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  #1  
Alt 01.07.2009, 11:40
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Dresdner Dresdner ist offline
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Standard DDR - Anmerkungen zur Geschichte

Sonja,

vielen Dank für deinen ausführlichen und emotional geprägten Bericht.

Ich habe mir deine Worte gleich nach Erscheinen angeschaut und wirklich über einen Monat überlegt, ob ich zu zwei kleinen Passagen etwas schreiben soll. Derartige Passagen finden sich auch in Beiträgen anderer Forennutzer.

Du hast geschrieben:
Zitat:
Ich habe die Ex- DDR nie gesehen, aber so stellte ich sie mir vor: Autos aus dem Jahre Schnee, Modelle von Fiat, die ich bei uns seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen habe, graue Strassen, graue Gebäude, sogar die Stewardessen auf unserem Flug von Helsinki nach Estland sahen aus wie Dominas, und ich traute mich nicht zu fotografieren, weil sie schwarze Lederhandschuhe zu grauen knappen Uniformen trugen, die Haare straff nach hinten gebunden und ich Angst hatte, sie würden die Peitschen rausholen, wenn ich sie ungefragt fotografieren würde. Mein Freund und ich lachten uns schief, als wir darüber phantasierten, was mit uns passieren würde, wenn wir etwas falsches machen würden. Die Stewardessen würden uns an den Haaren durch das Flugzeug schleifen und und schlagen, danach an einen der Sitze fesseln mit einem Schild um den Hals: "DAS!SOLLST"DU!NICHT!TUN!"
Außerdem hatte das Flugzeug innen grün- weiße – ziemlich psychedelische- DDR- Muster- Tapeten. (So stelle ich mir jedenfalls Tapeten aus der Ex- DDR vor)
Ich nehme dir derartige Vorstellungen nicht übel, jahrzehntelange Erziehung im Geiste der Totalitarismusdoktrien und der Einteilung der Welt in die "Reiche des Guten und des Bösen" hinterlassen halt ihre Spuren.

Leider sind deine Vorstellungen zu 100% falsch, Estland und die DDR lassen sich ebensowenig vergleichen wie Südtirol und die "uritalienischen" Gebiete. Unsere Kinder hatten, als sie klein waren, wunderschöne Kinderzimmertapeten mit Märchenmotiven und es wurden die Leute in unserem Land weder an den Haaren durch den Dreck gezogen, noch stand an jeder Ecke die Stasi, auf die das Leben in der DDR ja heute in den Medien oft reduziert wird. Was die Autos betrifft, habe ich einen Trabant gefahren - Westautos konnte man nur gegen Devisen über Genex kaufen - ich habe sie aber auch nicht vermisst.
Die Kriminalitätsrate war ungleich niedriger als jetzt - nicht nur offiziell, sondern auch tatsächlich. Rauschgift und Auftragsmorde waren Fremdworte, Alarmanlagen und vergitterte Privatwohnungen kannte man nicht. Es war zum Großteil gang und gebe, den Wohnungschlüssel außen stecken zu lassen, trotzdem wurde nicht eingebrochen.
Um noch einmal auf die baltischen Staaten zurückzukommen - schau dir einmal an, welche Rolle diese Staaten im Großen Vaterländischen Krieg gespielt haben.

Kurz und knapp - ich bitte einfach darum, nicht über Dinge zu urteilen, die man nicht beurteilen kann. Ich bin gern bereit, über das Leben in "Springers Gänsefüßchenland zwischen Harz und Oderstrand" ggf. in einem extra Thema die Diskussion zu führen. Genau so wenig, wie es den Österreicher gibt, gab es auch nicht den DDR-Bürger. Jede Biographie ist individuell und Pauschalisierungen helfen nie weiter.

