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Alt 23.11.2012, 18:39
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Ort: St. Anton an der Jeßnitz NÖ,(mein Atelier befindet sich in Lunz am See)
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Standard Ein Tagebuch

Knapp bevor er aus dem Leben schied, hat mir Franz Loidelsbacher aus St. Anton an der Jeßnitz sein Tagebuch überreicht. Aus einer etwas wirren Aufzählung seiner Erinnerungen habe ich dann schließlich seine Lebensgeschichte erstellen können:
Aus dem Tagebuch des Franz Loidelsbacher

Franz Loidelsbacher, geboren im Hause Matzenberg, wohnhaft in St. Anton, Anger 1.

Meine Familie:

Meine Geschwister, alle geboren im Hause Matzenberg:

Hans 19. 11. 1908
Simon 03. 06. 1907
Franz 20. 09. 1905
Josefa 18. 02. 1895
Viktoria 16. 11. 1891
Anton 1893
Wastl (Sebastian) starb im siebenten Lebensjahr an einer Kinderkrankheit.
Sepperl (Josef) ist im elften Lebensjahr beim Schlittenfahren auf der steilen Wiese verunglückt.

Unsere Mutter war eine gute und fleißige Frau, Anna hieß sie, sie wurde am 3. 6. 1867 am Matzenberg geboren. Früher hieß es Nieder-Spatenberg und Mutter war eine geborene Mitterauer.

Vater, Sebastian Loidelsbacher, wurde im Hause Ober-Stein, in Anger 15, geboren. Unser Vater fiel beim Stallbauen 1914 vom Stadl in den Stall hinunter und hat sich dabei den Kopf verletzt. Seither litt er immer an Kopfweh. Er starb im April 1918 an Gehirnhautentzündung im 52. Lebensjahr. Vater war Bauernrat, Raiffeisenkassier, Schule-Aufseher und Kirchenvater. Er war auch noch in der Kriegszeit Schätzmeister und allerhand solche Arbeiten. Die Nachbarn kamen oft fragen, was in der Zeitung Neues steht; Vater hatte die Zeitung, die Reichspost.

Hans hat 1935 geheiratet und das Haus übernommen.

Bruder Simon lernte Melker (Schweizer) in Laxenburg, dann war er bei Dr. Lumper in Unternberg. Zuletzt war er im Pfarrhof Dorfstetten beschäftigt, dann mußte er 1914 zum Krieg einrücken, ist in Gefangenschaft geraten und in Frankreich verhungert.

Anton studierte in Seitenstetten und Rom und wurde Benediktiner. Als Pater Odilo hielt er im Juli 1918 in St. Anton Primiz.
1915, glaube ich, mußten die deutschen Studenten von Rom flüchten. Anton hat sich dabei sehr verkühlt und war sehr oft krank. Odilo war in den Pfarren Kematen, Allhartsberg und als Aushelfer in verschiedenen Pfarren. Er starb am 30. Dezember 1938 im Schwesternheim Hainstetten und ist auch dort begraben.
Pater Odilo

Vom Antonisee:

Ich war fünf Jahre alt, ich weiß noch gut, wie der See entstanden ist: Im Mai 1910 war ein sehr arges Regenwetter, da rutschte eine große Erde- und Steinmure vielleicht 50 Meter herunter dem Solleck-Stadl ab und sperrte das Wasser im Raifgraben-Bach ab. Das Kleinhaus von Peregrin Schagerl, Anger 2, kam ganz ins Wasser und mußte geräumt und abgetragen werden. Von diesem Haus ging auch der Weg ins Solleck hinauf. „Das Wasser staute sich bis fast zu unserem Garten“, erzählte die Plank-Familie, die damals in Anger 1 wohnte.
Als Kind war Rosina Schagerl, jetzt Frau Aigelsreiter, 4 Jahre alt. Sie kann sich noch gut erinnern, wie das alles war. Die Leute und die Schüler mußten über Lüftenberg-Solleck oder Dachsgraben-Wolfsgrub gehen und fahren.


Wie ich mir die Ferse verletzte:

1911 habe ich zum Schulgehen angefangen und es war dann am 1. Mai 1912 zur Osterzeit. Mehrere Patenkinder waren zu Besuch und beim Versteckenspielen im Stadl - ich war ohne Schuhe vom Strohstock hinabgesprungen und ins Stockmesser mit der Ferse hinein (das Messer war richtig angebunden). Ich schnitt mir die Ferse fast weg, sie ist nur mehr fast in der Haut gehängt.
Mutter hat den Fuß mit Tüchern verbunden und Vater hat mich zum Jagersberger-Bäcker hinabgetragen - er war Bäcker und Fuhrwerker - und mit dem Pferd ins Spital nach Scheibbs gefahren. Primar Dr. Birnbacher hat die Ferse angenäht, dann sind wir wieder zurück gefahren und Vater hat mich wieder heim getragen ins Matzenberg. Zum Herausziehen der Heftfäden ist Dr. Birnbacher zu uns gekommen. Er ist mit der Post gefahren bis St. Anton, dann heraufgegengen. Vater und Mutter haben sich bedankt. Er hat dann später gesagt, nicht ihm, sondern dem Herrgott könne man danken, daß die Ferse wieder angeheilt ist. Aber sie ist etwas kleiner als die andere geblieben.
Vater hat mich oft in die Schule hinunter getragen und nachher mit dem Ochsenwagen heimgefahren. Für daheim machte mir Vater eine Krücke. Es hat lange gedauert, bis ich wieder gehen konnte. Die Ferse ist etwas kleiner als die andere und ich habe überhaupt Plattfüße.


Von der Arbeit:

Mit 10 bis 11 Jahren mußten wir beim Ackern vorne bei den Ochsen gehen und auch so allerhand leichte Arbeiten machen. Wir gingen fast immer ohne Schuhe, auch in die Schule. Im Herbst Obstklauben und anderes mehr, in der Früh Brot auswirken etc..

Im Herbst 1935 und anfangs Winter bauten wir und Nachbar Ober-Grollenberg einen neuen Weg herauf mit Krampen und Schaufel zirka 1 Kilometer; der alte Weg war viel zu steil.

