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  #1  
Alt 14.11.2014, 13:50
Babel Babel ist offline
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Standard Die erste Reise – wer erinnert sich?

Als ich neulich auf einem Flohmarkt Ansichtskarten aus dem Harz sah, erinnerte mich das an meine erste Reise. Es muß wenige Wochen oder Monate vor meinem fünften Geburtstag gewesen sein. Wir wohnten in einem Hotel in Wernigerode; aus dem Fenster sah man auf einen großen Platz, dessen Häuser mir seltsam "kariert" vorkamen (Fachwerk!). Morgens und abends machte Kuhglockengeläut darauf aufmerksam, daß eine Kuhherde quer über den Platz wanderte. In einer Ritze draußen am Fenster fand ich ein kleines buntes Reliefbildchen mit einer Märchenszene – ein Winterhilfsabzeichen.

Soweit das Alltägliche dieser Reise. Aber es gab zwei für mich großartige Ereignisse: Das eine war die Besteigung des Ottofelsens (siehe Bild). Es ging über Leitern nach oben; meine Mutter kam nicht mit und wollte auch meinen Vater davon abhalten, mich mit hinauf zu nehmen. Von oben sah ich sie dann unten auf einem Stein sitzen und ein Butterbrot auspacken. Im übrigen scheint mich die Aussicht von oben nicht beeindruckt zu haben, um so mehr aber die Leitern und der Felsen. In der Berliner Gegend, wo ich zuhause war, gibt es keine Felsen, nur Sand.

Das andere war der Weg zur Steinernen Renne. Den Namen dieses Wasserfalls habe ich immer behalten, der Wasserfall selbst war mir offenbar nicht interessant. Aber auf dem Weg dahin kamen wir an einer Bank vorbei, auf der ein Mann saß und ein ganz unglaubliches gelb-schwarzes Tierchen auf der Hand hielt. Es saß da friedlich und schien sich nicht zu ängstigen, ich konnte es lange anschauen. Ich habe nie wieder einen Feuersalamander in Freiheit gesehen.

Im Speisesaal des Hotels gab es Suppenterrinen mit Löwenköpfen statt Henkeln. Die beeindruckten mich tief. Meine Mutter hatte da eine andere Erinnerung: Am Nebentisch saß eine Frau mit rotlackierten Fingernägeln, und ich trompetete offenbar durchs halbe Lokal: "Guck mal, was die für Nägel hat!" Peinlich ...

Ich fände es schön, wenn auch andere von ihren frühen Reisen erzählten. (Es muß ja auch nicht die allererste sein.)
Angehängte Grafiken
Dateityp: jpg Ottofels.jpg (155,8 KB, 8x aufgerufen)
Dateityp: jpg Renne.jpg (177,9 KB, 8x aufgerufen)

Geändert von Babel (14.11.2014 um 15:49 Uhr)
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  #2  
Alt 14.11.2014, 15:06
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Beiträge: 2.559
Standard AW: Die erste Reise – wer erinnert sich?

Da hast Du ja eine schöne Kindheitserinnerung! Wir sind leider nie verreist,
ich verbrachte einmal Ferien bei einer Tante in Gevelsberg, ein anderes Mal
in Wermelskirchen bei Schloß Burg. Den ganzen Tag wurde draußen gespielt,
manchmal auch ein Ausflug gemacht oder es ging ins Freibad. Zu Hause
hatten wir es aber auch schön, ab und zu ein Tagesausflug mit der Bahn nach
Wuppertal (Zoo), Köln oder ins Sauerland (Dechenhöhle). Meine erste größere
Fahrt ging ins Landschulheim an der Nordsee über die Pfingstferien (7. Klasse).
Schulfreundinnen fuhren schon nach Holland oder Italien (Camping).
Wir hatten auch kein Auto, da mein Vater als Eisenbahner dieses Verkehrsmittel
bevorzugte, natürlich hatte man die preiswerten Personalfahrkarten oder
sogar einige Freifahrten. Dies meine Erinnerungen! -Ulrike
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  #3  
Alt 14.11.2014, 16:47
Babel Babel ist offline
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Standard AW: Die erste Reise – wer erinnert sich?

