Einzelnen Beitrag anzeigen
  #6  
Alt 22.02.2013, 10:17
Rabenweib Rabenweib ist offline
Erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 16.03.2009
Beiträge: 5.274
Standard AW: Meine russische Kriegsgefangenschaft - Erfahrungen eines Österreichers

So, ich hab es heute gelesen und hab jetzt Tränen in den Augen, so vieles erinnert mich an die Erzählungen meines Großvaters. Er wurde damals an die Front nach Rumänien geschickt und von Constanza per Schiff nach Sewastopol, er erzählte, dass er drei Tage und drei Nächte unterwegs gewesen sei und es gab ebenfalls nur Brennesselsuppe und Brot. Er erzählte, dass sie hungrig waren und auf ihren Märschen seien einige am Boden liegen geblieben, manche davon hätten noch Brot in den Taschen gehabt, das die anderen dringend gebraucht hätten, aber wenn man sich danach bückte oder die Taschen durchsuchen wollte, musste man damit rechnen, einen Gewehrkolben in den Rücken gestossen zu kriegen, also taten sie es nicht. Opa war in einer Kolchose und musste Feldarbeit verrichten. Er war vier Jahre in Gefangenschaft und wurde dann mit anderen Österreichern in einen Zug gesetz. Deutsche mussten weiterhin dort bleiben, ein Russe sagte: "Die Deutschen bleiben so lange, bis jeder Stein wieder dort liegt, wo er gelegen hat".
Als er mit dem Zug aus Wr. Neustadt nach Waidhofen/Ybbs kam und da am Hauptbahnhof ausstieg, war das Erste was er gesehen hat, russische Uniformen. Er erzählte mir einmal, dass er glaubte, jetzt wärs vorbei, sie würden ihn wieder zurück schicken. Aber er durfte zwischen den Russen durch gehen und keiner hielt ihn auf. Er ging zu Fuß von Waidhofen nach Opponitz (14 Kilometer) und dann noch auf den Berg zu seinem Elternhaus. Als seine Mutter die Tür öffnete erkannte sie ihn kaum wieder, weil er so aufgebläht war vom Hunger.... Ausserdem mussten sie auf dem Gemeindeamt Kleidung beantragen, weil seine eigene Kleidung zwischenzeitlich umgenäht wurde und den anderen Gerschwistern gegeben wurde. (Die Schwester brauchte eine Kochschürze, dazu wurde eines seiner Flanellhemden umgenäht)
Opa hatte seitlich am Bauch eine Narbe von einem Streifschuss. Erst 20 Jahre später begann diese Narbe plötzlich zu eitern und es kam ein Stück Metall dabei raus. (Das hat Oma erzählt) Ausserdem fehlte ihm ein Stück eines Fingers, den er bei der Explosion eines Zuges verloren hat. Damals kam er in ein deutsches Lazarett wo er behandelt wurde.

Wenn ich Opa bat, zu erzählen, was er im Krieg erlebt hat, sagte er nur: "Was soll ich da erzählen, das sind keine schönen Sachen. Wenn eine Bombe fiel, is net viel übrig geblieben".
Dann hat er wieder geschwiegen. Er hat auch mit der Oma nie viel egredet darüber. Er hat nur immer von der Krim geschwärmt, wie schön es dort gewesen sei und dass er da gerne noch einmal hin wollte. Aber er traute sich nie, weil er Angst hatte, die Russen würden ihn nicht mehr heim lassen.
Diese Reise werde ich für ihn einmal machen. Durch Rumänien und von Constanza nach Sewastopol.

Liebe Grüße, Sonja
Miniaturansicht angehängter Grafiken
Bild3.jpg   Scannen0008.jpg   Bild4.jpg   Bild5.jpg  
Mit Zitat antworten