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Alt 21.02.2013, 17:25
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Standard AW: Meine russische Kriegsgefangenschaft - Erfahrungen eines Österreichers

Meine russische Kriegsgefangenschaft (Teil 3)

Der Bau der Mühle ging trotz eisiger Kälte weiter. Man hat mich von der Schmiede abgezogen und mit einem zweiten Mann in die Schlosserei gesteckt. Unsere Aufgabe war Gewinde schneiden, ferner bekamen wir den Auftrag in der fertiggestellten Transmissionshalle eine Stahlwelle mit einem Durchmesser von 10 cm mit einer Eisensäge durchzuschneiden. Man merkte zu spät, dass sich einige Riemenscheiben mit einer anderen Geschwindigkeit drehen müssten. Ich dachte damals, dass dieses Ansinnen ein Scherz war. Jeglicher Widerstand war zwecklos, man versorgte uns mit zwei einfachen Eisensägen und 20 Ersatzblättern und wir begannen am nächsten Tag um 8 Uhr Früh mit dem Sägen. Um 12 Uhr mittags hatten wir 2 cm geschafft, wir wechselten nach jeweils 15 Minuten die Seite. Bis Feierabend schafften wir noch 3 cm. Am nächsten Tag schnitten wir weiter und um 19 Uhr war die Welle durch. Die Arbeit wurde dann im Lager mit zwei Schüsseln Kascha und einer Hand voll Machorka honoriert. Ich war zwar Raucher, doch tauschte ich öfters Tabak gegen Brot.

Ende April 1946 war der erste Uralwinter überstanden. An einem dieser Tage mussten wir nach Feierabend im Lager antreten. Der Lauber erzählte etwas von der Genfer Konvention, dass uns als Kriegsgefangene Geld zustünde. Der Betrag wäre aber so gering, dass auf die Lagerinsassen aufgeteilt wenig übrig blieb und wir uns so und so nichts kaufen könnten. Er schlug daher vor, von diesem Geld ein Musikinstrument für die bestehende Musikkapelle zu kaufen. Er fragte gar nicht ob wir einverstanden wären und ließ uns abtreten. Schon am nächsten Tag brachte man ein kleines Akkordeon mit zwei Oktaven und 24 Bässen, so ein Instrument war eigentlich nur für Kinder geeignet. Bei der Lagerkapelle, die aus einen Trompeter, einem Klarinettisten, einer Tuba und einem Schlagzeuger bestand, konnte keiner Akkordeon spielen. Man fragte, wer auf dem Ding spielen könnte. Es meldete sich ein anderer Mann und ich. Wir mussten eine Probe unseres Könnens abgeben und endlich fiel die Wahl auf mich. Der Schlagzeuger der Kapelle war übrigens mein Freund von der Aufzugshütte an der Arbeitsstelle.

Nun am 1. Mai 1946, dem größten Feiertag der damaligen Sowjetunion, musste auf Befehl des russischen Lagerleiters die Lagerkapelle von früh bis abends spielen. Das hatte nur einen großen Nachteil: die Leute konnten nur einen Marsch spielen und den außergewöhnlich falsch. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich mein Leben im Lager, ich nützte jede freie Zeit um mit dem Akkorden zu üben, es war zwar nicht, was ich mir vorstellte, aber besser als Nichtstun.

Ich versuchte mich anfänglich der Lagerkapelle anzuschließen, hatte jedoch keinen Erfolg, da die Leute keine Lust hatten zu üben oder einige neue Lieder zu lernen. Wie schon erwähnt, war mein Freund von der Aufzughütte der Schlagzeuger der Lagerkapelle. Es war an einem Sonntagnachmittag. Ich saß im Speiseraum mit dem Akkordeon und spielte dem Koch, nicht ohne Hintergedanken einige Lieder vor. Plötzlich kam mein Freund mit einer großen Trommel ohne jegliche Zusatzteile in den Speiseraum und setzte sich zu mir. Während ich spielte, begleitete er uns indem er mit dem Daumen im Takt an der Bespannung auf und ab fuhr. Das ergab dann einen Ersatz für Schlagbesen. Die Leute von der Lagerkapelle waren neidisch und gaben die Zusatzteile nicht heraus. Von dieser Zeit an spielten wir im Duo.

