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  #161  
Alt 25.12.2014, 19:30
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Registriert seit: 16.09.2005
Beiträge: 2.558
Standard AW: Lieblingsgedichte

(Forts.)
Außerdem gehören sie nicht mir.
Ach, ich hab die ganze letzte NAcht,
Rumgegrübelt, was ich dir
geben könnte. Schlief deshalb nur eine,
Allerhöchstens zwei von sieben Stunden,
Und zum Schluß hab ich doch nur dies kleine,
lumpige beschissne Ding gefunden.
Aber gern hab ich für dich gewacht.
Was ich nicht vermochte, tu du s: Drücke du
Nun ein Auge zu,
Und bedenke,
Dass ich dir fünf Stunden Wache schenke,
Lass mich auch in Zukunft nicht in Ruh.

Joachim Ringelnatz

Mit Grüßen von Ulrike
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  #162  
Alt 25.12.2014, 21:00
alterego alterego ist offline
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Beiträge: 582
Standard AW: Lieblingsgedichte

Passend zu Weihnachtszeit ein
herrliches Gedicht von James Krüss:

Die Weihnachtsmaus


Die Weihnachtsmaus ist sonderbar -
sogar für die Gelehrten.
Denn einmal nur im ganzen Jahr
entdeckt man ihre Fährten.


Mit Fallen und mit Rattengift
kann man die Maus nicht fangen.
Sie ist, was diesen Punkt betrifft,
noch nie ins Garn gegangen.

Das ganze Jahr macht diese Maus
den Menschen keine Plage.
Doch plötzlich aus dem Loch heraus
kriecht sie am Weihnachtstage.


Zum Beispiel war vom Festgebäck,
das Mutter gut verborgen,
mit einem mal das Beste weg
am ersten Weihnachtsmorgen.


Da sagte jeder rundheraus:
Ich hab´ es nicht genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen.


Ein andres Mal verschwand sogar
das Marzipan von Peter;
Was seltsam und erstaunlich war.
Denn niemand fand es später.


Der Christian rief rundheraus:
ich hab es nicht genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen!


Ein drittes Mal verschwand vom Baum,
an dem die Kugeln hingen,
ein Weihnachtsmann aus Eierschaum
nebst andren leck`ren Dingen.


Die Nelly sagte rundheraus:
Ich habe nichts genommen!
Es war bestimmt die Weihnachtsmaus,
die über Nacht gekommen!


Und Ernst und Hans und der Papa,
die riefen: welche Plage!
Die böse Maus ist wieder da
und just am Feiertage!


Nur Mutter sprach kein Klagewort.
Sie sagte unumwunden:
Sind erst die Süßigkeiten fort,
ist auch die Maus verschwunden!


Und wirklich wahr: Die Maus blieb weg,
sobald der Baum geleert war,
sobald das letzte Festgebäck
gegessen und verzehrt war.


Sagt jemand nun, bei ihm zu Haus,
bei Fränzchen oder Lieschen,
da gäb es keine Weihnachtsmaus,
dann zweifle ich ein bißchen!


Doch sag ich nichts, was jemand kränkt!
Das könnte euch so passen!
Was man von Weihnachtsmäusen denkt,
bleibt jedem überlassen.
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  #163  
Alt 26.12.2014, 11:52
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

Dieses Gedicht mußte unser Sohn in der Grundschule auswendig lernen!
James Krüss : ein wunderbarer Schriftsteller - steht heuer von ihm noch
etwas in den Lesebüchern? Ich bin da nicht mehr so auf dem Laufenden -
Ulrike
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  #164  
Alt 26.12.2014, 17:20
T.V. T.V. ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

Himmel

Wäre das Leben so einfach
und voller Heiterkeit,
wozu dann diese
ganze Traurigkeit.

Wäre es glücklich
Tag für Tag,
würde trotzdem kommen
was kommen mag?

Robert Creeley
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  #165  
Alt 30.01.2015, 13:31
T.V. T.V. ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

Variation zu einem Thema von Rilke


Ein bestimmter Tag wurde mir zu einer Präsenz;
da war sie, trat mir entgegen – Himmel, Luft, Licht:
ein Wesen. Und bevor es herabzusteigen begann
von der Höhe des Mittags, beugte es sich über mich
und schlug auf meine Schulter wie mit
der Fläche eines Schwerts, erteilte mir
Ehre und eine Aufgabe. Der Schlag des Tages
erklang metallisch, oder war ich es, eine Glocke, erwacht,
und was ich hörte, war mein ganzes Selbst,
das sagte und sang, was es wusste: ich kann.


Denise Levertov
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  #166  
Alt 30.01.2015, 15:45
Jutta Jutta ist offline
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Reden AW: Lieblingsgedichte

Zitat:
Zitat von alterego Beitrag anzeigen
Wie an anderer Stelle im Forum bereits angeregt wurde, wäre es schön wenn ihr hier eure Lieblingsgedichte
präsentieren könntet.
Hier ist mein Lieblingsgedicht. Es stammt von Goethe und hat mir geholfen, mutig manch heikle Situation anzugehen:

Feiger Gedanken
bängliches Schwanken,
weibisches Zagen
ängstliches Klagen
wendet kein Elend
macht dich nicht frei.

Allen Gewalten
zum Trotz sich erhalten,
nimmer sich beugen
kräftig sich zeigen
ruftet die Arme
der Götter herbei.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)
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  #167  
Alt 03.02.2015, 12:51
alterego alterego ist offline
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Beiträge: 582
Standard AW: Lieblingsgedichte

Danke für dieses wunderbare Gedicht vom Großfürsten aller Dichter.

Der, der ihm ebenbürtig war, hat wie kein Anderer in nur zwei Sätzen
erklärt was Dichtung ist und wieso sie nicht stirbt:


Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken.
Durch der Jahrhunderte Strom trägt ihn das redende Blatt.

Friedrich von Schiller
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  #168  
Alt 03.02.2015, 15:26
Jutta Jutta ist offline
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Reden AW: Lieblingsgedichte

Schön, dass es Dir gefallen hat! Jeden Tag eine gute Tat !
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  #169  
Alt 10.02.2015, 09:05
T.V. T.V. ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

Finnischer Tango

"Die Furie Des Verschwindens"


Was gestern abend war ist unf ist nicht
Das kleine Boot das sich entfernt
und das kleine Boot das sich nähert
Das Haar das ganz nah war ist fremdes Haar
Das ist leicht gesagt Das ist immer so
Der graue See ist doch der graue See
Das frische Brot von gestern abend ist hart
Niemand tanzt Niemand flüstert Niemand weint
Der Rauch ist verschwunden und nicht verschwunden
Der graue See ist jetz blau Jemand ruft
Jemand lacht Jemand ist fort
Es ist ganz hell Es war halb dunkel
Das kleine Boot kehrt nicht immer zurück
Es ist dasselbe und nicht dasselbe
Niemand ist da Der Felsen ist Felsen
Der Felsen hört auf Felsen zu sein
Der Felsen wird wieder zum Felsen
Das ist immer so Es verschwindet
nichts und nichts bleibt Was da war
ist und ist nicht und ist Das
versteht niemand Was gestern abend war
Das ist leicht gesagt Wie hell
der Sommer hier ist und wie kurz


Hans Magnus Enzensberger
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  #170  
Alt 07.03.2015, 08:42
T.V. T.V. ist offline
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Standard AW: Lieblingsgedichte

DIE MAUER


Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist
in uns

Wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont

Und an die windstille

In ihrem schatten warfen
alle keinen schatten

Nun stehen wir entblößt
jeder entschuldigung


Reiner Kunze
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