Als unser Vater starb war ich 13 Jahre alt. Da kam Mutters Bruder Hofbauer-Franz (der Göd) - er war Pferdeknecht beim Nachbar Hofbauer - zu Hilfe. Aber Schwester Viktoria hat sich mit ihm nicht gut vertragen. Ein Jahr lang, bis ich 14 Jahre alt und aus der Schule war; blieb der Göd da, dann mußte ich schon viel arbeiten, jeden Tag das Grünfutter vom Hausgarten herauftragen für 4 bis 5 Kühe. Die Brüder halfen auch, wenn keine Schule war, manchmal auch die Schwestern. Im Tuch trugen wir 40 bis 50 Kilo oder oft mehr am Genick; Schwester Viktoria trug alles am Kopf.
Mit den Ochsen mußten wir alles fahren, ackern, säen. Die Heufuhren mußten wir anhalten, weil es war überall sehr steil, sonst fielen sie um. Ich lernte auch Strohdach machen, die Bauern hatten noch alle Strohdach.
Holzarbeit hab ich immer gern, ich glaube, es war in den 20er Jahren, da habe ich auch Holzschlägern geholfen in Ober-Grollenberg. Gekauft hat das Holz der Jagersberger Heinrich. Ich arbeitete mit Lechner Toni von der Prinst, wir waren zwei Schulkameraden und der „Großhans“ Esletzbichler Johann, Schagerl Konrad half auch manchmal.Wir arbeiteten im Spatenberg und in der Früh, als wir zum Holzschlag kamen, hat der Großhans schon ganz allein eine Fichte umgeschnitten gehabt - mit der Zugsäge! Er war sehr stark und auch groß, aber Essen hat er auch viel mögen. Er steht auch im Bezirks-Sagen-Buch drinnen, haben aber zuwenig geschrieben von ihm und hat auch viel erzählen können von alten Zeiten und Geistern.
Einmal hatte ich keine Steigeisen, es war Winter und gefroren und ich rutschte auf dem steilen Hang aus, hinunter in den Graben, ein Buchenbloch, das herunter kam, klemmte mir den rechten Fuß beim Knöchel ein. Der Großhans hat mich von dem wilden Graben hinauf getragen und nach Hause. Es hat lange gedauert, bis ich wieder halbwegs gehen konnte. Es ist der Fuß mit der kleinen Ferse.


Der Sonntag:

Alle gingen in die Kirche, meist blieb jemand zu Hause - Haushüten sagte man. Die Eltern waren sehr christlich, wir mußten beim Schulgehen jeden Tag in die Kirche gehen, auch von den Lehrern aus.
Am Sonntag mußte auch jemand nach Scheibbs gehen, Butter und Eier zum Radinger tragen. Vorher in die Kantine in Neubruck zum Kraus und noch vorher auch zum Piwonka-Lifka, die zahlten am besten, das war unsere Einnahme.


Die Versorgung:

Die Mutter ging jeden Freitag in die Kirche und nachher etwas einkaufen, Zucker, Salz, Gewürze; viel konnte nicht gekauft werden, weil das Geld sehr wenig war. Wir bauten soviel Korn, Weizen, Gerste an, was wir zum Essen brauchten, auch Hafer für die Schweine und Hühner. Das Getreide wurde in der Dornreitmühle gemahlen. Der Onkel von Ober-Stein hat´s mir gelernt und ich konnte später schönes Mehl mahlen, dann hab´s ich dem Bruder Hans gelernt.
Wir bauten auch Flachs an, das Stroh wurde zirka 80 cm lang. Im Herbst, wenn der Samen reif war, wurde er abgerüffelt und das Stroh zum „Retzen“ auf der Wiese schön in Reihe ausgelegt. Der Flachssamen ist auch für Mensch und Tiere ein Arzneimittel. Nach zirka 6 bis 8 Wochen wurde das Stroh wieder schön zusammengerecht. Es mußte trocken sein und wurde in Bündel gebunden und, wenn wir mit dem Obstdörren fertig waren, im Dürrhäusl gebrechelt. Übrig blieb das schöne Haar und das grobe Werch, die Frauen haben´s dann im Winter gesponnen und dann wurde es zum Weber getragen und gewebt. Nachher mußte alles gewaschen werden und gebleicht. Dann machten die Frauen daraus von dem Feinen Hemden, Leintücher, Tischtücher und Handtücher, von dem Groben für die Männer Hosen und Janker.
Wir bauten soviel an was wir brauchten.
Im Herbst war immer viel Arbeit mit Most machen und im Dörrhäusel Birnen für Kletzenbrot, Zwetschken und Äpfelspeitel. Wenn wir viel hatten, mußte Tag und Nacht geheizt werden, dann gab es auch viel Zwetschken zum Schnapsbrennen. In Bottichen wurden die Zwetschken gegeben und zirka vor Weihnachten zu Schnaps gebrannt.
Wir in Matzenberg hatten bei keinem Krieg Brotkarten. In St. Anton waren es nur 4 Bauern. Mutter verstand es gut zu wirtschaften. Wir bauten viele Kartoffeln an, die wurden aber auch immer sehr schön und wir bekamen alle Tage welche zu essen. Mutter gab auch gerne an jene, die Not hatten.


Vom Essen:

Jeden Wochentag in der Früh gab es Stohsuppe mit Rahm. Sie wurde in einer Schüssel auf den Tisch gestellt und alle aßen wir mit dem Löffel heraus. Vorher wurde immer gebetet und auch nachher. Zur Suppe gab es meistens Erdäpfel. Zur Jause zum Trinken Most, Brot, Kuhkäse oder manchmal ein Stückerl Fleisch, im Herbst und Winter Obst. Zum Mittagessen fast jeden Tag Sauerkraut mit Erdäpfel und Fleisch, Erdäpfel und Grießknödel, dann Käswasser oder gekochtes Dörrobst, kalt in einer Schüssel angerichtet. (Ich aß gerne fettes Fleisch). Meistens aber nahm ich Sauerkraut mit Erdäpfel und noch eine gute Suppe. Nachmittags zur Jause gabs das gleiche wie vormittags. Mittwoch und Freitag gab es kein Fleisch, sondern Strudel oder Eier oder Äpfelspatzen, Krammelknödel, Tirolerknödel oder andere gute Sachen.
Samstag abends hatten wir fast immer Grießkoch.


