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  #1  
Alt 16.09.2006, 17:31
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Kleine Geschäfte, der "Kaufmann", Gemischtwarenhandlung, die Dorfkrämerei, Dorfgreißler oder Kolonialwarenhandlung, sind heute fast ausgestorben. Im städtischen Bereich gibt es fast nur noch Supermärkte, Diskonter und sonstige Großhandelsketten - ein Problem, das uns sicher später noch Sorgen bereiten wird.

Doch die meisten von uns sollten sich noch an den kleinen Dorfladen erinnern.


Krämerei im Wörndl-Austraghaus (Einrichtung der Dorfkrämerei Aurolzmünster bis 1964, Mobiliar 1927); Salzburger Freilichtmuseum Grossgmain;
© Wolfgang Morscher, 29. Juni 2001

Was auf dem Foto leider nicht dargestellt werden kann, sind die Gerüche dieser kleinen Geschäfte. In der einen Ecke roch es nach den offenen Lebensmitteln, in der anderen Ecke nach dem Dünger und Spritzmitteln, in der Mitte des Raumes nach dem Fliegenfängerstreifen, der von der Decke hing...

Was habt ihr für Erinnerungen an den kleinen Dorfladen?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #2  
Alt 16.09.2006, 20:40
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cerambyx cerambyx ist offline
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Ausrufezeichen AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Schwupp, und schon ist man in den Kindheitserinnerungen verschwunden:

Unser Greißler war im ersten Stock einer Hitler'schen Reihenhausanlage in Steyr (Stadtteil Münichholz) untergebracht - in einer normalen Wohnung - mit allen für den Verkauf denkbaren Nachteilen: Lager im (Luftschutz!)Keller, unübersichtlich (Ladendiebstahl) und Probleme mit den Nachbarn wegen Kundenverkehrs (wenn der Mann im Erdgeschoß von der Nachschicht in der Kugellager-Fabrik heimkam, wollte er natürlich schlafen!!). Kinder waren im Geschäft ungern gesehen bzw. strengstens überwacht (eben wegen Diebstahlgefahr!), manchmal sogar, wenn mehrere erwachsene Kunden da waren, sogar wieder heimgeschickt (das war die nette Variante: "komm später wieder wenn die Leute weg sind") oder auch mit bösen Worten verjagt ("Ihr wißt genau, daß ihr nicht kommen sollt wenn die Großen einkaufen kommen - wann merkt sich das eure Mutter endlich!!!").

Andererseits war es möglich "2 offene Zigaretten, bitte" für die Eltern zu kaufen, wenn sie was zu feiern hatten, oder "ein Bier über d'Straß'n" zu holen - das Gefäß hatte man mit, ein (offenes) Bier wurde hineingeleert, bezahlt und vorsichtig die Stiege hinab, über eine Straße hinweg und wieder einen Stock hinauf zum Vater/zu den Eltern getragen - womöglich ohne Unfall! Seltsam war für mich damals, daß ich als 6-7-jähriger bereits diese "Bier"gänge (selten genug war das der Fall: wir waren immerhin 5 Kinder und das Geld mehr als knapp!) erledigen durfte, bis ich irgendwann draufkam, daß meine älteren Brüder fallweise einen kräftigen Zug taten, dies in der Waschküche wieder auffüllten, den Schaumaufrührten und so heimbrachten - und dies die Eltern irgendwann bemerkten!!! Tja, und ich als Jüngster hätt mir das ja nie getraut (DENKSTE!!! ... aber eben erst später!).

Der Geruch im Geschäft war geprägt von Bodenwachs und Zigarettenrauch - die Greißlerin war äußerst reinlich und pedantisch dahinter, daß kein Schmutz sich breit machen konnte.

Im Gedächtnis ist mir noch die geheimnisvolle Milchpumpe, die irgendwie genau wußte, wann ein halber Liter in der Milchkanne war .... und mittels eines Hebels - ich hab das genau beobachtet und meiner Schwester, die das nie begriff auch niemals niemals verraten !!! - konnte man den Pumpenweg halbieren und sogar ein Viertelliter bemessen! Tja, mit wenig Haushaltsgeld mußte man knappest die Lebensmittel kalkulieren!

Wurst war selten am Tisch, und beim Einkauf gabs bei meiner Mutter nie die Nachsicht auf "Darf's ein bisserl mehr sein?" Sie verweigerte das Wurstradl zuviel standhaft - und die Wurstradln kamen abgezählt aufs Brot: die großen Brüder (damals ca. 15 und 17) je sieben Räder, ich (damals ca. 7) nur 5 Räder - das war streng eingeteilt, fast ritualisiert ....

Der "Wischfetzen", mit dem die "Verkaufsbudel" abgewischt wurde, war ein herausgeschnittener und gesäumter Hemdrücken, der auf der Registirerkassa lag. (Ich weiß das deshalb so genau, weil auch ich als "Kleiner" dieses heraustrennen/herausschneiden machen mußte - und die karierten Hemden des "Chefs" mir bekannt waren!). Dieser Fetzen roch - naja - eher streng, vom Milchspritzer über Bierspritzer, Käsekrümel und Waffelbrösel fand sich darin wohl alles ..... und SO oft wurde der scheinbar nicht getauscht ....

