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Alt 09.11.2006, 20:03
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Standard AW: Das GULLIBUCH - Eure Erzählungen

Ich habe heute von em. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Röd eine besonders wertvolle Zuschrift erhalten, die ich den Lesern des "Gullibuch" als ergänzende Lektüre nicht vorenthalten möchte.

Prof. Wolfgang Röd ist in Brixen aufgewachsen, sein Vater war der Gymnasialprofessor Dr. Josef Röd, der Gründer und erste Direktor der nach ihm benannten Mittelschule in Bruneck, Südtirol. Dr. Josef Röd hat Prof. Alfons Quellacasa persönlich gut gekannt.

Prof. Wolfgang Röd ist unter anderem Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Herausgeber des auf vierzehn Bände angelegten Werkes der "Geschichte der Philosophie" (eben erschien Band 13).

Wolfgang Röd schreibt:

Ergänzende Bemerkungen zu Prof. Quellacasa
(auf Grund von Erzählungen einiger Neustifter Chorherren und meines Vaters)

Prof. Quellacasa hat nicht nur Naturgeschichte, sondern — mindestens eine Zeitlang — auch Italienisch gelehrt. Vielleicht hat man ihn mit dieser Aufgabe betraut, weil er Ladiner war und aus dem stärker italienisch beeinflußten Buchenstein stammte. Da er aber kein Philologe war, sah er sich in manchen Fällen veranlaßt, zwecks Entscheidungsfindung die Meinung von Italienern einzuholen. Mit Vorliebe konsultierte er einen italienischen Maurer, auf den er sich im Unterricht berief: „Der Polier hat gesagt …“.

Manchmal versetzte ihn die Frage, ob man sich in einem bestimmten Fall nicht auch anders ausdrücken könne, in Verlegenheit. Dann verhielt er sich dezisionistisch: „Sie können, man kann, Sie dürfen einfach nicht“.

Im Italienisch-Lehrbuch kam ein Satz vor, der mit dem Worten „Quella casa“ begann. Die Schüler übersetzten „Jene Hütte“, worauf der Gulli korrigierte: „Es heißt nicht jene Hütte, es heißt jener Palascht!“

Einmal soll er bei einer Schularbeit versichert haben: „Die Aufgaben sind leicht, Fallen habe ich Ihnen nicht gestellt, und wenn Sie fleißig gelernt haben, werden Sie mit Gottes Hilfe ein gutes Ergebnis erzielen.“ Bei der Rückgabe der Hefte hieß es dann: „Ich habe Ihnen einige Fallen gestellt, und richtig sind Sie hineingetappt.“ (Eine „Falle“ war zum Beispiel die Wortverbindung „vierzehn Tage“, die mit „quindici giorni“ wiederzugeben ist.) Benotet hat er übrigens recht streng.

Die deutsche Sprache hat er nie ganz beherrscht. So kam es immer wieder zu verunglückten Formulierungen, wie „Heute nacht habe ich kein Auge über das andere gebracht“. Auf ausgiebigen Schlaf scheint er Wert gelegt zu haben, wie seine Klagen über die frühe Ruhestörung in der dem Kloster Neustift gehörenden und Neustifter Chorherren als Sommerfrische dienenden Alm Steinwend zeigen: Er beklagte sich über die Ruechen (Rohlinge), die dort schon um vier Uhr in der Frühe zu dengeln beginnen.

Als Prof. Quellacasa einmal gefragt wurde, wie das italienische Wort für „Gondel“ heiße, fragte er zurück: „Meinen Sie die Wassergondel“ (er sprach den Mundartausdruck „Kandel“ [= Kanne] wie „Gondel“ aus). An die Wendung „in den letzten Zügen liegen“ anknüpfend sagte er „zu den Zügen greifen“. So soll er auf dem Sterbebette zu der Klosterschwester, die ihm Trost zu spenden suchte, gesagt haben: „Hören Sie auf, oder ich greife zu den Zügen“. Als die fromme Frau ihm die Schönheiten des Himmels vor Augen hielt, soll er nur geknurrt haben: Vedremo!

Wir bedanken uns bei Prof. Wolfgang Röd für diese wertvolle Zusendung!

Wolfgang (SAGEN.at)

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