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  #1  
Alt 16.02.2006, 22:49
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Standard Moderne Sagen: Perlen und Diamanten

Ich habe als Kind einmal gehört, dass man Perlen ganz rasch in Essig auflösen kann?

Und Diamanten bestehen aus reinem Kohlenstoff und würden bei Kontakt mit Feuer (zB. versehentliche Berührung des eben übergebenen Diamantringes mit der brennenden Kerze beim romantischen Kerzendinner...) sofort lichterloh verbrennen?

Kennt Ihr das, ist das wissenschaftlich nachvollziehbar oder eben eine moderne Sage?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #2  
Alt 16.02.2006, 23:52
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gavial gavial ist offline
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Standard AW: Moderne Sagen: Perlen und Diamanten

Mit Perlen hab' ich's nicht so. Aber mit dem Kohlenstoff ist es folgendermaßen:

Kohlenstoff ist ein Element (chem. Zeichen C) mit der Ordnungszahl 6 und üblicherweise im Isotop C12 vorkommend. Das Instabile Isotop C14 mit der Halbwertszeit von ca. 5700 Jahren (bitte mich auszubessern, wenn ich's mir nicht richtig gemerkt habe) wird zur Altersbestimmung von biologischem Material verwendet. Er kommt in drei Formen natürlich vor:
- amorpher Kohlenstoff ... Kohle, Antrazith, Ruß
- kristalliner Kohlenstoff ... Graphit
- kristallischer Kohlenstiff ... Diamant. Und der verbrennt bei etwa 750°C zu CO2.

Also den Diamantring beim Candle-Light-Dinner von der Kerze fernhalten, sonst löst sich nicht nur der Stein in Rauch auf.
__________________
gavial

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Widme dich der Liebe und dem Kochen mit ganzer Hingabe (Dalai Lama)
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  #3  
Alt 22.02.2006, 00:17
D.F. D.F. ist offline
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Standard AW: Moderne Sagen: Perlen und Diamanten

Lieber Wolfgang,

leider habe ich Deine Frage etwas spät entdeckt, trotzdem will ich – zu Deiner Beruhigung! – noch zwei, drei Bemerkungen anbringen.

Zu den Diamanten:
Bis weit in die Neuzeit hinein war man geneigt, die Diamanten wegen ihrer wasserhellen Farbe für enge Verwandte von Bergkristallen u. dgl. zu halten. Erst an der Wende vom 17. zum 18. Jh. kamen daran Zweifel auf und Cosimo III., Großherzog der Toscana, machte bzw. veranlaßte erste Versuche, die auf wesentliche Unterschiede zwischen Diamant und Bergkristall u. ä. wegen Brennbarkeit des ersteren hindeuteten. Fortgesetzt wurden diese Untersuchungen durch Franz I. (römisch-deutscher, nicht österreichischer Zählung), der Diamanten durch bloßes Ofenfeuer verbrennen ließ. 1768 stellte J. d’Arcet fest, daß Diamanten, in Porzellantiegeln in den Brennofen gesetzt, wie Wassertropfen verschwinden und bei größerer Hitze von einer bläulichen Flamme umgeben sind.
Den entscheidenden Versuch für Brennbarkeit und Kohlenstoffnatur des Diamanten unternahmen Humphrey Davy und Michael Faraday bei ihrer Italienreise 1813/14 in Florenz mit dem großen Brennglas (41 cm DM) der Großherzöge der Toscana.
(Abbildungen des Instruments und nähere Beschreibung der Versuches habe ich im Netz hier – allerdings nicht ganz unbeschränkt zugänglich – gefunden: http://www.iop.org/EJ/article/0950-7...iv8i12p379.pdf)

Wie die Versuche zeigen, brennen Diamanten also durchaus, es ist aber nicht so, daß sie gleich Feuer fangen würden. Solltest Du die Absicht hegen, den ein oder anderen zu verschenken, so könnte das ohne nennenswertes Risiko auch bei Kerzenschein geschehen...

Zu den Perlen:
Ursprung aller Perlauflösungsgeschichten scheint der Bericht über das Gastmahl zu sein, welches die Königin Kleopatra für Marcus Antonius gegeben hat: zum Beweis, daß sie imstande sei, nicht nur ein ganz ungewöhnlich teueres Mahl zuzurichten, sondern auch allein Speis und Trank von unerhörtem Wert zu sich zu nehmen, habe sie eine der Riesenperlen ihrer Ohrgehänge in Essig aufgelöst und diesen getrunken. (Die Geschichte findet sich nicht – wie im Internet meist zu lesen – bei Plutarch sondern in der Naturgeschichte des älteren Plinius, Buch IX 119 ff. Auch die Behauptung bei wikipedia.de zu „Perle“, sie habe das Objekt in Wein aufgelöst, ist eine üble Verleumdung ihres Tafelweines!)

An der Auflösbarkeit von Perlen in Säure ist auch nicht zu zweifeln, der Kleopatra-Geschichte traue ich aber trotzdem nicht ganz, denn so, wie Plinius sie erzählt, hat sie nur dann eine Pointe, wenn die Auflösung schnell vor sich geht. Das aber funktioniert nicht!
Ich habe dazu vor einigen Jahren ein bißchen experimentiert, nicht mit Riesenperlen, weil mir die finanziellen Mittel der ägyptischen Könige doch fehlen, aber mit Perlmutt, das in seiner Zusammensetzung von Perlen kaum verschieden ist. Gibt man also perlmuttbezogene Muschel- oder Schneckenschalen in normalen Speiseessig (ca. 6% Säure), so ist sofort ein leises Aufsteigen von Gasperlen wie im Bier festzustellen, die Auflösungsgeschwindigkeit ist aber gering: nach etwa einer Stunde ist der Unterschied zwischen angeätzter und unberührter Oberfläche zwar sichtbar (durch stärkeren Glanz der geätzten Flächen wegen Entfernung der obersten getrübten Schicht!), aber mit dem Finger noch nicht fühlbar, bewegt sich also im Bereich unter 1/10 mm).
Geht man weiter davon aus, daß eine ihrer Größe wegen berühmte Perle doch einen stattlichen Durchmesser gehabt haben dürfte und daß mit antiken Mitteln der Essigproduktion ein Säuregehalt von 12-15 % nicht zu überbieten war, so müßte die Auflösung besagter Perle viele Stunden, wenn nicht Tage gedauert und die Geduld des Antonius auf eine harte Probe gestellt haben.
Daher rechne ich die Geschichte zu jenen in der antiken Literatur nicht seltenen, wo eine an sich richtige Beobachtung um des erzählerischen Effektes willen ins sachlich schwer Vorstellbare übersteigert wird.

Sollte Dir also beim candlelight dinner eine Deiner kostbarsten Perlen in die Salatsoße fallen, während Du Dir beim Versuch, einen Diamanten an der Kerze in Brand zu setzen, die Finger verbrennst, so mußt Du Dir nicht gleich die Kugel geben – sie wird auch noch schön sein, wenn Du sie herausholst, nachdem Du Deinen Finger verarztet hast!

Mit dieser hoffentlich beruhigenden Nachricht wünsche ich gute Nacht!
D.
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