Dresdner
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  #2  
Alt 01.07.2009, 15:54
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

hallo dresdner, danke daß du mich drauf aufmerksam machst!
ich habe eine ganz liebe freundin, die die DDR erlebt hat und mir erst vor wenigen monaten ein riesiges paket mit DDR-produkten schickte (schokolade, pizzateig, usw...die es heute noch zu kaufen gibt) meine mama hatte dort (bzw. hat sie noch immer) ihre beste brieffreundin samt sohn, war auch in der DDR zu besuch damals.
der mann der brieffreundin ist geflüchtet bevor die mauer geöffnet wurde, er ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.
wie ich in meinem beitrag auch extra betonte:
Zitat:
Ich habe die Ex- DDR nie gesehen, aber so stellte ich sie mir vor
frag mal einen amerikaner, wie er sich österreich vorstellt.
(das hab ich mal getan, einen mann aus los angeles, nie rausgekommen aus LA, gefragt, wie er sich österreich vorstellt. er sagte: die österreicher tragen tracht, sie können jodeln und essen gerne käse und schokolade, sie haben hohe berge und mozart kam dort her!"

*haha* :-)

es war lustig gemeint und sollte auf keinen fall beleidigend wirken, ja?

alles liebe dir,

sonja
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  #3  
Alt 01.07.2009, 17:12
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

*hihi*
Meine Mutter reiste damals mit meinem Bruder ein, in ihrem Reisepass stand aber auch ICH drin (ich war aber nicht mit).
Bei der Ausreise gab es riesige Probleme, weil der Grenzbeamte meinte, meine Mutter hätte mich in der DDR gelassen!
Ich weiß nicht mehr, wieviele Stunden sie brauchten, bis sie ihn überzeugen konnte, daß sie kein Kind in der DDR gelassen hat!
Auf jeden Fall wurde auch alles gefilzt und auseinander genommen.
Meine Mutter wollte diesem Herrn damals unbedingt sagen, daß sie niemals freiwillig ein Kind in der DDR lassen wollte, aber das hat sie sich nicht getraut damals.

Auch bei der Post war es so: Die Pakete kamen oft zerfetzt und absichtlich kaputt gemacht wieder retour.
Einmal hat meine Mutter eine Musik-Kassette mit der Lieblingsmusik ihrer Brieffreundin nach Dresden mitgeschickt, versteckt in einer Keks-Packung,
Und diese Keks-Packung wiederum in massenhaft anderen (erlaubten) Artikeln versteckt.
Das komplette Paket kam total verwüstet und zerstört wieder zu uns zurück, die Kassette wurde zerbrochen und das Band herausgerissen.

Alles Liebe, Sonja
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  #4  
Alt 01.07.2009, 18:55
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Dresdner Dresdner ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

@ Be3rit und Sonja,

danke für eure Berichte.

Die Hähnchen wurden Broiler genannt - Berit, dass bitte bei der Rechtschreibung beachten.

Was das Versorgungssystem anbetrifft, kann man darüber ganze Bücher schreiben. Fakt ist, dass es in manchen Geschäften zeitweise sehr mau aussah, es gab "Kaffe-Mix" und statt jetzt 40 Biersorten im Regal nur drei einheimische Biere. Da die DDR dringend Devisen brauchte, waren manche Fleischteile wie Lende "Bückware" (diese Teile gingen in den Export) und Wiener im Saitling, Südfrüchte oder Rollschinken gab es zu Weihnachten und Jahreswechsel.
Die Gäste standen in den Gaststätten übrigens nicht an, weil sie sonst nichts zu essen hatten, sondern weil die Preise der Speisen und Getränke so spottbillig waren. Dies traf z.B. auch auf Damenfriseure zu - es war unter ausländischen Besucherinnen sehr beliebt, die Kaltwelle im Osten machen zu lassen.

Dass die Post gefilzt wurde war bereits zu DDR-Zeiten bekannt - man holte Geld aus den Sendungen und wollte zudem alles über jeden wissen - was letztendlich zu einer Informationsflut führte, an der ihre eigenen Erfinder erstickten.

Zur Grenzsicherung müsste man viel sagen, das kann man in einigen Worten nicht bewältigen. Wenn ich richtig gelesen habe, soll Politik aus diesem Forum herausgehalten werden - ohne ganz, ganz viel Politik sind diese Dinge nicht zu erklären.

