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Alt 17.07.2013, 08:06
Nicobär Nicobär ist offline
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Standard AW: Vorboten des Todes

Der oldenburgische Sagen- und Märchensammler Ludwig Strackerjahn hat in seinem Werk "Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg" viele Vorboten des Todes aufgelistet. Im 1. Band seines im Jahre 1867 erschienenen Werkes heißt es (S.30 f.):

Zitat:
Zitat von Ludwig Strackerjahn (1867)
(19) Von Vorgängen bei Todesfällen . Wenn eine Leiche im Tode lächelt oder die Augen offen hat, so stirbt bald wieder jemand aus dem Hause. – Wenn eine Leiche schlaff bleibt, nicht steif wird, so folgt bald eine aus dem Hause oder der Verwandtschaft nach (Umgegend von Vechta). – Wenn eine Leiche im Hause mit dem Gesichte nach der Haustür hin aufgebahrt ist, so folgt bald ein zweiter Sterbefall in der betreffenden Familie (Dinklage). – Wohin die Kerzenflammen auf dem Sarge gleich nach dem Anzünden flackern, in der Richtung liegt das Haus, aus welchem die nächste Leiche kommen wird (Jade). – Zu wem unter den im Sterbehause Versammelten nach dem Auslöschen der Lichter der Rauch hinzieht, der muß zuerst sterben (Holle). – Auf der Geest haben die größeren Bauern die Bretter zum Sarge (Husholt), das beste Eichenholz, jahraus jahrein auf dem Hausboden stets fertig liegen. Wenn dieses Holz aus sich in Bewegung gerät, Geräusch verursacht, z.B. bei Sturmwetter oder infolge Eintrocknens, wird bald ein Toter im Hause sein (Großenkneten).

(20) Wenn beim Abgange des Leichenzuges irgend etwas nicht in Ordnung ist, Kopfbedeckungen verlegt sind, ein Wagen nicht fertig ist usw., so muß bald wieder jemand aus dem Hause sterben. – Wenn früher die Krone auf einem Kindessarge nicht zur rechten Zeit am Platze war, so glaubte man, die Seele wäre noch nicht zur Anschauung Gottes gelangt (Neuenkirchen). – Wer beim Leichenbegängnis zuletzt das Haus verläßt, stirbt zuerst (Holle). – Wenn dem Leichenzuge zuerst ein Mann begegnet, wird ein Mann, wenn eine Frau, so wird eine Frau die nächste Leiche abgeben. – Wer einem Leichenwagen begegnet, hat Unglück in den nächsten acht Tagen. – Von dem Benehmen der Pferde vor Leichenwagen ist schon die Rede gewesen.– Aus dem Hause, vor welchem ein Leichenzug hält, kommt bald eine Leiche. Darum wählt man, wenn gehalten werden muß, Kreuzwege oder Punkte, wo keine Häuser zur Seite stehen.

(21) In Jeverland istes Sitte, wenn eine Beerdigung am hellen Tage stattfinden soll, schon am Tage vorher zu läuten; wenn nun am Sonntag-Mittag nach dem Kirchenläuten die Glocken noch für eine auf Montag bevorstehende Beerdigung thätig sein müssen, so bedeutet dies, daß im Laufe der Woche noch eine zweite Beerdigung nothwendig seind wird. - Schlägt die Kirchenuhr, während die Sterbeglocken läuten, so wird bald ein neuer Todesfall eintreten. - Ist zwischen Weihnachten und Neujahr (Holle: In den Zwölften) das Kirchhofstor wegen einer Beerdigung geöffnet, oder steht in dieser Zeit ein Grab offen, so wird es im nächsten Jahre noch sehr viele Leichen geben. – Wenn ein offenes Grab von selbst wieder einfällt, so muß aus der nächsten Verwandtschaft bald wieder einer sterben (Holle). – Derjenige, an welchen im letzten Augenblicke ein Sterbender denkt, bekommt sofort ein Zeichen des Todes. – In einer Familie zu Oldenburg kündigte sich der Tod eines Verwandten immer dadurch an, daß Saiten auf dem Klavier sprangen.
Edit: da das Urheberrecht auf das Werk von Strackerjahn bereits lange abgelaufen ist und das Buch bei Googlebooks als freies E-Book erhältlich ist, habe ich den Abschnitt direkt hier eingefügt.

Wenn ich an meine Kindheit in den 1970er Jahren zurück denke, dann fallen mir dunkel wieder Begebenheiten ein, die bei vielen Älteren Angst und Schrecken auslösten. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass es Alte gab, die sehr genau vorhersagen konnten, woher die nächste Leiche kommen werde. Diese hellsichtigen Leute - bei uns nannte man sie "Leute mit dem Zweiten Gesicht" - waren gefürchtet.
Von der Nordsee gab es immer wieder Berichte, ein auf See ertrunkener Seemann käme zum Zeitpunkt seines Todes an die Tür seines Hauses und klopfe an. Die Bewohner hörten seinen vertrauten Schritt und dann sein Klopfen. Wenn sie die Tür öffnen, finden sie vor der Tür eine große Wasserlache und wissen, dass er ertrunken ist und für immer auf See bleibt. Der hierfür in Nordfriesland verwendete Begriff ist der des "Gong". Karl Müllenhoff schreibt in seinem 1845 erschienenen Werk "Sagen, Märchen und Lieder der herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg" (S. 183):
Zitat:
Zitat von Karl Müllenhoff (1845)
Wenn einer von der Verwandtschaft auf der See ertrunken ist, meldet er es nachher den Anverwandten. Wem ein solcher Gonger begegnet, der erschrickt nicht, sondern wird vielmehr betrübt. Der Gonger meldet sich aber nicht in der nächsten Blutverwandtschaft, sondern im dritten oder vierten Gliede. In der Abenddämmerung oder bei Nacht lässt er sich sehen in eben der Kleidung, worin er ertrunken ist. Er sieht dann zur Hausthür herein und lehnt sich mit den Armen darauf, geht auch sonst im Hause herum, verschwindet aber bald und kommt am folgenden Abend um dieselbe Zeit wider. Nachts öffnet er, gewöhnlich in schweren aufgezogenen Stiefeln, die voll Wasser sind, die Stubenthür, löscht mit der Hand das Licht aus und legt sich dem Schlafenden auf die Decke. Am Morgen findet man einen kleinen Strom salziges Wasser, das dem Ertrungkenen von seinen Kleidern abgetröpfelt ist, in der Stube. Lassen die Verwandten durch dieses Zeichen sich noch nicht überreden, so erscheint der Gongerso lange, bis sie es glauben.
Beide genannten Bücher sind auf Googlebooks als freie E-Books zu finden. Sie sind sehr, sehr lesenswert.

Geändert von Nicobär (17.07.2013 um 17:14 Uhr)
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