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Alt 04.09.2008, 21:16
dolasilla dolasilla ist offline
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Standard AW: Volksmedizin auf Almen im Stubaital

Zitat:
Zitat von SAGEN.at Beitrag anzeigen
Vielleicht weiß jemand noch weitere Aspekte der Volksmedizin bzw Tierheilkunde auf Almen?
Wolfgang (SAGEN.at)
Aus dem Buch "Kräuterweiber und Bauerndoktoren" von Johann Schleich, der viele Menschen in der Steiermark nach ihrem alten Wissen über Hausmittel befragt hat (dieses Buch ist das Ergebnis seiner Bemühungen), hab ich folgende Rezepte, in denen es um Viehheilkunde geht, abgetippt. Die Namen der Auskunftgebenden habe ich, so wie sie im Buch genannt sind, jeweils nach dem Rezept in Klammer dazugeschrieben. Das Buch ist überhaupt ziemlich interessant, vor allem, aber nicht nur vom volkskundlichen Aspekt her.

Ob diese Rezepte auch auf den steirischen Almen verwendet wurden, entzieht sich meiner Kenntnis. Bei einigen kann ich es mir gut vorstellen, andere erscheinen mir zu aufwändig für den Gebrauch auf der Alm, bzw bezweifle ich, ob eine Sennerin oder ein Senner z.B. Salzsäure auf der Alm vorrätig hat

Wie auch immer, interessant finde ich die Rezepte allemal - und hier kommen sie:

- Kälbern wurde als vorbeugendes Mittel gegen diverse Erkrankungen die Nieswurz (Güllwurz) in die aufgeschnittenen Ohren gesteckt (Alois Auer)

- Bleibt im Rinderschlund ein Apfel oder Kürbisteil stecken, so wird das Rindermaul mit dem Nabenring eines alten Wagenrades aufgesperrt und mit der Hand der Apfel gelöst (Anton Baierl, Viehdoktor aus Pretal bei Kapfenstein)

- Ist das Vieh verstellt (d.h. es hat Blähungen), wird Wermut- oder Kamillentee gegeben (Cäcilia Bäck aus Johnsdorf)

- Bei Verstellungen (Blähungen) vermischte er Salzsäure mit Alkohol und Kamillentee und goss diese Mixtur mit einer Flasche dem Rind in das Maul. Half dies nichts, so musst er den Pansen mit einem Eisen anschlagen, das die Gase austreten konnten. Auch ein Schlauch, der durch das Maul in den Magen geführt wurde, um die Gase herauszulassen, wurde verwendet (Johann Buchgraber, Viehdoktor aus Wetzelsdorf)

- Zur Stärkung des geschwächten Rindes setzte er Kren, Hafer oder Weizen in Wein an, ließ es ein wenig zugedeckt stehen und gab es den Rindern mit der Flasche ein (Johann Buchgraber, Viehdoktor aus Wetzelsdorf)

- Wenig Stuhl und Magenverstimmungen bei Rindern soll man mit einem Kamillentee behandeln (Johann Czekitz)

- Die empfindlichen Nabel von drei Wochen alten Kälbern rieb er mit einer Nabelsalbe, die er zu Hause zubereitete, ein. Man nimmt dazu zu gleichen Teilen Knoblauch, Schwarzwurzel, Eibisch, Lilienzwiebeln und Lorbeerblätter und röstet sie kurz in heißem Fett. Bevor das Fett völlig abkühlt, wird es durchgeseuht, dann kommt ein wenig Terpentinöl dazu. (Josef Edelsbrunner, Viehdoktor aus der südlichen Obersteiermark)

- Die Venen der Rinder wurden mit einer Rosmarin-Tinktur eingerieben: man kocht in 1 Liter Wein 1 Handvoll Rosmarin, 1 Handvoll Wermut und 5 dag A(b)sang. Dann auf Stallwärme abkühlen lassen und die Venen der Rinder einreiben. (Josef Edelsbrunner, Viehdoktor aus der südlichen Obersteiermark)
(Anmerkung: Was Absang ist, wird hier leider nicht erklärt, außer dass es in der Apotheke zu bekommen ist).

- Schweinen und Rindern gibt man Kernöl, damit die Nachgeburt leichter abgeht (Stefi Einfalt, kräuterkundige Frau aus Stocking)

- Kohlöl wird Tieren, wie z.B. den Rindern bei Bläungen in das Maul geschüttet. Es löst die Blähungen (Franz Grabenhofer, einer der letzten Köhler der Steiermark und der einzige, der mit seinem Kohlwerk auch volksmedizinische Mittel produziert)

