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  #1  
Alt 15.05.2013, 10:26
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Elfie Elfie ist offline
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Standard Körperwelten

Wie kann es sein, dass ein zerfledderter Mensch von einem Plakat starrt in einem Land, in dem Leichenschändung und Störung der Totenruhe strafbare Handlungen sind?
Denn dieser Mensch ist kein Unfallopfer – solche Bilder bringt heute nicht mal mehr eine Boulevard-Zeitung, was vor einigen Jahrzehnten noch ganz anders war.
Dieser Leichnam ist vielmehr als Ausstellungsstück aufbereitet, plastiniert, wie ein Herr Hagen das nennt.
Argumentiert wird mit dem wissenschaftlichen Interesse der Allgemeinheit – und das in Zeiten des Internets und einer Technik, mit der jeder virtuelle Spaziergänge durch jede Körperzelle machen kann, wenn er das will. Außerdem kann man im Fernsehen Operationen mitverfolgen und anderes mehr.

Woran kann es liegen, dass einer solchen Show die Türen eingerannt werden?
Ist es volkskundlich vergleichbar mit der Zur-Schau-Stellung von Menschen mit Missbildungen in Varietés und auf Jahrmärkten in früheren Jahrhunderten?
Oder mit Schauprozessen, begaffen von Angeprangerten und den Volksfesten bei öffentlichen Hinrichtungen?
Und noch früher den Gladiatorenkämpfen.
Oder fällt das alles unter die nicht beantwortbare Frage: wie tickt der Mensch?
Was meint Ihr?
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körper.JPG  
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  #2  
Alt 16.05.2013, 00:46
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Standard AW: Körperwelten

Ich persönlich finde solche Shows oder Ausstellungen sind zutiefst abzulehnen.

Vor einigen Jahren bin ich rein zufällig in einer Stadt in Deutschland am Eingang dieser Show/Ausstellung vorbeigekommen, da standen die Leute aufgeregt in einer großen Warteschlange wie bei einem Rock-Konzert - das hat mich wirklich sehr erschüttert.

Zitat:
Ist es volkskundlich vergleichbar mit der Zur-Schau-Stellung von Menschen mit Missbildungen in Varietés und auf Jahrmärkten in früheren Jahrhunderten?
Aus volkskundlicher Sicht dürfte es zweifellos die gleiche Motivation sein, wobei auch hier zur Wissenschaftsmethode anzumerken ist, das die Volkskunde/Europäische Ethnologie bei solchen Phänomenen vor allem als Grundlagenforschung arbeitet. Das heißt, man dokumentiert solche Phänomene eher recht kommentarlos. Eine Aufarbeitung der menschlichen Abgründe solcher Phänomene ist dann eher Aufgabe der Psychologie, evt. auch der Soziologie.


Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass ich privat auch Menschen gekannt habe, die sich kurz vor ihrem Tod entschlossen haben, ihren Körper nach deren Ableben der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Das heißt, diese Menschen haben ihre Körper der Ausbildung von Ärzten an medizinischen Universitäten zur Verfügung gestellt. Das ist eine sehr schwere, aber eine dem Fortschritt der Medizin bzw für nachfolgende Generationen höchst zuträgliche und höchst wertvolle Entscheidung, die man nicht hoch genug schätzen kann.

Ich erachte es aber für absolut unmoralisch, unmenschlich und bestialisch, Körper für Show-Zwecke zu missbrauchen. Niemals würde ein sterbender freiwillig eine solche Entscheidung treffen.

Soweit ich gelesen habe, stammen die Exponate dieser Show vermutlich aus den Konzentrationslagern Nordkoreas (auf deren gegenwärtige Existenz nicht oft genug hingewiesen werden kann!), sowie vermutlich teilweise von Todesstrafen diverser asiatischer Länder und andere vermutlich suspekte Quellen. Das ganze (also sowohl der Veranstalter der Show, als auch die Besucher der Show) ist aus meiner privaten Sicht schlichtweg ein unfassbarer Rückschritt des Menschen.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #3  
Alt 16.05.2013, 08:21
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Körperwelten

Danke für deine Meinung.

Der Entschluss, sich der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, ist etwas ganz anderes. Diese Menschen werden dann auch gebührend bestattet auf einem eigenem Areal, wo in einer Gedenkstätte auch auf den Wert für Wissenschaft und Allgemeinheit hingewiesen wird. Eine Kollegin von mir hat das auch gemacht.

