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Alt 12.07.2014, 16:34
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Die Sächsische Zeitung brachte in ihrem heutigen Kulturteil einen aus meiner Sicht sehr gelungenen Beitrag, den ich euch mit einem Augenzwinkern nicht vorenthalten möchte - er spannt den Bogen vom Fußball zum Bild der Deutschen in der Welt.

Zitat:
Wenn die anderen weinen

Die Welt dreht durch: Lange galten die Deutschen als globale Buhmänner. Heute lieben uns alle. Und die WM macht alles noch schlimmer. Eine patriotische Satire.

Von Oliver Reinhard

Weltmeister der Herzen sind wir schon. Weltmeister des Fußballs werden wir gegen die Trinen aus Argentinien auch noch.

Was zum Henker ist bloß los? Es war doch so lange alles so schön klar. Seit vor 100 Jahren der Erste Weltkrieg losbrach, galten die Deutschen zuverlässig als globale Buhmenschen. Das hatten wir zwar – na gut, mit Ausnahme der Jahre 1933 bis 1945 – nie wirklich verdient. Aber wir hatten es uns brav kommod gemacht auf dem Sofa jener Klischees, die uns alle Welt andichtete. Eher kühl sollen wir sein, nüchtern, kalkuliert, fleißig, diszipliniert, pünktlich, gründlich.

Na gut, warum nicht? Das sind zwar genau jene Tugenden, die die Wehrmacht bedauerlicherweise überhaupt erst bis Stalingrad gebracht hatten. Aber schließlich funktionierten sie auch danach bestens. Im Wirtschaftswunder ebenso wie unlängst in der Finanzkrise. Okay, wir sind vielleicht ein bisschen Karl-Heinz-haft und im Ausland entweder zu klein- oder zu großmäulig. Aber dafür super in so Sachen wie Mercedes, Bier, Wurst, Waffentechnik, Vergangenheitsbewältigung und Selbstschämen. Man bewunderte und respektierte uns deshalb zwar immer. Aber uns richtig dolle zu mögen, das fiel niemandem ein.

Und heute? Sind alle außer uns gänzlich gaga geworden? Seit ein paar Jahren gehört Buhmann-Land zu den beliebtesten Nationen der Welt. Selbst in Frankreich und Italien steigt sie beständig, die Zahl der herzigen Augenaufschläge Richtung Deutschland. Russland liebt uns, trotz damals, und obwohl wir ihnen Anna Netrebko geklaut haben. Die Amerikaner schätzen uns, trotz heute, trotz Heidi Klum. Inzwischen sogar mehr als die Briten. Selbst den scheuen Chinesen fiel fast der Reis vom Stäbchen vor Begeisterung für Angela Merkel bei deren Besuch in dieser Woche.

Jetzt auch noch das. Jetzt auch noch diese WM. Jetzt auch noch diese Mannschaft!

Jogi und seine Jungs bringen die Welt beinahe um den Verstand vor lauter Liebe. Als hätten die beiden Königskinder – Deutschland und der Rest – endlich den tiefen Trenngraben überwunden und doch noch zueinandergefunden. Das geschah nicht, obwohl die National-Kicker perfekte Repräsentanten unserer Klischees sind. Also nüchtern, kalkuliert, fleißig, diszipliniert, gründlich. Es geschah vielmehr gerade deshalb. Es geschieht erst recht, weil der Erdenball nun sieht: Man kann sein wie wir, wie Özil, Khedira, Boateng, Müller, Lahm, Schürrle – und trotzdem Spaß dabei haben, trotzdem lächeln. Nicht so wie in den Kriegsfilmen aus Hollywood. Sondern warm, offen, authentisch und natürlich. Wie ein frisch angebissenes Dinkelbrötchen aus der Biobude.

Dabei könnte jedes Problemkind einer integrativen Kindertagesstätte das Rezept für die süße Sympathie-Soße zubereiten: wenige Fouls, sehr viel Teamgeist. Die Zeiten egomanischer Heldenfiguren wie vor 100 Jahren der fliegende „Rote Baron“ Manfred von Richthofen sind endgültig hinterm Horizont verplätschert. Wir haben keine einsam schillernden und abgehobenen Stars mehr wie Messi, Neymar, Ronaldo. Typen, die ein bisschen im Strafraum herumtrödeln und warten, bis sie eine perfekte Flanke mit dem Puschen abstauben und sich frenetisch feiern lassen können. Wir haben sie nicht, weil wir sie nicht brauchen. Womit wir auf der anderen Seite angekommen wären. Nämlich bei jenen Mannschaften, deren Kicker ebenfalls ihre jeweiligen nationalen Klischees famos repräsentieren. Bei Argentinien und Brasilien. Was haben wir diese Länder beneidet. Um die Fröhlichkeit ihrer Menschen trotz Massenelends. Um ihr dauerndes Herumgehampel zu Tango- und Sambatönen. Um ihre Schönheit. Ihre Ballzauberkünste. Ihre offene Emotionalität.

Es hat sich ausgeneidet.

Por diós, die armen Chicos! Porös geworden wie ein alter Fahrradschlauch unter dem Überdruck, der auf ihnen lastet. Sie dürfen nicht einfach nur Spieler, sie müssen – und wollen auch – Lichtgestalten sein, Trost- und Hoffnungsspender für ihre Mitmenschen, die unter unfähigen Regierungen tiefer und tiefer in Armut sinken.

Da nimmt es nicht wunder, dass in zwölf Jahren aus der selbstbewussten brasilianischen Selecao unter Feldwebel Luiz Scolari ein Häuflein egozentrischer Drama-Queens geworden ist. Seine Diven betreten schon mit flatternden Nervenkostümchen den Platz, flehen die Heilige Jungfrau unter bangen Kreuzschlägereien um Beistand an, lassen bereits während der Hymne Wasser, foulen sich pussimäßig über die Runden und bringen nach der Niederlage vor den Reportermikrofonen kaum ein Wort mehr heraus, davongeschwemmt auf den Tränenwogen ihres Selbstmitleids.

Klar, das rührt einen zunächst. Aber mal ehrlich: Irgendwann wird der Anblick all dieser Heulsusis und Werthers auf den WM-Bolzplätzen doch voll peinlich. Wer fremdschämt sich schon gerne für andere Mannschaften als die eigene? Da fühlt man sich ja regelrecht überheblich! Wie unangenehm…

Unsere Jungs sind da mental komplett andersrum gepolt. Freuen sich wie Bolle über ein Tor, bleiben aber dennoch cool, wenigstens meistens. Ärgern sich über Gegentreffer und Niederlagen und halten trotzdem ihre Augenwinkel trocken. Kurzum, sie bleiben so normal deutsch, wie wir es immer waren: teamfähig, kalkuliert, fleißig, diszipliniert, gründlich. Und nun obendrein sogar beliebt. Weltmeister der Herzen sind wir schon. Weltmeister des Fußballs werden wir gegen die Trinen aus Argentinien auch noch. Nicht nur, weil ihrem einsamen Superstar Messi möglicherweise der verletzte Di Maria fehlt, der ihm sonst die Bälle per Flanke zum Abstauben vor die Puschen legt.

Dabei haben wir uns gar nicht verändert und dem Weltrest angenähert. Der Weltrest hat sich vielmehr uns angenähert. Leider erst jetzt. Wär’ das vor 100 Jahren geschehen, wir hätten uns das ganze Weltkriegsgedöns echt sparen können.
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