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  #1  
Alt 05.12.2014, 14:48
Benutzerbild von Elfie
Elfie Elfie ist offline
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Eine kleine Geschichte aus dem niederösterreichischen Mostviertel der 1950er Jahre, zum 5. Dezember passend:


In Lisas Kindheit gab es keine Zeit.

Als die Tage kürzer wurden und das Wetter immer öfter ein Spielen im Garten verhinderte, weil es kalten Regen und bald schon den ersten Schnee gab, kam statt der Adventzeit die Mutter mit einem großen Reisigkranz. Der wurde mit Schokoengerln, Windringerln und Schnappsflascherln geschmückt, auch Lametta kam darauf und vier Kerzen.
Vater plazierte ihn auf den Haken an der Decke und jeden Sonntag wurde eine Kerze mehr angezündet.

Später kam statt der Weihnachtszeit das Christkind.

Zuvor aber, solange der Kranz da oben hing, gab es noch einige geheimnisvolle Vorgänge und an einem bestimmten Abend war Spannung angesagt: der Nikolo kommt.
Weiß gekleidet mit Mütze, Bart und Stab und einem Gefährten, der weniger beliebt war.
Auf diese Weise schuf man Ordnung: der Bischof für die Guten, der Teufel für die Bösen und die Kinder glaubten es.

Tage zuvor schon wurde liebevoll drauf hin gewiesen: „ nau woat nur, waunst net brav bist, hoit di da Krampas“.
Die langen Abende, die Enge der großelterlichen Küche, zu wenig Platz für Bewegung – da war brav sein ein Kunststück.
Ein guter Grund also, den Teufel auf den Plan zu rufen. Und wirklich: eines abends bedrohliches Kettenrasseln vorm Fenster.
Auch schlagen an die Schuppentür.
„Der Dodl haut mas Dirl zaum“ brummte Großvater in Richtung Großmutter. Trotz des Herzklopfens hörte Lisa das.
Warum Großeltern an die Schwerhörigkeit kleiner Kinder glauben, bleibt ein Geheimnis, jedenfalls wußte Lisa, dass es extra aufzupassen galt, wenn einer von ihnen in bestimmter Weise seine Stimme absenkte und sich dem Ohr des anderen näherte.
Auf diese Art schnappte sie auch eines langen Abends Großvaters Worte auf: „Host eh in Scherza Naz gsogt, er soi auf d´Nocht mit da Kedn kuma?“
Nachdem Zeit aber keine kindergerechte Kategorie ist, fehlte Lisa der Zusammenhang.

Auch die Eltern fielen einmal aus dem Rahmen der perfekten Inszenierung, als der Nikolo mit einem ganz besonders ungestümen Krampus daherkam.
Der Bischof besah sich einige Schulhefte, stellte ein paar Fragen, verlangte ein kurzes Gebet und beschäftigte so das Kind, das schon sehnsüchtig auf sein Sackerl wartete.
Trotzdem entging ihm nicht, dass es der Krampus auf den Vater abgesehen hatte. Er tat ganz wild mit seiner Rute, schlug den armen Mann sogar, der auf der Couch zwar jedesmal die Beine anzog und die Arme schützend vors Gesicht hielt, dabei aber verhalten lachte.
Das muss den Teufel ja ärgern, dachte Lisa.
Plötzlich machte die Mutter, die bis dahin neben ihr beim Nikolo gestanden war, einen Schritt auf die beiden zu und zischte: „Heast, hau ma net de Möwen o!“
Auch dem Vater wurde es zu bunt und im gleichen Tonfall sagte er: „Jetz schleich di mit den Bledsinn!“
In diesem Moment bekam Lisa ihr Sackerl und war selig.
Als die beiden Gäste die Wohnung verließen – der eine würdigen Schrittes, der andere grölend springend, war das Gehörte längst vergessen.

Als später schon leichte Zweifel an der Echtheit dieser Gestalten auf kam, verhalf ein Ereignis zur endgültigen Klarheit:
Die Wohnungsnachbarin, Frau Beranek, erzählte der Mutter, dass heute der Krampus kommt, weil der Franzi gar so schlimm ist.
Dieser war dabei und gab sich furchtlos: „Den reiß i de Loava owa, den reiß i in Schwoaf aus!“
Am Abend Gepolter im Vorhaus. Lisa und die Eltern schauten vorsichtig vor die Tür.
Nikolo und sein Begleiter gingen in die Nachbarwohnung und Lisa folgte ihnen in sicherem Abstand, bis sie in die beranek´sche Wohnung sehen konnte. Franzi saß auf dem Schoß der Mutter und sagte unentwegt mit schreckensweiten Augen: „Vataunsa derdubist, Vataunsa derdubist, Vataunsa . . .“

Irgendwie gönnte sie dem frechen Buben seine Angst, doch sie hatte zuvor, als sie den beiden gefolgt war, die Ohren und den Hals hinter den Masken gesehen.
Das war das Ende einer Illusion.

Lisa schwieg noch lange. Sie wußte: würde sie es der Mutter sagen, kämen die beiden nie wieder.
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  #2  
Alt 05.12.2014, 15:02
Babel Babel ist offline
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Ja, die Inszenierungen für die Kinder ...