Nun wieder einmal erschien der Lauber auf der Bildfläche. Wir waren eben dabei einige Lieder zu üben, als ich sah, dass zwei Mann eine lange Leiter brachten und an die Baracke lehnten. Der Lauber unterbrach mein Spiel und sagte dass ich über die Leiter mit dem Akkordeon aufs Dach der Baracke steigen und da oben spielen sollte. Ich erwiderte, dass mir das zu gefährlich wäre. Daraufhin drohte er mit dem „Karzer“. Nun schulterte ich das Akkordeon wie einen Rucksack und kroch auf der Leiter bis zum Sims und verharrte einen Augenblick. Ich legte meine Holzpantoffel zur Seite und kroch fünf Meter auf allen Vieren zum vorderen Teil des Giebels und setzte mich rittlings hin. In diesem Augenblick war mir nicht zum Spielen. Der Lauber brüllte herauf, ich sollte schon beginnen. Was blieb mir anderes übrig, ich spielte das russische Lied „Kalinka“ . Was mich in dieser misslichen Lage entschädigte, da die russischen Posten an den vier Wachtürmen plötzlich das Lied mitsangen.

Gott sei Dank kam ich wieder heil herunter.

Im Juli 1946 gab es im Lager eine große Änderung, der russische Lagerleiter wurde gewechselt. Der neue Mann stellte sich im Lager vor, als Russe hatte er einen deutschen Namen und hieß Schlick. Er war vom Anfang an sehr sympathisch und ließ uns mittels Dolmetsch mitteilen, dass das Quartett Lauber und Co mit sofortiger Wirkung als normale Gefangene zu behandeln seien. Das saß wie eine Bombe. Sie wurden auf verschiedene Stuben aufgeteilt und mussten mit uns zur Arbeit. Dass diese Leute keine ruhige Minute mehr hatten, kann man sich lebhaft vorstellen. Außerdem waren sie bis zur Heimkehr im Steinbruch eingesetzt. Ferner sollten wir uns einen Mann im Lager bestellen, der es versteht mit Menschen umzugehen.

Man konnte schon 1945 in die Heimat Briefe schreiben, doch die russische Lagerärztin hielt ein Jahr aus Hass gegen Deutsche alle Briefe zurück, die dann doch noch von dem neuen „Natschalnik Schlick“ gefunden und versandt wurden. Von da ab kam wieder Antwort aus der Heimat.
Auf der Baustelle gab es einige Schwierigkeiten: in der Transmissionshalle hatte man eine Türe vergessen, zwei Mann mussten daher wieder ein Loch für die Tür herausstemmen. Im tiefsten Winter wurde am Bau ein Holzgerüst aufgestellt, man missachtete eine etwa 10 cm hohe Eisschicht am Erdboden und im Frühjahr als es zu tauen begann, kam das ganze Gerüst herunter.

Unsere „Musikkapelle“ bekam Zuwachs. Es fand sich ein Klarinettist, gemeinsam organisierten wir von einer anderen Kapelle eine Klarinette, die Leute gaben aber kein Blättchen dazu. Ohne Blättchen konnte man mit der Klarinette nichts anfangen. Der neue Mann wusste Rat. Bei einer Rückkehr von der Baustelle lief ein einheimischer Bub mit einem Bambusstock neben uns her. Unser Neuer nahm dem Buben den Stock ab, das zu sehen tat mir wirklich leid, weil ich im Augenblick nicht wusste was das sollte. Noch am gleichen Abend schnitzte der Musiker ein Blättchen für seine Klarinette und gab eine Kostprobe seines Könnens.

Ende August 1946 änderte sich das Wetter, es regnete sehr oft und die Temperatur fiel auf null Grad. Das Lagerleben hatte sich wesentlich gebessert, doch den Leuten fehlten die notwendigsten Grundstoffe, Vitamine etc. und im Laufe der Zeit starben viele an Avitaminose. Uns Musiker ging es besser, weil wir doch hie und da zusätzlich etwas besser verpflegt wurden.