Brauchtum:

In der Zeit vor Weihnachten, im Advent war jeden Abend Rosenkranzbeten. Dazu knieten wir vorm Tisch - wir hatten dazu niedere Schemel. Wir hörten auch die Kirchenglocken läuten in Matzenberg und es war Brauch, beim Arbeiten den Hut abzunehmen und zu beten. Mutter kniete sich immer nieder beim Wandlung-Läuten.
Wir gingen fast immer ohne Schuhe, in den steilen Wiesen war das besser so, man rutschte nicht so leicht. Wenn wir mähen gingen, dann war der Tag erst grau und man hörte schon Juchzen von anderen Bergwiesen, Solleck, Loidl, Ober-Grollenberg - es war auch eine schöne und lustige Zeit. Ich ging auch oft Mähen zu anderen Bauern und Nachbarn - Ober-Grollenberg, Schlaglbauer, Ebenbauer und Unter-Grollenberg. Das war immer Nachbarshilfe - Schönen Dank.


Was sonst noch war:

1925 hatten wir am herunteren Teil vom Haus einen neuen Dachstuhl aufgebaut und mit Zementplatten gedeckt.
Schwester Viktoria hat ins Haus Maderlehen am Blassenstein geheiratet. Ist eine gute Wirtschaft am Blassenstein. Sie hatte 2 Kinder, Sepp wurde Bauer am Hause, Anna heiratete zum Moosbauern in St. Anton.
1927 anfangs Sommer ging ich mit Moosbauer in den Holzschlag zum Hutterstraßer. Da waren große Fichten zum Schlägern. Später arbeiteten auch noch der Hasenöd Ferdl (Baumann) und der alte Loidlbauer (Kalteis) mit. Es waren viele Bäume dabei die 4-5 Festmeter hatten und manche waren auch von den Wurzeln her morsch. Es war Sommer, das Holz wurde entrindet und Loh aufgestellt und nicht durchgeschnitten, das machten wir erst im Herbst - alles mit der Zugsäge, denn es gab noch keine Motorsäge. Im Herbst waren die Stämme schon etwas trockener, und wir schnitten sie durch, die schönen geraden auf 21 Meter Länge. Die wurden dann zum Weg hinabgeholzt. Dabei hat ein Stammwipfel dem Ferdl, weil er zu wenig aufgepaßt hat, den Fuß herober dem Schuh abgehaut. Er war lange im Spital und erst im Frühjahr hat er wieder angefangen zu arbeiten. Statt dem Hasenöd-Ferdl hat dann der Görtenberg-Pold (Stockinger) angefangen. Er war groß und stark (und auch grob). Über Nacht waren wir in Kupferlehen, nur der Moosbauer ging heim.
Das Holz wurde zum Bahnhof geführt mit dem Pferdefuhrwerk Bichlmoar und dort hatten wir es verladen. Die Stämme wurden mit Kränen hinaufgezogen.
Im Frühjahr hat noch eine Partie angefangen, zwei Sattelbuam, Schwarzelberg-Pold und der Schagerl von der Wegscheid, die schlägerten im Österreicher-Wald.
Auch der Forstleiter Werner war in Kupferlehen.
1928 kamen wir ins Geistberg und hatten dort eine Schlägerung übernommen. Schlafen konnten wir auch dort, aber das Holz war dort nicht schön und es war eine sehr steiler Hang. Im Herbst hatten wir wieder durchgeschnitten da kam die zweite Partie eine Riese bauen, vom Holzschlag hinunter zur Straße. Die Riese war zirka 500 Meter lang und sie wurde nur mit Bohrer und Holznägel gemacht. Holzen konnten wir erst im Winter, wenn etwas Schnne darauf lag.
Der Winter 1928-29 war sehr kalt, ich mußte Riesenhüten - nachschauen ob alles in Ordnung geht-, denn ich konnte am lautesten schreien wenn etwas kaputt ging. Dabei mußte ich das Rucksackl am Buckl lassen, sonst hätt´s mir die Jause gefroren.
Das Holz mußte nach dem Zuschneiden geleich zugehackt werden, das Blochholz beim großen und kleinen Ende, sonst ist´s nicht gut holzen. Anfang Februar hatten wir das Holz bis zum Österreicher-Grund abgeholzt und die Riese abgerissen. Das Holz von der Riese wurde als Schleifholz in die Papierfabrik verkauft. Mitter Februar mußten wir die Arbeit einstellen, es war viel zu kalt.
Ich war dann zu Hause am Matzenberg. Im Frühjahr kam ich dann als Taglöhner ins Gaistberg, Fam. Gaupmann waren dort Moarleute, der Besitz gehörte Frau Dr. Österreicher. Es ging sehr gut, viel Arbeit und gutes Essen. Im Sommer gingen wir oft schon um 2 Uhr früh hinauf in die Bergwiesen mähen, da wurde hinübergejauchzt in die anderen Berghänge. Es waren vier Mäher und bis die Sonne kam hatten wir schon ein großes Stück Wiese gemäht. Das Heu wurde mit den Ochsen heim geführt und beim Abladen war es manchmal sehr heiß unterm Plattendach. In Matzenberg hatten wir Strohdach, das war nicht heiß. Es wurde auch viel Korn, Weizen, Hafer und Gerste angebaut, da mußten wir dann Korn ausschlagen. Auf der Tenne wurde eine Holzegge oder ein Wagenrad aufgestellt und die Ähren der Korn-Garben ausgeschlagen. Auch der Weizen war sehr schön, er wurde mit der Windmühle gereinigt und Herr Gaupmann hat ihn in der Hausmühle - Bichlmühle gemahlen und wir hatten wieder gutes Brot.
Gezahlt hat Herr Gaupmann auch gut. Im Herbst gab es mit dem Obst viel Arbeit und Zwetschken zum Schnapsbrennen, auch Dirndln mußten abgeschüttelt werden. Da wurden große Tücher (Planen) untergebreitet und dann abgestangelt und in Körbe gefüllt, dann auf der Tenne mit der Windmühle ausgemahlen (gereinigt) und in Bottiche zum Schnapsbrennen eingemaischt. Dirndlschnaps ist auch teuer, wiel er viel Arbeit gibt.
Meine Frau war auch in Gaistberg geboren, am 13. 4. 1914. Die Schwiegereltern waren da Wirtschafter.
Im Winter war ich wieder zuhause am Matzenberg, ging Holzarbeiten zu den Nachbarn und wo´s mich brauchten.
Ins Ober-Stein, meines Vaters Geburtshaus, ging ich auch oft Holzarbeiten und verrichtete auch andere Arbeiten, die zu machen waren. Da fuhr ich auch schon mal mit den Ochsen das Holz zur Straße hinunter, zur Reifgrabenstraße oder mit Fichtenblochen zur Angermühle-Säge. Der Ober-Steinbauer war auch Mitbesitzer und hatte mir das Schneiden angelernt. Auch das Korn- oder Weizenmalen hat mir der Onkel gelernt in der Dornreitmühle. Sie stand bei der Abzweigung Wallerbachstraße-Steinhäuser, zirka 200 Meter abwärts, rechtsseitig vom Bach ging ein Erdgraben hinab zur Mühle, es war nur ein kurzer Holzfluder bis zum Wasserrad. Das Wasser wurde von Schaufelmühl- und Wallerbachgraben abgeleitet. Von der Straße war ein Holzsteg zur Mühle. Mahlrecht hatten Ober-Stein, Kreuzberg, Matzenberg, Dachsgraben.


