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Alt 24.05.2006, 17:53
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Larissa Larissa ist offline
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Standard AW: Die Wolke - Katastrophe von Tschernobyl

Aus den Bildern geht ja eine phantastisch überzeichnete Spielfilmhandlung des Films hervor. Eigentlich war das 1986 viel stiller, es gab ganz wenig Information.

Wie habt Ihr die Katastrophe von Tschernobyl in Erinnerung?
Wer kann darüber erzählen?

Wolfgang (SAGEN.at)[/QUOTE]


Am 26. April 1986 um 6 Uhr morgens saß ich im Flugzeug von Kiew nach Tiflis, Georgien. Ich war 21 Jahre alt und studierte im 8. Semester Germanistik in Kiew.

Die Zeit verlief zunächst fröhlich und sorglos, bis eine georgische Freundin mich fragte, ob es wahr sei, dass eine Atombombe auf Kiew abgeworfen wurde. Die Frage hielt ich für einen schlechten Scherz. Beunruhigt durch diverse Gerüchte rief ich meine Mutter an. Sie konnte mir nichts Genaues sagen, flehte mich nur an, mein Studium an der Tifliser Staatsuniversität und nicht mehr in Kiew fortzusetzen. Ich solle in Georgien bleiben und auf keinen Fall zurück fliegen.

Am 29. April erschien ein winziger Artikel auf der zweite Seite der Zeitung „Prawda“ : Es hätte eine Havarie im Atomkraftwerk Tschernobyl gegeben. Einige Feuerwehrleute hätten Verbrennungen erlitten. Das Feuer ist unter Kontrolle. Es bestehe keine Gefahr für die Bevölkerung.

Trotz der Warnungen meiner Eltern flog ich am 7. Mai zurück nach Kiew. Im Flugzeug saßen nur zehn Passagiere. Kiewer Flughafen war voller Menschen. Man hörte das Weinen von Kindern, Beschimpfungen der verzweifelten Eltern bei erfolglosen Versuchen Flugzeugtickets zu kriegen. Die Richtung spielte keine Rolle, es zählte nur eins - raus aus dieser Stadt, möglichst weit weg… Eine alte Frau schaute mich an und sagte zu mir: “Kindchen, was machst du, bist du verrückt nach Kiew zu kommen. Gucke dir das an, alle wollen nur raus aus dieser verseuchten Stadt! Wie im letzten Krieg…“ und weinte.

Die Stadt wirkte auf mich gespenstisch. Im Zentrum waren überall Feuerwehrmaschinen zu sehen, die Häuser und Straßen mit Seifenlauge besprühten. Kiew war wie immer im Frühling besonders schön, aber in diesen Tagen wirkte diese Schönheit unheimlich. Unzählige Parks und Gärten standen in voller Pracht, Duft blühender Flieder herrschte in der Luft. Aber die Parks, Kinderspielplätze, Straßen waren fast ohne Menschen, man hörte und sah keine spielenden Kinder. Die Stadt mit fast 3 Millionen Einwohnern war wie ausgestorben. Alle, die es konnten, haben die Stadt verlassen. Die, die zurück bleiben mussten, waren „Geiseln von Tschernobyl“, die trotz Störungen versucht haben „Stimme des Feindes“ zu hören: Deutsche Welle, Stimme Amerikas, BBC. In sowjetischen Medien hielten Politiker und parteitreue Wissenschaftler beruhigende Reden. Dabei wussten alle, dass die Parteichefs ihre Kinder und ihre Familien schon längst in Sicherheit gebracht hatten. Zur selben Zeit waren die Krankenhäuser überfüllt mit Kindern, den ihre panische Eltern zu viel Jod sogar in flüssiger Form gegeben haben, und mit schwangeren Frauen, die ihre ungeborene Kinder abtrieben. Es fehlten Anästhesiemittel. Abtreibungen wurden oft unter örtlichen Narkose durchgeführt in einem OP-Saal, wo bis zu 6 gynäkologischen Sessel standen und mehreren Frauen gleichzeitig wurden ihre Träume abgetrieben...

