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Alt 29.11.2008, 19:37
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Standard AW: Untergegangene Berufe

Wer hat vom Beruf des "fahrenden Glockengießers" gehört?

Josef Tremmel, Ein Glockenguß in Zell am Ziller 1631, in: Tiroler Heimatblätter, Heft 7/8, 1950, S. 102 -104:

"[...] ein Glockenguß am Ort seiner Bestimmung selber ist eigentlich keine gar so große Seltenheit. Die Schwierigkeit, große Glocken per Fuhrwerk oder Floß an sein Ziel zu bringen, wegen allzu weiter Entfernung des Bestimmungsortes, schlechter Wege dorthin, in unserm Falle auch die häufigen Ausbrüche des Zillers über sein Ufer, sowie auch der Freude darüber, dem Glockenguß beiwohnen zu können, waren Gründe dafür.

Man sprach früher von Gießern auf Wanderschaft, „fahrenden" Gießern. Diese verließen am Aschermittwoch ihre Heimat und kehrten erst auf Allerheiligen in die Heimat zurück. Wie die „fahrenden Sänger" und Vaganten des Mittelalters in den Burgen und adeligen Sitzen mit Vorliebe vorsprachen, so hatten die „fahrenden" Glockengießer Klöster und Stifte, Städte und größere Ortschaften zum Ziel ihres Besuches, um zu Arbeit zu gelangen. Berühmte Persönlichkeiten unter ihnen waren längst im vornherein bestellt und verpflichtet worden. Wenn dann zu Allerheiligen, wo manchmal schon gar kühle Winde wehen, die Heimkehr erfolgt war, wurde zur Winterszeit in der eigenen Gießstätte am Gusse großer prunkvoller Leuchter, am Guß eherner Taufbecken, Altarleuchten, Statuen und weltlichen Gebrauchsgegenständen gearbeitet, um am nächsten Aschermittwoch die Wanderfahrt neuerdings aufzunehmen.

Die alten Glockengießer gingen da gewissermaßen "auf die Stöhr", wie heute noch manchmal bei den Bauern der Schneider, Schuster, die Nahterin und andere Professionisten eine Zeitlang beim Bauern gewissermaßen ihr Zelt aufgeschlagen haben, nur mit dem Unterschied,, daß der Bauer es ist, der sie bittet, zu ihm ins Haus zu kommen,, indessen die alten Glockengießer sich selber mit ihren Diensten anboten.

In der nächsten Nähe der Kirche, oft im Friedhof, wurde die Gußstätte errichtet, in Städten auch manches Mal außerhalb der Stadtmauern.

War der Gießer bereits eine Berühmtheit und schon im vorherein bestellt worden, dann hatte man auch das nötige Material an Kupfer und Zinn bereits herbeigeschafft gehabt.

Oft wollten die Leute, vor allem die Glockenpatinnen noch eigens persönliche Opfer an Gold und Silber der Glockenspeise einverleiben, dann konnten sie ihre Gaben zum Guße — es herrschte ja sehr lange und bei manchen Leuten auch heute noch der Glaube, daß das Beifügen von Silber der Glocke einen extra schönen Ton verleihe — in ein Loch im Gußofen hineinwerfen, welches Loch aber nicht zur glühenden, brodelnden Gußmasse führte, sondern glatt ins Feuer darunter ging. Dort konnten es der Gießer mit seinen Helfern als nettes Trinkgeld aus der Asche heraus holen.

Über Durchmesser, Größe, Gewicht und Ton der Glocke hatte Dekan Stephan nichts in seinen Aufschreibungen hinterlassen. Heute würde uns das alles höchst interessieren. Wir können nach zwei Weltkriegen nicht einmal annehmen, daß von genannter Glocke noch etwas zu sehen oder zu finden wäre.

Ich bin überzeugt, daß auch manchen archivarischen Berichten, sowie aus Chroniken u. dgl. noch manchmal der positive Beweis gebracht werden könnte, daß am eigenen Heimatsort da oder dort eine Glocke in alter Zeit gegossen worden war."

Soweit Josef Tremmel 1950. Eigentlich eine sehr naheliegende Theorie, auch wenn ihm leider Beweise fehlen. Wer kennt dazu Hinweise?

Wolfgang (SAGEN.at)
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