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Alt 23.06.2006, 00:09
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Standard AW: Suche warum in Westfalen das zweite Gesicht verboten war

Ich beziehe mich in meinen Ausführungen auf das HdA (Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens), Band 8, Sp. 307 - 311, ein Aufsatz von Will-Erich Peuckert zum Spökenkieker:

Ein Spökenkieker ist, dem Wortsinn zufolge ein Mensch, der Spukhaftes wahrzunehmen vermag. Er ist ein Mensch, Mann oder Frau, der das zweite Gesicht, das Vorlât hat, Vorgschichten, Vorspuk sieht, also jemand, der in wachem oder halbwachem Zustande Ereignisse als gegenwärtig sieht, welche entweder zur selben Zeit, aber in der Ferne, geschehen oder erst in Zukunft geschehen werden. In den Bezeichnungen liegt bereits, daß diese Wahrnehmungen zumeist durch das Gesicht, seltener durch das Gehör, noch seltener über die anderen Sinne erfolgen.

Spökenkieker sind besonders veranlagte "gezeichnete" Menschen; ihre Gabe ist ihnen angeboren, durch "verbotenes" Verhalten zugefügt worden, oder von ihnen willentlich erworben worden. Sie kommen wie Katzen mit geschlossenen Augen zur Welt, werden wie diese erst nach einigen Tagen sehend und sehen wie die Katzen nachts, so sie in die Geisterwelt.
[...]
Wer die Gabe hat, ist ein unglücklicher Mensch. Er kann nicht sehen, was er will und wann er will; er muß den Vorspuk sehen, so oft er kommt, er mag wollen oder nicht. Loswerden kann er die Qual nur, wenn er sie auf einen anderen zu übertragen vermag, wenn er diesen dazu bereden oder überlisten kann, das Schichten von ihm zu erlernen. Doch sagt man, daß manche fromme Pfarrer sie einem Abnehmen könnten.

Die Schichtigen werden von der fortwährenden Aufregung ganz blaß und schwinden hin, und schon mancher hat die beunruhigende Gabe mit einem frühen Tode büßen müssen. Die meisten sind trüben Sinnes.

Auch Annette von Droste-Hülshoff schreibt über Spökenkieker.

Wolfgang (SAGEN.at)
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