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  #11  
Alt 07.01.2009, 19:23
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Standard AW: 100 Jahre Seilbahnen in Tirol - das Buch

Hallo Günter,

die Seilbahn im Tuxertal war mit 8,5 km tatsächlich länger als die Seilbahn im Valsertal mit 4,9 km.

Beiden Seilbahnen ist gemeinsam, dass die Seilbahn vom Valsertal nach dem 2. Weltkrieg (als Ersatzteillager) nach Tux kam und beide dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Im Fall der Seilbahn im Valsertal ist es nach meiner persönlichen Einschätzung besonders tragisch, dass das Land Tirol es nicht notwendig erachtet, eine Gedenktafel an die russischen Zwangsarbeiter zu errichten. Ich meine, eine solche Tafel würde jenen etwas Wertschätzung zeigen, die hier unter extremsten Bedingungen unfreiwillig gearbeitet haben.

Ich persönlich erachte es vom Land Tirol zu dieser Angelegenheit extrem zynisch, nicht den Opfern (Toten und Zwangsarbeitern) zu gedenken, aber die Hakenkreuze aus der Zeit des Nationalsozialismus auf der Strasse zum Bergwerk gut sichtbar stehen zu lassen. (vgl Foto Bezirksblatt Stubai-Wipptal, 21. März 2007)

Ein offizieller Gedenkstein würde dem Land Tirol nicht weh tun, den Opfern doch auch Entschädigungswillen zeigen und den Touristen ganz kurz die Wahrheit zum Valsertal und eine sehr wichtige Wahrheit zum Bergbau in Tirol (der ja mit fröhlichen Silberknappen ziemlich falsch und verklärt touristisch vermarktet wird) bringen. Bei der Gelegenheit könnte man auf die weiteren Bergwerke des 2. Weltkrieges im Wipptal und dessen Seitentälern aufmerksam machen, die ja bis heute recht gelungen verschwiegen werden...

Dazu eine Frage: wer kann ein Foto der Liftstütze mit der russischen Inschrift zur Verfügung stellen?

Benutzer Kris hat ja hier im Forum dankenswerterweise auf seine hervorragende Arbeit zum Bergwerk Alpeiner Scharte im Valsertal hingewiesen, die ja auch den Polizeibericht zum Lawinenunglück vom 11. November 1944 enthält.

Zum Bergwerk Alpeiner Scharte ist meines Wissens ein Buch von einer Seminargruppe der Universität Innsbruck in Vorbereitung, die im SS 2008 an diesem Thema geforscht hat.

Texte im Kapitel "Bergbau" auf SAGEN.at:

Das Bergwerk unter der Alpeiner Scharte - Molybdänbergbau

Magnesitbergwerg Tux

Zum Magnesitbergwerk Tux sind zwei hervorragende Arbeiten angeführt, einmal die Arbeit von Max Schneider "Arbeiterkultur und Sozialverhalten im Bergbau am Beispiel des Magnesitbergbaues Tux im Zillertal von 1921 bis 1976", und das Buch "Bildband Magnesitwerk Tux" von Dietmar Walch, der als Bewohner dieser hochgelegenen Bergwerkssiedlung grandiose Einblicke in das Leben am Berg und rund um das Bergwerk bringt. Dietmar Walch bringt auch exzellente Fotos der Seilbahnen, Bremsberge und der Grubenbahnen.

Noch ein Literaturhinweis: die Bergwerksbahnen und Seilbahnen zum Bergbau in Nordtirol und Südtirol sind in den Werken von Herbert Kuntscher gut dokumentiert:
- Herbert Kuntscher, Höhlen, Bergwerke, Heilquellen in Tirol und Vorarlberg, Berwang 1986
- Herbert Kuntscher, Südtirol. Bergwerke, Höhlen, Heilquellen, Berwang 1990
- Herbert Kuntscher, Knappensteige in Tirol. Auf den Spuren des Bergbaus; Wanderungen, Stadtspaziergänge, Schaubergwerke, Innsbruck 2006.
Die Werke von Herbert Kuntscher zählen aus meiner Sicht zu den wichtigsten Büchern zur Technikgeschichte in Tirol, für mich unverzichtbar.

@ Dresdner: hier jetzt beim Blättern durch Dietmar Walch's Buch sehe ich eben sehr zu meiner Freude ein Firmenschild: "Adolf Bleichert & Co"! (Seite 15).

