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Alt 21.02.2013, 17:25
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Standard AW: Meine russische Kriegsgefangenschaft - Erfahrungen eines Österreichers

Meine russische Kriegsgefangenschaft (Teil 2)

Die nächsten Tage vergingen mit Arbeiten auf einer Baustelle in der Stadt. Die heimische Bevölkerung war uns - erklärlicher Weise - nicht gut gesinnt und die Posten mussten öfters einschreiten. Mitte Juni 1945 wurde ich mit 29 Mann, fast alles Österreicher, mit einem LKW in ein anderes Lager verlegt. Ich kann mich an die Lagernummer nicht genau erinnern, es könnte um „Lager 300“ gewesen sein. Das Lager war am Rande eines Dorfes angelegt und das ganze Umland war Verbannungsgebiet der russischen Bevölkerung. In dieser Umgebung gab es eine zerstörte Mühle, daneben ein Rohbau einer neuen Mühle die dann von Kriegsgefangen fertig gestellt wurde, ferner gab es in der Nähe noch einen Steinbruch, wo wir auch eingesetzt wurden.

Hier begann nun ein Leben, dass alles andere in den Schatten stellte.

Bei der Ankunft am Lagertor wurden wir vorerst kräftig gefilzt, wir hatten außer Kochgeschirr und Löffel ohnehin nichts. Das Lager war nicht sehr groß, dort befanden sich eine große und zwei kleinere Baracken um einen größeren Platz. Wir mussten mit militanten Sitten antreten und man befahl uns abzuzählen. Dann kam ein russischer Offizier und erzählte uns, dass „Gitler kaputt“ sei (im russischen Sprachgebrauch wird ein „H“ als „G“ gesprochen) und wir viel Robota (Arbeit) machen müssten. Danach stellte er uns drei Österreichern namens Lauber, Lackner, Patzelt und einen Deutschen (dieser Name ist mir entfallen) vor. Wir sollten jeden Befehl folgen, ansonsten droht Strafe. Der russische Offizier entfernte sich und Lauber übernahm das Kommando. Es hieß abtreten und man verteilte uns in verschiedene Stuben zu den anderen, die schon länger in diesem Lager waren. Das Inventar in einer Stube bestand aus fünf Stockbetten ohne Matratze und eine Wolldecke. Die Toiletten befanden sich in einer kleinen Hütte mit Senkgrube und „Donnerbalken“.

Das ganze Lager zählte 340 Mann, davon waren 40 ehemalige Offiziere österreichischer und ungarischer Herkunft. In einer kleineren Baracke befand sich die Küche mit einer Durchreiche zum Speisesaal. Der Koch war ein Österreicher aus Linz und hieß Lindhuber. Es gab früh und abends Essen, meistens Brennesselsuppe und Kascha, 200 Gramm Brot am Tag. Das Essen wurde in Tonschüsseln ausgegeben, die leeren Schüsseln mussten wieder abgegeben werden. Nachdem das Wasser im Lager verseucht war, daher durften wir nur abgekochtes Wasser von der Küche holen. Des Weiteren wurden wir mit Hosen und Jacken aus groben Lodenstoff und Holzpantoffeln eingekleidet und an der Jacke war ein Zeichen „Wojena Pleni“ (Kriegsgefangener) zu sehen.

Wir - die neuen - wurden schnell zur Arbeit eingeteilt, ein Posten begleitete uns zu einem nahe gelegenen Steinbruch. Es wurde Granit abgebaut und wir mussten Steine zerschlagen. Diese Tätigkeit übte ich 14 Tage bei jedem Wetter aus, man bekam dabei nur eine Wasser-Brühe. Daraufhin wurde ich krank und musste im Lager in eine Krankenstube wo ich der dritte im Bunde war. Der Krankheitsverlauf war der Ruhr ähnlich. Man hatte in der Stube drei Eimer aufgestellt, die wir abwechselnd benutzten. Es war zwar ein Fenster offen, doch es stank erbärmlich. Es gab auch einen deutschen Arzt, auch ein Gefangener, doch er konnte kaum helfen, da fast keine Medikamente vorhanden waren. Zu allem Überfluss bekam ich noch einen fürchterlichen Ausschlag (Krätze), ich war übersäht mit Pusteln und Kratzwunden. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, einmal fiel ich vom Eimer, was da passierte, möchte ich nicht schildern. Nach drei Wochen dahinvegetieren trat eine leichte Besserung ein, ich schrieb es meinem verbliebenen Abwehrsystem zu. Ich wog zu dieser Zeit bei 1,80 cm Körpergröße gerade noch 45 kg. Es gab auch eine russische Ärztin, die mich zum sogenannten Dystrophiker stempelte. Dieser Ausdruck hatte damals mit Unterernährung zu tun. Ich war dann halbwegs genesen und musste kleine Arbeiten im Lager verrichten. Da sah ich erst was diese vier von Russen bestimmten Anschaffer den ganzen Tag trieben.