Hermetische Abschottung und kilometerlange Stracheldrahtzeune und Betonmauern kann man übrigens noch heute live erleben.


Foto: wikimedia


Foto: sueddeutsche.de

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Geändert von Dresdner (01.07.2009 um 20:29 Uhr)
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  #5  
Alt 01.07.2009, 18:58
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

wow. das obere foto würd mich auch interessieren.
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  #6  
Alt 01.07.2009, 20:20
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Dresdner Dresdner ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

@ sonja:

Einfach mal Rechtsclick!
Sind die aktuellen Grenzbefestigungen USA - Mexico.
Ich will die Sachen auch nicht gleichsetzen, die politischen Hintergründe sind einfach zu unterschiedlich. Da wir politische Prozesse laut Forennetiquette hier nicht besprechen, möchte ich mich dazu auch nicht weiter äußern.
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Geändert von Dresdner (02.07.2009 um 18:01 Uhr)
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  #7  
Alt 01.07.2009, 16:55
Berit (SAGEN.at) Berit (SAGEN.at) ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

Hallo Dresdner,

auch wir nehmen dir deine äußerst kritische Haltung nicht übel und sind froh, dass einer freiwillig diesen Part übernimmt.

Ich war als Kind in den 80er Jahren einige Male zu Besuch in der DDR und es hat mich und meinen Bruder tief beeindruckt. Allein der Grenzübergang mit kilometerlangen Stacheldrahtzaun läßt sich nicht vergessen, auch die alten Fassaden und das Kopfsteinpflaster nicht, die riesigen Neubauten nicht zu vergessen. Und dann die leeren Geschäfte, denn für uns waren sie leer wenn nur ein Produkt im gesamten Regal lag, vor denen man anstehen mußte. Ja selbst im Restaurant standen die nächsten Hungrigen schon hinter einem.

Begeistert waren wir vom Vanilleeis und den Eiswaffeln *mmmhhh
geb es die nicht auch in "Muschelform"?

und die Milch gab's in Flaschen (gab's bei uns damals nicht!)

die Kindersachbücher waren einfach spitze und ein Wort muß mich sehr geprägt haben, denn hähnchenähnliches Hundspielzeug heißt bei mir immer noch "Breuler".

Hatte ich schon erwähnt, dass wir damals eine ehemalige DDR-Bürgerin im Auto hatten? Ich will ja nicht von Stasi sprechen, aber zufälliger Weise wurde genau unser Auto bei der Rückreise "gefilzt" (nachdem wir vorher schon auf der Fahrt kontrolliert wurden). Mein Bruder und ich hatten natürlich Angst und meiner Mutter als Fahrerin war sicher auch nicht wohl, als wir alle mit in die Garage mußten. Die Pässe wurden mitgenommen und dann hieß es einfach auspacken. Zu dieser Zeit gab es für Jungs ein "Armbrustspiel" und mein Bruder hatte es als Ostergeschenk bekommen. Einem bunten Adler aus Holz konnte mittels "Armbrust" und Pfeilen mit Gumminoppen die "Federn" weggeschossen werden. Oh - welche Aufregung, wir hatten ein Geschoß dabei!!!
Zudem hatten wir eingelegte Gurken dabei und da wußten wir eh, dass das ein Tabu ist. Hätte man das Gastgeschenk nicht annehmen sollen? Und so hat meine Mutter das der Grenzkontolle auch erklärt und meine Briefmarken in der Jackentasche haben sie auch nicht gefunden...
Ach ja, das Auto wurde dann nicht auseinandergenommen, wie angedroht, und nach 'ner ganzen Zeit gab es auch die Pässe zurück.

Im Laufe der Jahre wurde der "Grenzübertritt" dann immer leichter.

Viele Grüße

Berit
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  #8  
Alt 01.07.2009, 21:40
Berit (SAGEN.at) Berit (SAGEN.at) ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

Zitat:
Die Gäste standen in den Gaststätten übrigens nicht an, weil sie sonst nichts zu essen hatten,
ich sprach ja auch von "den nächsten Hungrigen", habe mich also mit ihnen gleichgestellt und habe nicht von den "Hungernden" gesprochen.