Zitat:
Zitat von Ulrike Berkenhoff Beitrag anzeigen
Da hast Du ja eine schöne Kindheitserinnerung! Wir sind leider nie verreist ...
Reisen müssen auch nicht unbedingt schöne Kindheitserinnerungen sein. Ich muß noch oft an eine kleine Freundin meiner Tochter denken: Wochenlang jubelte die Fünfjährige der ganzen Nachbarschaft die Ohren voll: "Wir fliegen mit dem Flugzeug! Wie fliegen nach Ibiza!"
Als sie zurückkam, wußte sie nur zu berichten, sie hätte soooo schlimmen Sonnenbrand gehabt (ihre Haut schälte sich immer noch furchtbar!), und die Insekten hätten sie soooo zerstochen ...
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  #4  
Alt 14.11.2014, 23:26
Benutzerbild von Elfie
Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Die erste Reise – wer erinnert sich?

Da es in der Familie nur ein Fahrrad gab und auch kein übriges Geld für Bahnfahrten, war die erste Wien-Fahrt - kurz vor Schuleintritt - schon eine Reise. Sehr wohl dürfte ich mich dabei nicht gefühlt haben, weil nur noch Erinnerungsfetzen vorhanden sind. Da war mal das Wecken mitten in der Nacht, so kams mir vor, weil wir zum Zug mussten. Es ging zu einer Tante meines verstorbenen Vaters, an die Wohnung erinnere ich mich nicht mehr. Nur noch an den Straßenlärm und die vielen Autos und dass man endlos warten musste, bis man über die Straße konnte: Ampeln waren mir unbekannt. Und zwar ging es zum Spielen. Und dann war ich in so einem Käfig und zu beiden Seiten fuhren Autos. Später dachte ich, das hätte ich aus einem schlechten Traum, bis ich dann draufkam was es war: den Käfig gibt's immer noch! Am Gürtel im 12. Bezirk, zwischen den Fahrbahnen .
Dann waren wir im Prater in der Geisterbahn, ich hatte so viel zu schauen, dass ich aufs Fürchten vergaß. Was mich aber negativ beeindruckte, war meine Cousine (?). Wir fuhren mit einem kleinen Boot in so einem (künstlichen) Bächlein, ein paar Enten waren auch da - und ich plantschte mit der Hand ins Wasser. Da wurde die ganz hysterisch: wie kann man nur in so ein schmutziges Wasser greifen, sie behandelte mich daraufhin wie eine Aussätzige. Da wollte ich nur noch heim auf meinen Baum und zur Katze.
Alles andere von dieser ominösen Reise ist weg .
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  #5  
Alt 15.11.2014, 00:07
Babel Babel ist offline
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Beiträge: 7.977
Standard AW: Die erste Reise – wer erinnert sich?

Zitat:
Zitat von Elfie Beitrag anzeigen
... den Käfig gibt's immer noch! Am Gürtel im 12. Bezirk, zwischen den Fahrbahnen ...
Was ist das für ein Käfig? Hast du ein Bild davon oder gibt es einen Link zu einem Bild, wo das Ding drauf ist?

Ja, Reisen zu Verwandten gab es bei uns auch. Daran habe ich aber kaum Erinnerungen. Eine Veranda an einem Haus. Ein Hausflur mit einem Fenster, das ein Bild war (wohl so ein Jugendstil-Glasgemälde). Ein Onkel mit einer langen Pfeife. Nur eine Erinnerung ist mir in aller Schärfe im Gedächtnis geblieben und hat mich endlos gequält:

Wir machten alle zusammen einen Spaziergang "zu den Schanzen". Von einem Berg aus sah ich weiter unten etwas, das aussah wie mehrere Reihen Zinnen in der Art, wie sie an neugotischen Tudor-Schlössern üblich sind (so ein Schloß kannte ich). Das gefiel mir, und als mich meine Mutter zwei, drei Tage später wieder zum Spazierengehen anzog, wünschte ich mir, wir würden wieder "zu den Schanzen" gehen. Sie wußte nicht, was ich meinte. Ich beschrieb genau und immer wieder, was ich gesehen hatte. Sie sagte, so etwas hätte sie nicht gesehen, und an einem Ort dieses Namens seien wir gar nicht gewesen, ich bildete mir das nur ein. Kein Erwachsener weiß, was er einem Kind damit antut: Ich habe jahrzehntelang immer wieder völlig klare Erinnerungen angezweifelt.