In der Kommandostube waren einige ehemalige deutsche Offiziere untergebracht, die laut Genfer Konvention nicht zur Arbeit herangezogen wurden und auch besseres Essen bekommen sollten. Letzteres wurde von den Russen ignoriert. In dieser Stube hausten auch Lauber, Lackner, Patzelt und der Deutsche (ich nenne ihn weiteres Müller, sein Name ist mir entfallen). Der Lackner holte eines Tages fünf Mann aus den anderen Stuben, sie mussten sich vor der Kommandostube aufstellen, wurden einzeln herein gerufen, drinnen stand der Müller, der im Lager als Schläger bekannt war und verabreichte, völlig grundlos dem Mann einen Schlag ins Gesicht und jagte ihn zur Tür hinaus. So wurden die fünf Mann behandelt. Ich konnte diese Begebenheit mitverfolgen, weil ich an diesen Tag zum Boden schruppen in dieser Stube eingeteilt war.

Außen an der Baracke gab es einen Kasten, 160cm hoch, 70cm tief und 70cm breit, dieser wurde Karzer genannt. Wer sich den Befehlen des Lauber widersetzte wurde in diesem Karzer eingesperrt, auch ich war einmal einen halben Tag darin, ich konnte nur gebückt stehen oder gekrümmt sitzen, die Sonne brannte auf das Blechdach, es war kaum zum Aushalten. So wurden im Lager verbliebene von vier „Möchtegern's“ terrorisiert.

Ende August 1945 war ich wieder fit und kam wieder auf Außenarbeit. Unweit des Lagers wurden wir beim Bau der Mühle eingesetzt. Vorher war ich bei einer Behelfsmühle, mit drei Mann beim Ausladen von Weizen beschäftigt. Ein offener Waggon mit Weizenkörnern beladen, wurde bereitgestellt, wir öffneten die Tür und etwa ein Drittel rann in einen riesigen Trichter, den Rest mussten wir mit Henkelschaufeln entleeren. Anschließend wurde der Waggon in den Steinbruch überstellt und mit Steinen beladen. Während einer Pause, rösteten wir am Gleis, neben dem Waggon, mit einem Blech Weizen als Zubuße zur Verpflegung. Die Leute im Steinbruch wurden auch von uns bedacht. Ich besorgte einen leeren Mehlsack, der mit Weizen gefüllt und unter dem Waggon fast unsichtbar verstaut wurde, nun hatten auch die Steinbrucharbeiter etwas zum Kauen.

Nach kurzer Zeit wurde ich zum Neubau der Mühle versetzt. Für den kommenden Winter wurden an etlichen Stellen Kanonenöfen aufgestellt, da hatte ich die Idee, etwas einheizen und Weizen rösten. Das tat ich dann während der Mittagspause. Ich wusste, dass derlei Tätigkeiten unter Strafe verboten waren. Russische Posten waren nur rund um den Bau zu sehen aber für die Aufsicht im inneren des Baues war eine Art von Baupolizei zuständig. Ich war eben dabei ein Blech mit Weizen über das Feuer zu halten, plötzlich stand einer dieser Polizisten hinter mir und fragte was ich hier mache. Nach einer Schrecksekunde machte ich kehrt und goss dem Polizisten den noch nicht heißen Weizen über den Kopf. Die Überraschung des Mannes half mir blitzschnell im Bau zu verschwinden.

Am Abend mussten wie üblich am Lagertor einige Männer die Taschen mit Weizen leeren und es hieß, alles antreten und abzählen. Es erschien der russische Direktor mit dem Polizisten vom Bau und sie gingen die Reihe durch. Nachdem es schon sehr dämmerte ging der Mann unverrichteter Dinge an mir vorbei, er erkannte mich zum Glück nicht.
Wir gingen in den Speisesaal, es gab Brennesselsuppe und seltenerweise ein kleines Stück geräucherten Lachs.

