SAGEN.at  FORUM  

Zurück   SAGEN.at FORUM > ERZÄHLEN > GESCHICHTEN und MÄRCHEN

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
  #1  
Alt 09.04.2006, 16:40
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 02.04.2005
Ort: Innsbruck
Beiträge: 28.282
Standard Der Gärtner

Ursprünglicher Beitrag von Lisa am 21.03.2006. (Wegen Datenbankfehler nachträglich vom Admin erneut eingebracht)

Der laue Sommerabend lockte mich aus dem Haus. Eigentlich hatte ich vor, in den Wald an meinen Lieblingsplatz zu gehen, doch, warum auch immer, meine Füße trugen mich in die andere Richtung, geradewegs in die Stadt. So schlenderte ich durch die Fußgängerzone, lauschte den Straßenmusikanten, genoss die prickelnd warme Luft auf meiner Haut und betrachtete die Auslagen der Geschäfte. Vor einem hell erleuchteten Fenster stand eine merkwürdig gekleidete Gestalt, die den Kopf schüttelte.

Neugierig, wie ich nun mal bin, spähte ich natürlich auch ins Innere des Gebäudes. Es musste eine kieferorthopädische Praxis sein. Ein Jugendlicher saß im Behandlungsstuhl und bekam gerade seine Zahnspange fester angezogen.

Die Gestalt neben mir, ein älterer Mann, knurrte und murmelte vor sich hin. Es klang wie „Spitze des Eisberges“. Dann zog er ein Notepad unter seinem silbern schimmernden Umhang hervor und machte, immer wieder mit dem Kopf wackelnd und abgrundtief seufzend, rasch einige Notizen.

Ich nickte ihm aufmunternd zu, denn er schien in großer Sorge zu sein. Da traf mich sein Blick. Ein helles Licht floss direkt durch mich hindurch, mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Ich starrte den Mann an. Der Glanz seiner Augen umschwebte wie eine Aura die ganze Erscheinung.

„Möchtest du wissen, was mir Kummer bereitet?“, fragte der Mann und ich nickte stumm. „Komm mit“, forderte er mich auf und so spazierte ich an seiner Seite durch die Kleinstadt, vorbei an ordentlich geharkten Vorgärten in immer seltsamer anmutende Gegenden. Wie zufällig griff mein Begleiter alle paar Meter in einen kleinen Beutel, der an seinem Gürtel hing und streute etwas aus. Ich konnte nicht erkennen, was es war. Winzig musste es sein. Manchmal blieb er an einer Straßenlaterne stehen, zu deren Fuß ein Löwenzahn oder ein anderes Kraut wuchs. Was der Mann murmelte, hörte sich an wie: „Halt durch, kleiner Freund“ oder „Nur Mut“.

„Hier war ich noch nie“, dachte ich mir und fühlte mich ein wenig unbehaglich. Die Straßen wurden schmäler, nein, es waren verwinkelte Gassen, durch die wir gingen. Dichte Sträucher nickten über niedrige Steinmauern, die Luft war erfüllt von einem schweren, süßen Duft.

Der Mann schien sich hier bestens auszukennen, denn ich hätte die rostige kleine Gartentür bestimmt übersehen, vor der wir plötzlich standen.

Mit lautem Quietschen sprang sie auf. Ein Trampelpfad führte uns zwischen hohen Büschen, in denen die Glühwürmchen tanzten, zu einem Platz inmitten alter Bäume, auf dem grobe Biertische aufgestellt waren.

Mein Begleiter setzte sich und nahm den Schlapphut vom Kopf. Lange, dunkelbraune Locken kamen darunter zum Vorschein. Er sah jetzt überhaupt viel jünger aus als in der Stadt.

Eine dicke Frau kam an den Tisch und fragte nach unseren Wünschen. „Du bist aber früh dran heute“, schmunzelte sie und klopfte dem Mann auf die Schulter.

