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  #1  
Alt 06.04.2010, 00:10
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

In den 1950er Jahren beschreibt der bayerische Schriftsteller Josef Martin Bauer die Flucht des Kriegsgefangenen Cornelius Rost über 14.000 Kilometer von Sibirien nach Österreich.

Cornelius Rost kam nach seiner Verhaftung im 2. Weltkrieg in eine Bleimine nach Ostsibirien. Nach mehreren misslungenen Fluchtversuchen konnte er dennoch entkommen. Von einfachen Russen wurde er immer wieder gerettet und unterstützt. Zwischen Verzweiflung und Durchhalten erreichte er schließlich Teheran und kam 1952 über Ankara wieder nach Hause.

Dem Tatsachenroman von Josef Martin Bauer liegen Tonband-Erzählungen von Cornelius Rost zu Grunde, die Geschichte wurde mehrfach verfilmt und bewegte damit Millionen Menschen.

Dass Cornelius Rost (gestorben 1983) ein Tiroler war, ging diese Tage als Neumeldung durch unsere Regionalpresse. Das hat mich etwas verwundert, da dies ohnehin hier in Tirol allgemein bekannt war.


Die Erzählungen von Menschen, die aus ihrer Kriegsgefangenschaft zu Fuß oder ähnlich abenteuerlich aus Russland (oder anderen Ländern) in ihre Heimat gekommen sind, finde ich persönlich außerordentlich interessant (und waren einer meiner Gründe Ethnologie zu studieren).

Wer kennt Erzählungen der Flucht? Flucht aus der Heimat ist nach wie vor eines der tragischsten Themen der Menschheit und findet leider ständig bis in die Gegenwart (zB. EU-Außengrenze etc) statt.

Wer kennt Erzählungen von Flucht im 2. Weltkrieg?
Wer möchte von Flucht heute erzählen?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #2  
Alt 06.04.2010, 07:31
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

ich kann geschichten von den flüchtlingen hier im ort erzählen, die ich eine weile betreut habe. da waren auch abenteuerliche erzählungen dabei.
(unter anderem von einer mongolischen frau, ich komme später drauf zurück, habe grade zu wenig zeit)
und meine freundin hat von einem tschetschenischen flüchtling ein kind bekommen, er lebt jetzt im kaukasus und hilft seiner familie die dorthin geflüchtet ist, ein haus zu bauen, wird aber später nach österreich zurück kommen...
mein großvater war auf der krim in russischer gefangenschaft. geflüchtet ist er nicht, er kam mit dem zug zurück und musste dann zu fuss von waidhofen/ ybbs rein nach opponitz, wo meine großeltern damals auf einem berg wohnten.
er war ganz aufgebläht, hat von hunger und tod erzählt, von bomben und zugentgleisungen, war in einem lazarett in deutschland weil ihm bei einer explosion der finger abgetrennt wurde...
ich weiß noch, wie er erzählte, als er mit dem zug in waidhofen ankam.
er stieg aus und die ersten menschen die er sah waren russische soldaten.
und er musste an denen vorbeigehen...
er sagte,. das gefühl kann keiner nachvollziehen der nicht in russischer gefangenschaft war, wie das ist, wenn man nach jahren zurück in die heimat kommt und dann empfangen einen russische soldaten. er dachte, die schicken ihn gleich wieder zurück... aber er konnte vorbei gehen und sie sagten nichts... er ging dann die ganzen 14 km nach opponitz und den berg rauf und klopfte an die tür, wo die mutter dann öffnete...

so. ich muss leider weg, aber ich schreibe später weiter...
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  #3  
Alt 06.04.2010, 14:30
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

Hallo Sonja,

Du schilderst einen sehr beeindruckenden Aspekt im Zusammenhang mit Deinem Großvater:
Zitat:
er stieg aus und die ersten menschen die er sah waren russische soldaten.
Puh, das muss ja echt ein Stress gewesen sein...
Dieser Aspekt ist in meiner Region eigentlich gar nicht bekannt, hier waren die Amerikaner, Briten und Franzosen, die leider mit Russen wiederum absolut nicht zimperlich waren.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #4  
Alt 06.04.2010, 16:48
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