Angermühle

Haigerbauer war auch Mitbesitzer von der Säge in Angermühle. Es war ein langer Erdgraben, dann über den Hof ein Holzfluder bis zur Säge und Wasserrad nahe vom Reifgrabenbach. Zum Schneiden von Bauholz und Brettern brachte jeder sein eigenes Holz aus seinem Wald.
Haigerbauer hatte auch einen Elektromotor zum Umschalten für Strom eingebaut und eine Kupferleitung bis zu seinem Hause gebaut. Die war zirka 2 Kilometer lang und er hatte auch ein Telefon.
Haiger war ein großer Besitz - nur 11 Joch zu wenig für die Eigenjagd. Ich habe von 1936 bis 1939 auch in Haiger Holz geschlägert und werde später davon schreiben.


Weiter in meinem Leben:

Anfang der 30er Jahre ging ich viel Taglohn-arbeiten ins Hollenstein, Kreuzberg. Der alte Rosensteinbauer sagte eines Sonntags zu mir: „komm diese Woche Kalksteine herrichten, dann helfen, sie im Ofen einzusetzen. Du kriegst am Tag 1 Schilling und das fünfmal. Zu Tisch wird auch genug sein.“
Strohdach machen ging ich auch oft mit Schlaglbauer oder Moosbauer, denn fürs Dach machen haben´s mehr zahlt.
In Matzenberg hatten wir auch viel Arbeit.
1932 im Sommer ist Unter-Hackstock abgebrannt. Ich habe dort auch gearbeitet, im Taglohn Holzschlägern, im Steinbruch, Maurer und Zimmerleut helfen.


Als ich Totengräber wurde:


Es war anfangs Jänner 1936, da kam die Tante von Mitterauer zu uns ins Matzenberg, ich sollt Grab machen im Friedhof, weil der Onkel nicht kann, er ist krank und hat einen wehen Fuß. Er war Gemeindediener und Totengräber. Sein Sohn August war eingesperrt wegen NSDAP-Beteiligung und so weiter.
Zuerst wollte ich es nicht machen, aber sie hat so lange geredet, bis ich mitgegangen bin. Es war auch nicht so leicht, obwohl es mir Onkel aufgezeichnet hat und wir es genau besprochen hatten. Es war für Kutin Bert, er war noch jung und hat sich das Leben genommen. Wir haben in Unter-Hachstock zusammen Holz geschlägert. Es war wenig Schnee in dieser Zeit und ich wurde dann von der Gemeinde als nebenberuflicher Gemeindediener und Totengräber aufgenommen.


März 1938...

Ich ging am späten Nachmittag einkaufen nach St. Anton, es war wie der Hitler kam. Als ich heimkam, sagte ich: „heute ist Hitler in Österreich einmaschiert, Franz, wirst sehen, jetzt kommt Krieg und wir müssen einrücken und sterben keinen natürlichen Tod.“ Er mußte auch schon im Herbst 1939 einrücken. Er war 1898 geboren und schon im ersten Krieg. Wir wollten Hitler nicht!