Irgendwann verdrängten wir, kinderlose Studenten, unsere Angst mit Rotweit und Galgenhumor. Man kann einfach nicht ständig an die Gefahr denken, die man nicht spüren und nicht riechen kann. Ende Juni kauften wir uns kiloweise Erdbeeren auf dem Markt. Sie waren spott billig. Es hieß zwar, sie werden nach Strahlungen überprüft, aber wir wussten, dass für zehn Rubel Schmiergeld kriegt man auch eine Bescheinigung, dass die Ware der besten Qualität ist und aus sauberen Gebieten stammt. Wir feierten jeden Tag, als ob er der letzte gewesen ist. Das war Feier während der Pest.
Im Dezember 1986 habe ich als Dolmetscherin eine deutsche Delegation in die onkologische Abteilung eines Kinderkrankenhaus begleitet. Da es auf der Krebsstation nicht genug Betten gab, hat man Abteilung der Unfallmedizin für die krebskranke Kinder zur Verfügung gestellt. Wenn man das einmal gesehen hat, wird es nie vergessen: überall Kinder, jeder Altersgruppe, mit von Hormonbehandlung geschwollenen Gesichtern, kahl rasierte Köpfe... Gefragt nach seinen Weihnachtswünschen guckte uns ein dreijähriger Junge mit seinen großen Augen eines alten Menschen, der viel Leid gesehen hat, an und sagte: „Die Spritzen sollen nicht so weh tun.“ Erst da habe ich angefangen zu verstehen, dass diese Katastrophe noch lange Opfer fordern wird. Seitdem habe ich einen Weg gesucht, um diesen Kindern, und vielen die danach kamen zu helfen. Inzwischen lebe ich seit 14 Jahren in Deutschland. Seit 11 Jahren bin ich als ehrenamtliche Dolmetscherin für die Stiftung „Kinder von Tschernobyl“ des Landes Niedersachsen tätig. Ich begleite Delegationen der Stiftung nach Weißrussland und in die Ukraine. Wir besuchen Krankenhäuser, machen Kontrollbesuche dort, wo die Stiftung Ultraschallgeräte zur Verfügung gestellt hat. Vor kurzem habe ich einen Fotoband "Tschernobyl 1986-2006 Leben mit einer Tragödie". Zwei Fotografen haben ihr Sicht der Katastrophe dargestellt. Rüdiger Lubricht aus Worpswede hat mehrmal die Stiftung bei unseren Reisen durch das Land und die "Todeszone" begleitet. Seine Bilder zeigen Pripjatj und die Umgebung, Menschen, die dort arbeiten (unter anderm Rimma Kiselica, die uns oft in der Zone begleitet hat und die wir ins Herz geschlossen haben) heute. Anatol Kliashchuk aus Belarus, ein unglaublich sennsibler und feiner Mensch, hat 18 Jahre lang Kinder fotografiert, die an Folgen dieser Katastrophe leiden. Das sind schwarz-weiße Fotos, die mit sehr viel Achtung und Liebe zu diesen Kindern gemacht sind. Zusammen mit anderen drei Fotografen (Ludwig, Kostin, Fusko) waren Bilder von Rüdiger und Anatol in Berlin im Willy-Brandt-Haus ausgestellt. Zur Zeit läuft auch eine Ausstellung zum Buch bei der Nord LB-Galerie.

Der Tschernobyl GAU - eine stille Katastrophe. Als es passierte gab es keine beeindruckende Bilder vom Brand und Menschen, die mit primitivsten Mitteln gegen den unsichtbaren Feind, Radioaktivität, kämpften. Es gab keine Filmaufnahmen, die rund um die Welt gingen und Herzen der Menschen auf der ganzen Welt berührten. Es gab Vertuschungen, Lügen, Geheimhaltung und gezielte Fehlinformation, zuerst im Osten, später und bis heute auch im Westen. Eine stille Katastrophe, die die Gesundheit und das Leben Hunderttausender ruiniert und Ihrer Heimat beraubt hat.
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