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  #181  
Alt 28.08.2015, 12:19
zzeldaa
Gast
 
Beiträge: n/a
Standard AW: Lieblingsgedichte

Erich Fried
Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist
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  #182  
Alt 28.08.2015, 14:07
Benutzerbild von Elfie
Elfie Elfie ist offline
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Registriert seit: 15.06.2009
Beiträge: 23.991
Standard AW: Lieblingsgedichte

Eine mir unbekannte Variante , doch danke für die Erinnerung.

Nachdem ich das Original nicht nur aus Respekt vorm Dichter für die beste Variante halte:

Dich

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und deinem Unwillen

nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer.

Erich Fried: "Was bist du mit? Gedichte von der Liebe" Wagenbach-Verlag
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  #183  
Alt 29.08.2015, 19:41
alterego alterego ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

Zur Abwechslung etwas Zeitgenössisches.
Ich habe meinen Spass daran


Frühflug
(von Reinhard Fendrich)

Vom Himmel fällt ein leichter Niesel,
der Kopf ist schwer, der Magen flau,
es wartet ein Mercedes-Diesel,
ich muss zu einer Fernsehschau.

Es ist noch ziemlich früh am Tage,
mein Flug geht Punkt sieben Uhr zehn
und ich bin noch nicht in der Lage
aus meinen Augen klar zu seh´n.

Die Hostessen lächeln freundlich,
auch ihre Nacht war nicht sehr lang,
nur meine Müdigkeit ist feindlich –
ich stolpere am Mittelgang.

Die Hand ist schwach und greift ins Leere,
mein Wunsch nach Halt wird riesengroß,
bevor ich noch das kreischen höre,
sitz' ich auf einem Nonnenschoß.

Rasch hab´ ich meinen Platz gefunden
und mich an diesem festgeschnallt,
die Peinlichkeit ist überwunden
und die Maschine startet bald.
Da seh´ ich aus dem Augenwinkel -
mir bleibt doch wirklich nichts erspart,
wie ein besonders feiner Pinkel
gespannt zu mir herüberstarrt.
Ich spürte, dass er Kavalier war,
sehr gut betucht - ein Mann von Welt
und als er plötzlich neben mir war
roch es verdammt nach Lagerfeld.

Jetzt gibt es für mich kein Entrinnen,
weil Zufall keine Gnade kennt,
der nette Herr ist wie von Sinnen,
dass ich allein und prominent.
Ich habe Sie schon oft gesehen –
startet er den Versuchsballon,
auch meine Frau muss ich gestehen,
hätte sie gern als Schwiegersohn.
Ich habe zwei sehr hübsche Töchter,
die jüngere verehrt sie heiß,
kurz rum ein nettes Foto möcht´ er
mit Autogramm als Gunstbeweis.

Wir stoßen durch die Wolkendecke,
die Sonne strahlt, das Auge tränt,
ich lehne hilflos in der Ecke,
wo sich mein Hirn nach Ruhe sehnt.
Stumm sitz´ ich da und grinse süßlich,
damit man gutes von mir hält,
mein Nebenan erzählt mir schließlich –
so hab´ ich sie mir vorgestellt.

Das Flugzeug nähert sich dem Hafen,
er sagt er war mir ein Genuss,
dass wir uns hier durch Zufall trafen,
viel Glück noch Herr Cornelius.
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  #184  
Alt 29.08.2015, 21:55
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

Von einer alten Live-LP , immer noch gut !!
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  #185  
Alt 07.09.2015, 18:15
Babel Babel ist offline
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Trauercarmen in memoriam unserer plötzlich heimgegangenen Katze

Unsere alte Katze ist verschieden,
War so sanft und gut.
Ach, sie war des Hauses Trost und Frieden,
Und nun liegt sie da in ihrem Blut.
In Gestalt des Lifts kam er geschlichen,
Lautlos, tückisch, flink: der Tod,
Bis sie unter seiner Eisenfaust verblichen,
Und das ganze Treppenhaus war rot.
Nimmer wirst du mehr im Schoß der Herrin schnurren oder schnarren,
Und der Herr, er krault dich nicht von Zeit zu Zeit.
Unterm Schnee wird man dir eine Grabstatt scharren
Nur zwei Schuhe breit.
Aber einst wird die Posaun ertönen,
Wenn der Katzengott zur Auferstehung bläst.
Und du wandelst dann mit vielen schönen
Katern zum erkornen Fest.
Wie behaglich wirst du in das Himmelsbett, des Himmels Bett dich schmiegen.
Mäuse gibt es ohne Zahl und keinen Hund.
Jeden Tag wirst du ein andres Junges kriegen,
Weiß und schwarz und scheckig oder bunt.
Aber unsre Tränen tropfen, und wir raufen
Uns die Haare sonder Ruh.
Zwar man könnte eine andre Katze kaufen,
Aber das wärst doch nicht du.
Was auch Darwin oder Haeckel sage:
Eine Seele hattest du gewiß.
Und so rinnt denn unsre Totenklage
In die uferlose, in die Finsternis.

Klabund (= Alfred Henschke, 1890-1928)
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  #186  
Alt 14.10.2015, 05:08
Elrond0 Elrond0 ist offline
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Die Kraft der Liebe

Zeit heilt nicht alle Wunden,
die das Leben schlägt.
Verletztes kann mit Liebe gesunden.
Liebe trägt.

Was verdorrt, blüht wieder auf,
erwacht zu neuem Leben.
Liebe nimmt Rückschläge in Kauf,
will sich geben.

Wärmt wie der Sonne Strahlen,
das in Kälte erstarrt.
Langsam enden Seelenqualen.
Liebe geduldig harrt.
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  #187  
Alt 14.10.2015, 09:05
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Von wem verfaßt oder eigene Dichtung? -Ulrike
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  #188  
Alt 14.10.2015, 15:51
alterego alterego ist offline
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Passend zur Jahreszeit:

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
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  #189  
Alt 14.10.2015, 17:46
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

Immer wieder wunderschön!!
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  #190  
Alt 14.10.2015, 17:50
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Elfie Elfie ist offline
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Zitat:
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Trauercarmen in memoriam unserer plötzlich heimgegangenen Katze
Klabund (= Alfred Henschke, 1890-1928)
Hatte ich ganz übersehen .
Na, wenn das keine berührende Liebeserklärung für den Zimmertiger ist .
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