Ich habe mal als kleines Kind eine Schublade aufgezogen – mit schlechtem Gewissen, denn alles, was nicht ausdrücklich erlaubt war, das war (oder hielt ich für) verboten. Aus der Schublade glotzte mir das Gesicht des Nikolaus entgegen. Mein Entsetzen war unbeschreiblich, obwohl mir vage bewußt war, daß es eigentlich nicht der Nikolaus sein konnte, denn der war doch viel größer als die Schublade.
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  #3  
Alt 05.12.2014, 16:32
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Elfie Elfie ist offline
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Die Phantasie reichte ja aus fürs Entsetzen, denn wenn man etwas Verbotenes tat, war die Logik ausgeschaltet, so sehr war man meist auf "Strafe" getrimmt.
Damals konnten Eltern sich eben (fast) noch drauf verlassen, dass die Kinder nicht überall hineinschauen oder stirln, wie das bei uns hieß.
Spannend blieb es noch viel länger, als man erst mal lesen konnte .
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  #4  
Alt 05.12.2014, 17:47
klarad klarad ist offline
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Ich bin übrigens sogar einmal selbst als Krampus aufgetreten, ein wenig verkleidet schon, dann von Natur aus schau ich zwar zum Erschrecken aus, habe aber keine Hörner und keinen langen Schwanz . Nach dem Auftritt mit dem Nikolaus bin ich dann unverkleidet wieder zu der Familie gegangen und der kleine Bub, dem der Besuch gegolten hatte, hat mir ganz aufgeregt erzählt, dass der Krampus auch da war und ganz fürchterlich gestunken hat !!
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K.D.
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  #5  
Alt 05.12.2014, 20:21
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@ klarad: das war jetzt aber ein schriftlicher Mordversuch!!!
Wir sind nun beinahe gestorben vor Lachen...

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #6  
Alt 06.12.2014, 12:56
harry harry ist offline
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Irgendwie erinnert mich Elfies wunderbare Geschichte an einen Nikolausabend irgendwann Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre. Es war das erste Nikolausfest, an das ich mich erinnern kann. Ich sollte, wie ich später rekonstruierte, einen Werkzeugkasten bekommen. Nach der üblichen Vorlese- und Gedichtaufsage-Zeremonie leerte der Nikolaus schwungvoll den Sack aus und der Werkzeugkasten und ein kleiner stählerner Amboss knallten auf den neuen Parkettboden.
Zuerst wurden meine Eltern rot im Gesicht und dann durfte ich meinen Wortschatz um einige Wörter erweitern, die ich auch heute noch nur sehr selten verwende.
Den Amboss besitze und verwende ich heute noch.
Miniaturansicht angehängter Grafiken
Amboss.jpg  
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Harry
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  #7  
Alt 06.12.2014, 13:46
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Krampus finde ich furchterregend, gut dass wir hier einen lieben Nikolaus
haben. Ganz traditionell roter Mantel, langer weißer Bart, goldenes Buch
unter dem Arm. Knecht Ruprecht mit Rute, sein Begleiter, wurde ziemlich
abgeschafft, heuer begleitet ihn oft ein Engel. Ich habe ihn aber auch schon
weiß/gold mit Bischofsmitra erlebt (ich glaube, so heißt "die katholische
Kopfbedeckung").-Ulrike
P.S. War das Loch im Fußboden groß?
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  #8  
Alt 06.12.2014, 13:58
Babel Babel ist offline
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Zitat:
Zitat von Ulrike Berkenhoff Beitrag anzeigen
Krampus finde ich furchterregend, gut dass wir hier einen lieben Nikolaus
haben. Ganz traditionell roter Mantel, langer weißer Bart, goldenes Buch
unter dem Arm. Knecht Ruprecht mit Rute, sein Begleiter, wurde ziemlich
abgeschafft, heuer begleitet ihn oft ein Engel. Ich habe ihn aber auch schon
weiß/gold mit Bischofsmitra erlebt (ich glaube, so heißt "die katholische
Kopfbedeckung").-Ulrike
P.S. War das Loch im Fußboden groß?
Als geborene Norddeutsche habe ich erst als schon seeehr Erwachsene erfahren, daß es Gegenden gibt, in denen der Krampus erscheint. Knecht Ruprecht war uns als Kindern dem Namen nach bekannt, aber üblicherweise kam der Nikolaus allein, mit Sack und Rute. Einen langen weißen Bart hatte er, weil der an der Maske dran war, aber rotgekleidet war er nicht. Entweder war die Coca-Cola-Mode noch nicht bekannt, oder es lag einfach daran, daß man während des Krieges keine roten Mäntel zu kaufen bekam. Er kam einfach im dicken Mantel mit Kapuze oder Pudelmütze. Erschreckend war er nicht (die verlangten Gedichte und Lieder konnte ich, und auch sonst war ich immer brav ), jedenfalls nicht, wenn er lebendig auftrat – nur, wie oben schon erzählt – als Maske in der Schublade.

P.S. Zur Beschädigung neuer Parkettfußböden wurden in den 50er Jahren die eisenbeschlagenen Pfennigabsätze erfunden.
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  #9  
Alt 06.12.2014, 23:32
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Elfie Elfie ist offline
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Zitat:
Zitat von harry Beitrag anzeigen
Zuerst wurden meine Eltern rot im Gesicht und dann durfte ich meinen Wortschatz um einige Wörter erweitern, die ich auch heute noch nur sehr selten verwende.
Den Amboss besitze und verwende ich heute noch.
Da bin ich aber froh, dass bei dieser ehrwürdigen Gelegenheit nicht nur meinen Eltern Unheiliges entfuhr
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  #10  
Alt 07.12.2014, 00:55
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@ Harry: Da hast Du aber einen schönen Amboss bekommen! Scheint eine gute Qualität und ideale Größe für kleinere Arbeiten zu sein.

Wolfgang (SAGEN.at)
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Stichworte
advent, krampus, nikolaus, weihnachten

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