...doch ich blieb im Holzschlag

Habe dann mit Hürner in Haiger Holz aufgearbeitet und andere Kameraden (Wutzl Sepp, Leisch Wick) sind im Krieg gefallen, Dürr Sepp auch.
Hürner hat dann in der Papierfabrik angefangen und ich habe dann mit Langecker (Sattl-Franz) gearbeitet. Er war ein guter Arbeiter und Kamerad, konnte gut Säge richten und Holz schneiden. Er konnte auch Strohdach machen und wir gingen oft Dachdecken.
Haiger war ein großer Besitz, den der Haigerbauer Brandl später verkaufte. Wir wohnten im alten Häusel. Dort war eine schöne Stube mit Kachlofen und Rauchkuchl. Wir hatten immer viel Arbeit. Langecker schimpfte mit mir, weil ich nicht singen kann.
1939 im Sommer hatten wir in Finsterriegl, beim Seitbauer, in Kreuzberg, beim Ortbauer am Puchberg Holz geschlägert. Beim Ortbauer mußte alles durchgeschnitten werden und abgeholzt. Als Langecker einrückte, kam Mitter-Hackstock-Sepp (Pieber) und Aigelsreiter Alois. Sepp Pieber ging dann wieder heim nach Mitter-Hackstock. Aigelsreiter und ich arbeiteten mitsammen im Holzschlag. Wir waren beide 1905 geboren und mußten am 6. Mai 1940 zur Stellung. Es waren die Jahrgänge 1904 und 1905 dran. Ich war tauglich zur Ersatzreserve II Garnisonsverwendungsfähig Heimat. Weiter Musterungen zu denen ich einberufen wurde: am 2. August 1941, am 23 Juli 1943, beidemale in Melk, am 8. März 1944 in Scheibbs (Ersatzreserve I), am 27. Juni in Scheibbs (Ersatzreserve, bedingt kriegsverwendungsfähig), 7. Dezember 1944 (Ersatzreserve II, Arbeitsverwendung Kommando Melk)
Bürgermeister war jetzt H. Heinzl. Er sagte, ihr müßt zur Gemeinde. Wir sagten: „Arbeit haben wir bei Kuso in Neustift und Österreicher-Wald genug.
Im Juni 1940 mußte Aigelsreiter dann einrücken, da ging ich zur Gemeinde Holz schlägern.
Bei einem großen Schlag (Ochsenhalt-Schlag) am Hochberneck mußte alles entrindet werden und Loh gemacht werden. Ich hatte neue Kameraden, 2 Wutzl (Dornreith) Buam, Hundsriegl-Pold, auch Altmeister Halbertschlager von Steinmühl half öfter.
Es gab schon Lebensmittelkarten und wenig Fleisch. Der Sepp von Dornreith brachte öfters vom Wald Fleisch. Zum Altmeister sagten wir es sei Schaffleisch - ich kochte es gerne.
Die Wutzl Buben mußten auch zum Krieg einrücken.
Sepp Pieber kam dann wieder arbeiten. Er brauchte nicht einrücken, er hatte einen Kopfschuß - ein anderer hatte ihn beim Spiel mit einem Revolver in den Kopf geschossen.
Waldmeister war Förster Folger und es gab öfters Schwierigkeiten, man konnte nicht viel sagen, sonst hieß es gleich man müsse einrücken.
Viehhalter war Hias Graf, auch er mußte 1941 zum Krieg, dann wurde sein Bruder Sepp Halter, er hatte einen schweren Herzfehler, weshalb auch öfters Vater Graf nach dem Vieh schauen ging.
1941 machte ich für die Feuerwehr in Wiener-Neudorf einen Maschinistenkurs, weil der vorige Maschinist, Moser Vinzenz einrücken mußte. Eine Motorspritze hatten wir seit 1928 schon.
1942 mußten die Kirchenglocken abgeliefert werden. Nur eine durften wir behalten. Fürs Schlagwerk der Kirchenuhr wurde ein Eisenbahn-Wagenrad hinaufgezogen. Die Glocken wurden auf die Straße heruntergeworfen und für den Krieg eingeschmolzen.
1943 mußte Fallmann Pold einrücken.
Sommer 1944 hatten wir einen Holzschlag in Falkenstein - ein sehr steiler Hang und uraltes Holz. Pieber und ich mußten auch öfters bei Bauern helfen, weil schon fast alle Männer eingerückt waren, Zwergbauer, Oberklaus und andere.


Was die Zeit so mit sich brachte:

Österreich gab es jetzt nicht mehr bei uns. Kreis Nieder Donau mit Kreisbauernführer Reich , Bauer in Steinakirchen und Kreis-Stabsleiter Luft.
Ortsbauernführer waren:
1. Hösl, Bauer in Wohlfahrtschlag 1 er wurde später abgesetzt und ersetzt durch
1. Wurzenberger Karl, Bauer auf Unterjeßnitzreith, Görtenberg 16
2. Toth August, Bauer in Lindeben, Wohlfahrtschlag 22
3. Hofegger Johann, Bauer am Hause Dachsgraben, Hochreith 4.
Es mußte viel abgeliefert werden, Vieh, Schweine, auch Fleisch oder Fett oder Heu. Auch Pferde kamen zur Musterung und die besten mußten abgegeben werden. Dazu natürlich auch Körndl.
Anfang 1942 sagte Bürgermeister Heinzl: „Du mußt zur Partei gehen oder einrücken“. Ach ich laß mich lieber einschreiben zur Partei als zum Krieg einrücken. (Darüber wäre noch allerhand zu schreiben).


Mit blauem Auge davongekommen...

