Thema: Hexenprozesse
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Alt 24.08.2021, 18:52
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Ausrufezeichen AW: Hexenprozesse

Zum Thema passend:

Streitt, Ute / Kocher, Gernot / Schiller, Elisabeth (Hg.)
Schande, Folter, Hinrichtung
Forschungen zu Rechtsprechung und Strafvollzug in Oberösterreich
Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra
ISBN 978-3-901862-30-4
Herausgegeben von den OÖ. Landesmuseen
Linz 2011
599 Seiten

Kapitel "Hexenprozesse in Oberösterreich - Ein Überblick"
Martin Scheutz
Seite 81-91

Seite 83:
Eine traurige Bilanz - Die in Oberösterreich in Hexenprozessen Hingerichteten

Schon im Jahre 1934 führte der steirische Rechtshistoriker Fritz Byloff (1875-1940) 1.700 Personen (seine Schätzung belief sich auf insgesamt 5.000 Angeklagte) - "zum allergrößten Teil [...] Todesopfer" - für das heutige Bundesgebiet (Anm.: österreichische Länder) an. Ulrike Schönleitner gab 1987 auf der Grundlage des damaligen Forschungsstandes für das heutige Bundesgebiet zumindest 882 Todesurteile in Hexen- und Magieprozessen an, wobei der Anteil der Frauen denjenigen der Männer leicht überwog. Nach den hier tabellarisch teils auf eigenen Forschungen, teils auf neuerer Literatur fußenden Berechnungen lassen sich für das heutige Bundesgebiet zumindest 965 Hinrichtungen (ohne das "quellenarme" Wien) erschließen. Wolfgang Behringer schötzte schon recht zutreffend rund 1.000 Hinrichtungen im Zuge der Hexenverfolgung für das heutige Österreich, wobei sich der späte Verfolgungshöhepunkt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts (mit Ausläufern ins 18. Jahrhundert) aus dem "Hof-Land-Gegensatz", wo relativ autonome Provinzen gegen den Willen der höfisch dominierten Zentralregierung am Hexenparadigma festhielten, ergab. Die vor allem im bereich von verstreuten Einzelprozessen zu vermutenden Aktenverluste und der uneinheitliche Forschungsstand lassen aus meiner Sicht für das heutige Bundesgeiet zumindest 1.200 - 1.500 Hinrichtungsopfer wahrscheinlich erscheinen.

Auf europäischem Maßstab muss man die Hexenverfolgung in den heute österreichischen Ländern (mit Ausnahme der Steiermark und Salzburgs) als vergleichsweise gering einschätzen. Es bleibt der weiteren Forschung vorbehalten, die Ursachen hierfür auszumachen: etwa ob in den österreichischen Ländern die Hexerei "primär als maleficium und nicht als Satanskult verstanden wurde", ob das mehrstufige Kontrollsystem der landgerichtlich geführten Prozesse dem "crimen exceptum" bzw. dem Ausnahmerecht ("processus extraordinarius") Einhalt gebieten konnte und daher der Umfang der Hexenverfolgung limitiert blieb.

Seite 84:
Auszug Tabelle 1: Verfolgungsbilanz für die österreichischen Länder

Territorium / Mindestzahlen Hinrichtungen / letzte Hinrichtung

Steiermark / 355 / 1744-1746
Kärnten / 88 / 1723
Niederösterreich / 46 / 1696
Oberösterreich / 78 / 1732
Salzburg / 217 / 1750 (Allein "Zauberer Jackl-Prozess" 133, davon 38 Frauen 95 Männer)
Tirol / 72 / 1722
Vorarlberg / 95 / 1651
Burgenland / 14 / 1723
Wien / - / -

Summe 965

Seite 85:
Auszug Tabelle 2: Hinrichtungstabelle von Hexenprozessen für Oberösterreich 1570 - 1732

Zeitraum / Frauen / Männer

1570-1600 / 1 / 3
1601-1650 / 2 / 9
1651-1700 / 16 / 30
1701- 1732 / 9 / 8

Summe 1570-1732 / 28 / 50
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