Einmal pro Woche wurden fünf Mann bestimmt um mit einem LKW nach Swerdlowsk zu fahren um Brot zu holen. Es war dies eine willkommene Abwechslung, bei der ich einige Male dabei war. Ich saß neben dem russischen Kraftfahrer, die anderen rückwärts im Laderaum. Wir luden das Auto voll und bekamen vom Bäcker einen halben Ziegel (Brotlaib) geschenkt. Bei der Rückfahrt wurde dann das frische Brot viel zu rasch verspeist, was sich meist zu Magenschmerzen und Durchfall im Lager entwickelte.

Ende September 1946 zeigte das Thermometer schon 15-20 Grad minus. Ich hatte Glück und konnte noch immer in der Schlosserei arbeiten. Musikalisch ging es bergauf, ein ehemaliger Offizier, namens Tibor, stammte aus Ungarn konnte singen und tanzen wie eine Frau und war für uns eine echte Bereicherung.

Es war knapp vor Weihnachten als meine Freunde und ich nach dem Abendessen einige Stücke probten. Da kam der russische Lagerleiter und hörte uns eine halbe Stunde lang zu. Er sagte nur einmal „charascho“ (sehr gut) und als er ging „doswidania“ (auf Wiedersehen). Am Abend des nächsten Tages kam ich in den Speiseraum. Dort stand ein Klavier in einer Ecke, ein sogenannter Stutzflügel. Das hatte der „Natschalnik“ (Direktor) veranlasst. Der Flügel war jedoch in einem erbärmlichen Zustand, es fehlte ein Bein, man hatte eine Kiste darunter gestellt. Am nächsten Tag besorgte ich von der Schlosserei einen Kaminschlüssel und konnte so das Klavier, es war total verstimmt, so gut es ging, stimmen. Wir konnten noch einen Pianisten aus dem Lager bekommen, er war Wiener, und die Kapelle war komplett. Die russische Lagerleitung bemühte sich sehr, diese Angelegenheit zu fördern. Wir Musiker bekamen weiße Hemden, eine dunkle Hose und durften uns sogar die Haare wachsen lassen.

Im Februar 1947 gab es das erste Konzert, im Speisesaal wurden Sessel und Bänke aufgestellt. In der ersten Reihe saß der russische Direktor und einige russische Soldaten und wo noch Platz war Lagerinsassen. Wir spielten Teile aus der Operette „Maske in Blau“, Tibor tanzte in Frauenkleidern und sang dazu. Die Russen waren begeistert, es gab viel Beifall. Anschließend gab es für uns eine große Portion Hirsekascha und ein Stück Räucherlachs. Im Sommer veranstalteten wir noch mehr Konzerte dieser Art am Lagerplatz und die heimische Bevölkerung war immer zahlreich vertreten.

Herbst 1947:
der nächste Winter sandte schon seine Vorboten. Ich unterhielt mich oft mit den russischen Posten auf der Baustelle, dadurch erfuhr ich, dass ein Teil der Kriegsgefangenen unseres Lagers verlegt werden. Am 12. November 1947 war es dann so weit. Zwei Tage vorher wurden alle Österreicher zur Untersuchung bestellt. Eine russische Ärztin hieß uns Oberkörper frei machen, linken Arm hoch heben, um zu sehen, ob nicht doch noch ein ehemaliger SS-Mann darunter war. Weiteres mussten wir uns umdrehen und die Ärztin kneifte jeden in den Hinterteil, vermutlich, um zu sehen ob die Haut noch widerstandsfähig war. Das war es dann. Man brachte uns mittels LKW ins Hauptlager nach Swerdlowsk, es entging mir nicht, dass die beiden Lauber und Lackner, da sie Österreicher waren, mit uns fuhren. Wir verbrachten ungefähr eine Woche in diesem Lager. Es kamen noch von anderen Lagern kriegsgefangene Österreicher an, sodass nach einer Woche ein Heimkehrertransport aus der Sowjetunion komplett war. Am 19. November marschierten wir geschlossen zum Bahnhof. Es stand da auf einem Abstellgleis eine Garnitur Güterwaggon bereit und wir wurden auf den ganzen Zug aufgeteilt. Im Wagen waren Stockbetten für 12 Mann gerichtet und auch Wolldecken für jeden. Es wurde ein Sanitäts-, Küchen- und Kommandowagen angekoppelt. Wir bekamen Verpflegung, doch noch weniger als im Lager. Es kamen uns zu diesem Zeitpunkt natürlich Zweifel auf, wo die Reise eigentlich hingehen sollte, man hatte uns in keiner Weise informiert. Doch als wir merkten, dass kaum ein russischer Posten zu sehen war, zerstreuten sich langsam die Zweifel. Erst am nächsten Abend um ca. 23 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Es war sehr kalt, geschätzte 20 Grad minus, wir saßen mit Wattezeug und Filzstiefel in Decken gehüllt auf der Britsche, an Schlaf war nicht zu denken.