Übrigens wurde sogar eine alte Form von Klopapier verkauft: geviertelte Wochenzeitungsseiten, und von den "begüterten" wurde das tatsächlich fallweise gekauft!! (wir Kinder machten das immer selber - unsere Mutter sagte immer, wir helfen so sparen!) - am WC (damals noch ein unüblicher Begriff: Klo war der richtige Ausdruck damals!) war ein Brett auf einem Schemel mit einem senkrechten Nagel drin, da war das Papier zur Entnahme aufgespießt ....

So, genug für heute ... die Erinnerungen sausen nur so in die Finger und von da in die Tastatur!

Norbert aus dem Steyrtal
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  #3  
Alt 17.09.2006, 12:41
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Lächeln AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Hallo Norbert, da hast Du ein schönes Thema ins Forum gestellt auf das ich
gleich reagieren möchte! Auch in meiner Kindheit gab es einen "Tante Emma
Laden". Die freundliche Kauffrau schenkte mir die "Knäppchen" von
den großen dicken Aufschnittwürsten. Das war immer ein Fest! Sie
führte ein Anschreibbuch, denn viele Leute mußten auf Vorschuß leben.
Kinder wurden oft ohne Geld zum Einkaufen geschickt! Geheimnisvoll
war es früher mit Damenbinden. Die Mutter schrieb auf einen Zettel das
Gewünschte, hinter der Theke wurde ein Paket in eine alte
Zeitung eingewickelt und diskret in die große Einkaufstasche gesteckt. Im
Laden gab es "Bündchen" Brennholz zum Ofenanmachen. Die Leute waren
hinter alten Holzkisten (Stiegen) her. "Klümpchen" (Bonbons) gab es schon
für 1 Pf., aber den mußte man erst mal haben. Pergament (Ölpapier,
Butterbrotpapier) wurde mehrfach verwendet, die Pausenbrote kamen zudem
noch in einen Bogen Zeitungspapier. Den Männern wurde oft in der
Mittagspause ans Werkstor ein "Henkelmann" (Warmhaltegefäß) mit Essen
gebracht. - Ich kenne noch Klopapier aus Zeitungen und Plumsklos
(Herzhäuschen). - Vieles wurde ja noch lose eingeholt: Milch vor allem.
Da wir (zum Glück) einen großen Garten hatten gab es viel Selbst-
versorgung. Es kamen noch sog. "Hausierer" an die Türen (z.B. mit
Kurzwaren), oft waren es kriegsversehrte Männer. Bei uns bekamen sie
etwas zu Essen u. die Frauen der Familie kauften Wäscheknöpfe u.a. ab.
- Nun schließe ich mit vielen Grüßen und hoffe auf noch mehr
Berichte dieser Art! Ulrike

Geändert von Ulrike Berkenhoff (17.09.2006 um 12:46 Uhr)
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  #4  
Alt 17.09.2006, 17:11
dolasilla dolasilla ist offline
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Standard AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Als kleines Mädchen bin ich mit meiner Mama noch in die Greißlerei gegangen, erst Mitte der Siebziger-Jahre kam das sog. "Donauzentrum" im 22.Bezirk in Wien (ein groooooßes Einkaufszentrum für damalige Verhältnisse, das mittlerweile ungefähr viermal so groß ist wie damals).

Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass wir in der Greißlerei die Milch in losen Plastiktüten gekauft haben, die man dann zuhause in eine Kanne oder einen Krug geschüttet hat, welche dann im Kühlschrank aufbewahrt wurde. Mehl, Zucker u.ä. wurde alles "lose" gekauft.

Als dann o.g. Einkaufszentrum eröffnete, war's dann mit den Greißlereien in der Umgebung bald aus - und gänzlich neu und wahrlich unerhört war, dass man im Einkaufszentrum SELBST die Waren aus dem Regal nahm und ins Einkaufswagerl (auch eine Neuheit!) legte.

Wegen der Bier-Hol-Nostalgie aus dem Wirtshaus (übrigens in Wien, nicht am Land): Das mach ich übrigens noch heute : Ins Wirthaus gegenüber gehen und ein mitgebrachtes Glas mit Bier oder Wein befüllen lassen, zahlen, heimgehen und austrinken. Funkt tadellos ;-)
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  #5  
Alt 17.09.2006, 18:08
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Standard AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Hallo Dolasilla, an deinem Bericht merke ich: Du mußt jünger sein als ich.
Milch in Plastikschläuchen löste auch bei uns die wirklich lose Milch ab, sie
wurde in Kannen abgeholt. Wenn man ein Dummchen war legte man zum
Einholen das Geld unten in die Kanne, der Händler goß mit einem Litermaß die
gewünschte Menge
hinein. Wollte man zahlen: Auweia, das Geld war noch unten in der Kanne!
Scherz beiseite: Du erzählst sehr anschaulich von der Sensation der ersten
Selbstbedienung mit Einkaufswagen. Beneidenswert wer heuer noch Bier und
Wein holen kann wie Du es schilderst! Bin gespannt auf weitere Erzählungen
dieser Art hier im Forum. Viele Grüße (wenn ich es recht verstanden habe nach
Wien?)! Ulrike B.
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  #6  
Alt 17.09.2006, 18:23
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Standard AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Hallo Ulrike,

zur Entwicklung der Selbstbedienung im Lebensmittelhandel zwei Artikel hier im Forum:
- Tempoladen
- Selbstbedienung

