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Alt 26.09.2010, 14:54
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Standard AW: Untergegangene Berufe

Dass der Bachelorabschluss "nichts" wert sei, kann absolut nicht zugestimmt werden!

Alle Bachelorstudien enthalten harte Proseminare und Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten, die von Studierenden erarbeitet werden müssen. Weiters eine oder sogar mehrere Bachelorarbeiten, die in manchen Studien einer Diplomarbeit im früheren Sinne nicht nachstehen. Ein Bachelorabschluss ist damit ein vollwertiger akademischer Abschluss.

Dennoch sind in der europäischen Bildungspolitik in den letzten Jahren enorme Fehler passiert, es ist zudem auch gar nicht absehbar, wie das wieder korrigiert werden kann.

Die sogenannte "Internationalität" der Studien ist ein völlig übertriebenes und haltloses Versprechen. Ganz im Gegenteil: durch die Einführung der Bachelorstudien haben die einzelnen Universitäten Studienrichtungen entwickelt, die andernorts nur Kopfschütteln auslösen und nirgendwo anerkannt werden. Die so groß von der Politik angepriesene "Mobilität" ist ebenso ein haltloses Versprechen, denn selbst mit einem Bachelorabschluss ist ein Wechsel auf ein anderes Fach so gut wie unmöglich (zumindest an unserer Uni).

Es würde hier zu weit führen, alle weiteren Kritikpunkte an der europäischen Bildungspolitik anzuführen.

Wirklich schlimm und erwähnenswert ist jedoch noch die "Titelproduktion" der verschiedensten Fachhochschulen und diverser anderer Kurse. Ich denke, hier liegt auch eine wirkliche Gefährung der Öffentlichkeit vor, denn wie soll etwa ein Patient mit einer Krankheit nun wissen, ob er nun von einem "Dr. med.", also einem Arzt mit mehrjähriger und gründlicher akademischen Ausbildung behandelt wird oder von einem "Dr." der irgendeinen Kurs absolviert hat?
Oder im technischen Bereich: wie kann ich unterscheiden, ob es sich bei meinem Bauauftrag um einen Techniker mit mehrjähriger gründlicher Technikausbildung, also einen "Dipl. Ing" handelt, oder um einen HTL-Absolventen oder einen Fachhochschulabsolventen mit zweijähriger Kurzausbildung, also einen "Dipl. Ing. FH", bei denen das "FH" gerne mal in der Erwähnung vergessen wird?
Speziell im Gesundheitswesen ist es in meiner Umgebung (Tirol) wirklich eher krass, die Doktoren des Gesundheitswesens oder der Pflegewissenschaften ("Dr.") haben nicht mal ausreichend mit venia docendi befugte Lehrer. Diese seltsamen Studienrichtungen sind auch politisch sehr abhängig, gelegentlich zweifelt tatsächlich auch die Politik an der rechtlichen Grundlage solcher Doktorate bzw Doktortitel von sogenannten "Privatuniversitäten", die zudem nur etwa 20.000 Euro für den Studenten kosten. Hier oder dieser Bericht zu einer solchen "Privatuniversität" (UMIT) in Tirol, deren Akkreditierung für ein solches Studium eben wieder entzogen wurde...
Nachtrag:
die Tiroler Tageszeitung schreibt am 2. Oktober 2010 über die Privatuniversität UMIT ["Privat" heißt hier: im Besitz des Landes Tirol] in Hall in Tirol:

Man muss schon viel Phantasie haben, um Fachfragen der Automobilindustrie mit zentralen Aspekten der Gesundheitswissenschaften in Verbindung zu bringen. Zwei Professoren am Department für Human- und Wirtschaftswissenschaften an der UMIT waren dazu auch nicht in der Lage, trotzdem akzeptierten sie eine Dissertation, die sich mit der Bedeutung zwischenbetrieblicher Beziehungen und deren Zulieferpyramiden in der Automobilindustrie beschäftigt hat Diese Doktorarbeit steht aber stellvertretend für Dissertationen, die keinen Gesundheitsbezug haben.

Der Experte des Akkreditierungsrats, der die Vorgänge im Doktoratsstudium der Gesundheitswissenschaften untersucht hat, kommt deshalb zu einem eindeutigen Schluss: „Was Netzwerkstrukturen in den Lieferbeziehungen zwischen Automobilproduzenten mit Gesundheitswissenschaften zu tun haben, ist zwar auch den Gutachtern (...) nicht klar, hindert sie aber nicht daran, die 78-seitige Schrift nach weitgehend inhaltsleeren Aussagen in ihren Gutachten mit ,cum laude' resp. ,magna cum laude' zu bewerten."

Über die Dissertationsgutachten im betroffenen Doktoratsstudium der Gesundheitswissenschaften kann der Sachverständige nur den Kopf schütteln. 14 der 15 untersuchten Dissertationsgutachten, folgert der ÖAR-Experte, „wären auch für eine Diplom- oder Magisterprüfung nicht akzeptabel, weil oberflächlich, in ihren faktischen Feststellungen vielfach widersprüchlich und im Hinblick auf die Bewertungen nicht nachvollziehbar".

So wurden Studenten teilweise unter „Außerachtlassung gültiger Zulassungsbestimmungen“ in das Doktoratsstudium aufgenommen. Gleichzeitig meldet der ÖAR Bedenken gegen eine Habilitierungswelle von internen Mitarbeitern im Sommer 2008 an. Die Verfahren seien zwar, wie es heißt, formal korrekt abgewickelt worden, doch hinsichtlich der Qualität werden die zum Teil sehr kurzen wissenschaftlichen Karrieren im Gutachten als zweifelhaft bezeichnet. So kam es u. a. vor, dass jemand innerhalb von fünf Jahren zwei Masterstudiengänge sowie die Promotion und Habilitation mit anschließender Lehrverpflichtung an der UMIT absolviert hat.

In der Bevölkerung Tirols werden diese merkwürdigen Titel zwischenzeitlich "Dr. Tirolensis" oder "Jodeldiplom" genannt, als ein Synonym für mit Geld erkaufbare Titel. Die Unklarheit für die Bevölkerung bleibt jedoch...

Wikipedia bringt eine ganz gute Definition der Titelmühle.

Nach meiner Einschätzung hätte man das ganze Bildungs-Schlamassel niemals so unüberlegt starten dürfen, jetzt wird es schwierig, das ganze zu ordnen...

Wolfgang (SAGEN.at)
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