948, S. 41):

"Ein Kaminfeger erzählte mir, dass während seiner Lehrlings- und Gesellenzeit die Basler Kaminfegermeister ihre Lehrbuben häufig aus der Ostschweiz bezogen. Es waren dies arme Verdingbuben; gegen ein kleines Entgelt des Lehrmeisters wurden die verarmten Appenzeller- und Toggenburgergemeinden ihre Armeleutkinder los. Doch führte dieser Menschenhandel und Berufszwang oft dazu, dass die Buben, die sich vielfach nicht für den Beruf eigneten oder keine Lust dazu hatten, später Strolche wurden und das Handwerk arg in Verruf brachten, sodass es hieß, wenn einer zu nichts tauge, könne er Kaminfeger werden.
Ein Kaminfegemeister im Jura ließ seinerzeit die Lehrbuben aus seinem savoyardischen Heimatdorf zu Fuß über den Großen St. Bernhard kommen. Sie arbeiteten ohne Lohn, das heißt, der Lehrmeister schickte eine Lohnentschädigung an die Eltern in Savoyen, bis die Buben ausgelernt hatten und alt genug waren, um auf die Wanderschaft zu gehen."

Es scheint so zu sein, dass die Autorin die Erzählung dieses Kaminfegers selbst nicht ganz ernst nimmt und die Schweizer Verdingkinder im Jahr 1948 noch ignoriert.

Wolfgang (SAGEN.at)
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Stichworte
kaminfeger, kinderarbeit, schwarze brüder, schweiz, sonogno, tessin, verzascatal

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