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #7  
Alt 17.09.2006, 18:59
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Standard AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Hallo Wolfgang, danke für die Hinweise und alten Fotos. Konsum war auch
bei uns verbreitet , später co op (bis zur bitteren Pleite, viele Kleinanleger
um ihre Anteile betrogen). Mir fällt zum Thema noch ein: Früher gab es auch
Drogerien, die fast alles hatten (vom Streusalz über Babyschnuller bis zur
Kosmetik). Auch diese wurden durch die bekannten großen Filialgeschäfte
(dm, ihr platz, schlecker u.a.) vom Markt gedrängt, genau wie die kleinen
Buchhandlungen (in einer habe ich gearbeitet). Hinterher jammern die
Verbraucher oft den alten Zeiten nach, denn das persönliche u. die fachliche
Beratung bleiben oft auf der Strecke! Schön wären hier noch weitere Fotos
von anderen Forumsbenutzern (kann ich leider nicht mit dienen). Mir fällt aber
das Buch (aus der Heimat meiner Mutter)ein von E. Strittmatter: Der Laden.
Verfilmung war ja auch im Fernsehen! Viele Grüße von Ulrike!
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  #8  
Alt 18.09.2006, 00:07
Nicobär Nicobär ist offline
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Standard Der Kaufmann von der EDEKA

Erinnert Ihr Euch noch an die 70er Jahre, als Rudi Carrell in einem Werbespot der 'Kaufmann von der EDEKA' war? Überall gab es damals diese kleinen EDEKA-Märkte, egal, ob nun in der Stadt oder auf dem Lande; teilweise haben sie bis vor ein paar Jahren noch überlebt, bis die Inhaber starben oder in Rente gingen.
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  #9  
Alt 18.09.2006, 00:24
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Standard AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

EDEKA dürfte den österreichischen ADEG-Läden entsprechen?
Die ADEG-Läden sind wohl die Retter der Nahversorgung und waren schon öfter sozusagen mein "Lebensretter" beim Wandern. Ich glaube, ganze Bergsteiger-Generationen können vom ADEG eine Retter-Hymne singen...

Die Kette hatte zwar stark unter der Konkurrenz der Diskonter und Großhandelsriesen zu leiden, scheint sich aber nun wieder recht positiv im Sinne der notwendigen Nahversorgung zu etablieren: sie ist bei uns für erfolgreiches Jungunternehmertum wieder in die Schlagzeilen gekommen.

Abseits vom Wirtschaftlichen:

Ein ADEG-Rezept, das Kultstatus in Österreich hat:

Beim ADEG am Sonntag in der Früh vor der Bergwanderung

- eine Packung "Manner-Schnitten"
- ein Paar "Landjäger"
- eine "Zeile" (D: eine Art Brötchen, Semmel)
- eine Packung Traubenzucker
- eine Dose "Cola"
- ein "Dreh und Drink" (auch "Sunkist", "Schartner Bombe" oder "Kracherl")

DAS IST KULT!

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #10  
Alt 18.09.2006, 15:52
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Standard AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

EDEKA hat bei uns die co op (Konsum) Filialen übernommen .
Wenn wir bei dem Thema "kleine Läden" sind, es gab auch kleine Schuhgeschäfte, meist war der Mann Schuhmacher u. die Frau verkaufte
(meist an Stammkunden) Schuhe u. Zubehör. Ich vermisse diese Fachberatung!
Da ich immer Probleme hatte (schon als Kind) bestellten sie sogar passende
Schuhe oder Stiefel, auch zur Auswahl. Gibt es das noch? Ein Arbeitskollege
ließ sich damals mal in Österreich Bergschuhe nach Maß anfertigen , heuer kann
man die sicherlich nicht mehr bezahlen (oder gibt es da vielleicht Geheimtipps).
- Bei uns vor Ort gibt es eine große Blumenhandlung mit zig Filialen, so
gingen auch viele kleine Geschäfte ein. Manche Gärtnereien haben sich
spezialisiert u. verkaufen vor Ort, die billige Einfuhr aus der 3. Welt hat den
Vorteil, dass Menschen dort Arbeit haben aber zum Nachteil ihrer Gesundheit
(Gift). Hier kann Qualität nicht zu den Dumpingpreisen angeboten werden.-
Unser Bäcker nimmt jetzt für ein Brötchen 27 C. Es gibt aber Billigangebote
1 Euro für 10 Brötchen! Ich glaube, dies Thema könnte endlos werden.
Ulrike
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