Nach einer Woche mit vielen Zwischenstopps erreichten wir Kazan, wo wir zwei Tage anhielten. Für den Kommandowagen wurde ein Mann bestimmt, um einen aufgestellten Kanonenofen zu heizen und Reinigungsarbeiten im Wagen zu verrichten. Dieser Mann wurde krank und musste in den Krankenwagen. Bei einem Aufenthalt zwischen Kazan und Moskau vertrat ich mir im Freien kurz die Beine. Da kam ein russischer Offizier auf mich zu und fragte mich, ob ich im Kommandowagen heizen und sauber machen wolle. Da sagte ich zu und war nun Putzer beim Transportkommando. Ich durfte dort schlafen und bekam die gleiche Verpflegung wie die Russen. Leider wirkte sich der Kostwechsel negativ aus, denn nach einer Woche, wir hielten in Moskau, musste ich wieder in den Waggon zu den anderen zurück. Meinem Vorgänger ging es genauso. Wir erreichten Anfang Dezember 1947 die russisch-rumänische Grenze, wurden wegen der Spurbreite ausgeladen und setzten uns in einen Personenzug. Das war sehr angenehm. Man konnte auf Bänken sitzen, und die Temperatur fiel inzwischen auf zwei Grad minus und wir hatten sogar eine Toilette im Wagen.

Bei Aufenthalten in Rumänien fiel mir auf, dass jedes Mal neben dem Zug kleine Buben herum liefen und immerzu riefen „Mamaliga-Mamaliga“! Daraufhin sah man, dass einige Kameraden die Wattejacken auszogen und gegen irgendeine alte Jacke tauschten. Dazu bekamen sie so ein Mamaliga, das war ein gebackener Maiskuchen. Auch ich tauschte meine Wattejacke gegen einen alten Uniformrock und Mamaliga.

Am 8. Dezember endete die Fahrt in Foczany an der ungarischen Grenze, wieder mussten wir in das dortige Auffanglager. Nach zwei Tagen saßen wir in einem österreichischen Personenzug 2.Klasse und fuhren durch Ungarn. Das war sehr eindrucksvoll, bei jedem Aufenthalt beschenkte man uns mit Lebensmittel. Wir passierten am 12. Dezember 1947 die österreichische Grenze und kamen mit einigen Stopps um 19 Uhr am Wiener Südbahnhof an. Langsam fuhr der Zug in die Station ein, ich stand am Fenster und konnte es nicht fassen, dass ich nach nahezu vier Jahren wieder Heimatluft schnuppern durfte. Man lotste uns in die Bahnhofshalle. Dort gab es noch ein paar Würstel mit Senf und eine Semmel. Nach einigen Formalitäten konnten wir den Bahnhof verlassen.

Was sich aber draußen vor dem Bahnhof abspielte werde ich niemals vergessen können! Es standen hunderte Menschen vor dem Bahnhof, teilweise zeigten sie fragend Fotos ihrer Angehörigen. Scheinwerfer richteten sich auf uns, wir konnten daher kaum die wartenden Menschen erkennen. Meine Eltern wussten von unserer Ankunft, da damals der Rundfunk mehrere Male am Tag die Namen der Ankömmlinge durchgab. Wir waren der 31. Transport. Mit lauter Stimme hörte ich meinen Namen rufen: es war mein Vater der mich erkannte, ich fiel den Eltern in die Arme und damit schloss sich für mich dieser Abschnitt meines Lebens.



Bildanhang:

Heimkehrer-Entlassungsschein von Willibald F. (die schwarz gefärbten Stellen über dem Namen wurden vom Administrator eingefügt).
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