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  #21  
Alt 28.10.2012, 13:11
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baru baru ist offline
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Zitat:
Es ist mir noch nicht ganz klar, wann der heute allgemein eher verbreitetere negative Beigeschmack zu wandernden Hausgeschäften eingesetzt hat?
Nach dem Krieg waren bis Mitte/Ende der 50er Jahre immer wieder arme Leute unterwegs: Arbeitsuchende, Handwerker, Bettler, Kriegsvertriebene,...
Und nicht immer waren alles ehrliche Leute, vielleicht hat sich da eine gewisse Meinung eingeschlichen und - wie's halt oft ist - hat sich das dann verallgemeinert.
Auf dem Hof, auf dem ich war, wurde niemand abgewiesen, Kost und Nachtlager bekam jeder, manch einer arbeitete mehrere Tage lang, und soweit ich mich erinnern kann, war auch nie ein "schwarzes Schaf" dabei. Es waren ausschließlich Männer unterwegs, meistens ältere.

Zitat:
@ baru: Du schreibst vom Abgeben der Feuerzeuge und Zündhölzer beim Nächtigen der wandernden Handwerker.
Vor einigen Jahren hat mir jemand von einem hochalpinen Bergbauernhof in Deiner Gegend erzählt, dass die Wanderhandwerker ein Nächtigungsrecht hatten. Weißt Du etwas dazu?
Ich persönlich weiß davon nichts, vielleicht kann ich bei sehr alten Leuten noch etwas erfragen.
__________________
Servus und a guate Zeit! Leni
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  #22  
Alt 28.10.2012, 15:10
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Elfie Elfie ist offline
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Ich erinnere mich, dass Messer und Scheren, die nicht mehr scharf waren und die man mit den üblichen Mitteln (Wetzstein) auch nicht mehr hinbekam, zusammengelegt wurden für den Scherenschleifer. Einmal war eine sehr kleine Nagel- oder Hautschere dabei, da sagte der Mann bei der Rückgabe, diese sollte man noch nicht verwenden, weil sie noch härten müsse, erst so in 1/2 Stunde. Geschnitten hat sie dann auch nichts, aber die Schleifer hatten das Dorf schon durch und waren nicht mehr zu erwischen . Das war das einzige Mal, wo meine Mutter brummte, die Schere war auch ganz hell und sicher zum Schleifen vollkommen ungeeignet und auch sonst nicht viel wert.
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  #23  
Alt 29.10.2012, 18:35
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Eine Auflistung von Wanderhandwerkern, wie sie in der Weststeiermark – Koralmgebiet – unterwegs waren.
Ich geb sie so wieder, wie ich sie bekommen hab, einige wurden ja schon genannt:

„Folgende Wanderhandwerker hat es bei uns gegeben: Scherenschleifer, Kesselflicker die auf Töpfe z.B. einen neuen Blechboden gemacht haben. Sauschneider (führten Kastrationen von Eber und Ferkel durch), Kraxenmacher (Kraxen: große geflochtene Körbe mit Holzgestell, die auf dem Rücken getragen wurden) und Besenbinder. Handwerker, die die Holzgeräte repariert haben und auch sonstige Zimmerei- und Tischlerarbeiten erledigt haben, ich weiß nur nicht wie man sie genannt hat. Dann kamen auch immer wieder Krämer, Kromer genannt, die in einem großen Rucksack Kleiderstoffe, Tücher und Bettzeug angeboten haben, manche hatten auch Stricksachen wie Hauben, Socken und Pullover dabei. Viele mussten in der Scheune übernachten im Heu und da war es ganz üblich, dass sie Feuerzeug und Zündhölzer abgeben mussten.
Auch Brunnengräber hat es gegeben. Dann gab es Pechbohrer (Pechner) die die Lärchen angebohrt und das Harz gesammelt haben und den Waldbesitzer dafür einen Wetzstein oder eine Sense gegeben haben.
Noch ein Wanderhandwerker ist mir eingefallen: Wasserrohbohrer - früher waren die Wasserleitungen aus Holz. Baumstämme (Lärchenstämme) wurden in der Mitte durchbohrt und dann mit einer Eisenmuffe verbunden und fertig war die Leitung.
Es gab auch Schirmmacher, die verkauften und reparierten. Dann kam bei uns auch alle Jahre ein Reitermacher. Reiter ist ein Sieb zum Getreide säubern, eben reitern. Dann kamen auch Faßbinder, Radlmacher, dies waren Wagner, die vor allem Holzräder mit Eisenreifen für die Karren machten.“
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  #24  
Alt 01.11.2012, 19:59
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Noch zwei Wanderhandwerker: Flickschuster, die Schuhe reparierten und manchmal auch Sattler waren und das Pferdezeug reparierten. Und Schneider, die ihre Nähmaschine dabei hatten.
Der wohl bekannteste Wanderschneider in Österreich war sicher Peter Rosegger.
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  #25  
Alt 01.11.2012, 21:33
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Es gibt zu einem Flickschuster ein sehr schönes Buch:

Willi Pechtl, Alfred Tamerl, Josef Schöpf: Flickschuster, Mesner, Photograph. Alltag im Pitztal, Rosenheim 1991.

Josef Schöpf (23. Dezember 1886 - 3. Mai 1915) lebte im Pitztal in Tirol, in dem die Lebensbedingungen zu dieser Zeit überaus hart und extrem waren.