Obwohl ich mit einer Arbeitsverwendung dem Kommando Melk zugeteilt war, war ich nicht eingerückt und arbeitete immer bei der Gemeinde.
Die Männer, welche noch da waren, wurden zum Volkssturm abgerichtet.
Forstmeister Trapal lernte uns Handgranatenwerfen, Panzerfaust- und Gewehrschießen.
Als der Krieg zu Ende ging, ist H. Forstmeister ins Jagdhaus Klauswald gezogen, als Widerstandskämpfer?
Im Winter 1943-44 gab es viel Schnee, haushohe Schneewehen, keine Zugsverbindung nach Mariazell.
Fremdarbeiter waren bei den Bauern, Polen und Russen. In der Herrschaft Neubruck arbeiteten gefangene Franzosen als Holzarbeiter.
Auch Russenfrauen waren zur Arbeit eingesetzt, im Gasthaus Heinzl und Winterbach. Es wurden auch viele Mädchen zum Krieg zur Sanität verpflichtet.
Ortsgruppenleiter waren Lehrer Zotter Fritz, er war auch Standesbeamter, Kehrer vom Allingerhaus und andere.
Zum Volkssturm sollte ich einrücken, doch der Herr Bürgermeister sagte: „Jetzt kannst net einrücken, wer gräbt denn die Toten ein?“ Und er ist nach Melk gefahren wegen der Zurückstellung.
Der Krieg kam immer näher, im Winter 1944-45 brannte ein Flugzeug hoch überm See, es stürzte in Peutenburg ab. Zwei Bomben sind dabei explodiert und gruben viele Löcher in die Erde.
1945 Februar-März mußten die Männer, welche noch da waren, Panzersperren machen, weil der Rückzug immer näher kam, aber sagen durfte man trotzdem nicht, daß Hitler den Krieg verliert.
Massen von Flüchtlingen zogen hinaus nach Westen. Auch Ungarnfamilien kamen im Herbst 1944 mit ihrem Hab und Gut, sie machten im Gasthaus Heinzl Quartier und zogen anfangs 45 weiter nach Westen.
Panzersperren waren in St. Anton: in der Steinleiten, Salzmannreit, Hasenödmühle, Pfeiffermauer.
In unser Haus kamen von Traisen Flüchtlinge und Deutsche mit Kindern. Meist Frauen, aber auch zwei Männer.
Anfang April 1945 wurden große Scharen KZler von den Konzentrationslagern über Kirchberg, Winterbach, St. Anton nach Westen getrieben. Am 3. April, es war Schnee in Winterbach, wurden sieben erschossen und in den Winterbacher Teich geworfen. Andere wurden in der Nähe begraben, sie konnten nicht mehr gehen. Im Gemeindegebiet wurden 14 erschossen, am Kniebichl einer, bei der Panzersperre Salzmannreit einer, er wurde in den Bach hinuntergeworfen. Ich habe ihn wieder heraufgeholt. Schuhe hatte er zwar an den Füßen, aber fast keine Sohle mehr daran. H. Reinölt hat geholfen, ihn mit der Bahre in den Friedhof zu tragen und ich habe ihn begraben, dort, wo jetzt der KZler-Gedenkstein steht. Andere sind gleich begraben worden.
Am 10. Jänner 1946 war fast kein Schnee, da mußten die ehemaligen Parteimitglieder der NSDAP die Leichen ausgraben und im Friedhof begraben.
Ach war das schwer, die Leichem im Winterbacher Teich waren noch in Verwesung und keiner wollte arbeiten. Es waren auch noch zwei Parteimitglieder von Traisen in Hofegg in Quartier, die mußten auch helfen, aber wegen des großen Gestanks wollte keiner.
Keiner hatte mehr etwas im Magen - alles schon erbrochen. Ich mußte sagen: „Wir müssen arbeiten, sonst werden wir überhaupt nicht fertig“. Dr. Dreschers Bruder ist gefahren mit den Pferden und Wagen und hat die Leichen und Gebeine in den Friedhof gefahren, wo sie von Herrn Pfarrer Leitner eingesegnet wurden. Die Erkennungsmarken-Nummern hatte ich zum Gendarmerieposten gebracht. Am Posten war damals Klingenscheck Kommandant und Hilfsgendarm Hochauer von Neubruck und Scharner, aber die Erkennungsmarken haben´s dort verloren. Bei mir hättens später danach gesucht - ach waren das schwere Zeiten.

Hofegger Johann ist jetzt Altbauer am Hause Höbarten am Schlagerboden. Sein Sohn wäre Erbe gewesen, er ist aber nach dem Krieg an Kinderlähmung gestorben.


Ein Rückblick in alte Tage:

Heute, am 16. August 1987, war ich mit Frau Taschl zur Töpperausstellung nach Scheibbs gefahren. War wunderschön und ich habe wieder viel Altes neu gesehen. Von St. Anton, Neubruck bis Göstling. Alte, schöne Torschlösser und Schlüsseln, wie sie die Schmiede früher gemacht haben und Werkzeuge für Holzarbeiter wie Haken, Mösl zum Scheiterklieben, Lohschinter zum Entrinden des Fichtenholzes, das Loh (die Rinde) wurde früher zum Gerben von Leder uns Sohlen gebraucht. In St. Anton war auch eine Lohstampferei, wo heute der Parkplatz ist, herunterm Wurzer. Sie wurde mit einem Wasserrad betrieben. Später baute H. Heinzl das erste Elektrowerk mit Turbinenantrieb von St. Anton.
In Scheibbs war eine große Gerberei, Glax. Die Rinde wurde, wenn der Baum im Saft stand, im Sommer am umgeschnittenen Fichtenbaum 1 Meter lang abgehackt und dann abgeschält, dann zum Trocknen aufgestellt und mit schöner Rinde zugedeckt. Im Herbst, wenn es trocken war wurde die Rinde zur Gerberei gebracht.
Zurück: Heinzl war ein großes Einkehrgasthaus für Fuhrwerker. Er hatte auch Pferde zum Vorspannen nach Winterbach oder Puchenstuben. Auch große Scharen von Wallfahrern blieben da über Nacht und gaben oft uns Schülern Brot.
1911, im Mai, hatten wir zum Schulgehen angefangen, da hat es noch nicht viele Autos gegeben. Nur Hamburger vom Forst und Piwonka (war eine Bandfabrik) hatten schon ein Auto. Sie fuhren damit zur Kirche und die Bauern sagten: „schauen wir uns diese Stinkkasten an“. Die meisten Bauern fuhren mit den Pferden zur Kirche. Beim Heinzl war, wo jetzt das Geschäft Wurzer ist, ein Gaststall und Heuboden mit vorstehendem Dach für die Fuhrleute zum unterstellen wenn es regnete. Wo jetzt das Gemeinde-Wohnhaus ist waren große Stallungen für Pferde und oben ein großer Heuboden und ein Hausknechtzimmer. Wo jetzt das Postamt ist, war der Kuhstall für 4 bis 5 Kühe. Hinterm Kuhstall war die Hütte für die Schweine, rechts seitlich war ein großer Raum (Kasten) zum Eis einmachen, wo Fleisch, Bier und anderes gekühlt wurde. Heinzls Eiskasten hielt oft bis Ende August. Damals hatte jeder Wirt einen Eiskasten. Das Eis wurde vom See mit einer Stoßsäge zerschnitten und mit Zangen ans Ufer gezogen, auf große Schlitten aufgeladen und mit den Pferden zu den Wirten gefahren. Dort wurde es in den Kasten geworfen und zerschlagen manche haben es auch gesalzen.
Das Gemeindeamt war früher das Gasthaus Heinzl. Wo jetzt der schöne Parkplatz ist, war ein großer Gemüsegarten und wo jetzt noch Garten ist, ober der Mauer, die Kegelbahn.
Vom Missionskreuz herunter war ein Stück Wiese, sie gehörte zum Pfarrhof. Der Pfarrer hatte auch 2 bis 3 Kühe. Der Stall war, wo jetzt der Turnsaal ist, auch eine Holzhütte und ein Garten.
Die Häuser Heinzl wurden im Dezember 1951 von der Gemeinde um 150.000 Schilling gekauft, im Jänner 52 kam die Familie Heinzl nach Neustift zum Gasthaus Kerschner, dies war Frau Heinzls Vaterhaus.