- Zur Weckung der Lebensgeister des Kalbes werden Nase und Maul mit kaltem Wasser, besser Essigwasser, abgewaschen. Wenn der Nabel schwärt, wird eine Mischung aus Lehm und Essig aufgelegt. Die Kuh bekommt nach dem Kalben Brot und leicht erwärmtes Essigwasser oder Most, und zur Entspannung wird ihr Rücken mit Schnaps abgerieben. Will die Nachgeburt nicht weggehen, so wird der Kuh ein Pfingstrosenblütentee zu trinken gegeben, wozu nur rote Blüten verwendet werden. Wird das Kalb von der Kuh getrennt, so kann es vorkommen, dass die Kuh zu brüllen beginnt - dagegen hilft, wenn man der Kuh ein Büschel Haare vom Rücken des Kalbes, in Brot gesteckt, zu fressen gibt. Wenn Rinder verlegt sind, so gibt man ihnen Brot oder Schrot mit Pechöl. Mit Pechöl einreiben wirkt auch gegen Verstauchung. Gegen Fieber sind weiße Rüben gut. (Maria Hackl, Bäurin aus Alla bei St.Georgen)

- Das Rind bekommt bei Blähungen einen Tee aus Heidenwindenkraut, Saupappel, Kamille, Petersilie, Anis, Kümmel und Enzianwurzeln. Einen Linsertschleim gibt man Kälbern, die Bauchweh haben: Leinsamen (Linsert) wird gekocht und mit Milch vermischt. (Anna Horn aus Ziprein bei Kirchbach)

- Ist das Vieh blutarm und leidet an Eisenmangel, so gibt man Brennnesseln zum Futter (Hermann Jud, Bauerndoktor)

- Wasserbeschwerden bei Kühen hilft man mit einem Tee aus Petersilie, Hespeln, Kümmel und Kamille ab. Geschwollene Euter der Kuh werden mit einer Salbe, für die man Saunigelkraut, Eibisch und Lorbeer(kern) in Rindsschmalz röstet, eingeschmiert. Gegen Würmer bei Kühen kocht man Knoblauch in Milch. Glaubersalz ist gut gegen Fieber bei Kühen. Ein Eutergeschwür bei den Kalbinnen muss man mit Heublumen bekämpfen. Ist die Kuh krump (lahm,. hinkend), so legt man Essig mit Wasser vermischt auf. (Johann Kirbisser II.)

- Mit Bremsenöl schmierte man Rinder gegen die Bremsen ein (Erich König, Apotheker aus Feldbach)

- Aufgeblähte Kühe werden mit einer Schmerkugel behandelt. Dazu benötigt man eine geleerte Schweineblase, die man aufbläst und mit dem Schmer (Fett), das mit Knoblauch und Kümmel vermengt wird, füllt. Schmer, Knoblauch und Kümmel müssen fein gehackt werden. Dann wird die gefüllte Kugel dem Vieh ins Maul gesteckt. Vor allem bei rindern, die eine Aufblähung durch frischen Klee haben, ist dieses Rezept sehr wirkungsvoll. (Josefa Krickler, Hausfrau und Bäurin in Oberdorf bei Kirchberg)

- Leiden Schweine und Rinder unter Appetitlosigkeit, so wird Rainfarn zu Tee verkocht. Dieser Tee wird dem Trinkwasser der Tiere beigemengt, wobei darauf geachtet werden muss, dass sowohl Rinder als auch Schweine nur warmes Trinkwasser erhalten. Zeigen Rinder oder Schweine Krankheitserscheinungen, so werden zu je 1/3 Rainfarn, Kümmel und Kamille vermengt und daraus ein Tee gekocht. Gleichzeitig kocht man weiße Rüben und vermengt diese mit dem Tee. Diesem Gemisch wird noch eine Handvoll Kleie beigemengt. (Irene Leitgeb)

- Geht die Nachgeburt der Kuh nicht ab, wird getrocknetes Rettichkraut gekocht und der Kuh ins Maul geschüttet. Ist das Rind verstellt, hat keinen Stuhl, so wird mit der Flasche Pechöl eingeschüttet. (Johanna Lipp, geb. 1921, hat ihr Hausmittelwissen von ihrer Mutter überliefert bekommen)

- Hatten kleine Kälber die Gliedergüll, so wurde ein Stück Gras mit der Erde ausgestochen und auf die geschwollenen Stellen aufgelegt. Bei Kälbern, die jünger als 10 Tage waren, half diese Behandlung nicht. (Franz Neubauer sen. aus Krusdorf)

- Einer schwachen Kuh, die sich nach der Geburt eines Kalbes nicht erheben kann, gibt man einen halben Kübel Bohnenkaffee oder einen halben Kübel Most als Stärkungsmittel. (August und Andreas Poller)

- Bei Euterentzündung von Kühen stellt man einen Kübel voll Heublumenabsud (heiß) unter das entzündete Euter. (Maria Reichmann aus Untergiem)

- Eibischtee wird der Kuh verabreicht, wenn sie kalbt. (Maria Schwarz aus Pichla)

- Stierhoden wurden paniert oder - in Streifen geschnitten - gekocht. Das galt als kräftigend. Auch Kuheuter gibt Kraft. Es wird "Spanisches Herz" genannt und paniert gegessen (Karl Saria, Fleischermeister aus Feldbach)
Anmerkung von mir: *brrrrrr*

LG,
Dolasilla
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"Ein kluges Weib in seinem dunklen Drang ist sich des rechten Weges wohl bewusst" (Irmtraud Morgner)
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