Auch ich war von der Freiwilligkeit nie überzeugt, das von den Lagern hör ich zum ersten Mal, aber mir war der Typ immer so zuwider, dass ich nicht mehr hingesehen hab, wenn von ihm die Rede war. Während der ersten Ausstellung in Wien war er ja oft in den Medien und auch mit Skepsis konfrontiert. Bei einem Interview hatte er eine junge Frau dabei, die bestätigt hatte, sie hätte einen Vertrag mit ihm geschlossen und sogar dafür bezahlt.

Naja – und Mohamed Al-Fayed hatte angekündigt, sich plastinieren und über dem Portal von Harrods anbringen zu lassen, um die Queen zu ärgern. Aber das zählte damals zum Beinahefamilien-Streit.

Ich hab mir damals diese Ausstellung angesehen und im allerengsten Kreis Entsetzen ausgelöst. Aber ich wollte wissen, wie weit Menschen wirklich gehen und auch, worüber ich mich aufrege – Mutmaßungen und Vorstellungen waren mir zu wenig.
Dass ich damit ein Promille-Anteil der Unterstützung war, tut mir immer noch leid. Aber ich hoffte jahrelang, dass da mal irgendwas auffliegt. Denn viele Merkmale zeugten von den Umständen, in welcher diese Menschen gelebt hatten. Der Eindruck, es könnte sich nicht um Europäer handeln, ist nicht entstanden, aber das kann man sicher manipulieren.

Damals war die Ausstellung in der Messehalle, dass diesmal dafür eine öffentliche Einrichtung Bühne bietet, finde ich bedauerlich, weil diese Zustände damit noch zusätzlich legitimiert werden.
Ein Bundesmuseum sollte doch mehr darauf achten, womit es Geld macht.
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  #4  
Alt 17.05.2013, 18:07
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Dresdner Dresdner ist offline
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Daumen runter AW: Körperwelten

Ich verabscheue diese Art von Präsentation, Voyerismus in seiner schlimmsten Ausprägung.
Vor einigen Jahren war sich der Herr nicht zu fein, die Ausstellung gerade während der Weihnachtszeit nur wenige Meter vom Striezelmarkt entfernt zu präsentieren.
Seinen neuen Sitz hat die "Produktionsfirma" ausgerechnet im ostdeutschen Guben, ehemals "Wilhelm-Piek-Stadt" - für Geld macht man heute halt alles.
Für die Körperweltenfans hier der Link zur Firmenhomepage: plastinarium.de.
Dresdner
__________________
www.bergbahngeschichte.de

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  #5  
Alt 18.05.2013, 10:09
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Körperwelten

So ekelhaft manche Ideen zur Geldmacherei auch sind, man muss dazu sagen: es gehören auch die dazu, die es geben (das Publikum) und die, die Ausstellungsräume zur Verfügung stellen.
Und der Umstand, dass mit Geld alles zu rechtfertigen ist - in diesem speziellen Fall schauen ja auch alle weg, was die Herkunft der Menschen und die Gesetze betrifft.
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  #6  
Alt 19.05.2013, 10:52
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Standard AW: Körperwelten

Hatten wir dieses Thema hier vor längerer Zeit nicht schon mal?
Ich würde mir die Ausstellung nicht ansehen, fand auch die Plakate
"drastisch", wie wirken sie wohl auf zartbesaitete Kinder (Jugendschutz).
Gut, heuer herrscht die Meinung: Du kannst Kinder nicht vor der rauen
Wirklichkeit schützen, sie kriegen alles mit (Fernsehen, Presse, internet), wie
sie es verarbeiten ??? Meine Mutter (Krankenschwester) lehnt dergleichen
übrigens auch ab. Die meisten sagen: die ausgestellten Menschen haben sich
freiwillig vor ihrem Tod dazu hergegeben/verkauft. Als Angehöriger wäre es
für mich schlimm, vielleicht waren es alles einsame Menschen? Ich mag nun
darüber nicht mehr nachdenken und auf den Ausstellungskatalog /Bildband
würde ich auch verzichten. - Ulrike
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  #7  
Alt 19.05.2013, 13:15
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EyP3 EyP3 ist offline
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Standard AW: Körperwelten

Ich finde diese Ausstellungen, von dem was ich aus der Zeitung kenne, auch extrem geschmacklos und würde sie mir nicht ansehen. Ich habe allerdings vor kurzem das 'Archeologiemuseum' in Bozen besucht (sollte eigentlich Ötzi-Museum heissen), und finde, die haben die Zurschaustellung der Feuchtmumie relativ pietätvoll gelöst (man blickt durch ein kleines Fenster auf die Mumie). Es mag aber trotzdem nicht jedermanns Sache sein. Im Fall des Ötzi besteht jedenfalls ein enormes wissenschaftliches Interesse und einen begrenzten Zugang für die Öffentlichkeit halte ich hier für durchaus sinnvoll.
Norbert
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  #8  
Alt 19.05.2013, 13:52
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Standard AW: Körperwelten