„Ja, stimmt. Ich weiß langsam gar nicht mehr, wo ich anfangen soll, bin einfach müde“, antwortete er. Kurz darauf brachte die Frau uns zwei Krüge mit dunklem Bier. Der Mann trank schweigend in großen Schlucken, worauf ihm ein zweiter Krug gebracht wurde. Dann lächelte er mich an, reichte mir über den Tisch die Hand und sagte: „Meine Freunde nennen mich Sandi“. In seinen Augen blitzte das Licht tanzender Sterne, das zugleich wärmte wie die erste Frühlingssonne. Schelmisch deutete er unter den Tisch. Riesige Füße steckten in geschnürten Sandalen. Sandi wackelte fröhlich mit den Zehen.

Ich lachte, nahm Sandis Hand und prostete ihm zu.

Allmählich füllte sich der Biergarten. Frauen in weiten Gewändern, einige nur mit bunten Federn gekleidet, manche in Dirndlkleidern. Männer in Anzügen, Männer in Motorradklamotten, Gaukler und Zauberer... Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, befand mich im fantastischsten Traum meines Lebens!

Musikanten spielten – grüppchenweise oder einzeln - auf Instrumenten aller Art. Eigentlich hätte das ein schlimmes Katzenkonzert ergeben müssen, doch es klang harmonisch und wunderschön. Ich sah Sandi fragend an. Er nahm erneut meine Hand, hielt sie ganz fest, beugte sich zu mir und sagte:

„Das ist die wahre Harmonie. Die aus der Vielfalt kommt.“ Er berührte mit der anderen Hand meine Augen.

Ich sah, dass die ganze Menschheit ein wunderbares, buntes, lebendiges Gemälde war. Diese Schönheit erwuchs aus den Unterschieden. Da gab es hässliche Menschen und schöne, ungeschickt tappende und anmutig tanzende, große und kleine, krumme und gerade, gescheite und solche, die als einfältig galten.

Ich sah Flüsse über die Ufer treten, Stürme über die Ozeane fegen, stille Brisen im Abendwind und ruhige Weiher am Morgen. Alles zusammen ergab einen lebendigen Teppich .... und dieser Teppich strahlte und leuchtete in allen Farben, in ihrem Kontrast zugleich in wundervoller Übereinstimmung.

„So war es gedacht und gemeint, am Anfang“, erklärte Sandi. „Ist es nicht ein Bild, das einem das Herz erfreut? Siehst du die kleinen Blumen, die genauso wichtig sind für die Komposition wie die Löwen dort in der Ecke? Und die Blattläuse zwischen den Rosen, ihr Schwarz im Kontrast zu den roten Blütenblättern? ...“ Ja, ich konnte die Schönheit erkennen und sie berührte mich tief.

Da fiel ein Schatten auf das Bild. Eine unsichtbare Hand korrigierte da, änderte dort. Langsam verschwanden die weniger schönen, ungeschickten, nicht so gescheiten Menschen aus dem Bild. Die Anzahl der Farben nahm ab, das Leuchten ließ nach. Am Ende lag ein kariertes Papier vor mir. Ich fror unsäglich.

„Ich weiß nicht, warum du überhaupt in der Lage warst, mich zu sehen. Ich bin SEIN Gärtner“, sagte Sandi ernsthaft zu mir. „Doch ER wird seine Gründe haben... darum: vergiss niemals den bunten Teppich, lass dich nicht darauf ein, dass es anders praktischer oder besser wäre.“ Er knüpfte den schäbigen Beutel von seinem Gürtel und reichte ihn mir. „Unkrautsamen – in jeder Form“, sagte er und lächelte mich an.