Wie Blochriesen gebaut werden:

Zum Bau von Blochriesen brauchte man folgende Werkzeuge: Bohrer, Haken, Lochhaken. Wenn Blochriesen über einen Graben gebaut werden mußten, mußten Bergschragen aufgestellt werden, damit die Riese gleichmäßig wieterging. Alles wurde mit Holznägel verbohrt und genagelt, es wurde nie ein Eisennagel verwendet, auch bei Scheiterriesen nicht. Bohrer mit 1 Zoll und 5viertel Zoll, Nägelholz, trockenes Lärchen- oder Eschen-Stammholz. Auch die Zimmerleute verwendeten beim Hausbau früher nur Holznägel zum Bau eines Dachstuhles, das sieht man noch an älteren Gebäuden. Sogar die Fußböden und die Dachlatten waren mit Holznägel genagelt. Beim Strohdach war es ja nicht so genau, wenn auch der Nagelkopf etwas hervorstand, so war´s in alten Zeiten. Franz Loidelsbacher
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Alt 23.11.2012, 23:41
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Standard AW: Ein Tagebuch

Hallo Krausi,

vielen Dank für diesen mehr als eindrucksvollen Tagebuch-Bericht!
Das ist volkskundliche Forschung vom Allerfeinsten!

Ich vermute, dass viele Tage oder Wochen Arbeit und vor allem höchst mühevolles Entziffern der Handschrift von Dir hinter diesem Bericht stecken...

Inhaltlich ist es ein sehr harter Lebensbericht, streckenweise ist es für heutige Verhältnisse völlig unvorstellbar, was Franz Loidelsbacher durchgemacht hat. Um so wertvoller ist es, dass Du den Bericht zugänglich gemacht hast.

Von meiner Seite ein paar Kommentare und Fragen:

- "Vater war [...] Kirchenvater".
Was ist ein Kirchenvater?

- "Die Nachbarn kamen oft fragen, was in der Zeitung Neues steht; Vater hatte die Zeitung, die Reichspost."
Treffende Schilderung aus der Zeit um den 1. Weltkrieg, sehr gut formuliert.

- "Wir gingen fast immer ohne Schuhe, auch in die Schule."
Das halte ich persönlich nur bedingt für glaubwürdig. Diese Schilderung widerspricht anderen Berichten, auch von Seiten der Schule bzw. Lehrer dürfte das auch vor/um 1920 nicht akzeptiert worden sein dürfen.

- "Am Posten [...] aber die Erkennungsmarken haben´s dort verloren."
Traurig, tragisch, typisch...

- "wenn es trocken war wurde die Rinde zur Gerberei gebracht."
das überrascht mich? Wurde tatsächlich auch Rinde in einer Gerberei verarbeitet?

- "...mußten Bergschragen aufgestellt werden."
Beeindruckende (und seltene) Schilderung zum Bau der Riesen. Was aber sind "Bergschragen"?

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #3  
Alt 24.11.2012, 09:47
Rabenweib Rabenweib ist offline
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wow, danke für diesen bericht, für die viele arbeit die dahinter steckt... ich hatte tränen in den augen beim lesen...
dass sie barfuss gegangen sind... ich weiß auch nicht ob das stimmt... aber ich selbst kann mich erinnern, dass einige kinder in UNSERER schuklzeit noch durch tiefen schnee im winter in die schule kamen, und denen wurde dann ein schaffl mit heissem wasser hingestellt, weil ihre zehen ganz blau gefroren waren.
dort durften sie vor der ersten stunde ihr füsse wärmen.

der blassenstein ist übrigens in scheibbs, da war ich schonmal oben, heute ist da eine kleine aussichtswarte. :-)

danke fürs erzählen!

liebe grüße, sonja
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  #4  
Alt 24.11.2012, 11:27
Ulrike Berkenhoff Ulrike Berkenhoff ist offline
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Auch ich möchte mich für diesen lebendigen Bericht bedanken!-
Lieber Wolfgang, ich glaube schon ans barfuß Laufen zu der Zeit.
Viele ältere Menschen haben mir davon erzählt. Erst kürzlich berichtete mir
eine Frau aus Dortmund, die aus einer kinderreichen Familie stammte, dass
ihre Mutter (Vater im Krieg) gemahnt wurde, ihre Kinder zur Schule zu schicken,
Ihre Antwort: Bringt mir Schuhe, dann bringe ich meine Kinder. Es wäre so ein
kalter Winter gewesen. - In einem ländlichen Vorort von Dortmund verstarb
eine junge Frau, der Mann war so verzweifelt "mit einem Stall voll Blagen"
(so sagt man hier) und ziemlich arm, völlig mit dem Haushalt überfordert
und gezwungen als Tagelöhner bei reichen Bauern zu arbeiten, dass er mit der
Kirche brach. Für die "Wohlfahrt" war aber der Pfarrer zuständig. Da setzte sich
eine Frau der örtlichen Evangelischen Frauenhilfe für die Familie ein, sie
schrieb einen rührenden Bittbrief an den Dachverband. Dies kam bei unserer
Jubiläumsfeier (90 Jahre) ans Licht, denn in Soest (Dachverband) existiert ein Archiv. - Viele Grüße von Ulrike
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  #5  
Alt 24.11.2012, 13:15
Benutzerbild von krausi
krausi krausi ist offline
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Hallo Wolfgang!
Nun zu deinen Fragen:
Der Kirchenvater von damals ist heute ein Mitglied des Kirchenrates.