Doch das Gehirn eines hungernden Menschen ruht nicht. Ich befreundete mich mit einem Kameraden im Lager an, dessen Namen ich leider auch nicht mehr weiß. Dieser war am Bau in einer Hütte mit dem Bedienen eines Materialaufzuges beschäftigt. Er war Deutscher aus Wanne-Eickel gebürtig. Er beschaffte sich ein Stück Ofenrohr, wickelte Asbest und dünnen Draht rund herum und der Backofen war fertig. Ich belieferte ihn mit Mehl von der Behelfsmühle, er fertigte dann aus Wasser und Mehl ein Gebäck. Das ging so paar Tage dahin. An einem Tag war ich wieder mit Mehl unterwegs, da sah ich den Baudirektor mit unserem Backrohr heraus kommen, das war's dann. Wenn mein Freund den Backofen am Strom anschloss, blieb nämlich der Aufzug stehen, der Strom war zu schwach. Das kam der Direktion zu Ohren, es gab aber keine Konsequenzen.

Es war Mitte Oktober 1945, man merkte schon Vorboten des Winters, zeitweise Regen, der nachts in Schnee überging. Wir bekamen warme Kleidung, Wattehosen, Wattejacken, Filzstiefel und eine Pelzkappe, man konnte uns von der hiesigen Bevölkerung kaum unterscheiden. Die Arbeit am Mühlenbau ging weiter. Man steckte mich am Bau in eine Schmiede als Zuschläger. Der Schmied, ein deutscher, biederer Typ, sah für diese Verhältnisse beruhigend aus. Er lernte mir das Umgehen mit dem Vorschlaghammer, wir arbeiteten gut zusammen. Vor allem war immer Feuer und man konnte den Speiseplan aufbessern. Das ging sogar so weit, dass russische Posten auch was abbekamen, denn auch sie hatten Hunger, die meisten waren junge Rekruten, die in diesem Verbannungsgebiet lebten. Es waren die Dörfer jeweils auf zwei Seiten mit Schlagbäumen versehen. Wollte ein Einheimischer in ein anderes Dorf, brauchte er eine Genehmigung.

Der Schmied hatte die Aufgabe, für eine Transmission Gewindebolzen mit Sechskantkopf zu fertigen. Eine ca. 50cm lange Eisenstange wurde an einem Ende glühend gemacht, man klopfte oben drauf, damit eine Verdickung entstand, der Schmied formte dann noch den Sechskant. Das war der fachmännische Vorgang. Der russischen Bauleitung ging das zu langsam, wir sollten schneller arbeiten. Nach dieser Beschwerde machte der Schmied den Bolzen heiß, knickte die Spitze, formte den Sechskant, das ging dann schneller. In der Schlosserei wurde das Gewinde gedreht und die Montage der Transmission begann. Der erste Testversuch klappte nicht, da beim Bolzen der Sechskantkopf abriss.

Nach diesem Vorfall wurde am Abend im Lager nicht der Schmied sondern ich zum russischen Lagerleiter befohlen. Es waren da noch ein Dolmetsch und zwei Mann vom russischen Geheimdienst dabei. Man warf mir Sabotage vor. Ich hätte dem Schmied sagen müssen, dass die Fertigung der Bolzen so nicht funktionieren würde. Meine Verantwortung, dass nicht ich der Fachmann wäre, stieß auf taube Ohren. Man drohte mir mit Internierung nach Sibirien und einigem Gefasel. Einerlei war mir der Vorgang gar nicht. Man sagte mir, dass es noch einen Ausweg gebe: ich sollte im Lager herum hören, was die Gefangenen so über die russische Lagerleitung sprachen. Ich war einverstanden, denn ich dachte, das wäre eine Möglichkeit, die Zustände im Lager zu verbessern. Ich musste dann 2-3 mal im Monat berichten was im Lager vorging, ich erzählte nur von den Taten der vier Männer, die uns die Hölle heiß machten. Der Geheimdienst war damit zufrieden und die Angelegenheit verlief im Sand. Es sollte sich im Lager sehr vieles ändern, aber erst ein halbes Jahr später.

Mitte November standen wir im tiefsten Winter, es gab durchschnittlich 30 Grad minus. Man musste trotzdem zur Arbeit, wir waren zwar gut gekleidet, doch es kam immer wieder vor, dass einigen Leuten Finger, Zehen und vor allem die Nase abfror. Im Jänner 1946 sank die Temperatur oft nach klarer Nacht auf 50 Grad. Die Entfernung vom Lager zur Arbeitsstätte betrug hin und zurück ca. 2 km. Im Lager wurde in der Küche mit Schnee gekocht, da der Wasserzufluss gefroren war. In den Stuben im Lager wurde mit Holz in kleinen Öfen geheizt. Das besorgten ehemalige Offiziere.
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