Mit etwa 40 Jahren bin ich nochmal in diesen Ort gefahren. Ich fand einen "Schanzenweg" – so etwas gab es also. (War ich erleichtert!!!) Es war ein ziemlich flacher Berg, überall ringsum Gesträuch und Bäume, man sah von dort überhaupt nichts. Beim Runterweg kam ich an einem verrosteten Tor vorbei und ging hinein. Es war ein Judenfriedhof: Mehrere Reihen gleichförmiger Grabsteine. Da wußte ich, was ich damals gesehen und für Zinnen gehalten hatte. Und ich wußte auch, warum meine Mutter angeblich nichts gesehen hatte. Wir waren im Dritten Reich: Einen Judenfriedhof sah man nicht.

Heute müßte ich nicht mehr hinfahren, um meine Erinnerung zu verifizieren. Schanzen und Jüdischer Friedhof sind im Internet zu finden.
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  #6  
Alt 15.11.2014, 02:16
harry harry ist offline
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Standard AW: Die erste Reise – wer erinnert sich?

Zitat:
Zitat von Babel Beitrag anzeigen
Was ist das für ein Käfig? Hast du ein Bild davon oder gibt es einen Link zu einem Bild, wo das Ding drauf ist?
Wie wär's damit:

Dieser Käfig befindet sich in Wien 15., unterhalb der Auffahrt von der Avedikstraße zur Schmelzbrücke - und in der Fotogalerie
__________________
Harry
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  #7  
Alt 15.11.2014, 10:13
Babel Babel ist offline
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Standard AW: Die erste Reise – wer erinnert sich?

Zitat:
Zitat von Elfie Beitrag anzeigen
Und dann war ich in so einem Käfig und zu beiden Seiten fuhren Autos. Später dachte ich, das hätte ich aus einem schlechten Traum, bis ich dann draufkam was es war: den Käfig gibt's immer noch! Am Gürtel im 12. Bezirk, zwischen den Fahrbahnen.
Käfige wie den von Harry abgebildeten habe ich in New York gesehen, immer mit erwachsenen oder halberwachsenen Basketballspielern drin. In Deutschland kenne ich keine, und in Österreich hätte ich auch keine erwartet – schon gar nicht zu einer Zeit, als du deine erste Reise machtest.

Ich war merkwürdig irritiert, eine Großstadtbeschreibung zu lesen. Meine frühen Reisen gingen in Dörfer oder Kleinstädte (wobei ich auch von den Kleinstädten den "städtischen" Teil kaum gesehen habe, sondern nur den grünen Vorort). Städte dagegen waren mir vertraut (Potsdam, Berlin). Komisch, wie eng die Vorstellungen an die eigenen Erfahrungen gebunden sind – ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß ein Kind vom Land in die Stadt reist ... Deshalb ist es für mich eine äußerst interessante Schilderung!
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  #8  
Alt 15.11.2014, 13:15
Benutzerbild von Elfie
Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Die erste Reise – wer erinnert sich?

Naja, eigentlich war es ein Verwandtenbesuch, diese Tante war auch die Ersatzmutter meines Vaters und hatte mich noch nie gesehen. Aber für mich war es eine Reise von ca. 100 km . Das ist eben alles sehr individuell, auch, wie man es empfindet, bzw. es in der Erinnerung bleibt.

Für mich war damals alles eine Reise, wo man nicht zu Fuß hin konnte. Meine bis dahin längste war der Schulabschluss-Ausflug auf den Dachstein.

Richtig los gíngs erst mit 16, als ich motorisiert war .
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