Wir verlebten noch einen schönen Abend, dort, in diesem seltsamen Biergarten. Sandi brachte mich anschließend nach Hause. Als ich mich noch einmal nach ihm umdrehte, glaubte ich, Flügel unter seinem Umhang hervorspitzen zu sehen. Nachdenklich schnupperte ich an dem Beutel, griff hinein und verstreute ein paar winzige Samen in meinem Garten und dem meiner Nachbarn.
Mit Zitat antworten
  #2  
Alt 09.04.2006, 16:42
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 02.04.2005
Ort: Innsbruck
Beiträge: 28.282
Standard AW: Der Gärtner

Ursprünglicher Beitrag von Gavial am 21.03.2006. (Wegen Datenbankfehler nachträglich vom Admin erneut eingebracht)

Danke für dieses wunderschöne Märchen!
Mit Zitat antworten
  #3  
Alt 09.04.2006, 17:26
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 02.04.2005
Ort: Innsbruck
Beiträge: 28.282
Standard AW: Der Gärtner

Ursprünglicher Beitrag von Gavial am 29.3.2006. (Wegen Datenbankfehler nachträglich vom Admin erneut eingebracht)

Hallo Lisa!

Jetzt frage ich mich: Ist Dein Märchen wirklich nur ein Märchen?

Das fand ich, aus den Steinen einer alten (barocken) Stiegenanlage wachsend. Schneerosen neben einem Löwenzahn ...



Blumen wachsen zwischen Steinen

Gavial
Mit Zitat antworten
  #4  
Alt 09.04.2006, 17:56
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
Administrator
 
Registriert seit: 02.04.2005
Ort: Innsbruck
Beiträge: 28.282
Standard AW: Der Gärtner

Ursprünglicher Beitrag von Lisa am 3.4.2006. (Wegen Datenbankfehler nachträglich vom Admin erneut eingebracht)

Schön, dass es diese Nischen für den "Gärtner" gibt!

Danke für das Bild und Grüße von Lisa
Mit Zitat antworten
  #5  
Alt 16.08.2006, 21:06
doro doro ist offline
Neuer Benutzer
 
Registriert seit: 11.07.2006
Beiträge: 2
Standard AW: Der Gärtner

Liebe Lisa,
das ist eine wunderschöne Geschichte.
Ich habe meinem Mann den letzten Satz vorgelesen (er war grad mit seinem Rechner beschäftigt) und von ihm kam dann die Bemerkung, daß so viele Menschen den Blick für die kleinen Dinge verloren haben und daß Unkraut doch nur so heißt, weil sich fast keiner mehr an die Bedeutung und die Wirkweise der meisten Kräuter erinnert.
Wieviel Wissen ist mit unserer sogenannten Zivilisierung verloren gegangen?
Und wie blind sind wir geworden?

Liebe Grüße

Doro

Geändert von doro (16.08.2006 um 21:10 Uhr)
Mit Zitat antworten
  #6  
Alt 24.09.2006, 22:34
Lisa Lisa ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 28.09.2005
Beiträge: 198
Standard AW: Der Gärtner

Servus doro,

sorry, hab Deine Zeilen nicht gesehen (Benachrichtigung kam glaub ich auch keine). War heftig krank zu der Zeit und danach war Urlaub - nun bin ich langsam wieder internet- und pc-tauglich und möcht mich bei Dir bedanken.

An der vergessenen Wirkung der "Unkräuter" bin ich dran, eine ältere Dame, die noch viel von ihrer Großmutter weiß, wird mir hoffentlich noch viel erzählen. Spannend, ich hoffe, es wird was draus (dass ich grad Zeit hab, wenn es ihr gut genug geht, sie möchte ihr Wissen unbedingt weitergeben)

Liebe Grüße von Lisa
__________________
ein stein sprach zu einstein: ich bin auch ein stein
Mit Zitat antworten
Antwort

Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist Ihnen nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist Ihnen nicht erlaubt, Ihre Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist An.
Smileys sind An.
[IMG] Code ist An.
HTML-Code ist Aus.

Gehe zu


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 12:42 Uhr.


©2000 - 2019 www.SAGEN.at