Das Barfussgehen wie es Franz Loidelsbacher schildert, war damals im ländlichen Raum nichts außergewöhnliches. Schuhe wurden nur zu besonderen Feierlichkeiten angezogen - zum Beispiel zum sonntäglichen Kirchgang.

Was "Bergschragen genau bedeutet kann ich dir auch nicht sagen aber unter "Schragen" versteht man schlechthin heute noch Montageböcke. Ich könnte mir vorstellen, dass unter "Bergschragen" Gestelle oder vielmehr Holzkonstruktionen gemeint sind, mit denen man die Geländeunebenheiten ausgleichen konnte um den Blochriesen ein gleichmäßiges Gefälle zu geben.

Ich hoffe dass ich dir mit diesen Angaben ein wenig helfen konnte
Viele Grüße
Gerhard
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  #6  
Alt 24.11.2012, 15:18
SAGEN.at SAGEN.at ist offline
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Hallo Gerhard,

vielen Dank für Deine ergänzenden Erklärungen!

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #7  
Alt 24.11.2012, 22:23
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Grüß Euch!

Ein paar erklärende Worte zum "Bergschragen":

Der "Schragen" ist auch beim händischen Holzschneiden in Verwendung, dort nennt man ihn auch "Schneidgoaß". Jeder, der schon ein Meterscheit zersägt hat, kennt ihn sicher! Der Schragen hält das Scheit in handlicher Höhe und verhindert das Abkippen oder Drehen des Scheites während des Sägens.

"Schragen" nennt man auch die Holzböcke, welche die Zimmerleute oder auch Tischler als "Unterstand" für Bretter oder Platten verwenden ...

Und so ist der "Bergschragen" nur der große Bruder solcher "Schragen" ... eine Konstruktion, welche die darüberlaufende "Ries" in die benötigte Höhe hebt und dort hält - sie wurden von den konstruierenden Technikern "Joch" genannt! Die auftretenden Schläge und Drücke (besonders Seitendrücke bei Kurven!) bei Durchlaufen der Bloche durch die bodenferne Riese machten natürlich sehr stabile Konstruktionen notwendig ...

Figur11.jpg zeigt ein "Kreuzjoch"
Figur13.jpg zeigt ein doppeltes Joch, also ein Joch in zwei Ebenen übereindander für eine Stangenriese, wie sie im Forstbezirk "Grundelsee" (alte SChreibweise) in Verwendung stand
Figur17.jpg zeigt das Wurffach einer Stangenriese; Wurffach deshalb wei hier die Bloche entweder ins Wasser oder an Sammelstellen "abgeworfen" wurden
Halbkastenjoch.jpg zeigt die massive Ausbildung als Halbkastenjoch bei erdnaher Konstruktion ...

Die Abbildung habe ich entnommen:

Aus dem "Atlas zu dem Werke: Das forstliche Transportwesen"
Darstellung seiner Mittel und Anstalten mit Rücksicht auf zweckmäßige Auswahl, / Einrichtung und Benützung derselben
von
G. R. Förster
K.k. Forstmeister in Gmunden
Enthaltend 40 photolithographische Tafeln mit 211 Figuren und 385 Abbildungen
Wien 1885
Verlag von Moritz Perles
I., Bauernmarkt 11

Wir hatten das Thema übrigens schon mal und auch dort gabs ein Bild .... unter Das Rätsel der Riese und schwemmkanäle ... (1.12.2008)

Ich hoffe damit zur Erhellung der Frage beizutragen
Liebe Grüße
Norbert
Miniaturansicht angehängter Grafiken
Figur11.jpg   Figur13.jpg   Figur17.jpg   Halbkastenjoch.jpg  
__________________
unterwegs mit allen Sinnen ...
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  #8  
Alt 24.11.2012, 22:24
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Hallo Gerhard,

zum Barfußgehen. In einer Serie aus landwirtschaftlichen Dokumentarfotos in der SAGEN.at-Fotogalerie aus dieser Zeit finden sich Kinder, die tatsächlich barfuss im Feld unterwegs sind:



Bildquelle: Bauernfamilie 1910

Bei den Kindern, die zur Arbeit verpflichtet wurden, sind jedoch durchwegs einfache Holzschuhe zu erkennen, vgl. hier:



Bildquelle: Bauernfamilie 1910

Ich werde dazu noch ein wenig Ausschau halten.
Ich denke, es ist ein Unterschied, ob Kinder zum Spielen vor dem Haus oder eventuell noch in die Dorfschule drei Häuser weiter auf schlammigem Dorfweg barfuss gingen - aber etwa auf einem sensengemähten Stoppelfeld kommt nach meiner Einschätzung auch ein an harte Arbeit gewohntes Kind keine 2 Meter weit...

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #9  
Alt 24.11.2012, 22:50
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@ Norbert: Danke für Deine Erklärung zum "Bergschragen"!

Dein Hinweis auf den Atlas zum forstlichen Transportwesen ist für mich aus technikgeschichtlicher Hinsicht extrem spannend! Auch dafür ganz besonderen Dank, ich werde versuchen, diesen in der Bibliothek aufzutreiben.

Wolfgang (SAGEN.at)
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  #10  
Alt 25.11.2012, 10:12
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Grüß Euch!
Zum barfuß gehen auf Stoppelfeldern möchte ich sagen, dass ich in meinen Jugendjahren selbst barfuß über die Stoppeln gelaufen bin. Dazu bedurfte es einer eigenen Technik: die Füße nur ganz wenig anheben und mehr schleifen lassen, damit legen sich die Stoppel um und stechen nicht mehr.
Ich ging in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Schule und bin im Sommer selbst öfter barfuß gegangen - das waren aber nur Ausnahmen - aber von nicht dürfen oder Einsprüche vom Lehrpersonal gabs da keine Probleme. Ich glaube, bei diesen alten Gepflogenheiten gibt es sicher regional sehr unterschiedliche Ansichten.
Viele Grüße
Gerhard
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