Eine mongolische Frau die als Flüchtling in Österreich gelandet ist, erzählte mir, daß sie in der Mongolei "Ärzte ohne Grenzen" gesehen hätte. Und das waren in ihrem Fall Österreicher. Und da wusste sie, daß wir Österreicher eine gute medizinische Versorgung haben müssen.
Sie hatte damals einen 8-Jährigen Sohn. Der hatte einen Herzfehler und es gab in der Mongolei Komplikationen bei der Geburt.
Nun war sie wieder schwanger und befürchtete, daß ihr zweites Kind wieder einen Herzfehler haben könnte und daß es in der Mongolei nicht die notwendige medizinische Versorgung gäbe.
Deshalb hat sie einem Schlepper 300 Doller bezahlt, der sie dann nach Österreich gebracht hat, samt ihrem 8-Jährigen Sohn und schwanger zu ihrem zweiten Kind.
In Österreich hat sie dann zuerst im Auffanglager Traiskichen gelebt und wurde von dort zu uns ins Dorf gebracht.
Hier lebte sie dann, brachte 2005 einen Jungen zur Welt, er hatte die Nabelschnur mehrmals um den Hals gewickelt, sie wurde damals mit der Rettung nach Waidhofen gebracht.
Im Krankenhaus hab ich sie mehrmals besucht und ihr Erstlings-Sachen gebracht, während sie im Krankenhaus lag habe ich 3 Wochen ihren anderen Sohn in Pflege gehabt.
Einige Wochen nach der Geburt stand sie vor meiner Haustür, sie bräuchte Geld um nach Traiskirchen zurück zu fahren. Sie wollte zurück in die Mongolei.
Ich habe ihr damals das Geld gegeben, es war ein tränenreicher Abschied und ich habe danach auch nie wieder von ihr gehört, obwohl sie versprochen hatte, sie würde mir eine Postkarte schicken, wenn sie zurück in der Mongolei wäre...
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  #5  
Alt 06.04.2010, 16:57
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

Ein tschetschenischer Freund den ich ebenfalls hier im Ort kennen lernte, erzählte mir, daß er mit seinen Schwestern und seinen Eltern in einem Haus in Tschetschenien lebte, als eines Nachts russische Soldaten das Haus stürmten und alle aus dem Haus zerrten, auch den herzkranken Vater, was er damals als ganz furchtbar empfunden hat.
Die Familie flüchtete dann in den Kaukasus, aber er selbst wollte nach Österreich, er hatte Bekannte die auch nach Österreich, Belgien, Deutschland und Italien geflüchtet waren.
Ich weiß nicht wie genau er geflüchtet ist, aber er kam über die Tschechei rein.
Er konnte extrem gut malen, deshalb hab ich ihm dann Leinwände und Farben gekauft, er kam mehrmals die Woche zu mir malen, (russische Schule), er malte Landschaften, Portraits und Tiere, malte auch nach Fotos auf Bestellung...
Ich habe zwei seiner Bilder im Haus hängen die er mir geschenkt hat.
Meine Freundin hat ein Kind von ihm bekommen, die Kleine ist jetzt zwei Jahre alt, und hat ihren Papa im Kaukasus auch schon mit der Mama besucht, sie chatten regelmässig und telefonieren, schicken sich Pakete und Briefe.
Er möchte auch dieses Jahr nach Österreich kommen.
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  #6  
Alt 06.04.2010, 17:03
Rabenweib Rabenweib ist offline
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Standard AW: Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

Eine liebe Freundin aus Bosnien erzählte, wie sie mit ihrer Tochter tagelang im Bunker saß, wie die Bomben ringsherum einschlugen und sie bei jeder Detonation sich über ihre Tochter warf um sie eventuell mit dem eigenen Leben zu schützen.
Die Männer wurden eingezogen, die älteren Frauen blieben im Dorf, sie stieg mit der kleinen Tochter in einen der Busse, die nach Ungarn fuhren.
Aus Ungarn kam sie dann zu uns nach Österreich.
Sie musste damals ihre Mutter und ihren Bruder zurück lassen und wusste nicht, ob sie ihren Mann jemals wieder sehen würde.
(Er folgte ihr dann später, sie lebten einige Jahre zusammen in einer Wohnung und sie ließen sich dann scheiden)
Im Fernsehen sah sie dann, wie das ganze Dorf zerstört wurde, sie wusste, ihre Mutter und ihr Bruder sind da drin... Sie sagte, sie hätte nichtmal mehr weinen können, so geschockt war sie.
Sie erzählte mir immer wieder, daß "die Amerikaner den Weg zum Öl frei machten" und deshalb diesen Krieg begonnen hätten, sie beteuerte immer wieder, daß vor dem Krieg Bosnier und Serben friedlich zusammen gelebt hätten, daß der Krieg im Fernsehen entstanden ist.
Sie hatte damals in Bosnien ein neues Haus gebaut, arbeitete in einer Modeboutique. Hat eine höhere Schule gemacht, war eine sehr intelligente Frau, man merkte ihr an, daß sie ziemlich nobel gelebt haben musste.
Ich war sehr oft bei ihr und der Tochter zu Besuch, wir haben viel geredet, sie erzählte mir von den Kriegsverbrechen, von Vergewaltigungen, Frauen die auf heiße Herdplatten gesetzt wurden, Männer die zusehen mussten wie ihre Frauen vergewaltigt wurden, usw...

Sie lebt heute in Oberösterreich in der Stadt, ihre Tochter spricht mittlerweile Mundart. :-)
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Stichworte
berichten, erzählen, eu-außengrenze, flucht, heimat, kriegsgefangenschaft, tatsachen

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