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Alt 16.09.2006, 20:40
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Ausrufezeichen AW: KAUFMANN - Wer erinnert sich?

Schwupp, und schon ist man in den Kindheitserinnerungen verschwunden:

Unser Greißler war im ersten Stock einer Hitler'schen Reihenhausanlage in Steyr (Stadtteil Münichholz) untergebracht - in einer normalen Wohnung - mit allen für den Verkauf denkbaren Nachteilen: Lager im (Luftschutz!)Keller, unübersichtlich (Ladendiebstahl) und Probleme mit den Nachbarn wegen Kundenverkehrs (wenn der Mann im Erdgeschoß von der Nachschicht in der Kugellager-Fabrik heimkam, wollte er natürlich schlafen!!). Kinder waren im Geschäft ungern gesehen bzw. strengstens überwacht (eben wegen Diebstahlgefahr!), manchmal sogar, wenn mehrere erwachsene Kunden da waren, sogar wieder heimgeschickt (das war die nette Variante: "komm später wieder wenn die Leute weg sind") oder auch mit bösen Worten verjagt ("Ihr wißt genau, daß ihr nicht kommen sollt wenn die Großen einkaufen kommen - wann merkt sich das eure Mutter endlich!!!").

Andererseits war es möglich "2 offene Zigaretten, bitte" für die Eltern zu kaufen, wenn sie was zu feiern hatten, oder "ein Bier über d'Straß'n" zu holen - das Gefäß hatte man mit, ein (offenes) Bier wurde hineingeleert, bezahlt und vorsichtig die Stiege hinab, über eine Straße hinweg und wieder einen Stock hinauf zum Vater/zu den Eltern getragen - womöglich ohne Unfall! Seltsam war für mich damals, daß ich als 6-7-jähriger bereits diese "Bier"gänge (selten genug war das der Fall: wir waren immerhin 5 Kinder und das Geld mehr als knapp!) erledigen durfte, bis ich irgendwann draufkam, daß meine älteren Brüder fallweise einen kräftigen Zug taten, dies in der Waschküche wieder auffüllten, den Schaumaufrührten und so heimbrachten - und dies die Eltern irgendwann bemerkten!!! Tja, und ich als Jüngster hätt mir das ja nie getraut (DENKSTE!!! ... aber eben erst später!).

Der Geruch im Geschäft war geprägt von Bodenwachs und Zigarettenrauch - die Greißlerin war äußerst reinlich und pedantisch dahinter, daß kein Schmutz sich breit machen konnte.

Im Gedächtnis ist mir noch die geheimnisvolle Milchpumpe, die irgendwie genau wußte, wann ein halber Liter in der Milchkanne war .... und mittels eines Hebels - ich hab das genau beobachtet und meiner Schwester, die das nie begriff auch niemals niemals verraten !!! - konnte man den Pumpenweg halbieren und sogar ein Viertelliter bemessen! Tja, mit wenig Haushaltsgeld mußte man knappest die Lebensmittel kalkulieren!

Wurst war selten am Tisch, und beim Einkauf gabs bei meiner Mutter nie die Nachsicht auf "Darf's ein bisserl mehr sein?" Sie verweigerte das Wurstradl zuviel standhaft - und die Wurstradln kamen abgezählt aufs Brot: die großen Brüder (damals ca. 15 und 17) je sieben Räder, ich (damals ca. 7) nur 5 Räder - das war streng eingeteilt, fast ritualisiert ....

Der "Wischfetzen", mit dem die "Verkaufsbudel" abgewischt wurde, war ein herausgeschnittener und gesäumter Hemdrücken, der auf der Registirerkassa lag. (Ich weiß das deshalb so genau, weil auch ich als "Kleiner" dieses heraustrennen/herausschneiden machen mußte - und die karierten Hemden des "Chefs" mir bekannt waren!). Dieser Fetzen roch - naja - eher streng, vom Milchspritzer über Bierspritzer, Käsekrümel und Waffelbrösel fand sich darin wohl alles ..... und SO oft wurde der scheinbar nicht getauscht ....

Übrigens wurde sogar eine alte Form von Klopapier verkauft: geviertelte Wochenzeitungsseiten, und von den "begüterten" wurde das tatsächlich fallweise gekauft!! (wir Kinder machten das immer selber - unsere Mutter sagte immer, wir helfen so sparen!) - am WC (damals noch ein unüblicher Begriff: Klo war der richtige Ausdruck damals!) war ein Brett auf einem Schemel mit einem senkrechten Nagel drin, da war das Papier zur Entnahme aufgespießt ....

So, genug für heute ... die Erinnerungen sausen nur so in die Finger und von da in die Tastatur!

Norbert aus dem Steyrtal
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