Natürlich kann man auch heute noch Militärsperrgebiete, Sacheldrahtzäune im Westen erleben oder auch simple Autopapierekontrollen während ein Carabienere seine MP im Arm hält. Es ging aber um die DDR - auch wenn im Titel Estland steht...

Beste Grüße

Berit
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  #9  
Alt 02.07.2009, 10:32
alterego alterego ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

Wenn man die Sache völlig unpolitisch betrachtet, so bleibt doch das Faktum, daß sich der Kommunismus (den es nebenbei in der DDR nie gab), wirschaftlich nach sehr kurzer Zeit selbst eliminiert hat.

Wie jedes radkale System setzte die DDR-Führung vor allem auf Angst, Unfreiheit und Propaganda ohne Vergleichmöglichkeiten.

Mir ist schon klar, daß kein politisches System auf Dauer Bestand hat, sieht man vielleicht von der Schweiz ab, deren direkte Demokratie sich immerhin schon an die 700 Jahre hält.

Traurig ist nur, das es noch immer Menschen gibt, die die Mauer in ihren Köpfen nicht überwinden können.
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  #10  
Alt 05.07.2009, 08:35
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Dresdner Dresdner ist offline
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Standard AW: Reise nach Estland

@ Berit:

was die Restaurants angeht, so wurde man in vielen dieser Einrichtungen "platziert". Das bedeutete, sich selbst bei fast leerem Restaurant am Eingang anzustellen, bis eine Kellnerin kam, einen abholte und zu Plätzen ihrer Wahl brachte. Widerspruch war zwecklos.

@ alterego:

1.
Zitat:
Wenn man die Sache völlig unpolitisch betrachtet, so bleibt doch das Faktum, daß sich der Kommunismus ...
Du widersprichst dich schon in deinen ersten Worten. Einerseits willst du eine unpolitische Wertung abgeben, im gleichen Atemzug verweist du auf ein politisches System.

2.
Zitat:
Wie jedes radkale System setzte die DDR-Führung vor allem auf Angst, Unfreiheit und Propaganda ohne Vergleichmöglichkeiten.
Hier scheint ein profunder Kenner der gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR am Werk zu sein. In welchem Teil der DDR warst du gezwungen zu leben? Schildere uns doch bitte detailliert, wie unfrei und unter ständiger Angst du dort leben musstest. Mich würde auch interessieren, wie genau es dem Regime gelang, dich komplett von der Außenwelt zu isolieren. Wenn ich deinem persönlichen Profil folge, musstest du dieses Märtyrium 25 Jahre lang ertragen. Wie hast du das geschafft? Wie änderte sich dein Leben in den letzten 20 Jahren? Hast du jetzt deine Erfüllung gefunden?

Oder urteilst du vielleicht aus der Ferne und hast deine Weisheiten aus Fachpostillen wie Bild, Krone & Co? Da du ja ein sehr belesener Zeitgenosse (ich hoffe, dich stört der Wortteil "Genosse" nicht) zu sein scheinst - mit welchen anderen radikalen Systemen setzt du die DDR gleich? Mit der Nazizeit? Bist du ein Jünger der Herren Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski und der Dame Hannah Arendt? Vielleicht kannst du uns auch helfen, uns in der heutigen Zeit besser zurechtzufinden, indem du uns die Wesensgleichheit von Sozialismus und jener Lehren verdeutlichst, welchen die Taliban nachfolgen. Auf alle Fälle sind wir schon sehr gespannt auf deine interessanten persönlichen Erlebnisse und deine profunde gesellschaftspolitische Analyse.

3.
Zitat:
Traurig ist nur, das es noch immer Menschen gibt, die die Mauer in ihren Köpfen nicht überwinden können.
Da sind wir 2 völlig einer Meinung.

Einen schönen Sonntagmorgen.
Dresdner
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Geändert von Dresdner (05.07.2009 um 09:36 Uhr)
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