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #12  
Alt 08.01.2009, 12:13
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Standard AW: 100 Jahre Seilbahnen in Tirol - das Buch

Hallo Wolfgang,

Ja es ist bittere Erkenntnis in Tirol, dass Industriegeschichte verschwiegen, ja noch schlimmer verklärt wird und dass gerade das Kapitel Zwangsarbeiter, die es in Tirol zu Hauf gab (wer baute denn das erste Innsbrucker Obusnetz zwischen 1943 und 1944 auf?) unter den Tisch gekehrt wird. Es ist Fact, dass damals in allen noch in Betrieb befindlichen Bergbauen in Tirol Zwangsarbeiter unter Teils menschenunwürdigen Bedingungen zum Einsatz kamen. Gerade Tirol hatte nämlich einige wichtige Metalle und Mineralien zu bieten, die kriegsnotwenig waren (Wolfram,...).
Ich hatte deshalb bewusst den Südtiroler Erzberg erwähnt um aufzuzeigen, dass es auch anders geht, als alles plattmachen. Das hat man ja leider erfolgreich 1980 in Tux bewiesen, wo sogar die erst 15 Jahre alte Personenseilbahn (in Betrieb zwischen 1961 und 1976) anstelle diese touristisch nachzunutzen plattgemacht wurde.
Ja gerade das Wipptal und dessen Seitentäler hat noch einiges an sehr interessanten Bergbauen zu bieten. Ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit vor allem an die Erz(?) Aufbereitung am Nösslacher Joch, wo man damals (1990) noch zugeschüttete Stollenmünder und andere Hinweise auf die Vergangenheit finden konnte. Leider wurden die Barackenlager und der Haupteil des Werkes auch hier geschliffen, obwohl diese noch weit nach dem zweiten Weltkrieg (bis in die 1970er Jahre?) vorhanden waren.
Auch Neustift mit seinem Erzabbbau ist heute völlig vergessen...
Und es gäbe viele weitere Beispiele in Tirol, die auf die ehemalige Bergbautätigkeit schliessen lassen, ich denke nur an die berühmten Werksbahnlokomotiven der Egger - Lüthi Werke, wovon eine heute noch als Denkmal in Kirchbichl steht...
Jedenfalls finde ich es sehr positiv dieses alles im Rahmen dieses Forums und dieses Internetauftrittes zusammenzutragen und somit einen Teil der Tiroler Geschichte für die Nachwelt zu dokumentieren.
P.S.: Zu der Werksbahn Tux - wie so oft konnte Bleichert aus Leipzig sich mit seinen sehr robusten und wartungsarmen Materialseilbahnen durchsetzen, wobei jene am Wangl aber im Laufe ihrer Betriebszeit z.T. stark umgebaut wurde. Eine ehemals Bleichert´sche Bahn gab es auch in Vils, wobei diese heute rundum erneuert ist, aber immer noch in Betrieb steht (Werk - Winkelstation - Abbau Fall). Es ist dies eine klassische Zweiseilumlaufbahn (näheres dazu findet sich in der Broschüre "...über den Fern - die Mittenwaldbahn Innsbruck - Garmisch - Reutte", die in der UB Innsbruck geführt wird.
Damit mein kleiner Beitrag für heute, freue mich auf die weitere Diskussion

Günter
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  #13  
Alt 09.01.2009, 23:06
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: 100 Jahre Seilbahnen in Tirol - das Buch

Hallo Günter,

endlich habe ich nun Dein Buch "100 Jahre Seilbahnen in Tirol" per Post erhalten und möchte Dir mein Kompliment ausdrücken!

Wie ich schon vermutet hatte, Deine Bildauswahl ist wirklich außerordentlich exklusiv - super!

Selbst bei mir doch eher auch vertrauten Anlagen wie der Hungerburgbahn hast Du Bildperspektiven (zB Seite 14 oben) ausgewählt, die mich wirklich überraschen. Dasselbe gilt für die Muttereralmbahn, Patscherkofelbahn und Nordkettenbahn, die ich alle glaubte perfekt zu kennen und doch bringt Deine Bildauswahl neue Blickwinkel.

Auch die historischen Aufnahmen der ersten Angereralmbahn im Wilden Kaiser sind echt spektakulär.

Meine schon in früherem Beitrag ausgesprochene Kritik, ein Buch mit dem Anspruch eines Geschichtsüberblicks der Verkehrsgeschichte zu verfassen und dabei die Weltkriege und deren Funktion im Verkehrswesen nicht zu erwähnen, bleibt allerdings aufrecht.

Aber abgesehen davon, bringt Dein Buch einen spannenden Einblick in die Technikgeschichte Tirols, ein Thema dem gerade in Tirol dringendst mehr Sensibilität entgegengebracht werden sollte...

Wolfgang (SAGEN.at)
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