Zweifellos muss man ergänzen, dass das Ausstellen von Toten wohl weltweit in allen Kulturen verbreitet ist, so wie auch in unserer Kultur. Abgesehen von verschiedenen Begräbnisritualen, gibt es Aufbahrungen aller Art zu politischen Zwecken wie verschiedene Mausoleen (zB Lenin-Mausoleum), diverse Krypten und Friedhöfe mit offenen Gräbern (zB Kapuzinergruft in Palermo) und natürlich unzählige Plätze mit erhaltenen Mumien (zB der gselchte Pfarrer in Oberösterreich und viele weitere Beispiele mehr.

Ich denke, diese Plätze werden allerdings mit einer völlig anderen Ehrfurcht betreten und dienen ganz sicher nicht der Sensation und Attraktion mit toten Menschen im Sinne einer Show.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #9  
Alt 20.05.2013, 10:58
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Körperwelten

Ich denke auch, dass hierin der Unterschied liegt.
Ausgrabungen, deren Lage und Grabbeigaben, erzählen Geschichten über frühere Rituale und Religionen. Da denkt man an diesen Menschen: wie mag er gelebt haben, mit wie viel Fürsorge wurde er bestattet, usw.
Oder ein Blick in einen Karner veranlasst zu tieferen Gedanken über Leben und Vergänglichkeit als alle frommen Sprüche.
Aber diese Art der Präsentation und Präparation nimmt dem Menschen jede Würde und degradiert ihn zu einem Museumsstück, das dann dort neben allen möglichen (anderen "ausgestopften") Tieren anzuschauen ist. Noch dazu in entwürdigenden Stellungen oder welchen wissensschaffenden Zweck soll es haben, wenn einer die eigene Haut überm Arm trägt?
Und wie darf man sich die "Freiwilligkeit" praktisch vorstellen?
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  #10  
Alt 13.06.2013, 16:26
Brun_hilde Brun_hilde ist offline
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Standard AW: Körperwelten

Ich kann eure Einwände nachvollziehen, die Ausstellung polarisiert natürlich, bin jedoch anderer Meinung.
Die Menschen die in dieser Ausstellung gezeigt werden, haben zugestimmt und daher freiwillig (!) ihren Körper nach ihrem Ableben der Wissenschaft/Medizin gespendet. Ohne derartige "Spender" wäre es zum Beispiel auch für Medizinstudenten nicht möglich, an realen Menschen die Theorie in der Praxis zu üben. Sind das dann auch Störer der Totenruhe? Leichenschänder?
Van Hagen macht jene Einblicke in den Körper, die sonst nur Ärzten zugänglich sind, für die breite Bevölkerung zugänglich.
Es hat einen gänzlich anderen Lerneffekt wenn man die Realität betrachten kann und nicht nur Computeranimationen oder Abbildungen von menschlichen Körpern in Büchern. Hier ist zu viel Abstraktion und Distanz vorhanden, um sich beispielsweise als Raucher einzugestehen dass eine abgebildete Raucherlunge sich tatsächlich in seinem/ihren Körper befinden könnte, in der Ausstellung wird jedoch 1:1 eine reale gesunde Lunge neben einer durch Rauchen geschädigten gezeigt.
Die menschlichen Körper in der Ausstellung sind darüberhinaus komplett anonymisiert, ohne detaillierte Kunde der Anthropologie und Knochen, kann ein Laie nicht einmal sagen ob es sich um Mann oder Frau handelt.
Außerdem besteht die Ausstellung nicht nur aus kompletten Körpern (auf dem Plakat ist ein Mensch abgebildet, dessen Muskelgruppen herausgearbeitet wurden, hoch interessant zu sehen, wie diese bei Bewegung zusammenspielen), sondern es werden auch hauptsächlich Organe gezeigt. Dadurch bekommt man Einblicke in die Funktion der Organe bzw welche Auswirkungen eine ungesunde Lebensweise auf diese hat.
Ich habe in der Ausstellung auf alle Fälle viel über meinen eigenen Körper gelernt und bereue es nicht dortgewesen zu sein.
Das das natürlich nicht für jedermann etwas ist, verstehe ich
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ausstellung, körperwelten, leiche, plakat

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