„Josef Schöpf wurde Mesner der Kirche von St. Leonhard.[…] Als Mesner hat einer damals wenig verdient, eigentlich so gut wie gar nichts. Deshalb arbeitete Josef auch als Flickschuster. Den ganzen Winter ging er mit seinem Bruder Alois, der Schuhmachermeister war, auf die Stör. Die beiden Brüder kamen bis nach Plangeroß und talauswärts bis nach Zaunhof. Die Kundschaft hat die Schuhe meist schon im Sommer bestellt. Bei manchen Bauern arbeiteten sie eine ganze Woche. Sie reparierten alte Schuhe, aber machten auch neue. Sie hatten noch keine Maschinen, es war alles Handarbeit. Die Leute brachten den Schöpfbrüdern die Flickarbeit gewöhnlich vor der Messe. […] Während wir (=A. Rauch) Schuhe flickten, erzählten uns die alten Leute den ganzen Tag Geschichten. Oft haben wir bis Mitternacht bei Petroleumlicht Schuhe ausgebessert.“

Das Buch ist aber nicht nur wegen der Flickschusterei so lesenswert, sondern weil Josef Schöpf als erster Fotograf durch das Pitztal zog und volkskundlich erstklassige Dokumentationen über das Tal und seine Bewohner geschaffen hat.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #26  
Alt 01.11.2012, 21:46
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Ein sehr kurzes, hartes Leben - aber doch ein reiches, wie es scheint.
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  #27  
Alt 01.11.2012, 21:55
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Schlacht von Gorlice-Tarnow, Mai 1915 - 200.000 Tote, ein Irrsinn...

Dennoch hat Josef Schöpf mit seinen Fotos ein wichtiges Kulturerbe hinterlassen.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #28  
Alt 02.11.2012, 16:16
Gerd Gerd ist offline
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Bezüglich Verschwörungstheorie:
Vor Kurzem war auf einem deutschen TV-Sender ein Beitrag über die Glühbirnen zu sehen und dass diese auf grund einer Vereinbarung der Hersteller mit einer Lebendauer von nur 1.000 Std. erzeugt wurden. Die Hersteller wurden zu einer Strafe verurteilt, das hat diese jedoch nicht weiter beeindruckt.

Wenn man selber etwas reparieren will, so wird einem das schon dadurch vereitelt, dass man keine Eratzteile bekommt.
z.B.: Im Schloss meines Gartentores ist eine Feder gebrochen (Wert ca. 2-3 Euro) die ist sowieso nicht zu bekommen. Ein neues Schloss kostet ca. 30-40 Euro, ist aber auch nicht zu bekommen. Ein neues Gartentor kostet ca. 25o Euro.
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  #29  
Alt 03.11.2012, 09:02
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Dresdner Dresdner ist offline
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Ähnlich ist es bei Autoreparaturen.
Wurden früher Einzelteile instand gesetzt, erfolgt seit ungefähr 15, 20 Jahren nur noch ein Austausch kompletter Baugruppen.
Bei einem Renault 19 war mir vor einigen Jahren ein kleiner Haltebolzen am Sitz weggebrochen, getauscht wurde der komplette Sitz (zum Glück noch auf Garantie).
Neulich ist mir beim i30 der kleine Öffnungsgriff des Handschuhfachs herausgerutscht. Auf Garantie wurde eine komplette neue Klappe eingebaut.

Bei der Reklamation technischer Geräte während der Garantiezeit erhält man heute oftmals gleich ein neues Gerät. Die Hersteller schauen nicht einmal, ob der beanstandete Fehler wirklich vorliegt.
Bei der großen deutschen Handelskette "Kaufland" ist es so, dass man auf alle Elektroartikel 3 Jahre Vollgarantie bekommt. Gehandhabt wird das so, dass man das (aus seiner Sicht) defekte Gerät mit dem Kaufbeleg bei der Info abgiebt und ohne Angabe persönlicher Daten sofort den kompletten Neupreis zurück erhält. Es erfolgt keinerlei Kontrolle, ob der beanstandete Mangem auch wirklich vorliegt.

Bei vielen technischen Konsumgütern, wie z.B. Smartphones aber auch Autos, die in verschiedenen Ausstattungsvarianten vertrieben werden, sind in der Grundausstattung auch schon viele Eigenschaften höherer Verkaufsvarianten enthalten, jedoch, wie beim Smartphone nicht aktiviert, oder die Technik ist, wie beim Auto, lediglich hinter einer Blende versteckt. Hier also wieder ein Eldorado für Bastler ...

Dresdner
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  #30  
Alt 08.11.2012, 17:21
Berit (SAGEN.at) Berit (SAGEN.at) ist offline
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Ich glaube die Verschwörungstheorie zu den kleinen Löchlein in der Oberbekleidung wurde noch nichts erwähnt, oder?

Vor etwa 8 Jahren (?) trat ein Phänomen auf, über das sich viele Kunden wunderten: Bereits nach wenigen Wäschen erblickten sie kleine runde Löchlein auf der neu gekauften Ware. Es handelte sich dabei meistens um T-shirts und die Ware lag dabei eher im höheren Preisniveau, sprich Markenware. Das komische daran war, dass diese Löchlein fast immer im Bauchbereich auftraten. Viele haben sich gefragt, ob das Mottenlöcher sein könnten, andere haben ihren Gürtelschnallen die Schuld gegeben - bis jemand erkannte, dass noch viele andere ebenfalls vor diesem Problem standen.
Viele haben sich darüber in Foren ausgetauscht und meines Wissens kam man zu der Lösung, dass hier nur die Industrie daran Schuld sein kann und die Ware so manipuliert, dass sie bereits nach wenigen Wäsche deutliche Verschleißstellen aufweist.


Berit
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bastler, defekt, erfinden, erfinder, reparieren, stör, störgeher, tüftler, wanderhandwerker, wegwerfgesellschaft, weiterverwendung

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