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Alt 19.08.2010, 18:01
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Dresdner Dresdner ist offline
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Standard AW: Dies ist ein Ausschnitt aus meinem geplanten Buch

Vielen Dank für deine sehr interessante Schilderung. Besonders die Geschichte deiner Heimatstadt zu Ende des II. Weltkrieges hat mich sehr berührt. Es gab viele Städte, die ohne jegliche sachliche Grundlage zu Festungen erklärt wurden und dann auch regelrecht zu 100% zerstört wurden. Ein Beispiel ist das ehemals kleine Städtchen Schwedt in Brandenburg.

Ich würde es als sehr bereichernd für das Forum sehen, wenn du gerade zu Halle und seiner näheren Umgebung hier schreiben würdest und ggf. auch ein paar Bilder hier einstellst.

Einige Probleme habe ich - und ich hoffe du verzeihst mir das als einem, der zum Glück diesen furchtbaren Krieg nicht erleben musste - mit deiner Darstellung der Roten Armee. Sicher sind es nach 65 Jahren die Schlüsselerlebnisse, die in der Erinnerung prägend sind. Wenn man nicht die ganze Zeit akribisch Tagebuch geführt hat, vermischt sich nach so langer Zeit wohl auch selbst Erlebtes und andertweitig Aufgenommenes. So wenig, wie es heute den Österreicher, den Deutschen, den Sachsen-Anhalter oder den Tiroler gibt, genau so wenig gab und gibt es den Russen, den Rotarmist. Weder 1945, noch 2010.
Was Wolfgang wohlwollend als "moderne Sagen" tituliert, sind für mich Klischees, welche hier leider bedient werden.
Zu einzelnen Aspekten kann man sicher eine Diskussion führen. Die kurzen Haare hatte und hat auch heute jede kämpfende Einheit (ggf. mit Ausnahme islamischer Kämpfer); siehe Marines und andere Spezialeinheiten. Sie sind einfach ein Tribut an die Erfordernisse der Militäreinsätze und hygienischer Grundregeln. Damals wie heute. Was die nicht einheitliche Kleidung betrifft - nach dem ersten Ausbluten an ihrer Westfront musste die Sowjetunion in kürzester Zeit riesige Truppenverbände mobilisieren. Da gab es andere Prioritäten als die Kleiderordnung. Dass es Alkoholmissbrauch in größeren Umfang gab, ist unbestritten. Aber auch das ist kein "Privileg" der Roten Armee. Zum Alkoholmissbrauch in der Wehrmacht sie u.a.: http://www.freidok.uni-freiburg.de/v...inkampDiss.pdf. Auch in modernen Armeen gibt es durchaus Rituale, bei denen nicht nur hochprozentige Getränke aus der Flasche getrunken werden.
Die Stehtoiletten sind ebenfalls kein Indiz für eine "Rückständigkeit" eines Volkes, die es aus meiner Sicht sowieso nicht gibt. Man findet sie selbst heute als Selbstverständlichkeit in weiten Teilen Frankreichs, Japans, Italiens und vieler anderer Länder. Andere Länder - andere Sitten. Für uns halt ebenso gewöhnungsbedürftig wie unsere Sitztoiletten für jene, die nur Stehtoiletten kennen.
Ich wäre zumindest auch vorsichtig, den "Kulturstand der Besatzer" an einigen, wenigen Anekdoten festzumachen. Wäre es wirklich in der Verallgemeinerung so gewesen, hätte z.B. Dresden jetzt nicht mehr jene Kulturschätze vorzuweisen, die es jetzt so bekannt machen.

Was die Sowjetarmee und die nachfolgende GSSD in den 70er und 80er Jahren in der ehemaligen DDR betrifft, so kann man sicher von einem "Staat im Staate" sprechen. Auch für den einfachen Soldaten war es eine Auszeichnung, hier dienen zu dürfen; Ausgang gab es für die Mannschaften freilich nur in der Gruppe. Privatkontakte von Offizieren und Generalen bestanden in deren Umfeld durchaus; es gab gegenseitige Besuche von Patenbrigaden, Einheiten der Kampfgruppen und Kollektiven der FDJ und der DSF. Eine sehr enge Zusammenarbeit gab es mit Einheiten der NVA und der Grenztruppen, waren doch NVA, Grenztruppen und GSSD im DHS (Diensthabenden System) des Warschauer Vertrages eng vernetzt. So wurden z.B an der Ostseeküste gewisse Schutz- und Aufklärungsmaßnahmen durch Unterwassereinheiten der Baltischen Rotbannerflotte und der Polnischen Seekriegsflote durchgeführt - die Volksmarine der DDR verfügte schlicht und ergreifend nicht über Unterwasserkräfte.
Dabei war das Zusamenleben mit der DDR-Bevölkerung keinesfalls immer problemlos - ich erinnere nur an die Geschichte des kleinen Felix aus Dresden.
Am Kasernentor der GSSD war auch für DDR-Aufklärungsorgane endgültig Schluss.

Sehr beliebt waren in den Garnisionsstädten dagegen Läden, die in den Wohngebieten der Offiziersfamilien lagen. Hier konnten gewisse Spezialitäten durch den DDR-Bürger gekauft werden, die er in HO und Konsum vergeblich suchte.

Dresdner
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Geändert von Dresdner (19.08.2010 um 20:18 Uhr)
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