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Alt 14.10.2005, 09:30
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Standard AW: Piefke-Saga ... von der Realität überholt?

Tobias Moretti: Piefke-Saga längst Realität

Ein Narrenhaus wie Ischgl könne nicht das Ziel sein, sagen Tobias Moretti und Martin Kusej. Andreas Braun lobt hingegen Events in Ischgl und Kitz.

Unerwartet heftig rechneten Tobias Moretti und Martin Kusej beim World Winter Forum mit dem Ballermann-Tourismus und insbesondere mit Ischgl ab. Der Tiroler Star-Schauspieler und der Salzburger- Festspiele-Schauspieldirektor warnten beim Tourismusgipfel im Austria Center Vienna vor einer "Vermassung der Emotionen".

Affenzirkus betonieren

Es sei nicht notwendig, bei einem Fußballspiel den VIP-Gästen in der Pause den Luxus eines Fünf-Sterne-Restaurants zu bieten. "Da werden Ereignisse über Ereignisse drübergestülpt, bis die Menschen draufkommen, dass dies mit der ursprünglichen Emotion nichts mehr zu tun hat. Dann kommt es zur Explosion", erklärte Kusej.

Man müsse darüber nachdenken, "ob man über diesen Affenzirkus nicht drüberbetonieren und dann das Ganze zuscheißen solle", ging Moretti vor allem mit dem Weg von Ischgl und Sölden hart und deftig ins Gericht.

Gegen die Piefke-Saga von Felix Mitterer habe es vor 15 Jahren noch einen Aufstand gegeben. "Was damals vielen abstrakt schien, wurde mittlerweile längst Realität", ist Moretti, der eine Hauptrolle in der Serie spielte, überzeugt. Moretti und Kusej betonten, nicht die Nachfrage, sondern die Anbieter zu kritisieren. "Diese identitätsgefährdende Anbiederung ist falsch."

Schwarzer Hexentanz

Für Andreas Braun hingegen sind einige Ischgler Inszenierungen fast schon "märchenhaft". Der Chef der Swarovski Kristallwelten lobte beim Tourismusgipfel in Wien etwa das Tina-Turner-Konzert auf der Idalpe. "Ein schwarzer Hexentanz auf weißem Schnee. Das war perfekt. Milchgesichtige Buben auftreten zu lassen wirkt jedoch nicht."

Als "theatralisches Gesamtkunstwerk" bezeichnete der Tiroler Tourismusvisionär das Kitzbüheler Hahnenkammrennen. "Bei diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten trifft sich die Welt. Es geht um Sehen und Gesehen werden. Das Skirennen ist Nebensache." Was Moretti erzürnte: "Die Leistungen der Sportler müssen im Mittelpunkt stehen."

Braun warb für eine Redimensionierung des Tourismus in Richtung Ganzjahres-Auslastung. "Der Winter ist eine emotionale Behausungsmöglichkeit. Die Werber müssen sich viel mehr einfallen lassen. Sie haben nicht begriffen, dass es kultige Schönheiten gibt." Neue Ideen seien Mangelware.

Sprüche:

Das World Winter Forum diskutiert zwei Tage Zukunftsperspektiven der Wintertourismus-Branche. Am Donnerstag gab es deftige Sager von Tobias Moretti und Andreas Braun.

"Vaterlandsverräter": Dass sich Ischgl nach der Lawinentragödie von 1999 nicht mit den Galtürern solidarisch erklärte, ärgert Schauspieler Moretti bis heute. "Das war Vaterlandsverrat. Ischgl warb damit, dass eine solche Lawine bei ihnen nicht passiert wäre."

"Narrenhaus": "Wenn man aus dem Skilift aussteigt und links dröhnt es wie in einer Disco und rechts wird gejodelt, fühlt man sich wie in einem Narrenhaus. Das kann nicht das Ziel sein." Moretti zum Ballermann-Tourismus.

"Eskimos statt Deutsche": "Tirol könnte statt der vielen Deutschen Eskimos beschäftigen, welche den Gästen die 42 Weiß-Schattierungen des Schnee erklären könnten." Andreas Braun ironisch in Richtung AK-Präsident Dinkhauser ("Deutsche sind unsere Feinde.")

"Modisch aufmotzen": "In Cortina geht es nur darum, auf der Promeniermeile zu punkten, die Piste ist nebensächlich. Dafür muss man sich zumindest um 10.000 Euro modisch aufmunitionieren", weiß Andreas Braun.


Quelle: Tiroler Tageszeitung, 14. Oktober 2005, S. 5

Wolfgang (SAGEN.at)
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