Einzelnen Beitrag anzeigen
  #8  
Alt 03.02.2007, 02:21
Benutzerbild von Puck
Puck Puck ist offline
Neuer Benutzer
 
Registriert seit: 03.02.2007
Beiträge: 1
Standard AW: Der Starke Wanja

@ Ksjuscha (Oksana),

ich hoffe ich darf das ausnahmsweise mal sagen?! ;-)


Zitat:
Zitat von Oksana
Expertin aus Russland ist selbst verzweifelt… Habe heute Nacht von Kühen und Sonnenblumen geträumt

Nun aber zur Sache:


Hier würde ich Ulrike eher zustimmen. In den russischen dörflichen Holzhäusern war der Ofen wirklich der wärmste Platz und man konnte auf dem warmen Ofen gemütlich liegen und auch schlafen, ich habe als Kind bei meiner Oma im Dorf auch auf dem Ofen gelegen.

Noch früher (Bau von Holzhäusern neuer Art seit Anfang des 20.Jh nach meiner Einschätzung) gab es ich in den Holzhäusern gar keine Bette. Im Wohnzimmern standen Holzbänke (zum Sitzen, fürs Schlafen waren sie zu eng) und ein großer Holztisch. Geschlafen hat man aber auf dem Hängebogen /bin nicht sicher, ob die Übersetzung stimmt/ aus Holz. Die Familien waren damals kinderreich, da konnten alle Kinder zusammen oben schlafen, ohne dass die Betten viel Platz im Zimmer nahmen.

In manchen russischen Märchen wird wirklich geschildert, dass der Hauptheld (meist der dumme faule Iwan) auf dem Ofen liegt. Dann passiert ihm etwas, er wird reich und heiratet eine Prinzessin.

Ich erlaube es mir zu sagen, dass ich viele russische Volksmärchen gelesen habe, mir fiel aber gar kein Märchen ein, wo Iwan stark wurde, nachdem er 7 Jahre lang auf dem Ofen gelegen und Sonnenblumenkerne gegessen hat.

Mich hat hier Folgendes irritiert:
- Sonnenblumenkerne. Bisher habe ich in keinem Märchen Erwähnungen über „Sonnenblumen“ oder „Sonnenblumenkerne“ getroffen. Sonnenblumen selbst erschienen in Russland Anfang des 18.Jh und wurden zuerst als Dekorationspflanzen gebraucht.

- Das Motiv „so und so viele Jahre auf dem Ofen liegen und dann stark werden“ ist in den russischen Märchen nicht verbreitet. Das überall bei uns bekannte Werk, wo dieses Motiv zum Ausdruck gebraucht wurde, ist die Sage vom Bogatyr Ilja Muromez. Hier bedeutet „die Sage“ (der russische Fachausdruck - былина) das russische epische Heldenlied, das mündlich überliefert wurde und hauptsächlich über Bogatyri und ihre Heldentaten erzählte.
Bogatyri – die Bezeichnung für sehr starke und große Männer. Die russische Sagentradition kennt 3 Haupthelden, 3 Bogatyri – Aljoscha Popowitsch, Dobrynja Nikititsch und nämlich Ilja Muromez. Ilja Muromez lebte in einer Siedlung bei Murom (altrussische Stadt, daher der Beiname – Muromez), er war seit Kindheit krank und konnte sich nicht bewegen. 33 Jahre lag er auf dem Ofen, dann wurde er von 2 wundersamen alten Leuten geheilt, wurde sehr stark und verließ seine Eltern, um viele Heldentaten vollzubringen.

Die Beschreibung des Märchens, nach dem Lothar sucht - von Iwan, der 7 Jahre auf dem Ofen lag – deutet doch darauf hin, dass es sicher etwas mit dem russischen Märchen zu tun hat, weil:
1. Iwan – typisch russischer Name, auch für Märchenheld
2. Ofen
3. 7 – die Zauberzahl, die neben 3 sehr oft in russischen Märchen auftritt
4. Parallele zum Motiv „Ilja Muromez“, obwohl es wie gesagt kein Märchen ist
und 5.

Logisch angesehen, konnte Otfried Preußler nur russische(s) Märchen als Quelle nehmen, das ins Deutsche übersetzt wurde.

So kommen wir zur Märchensammlung von Alexander Afanassjew (1826-1871). Seine Versammlung von russischen Volksmärchen ist die größte und bedeutsamste, außer russischen Märchen sind hier Märchen aus der Ukraine und Weißrussland vorgestellt. Zu vielen Märchen werden Variante oder Hinweise auf die ukrainischen oder weißrussischen Varianten gegeben, auch historisch-ethnografische Kommentare.

In Russland wird die Märchensammlung von Afanassjew wie „Haus-und Kindermärchen“ von Brüdern Grimm in Deutschland wahrgenommen. Viele Märchen aus der Sammlung wurden in andere Sprachen übersetzt. So entstanden auf Deutsch:

- 2 Bände, herausgegeben in Wien 1906 und 1910, 66 Texte aus der Afanassjew-Sammlung, übersetzt von Anna Meyer
- „Der Feuervogel. Märchen aus dem alten Russland“, herausgegeben in Stuttgart 1960 (die meisten Märchen in diesem Buch sind Märchen aus der Märchensammlung von Afanassjew)
- „Volksmärchen und Legende“ von A.Afanassjew, herausgegeben 1922 in Berlin, Vorwort und Anmerkungen von August Lewis of Menar (30 Texte).

Mir blieb nichts anderes und ich habe mich an die volle (siebte) Ausgabe der Märchensammlung von Afanassjew gewandt (herausgegeben 1984-1985 in Moskau, etwa 600 Texte).

Hier habe ich ein einziges Märchen gefunden, dass das Motiv von Ilja Muromez wiederholt: Das Märchen vom Iwan-Bogatyr, dem Bauernsohn.
Iwan war seit Kindheit krank und konnte nicht gehen, 33 Jahre hat er gesessen, dann kam ein alter Mann und heilte ihn. Das Märchen ist ziemlich lang, am Ende heiratet Iwan die jüngste Tochter des Königs von China und wird bald selbst zum König.

Das Märchen weist ganz deutliche Gemeinsamkeiten mit dem Heldenlied über Ilja Muromez. Da ist aber auch kein Wort darüber, dass Iwan durch Sonnenblumenkerne oder durch die Milch seiner Mutter die Stärke bekam.

Ich glaube, dass Preußler das Motiv unseres Märchens genommen und es dann ziemlich überarbeitet hat.

Na ja, und jetzt – Überraschung - das, was wirklich helfen kann:

„Die Abenteuer des starken Wanja“ von Otfried Preussler, ausgezeichnet mit dem Holländischen Jugendbuchpreis „Der silberne Griffel“ 1972 und auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis.

Leseprobe:

"Es lebte einmal im heiligen Russland ein Bauer mit Namen Wassili Grigorewitsch, der hatte drei Söhne: Grischa, Sascha und Wanja. Grischa und Sascha, die beiden älteren, waren brave, fleißige Burschen. Mit dem Vater zusammen verrichteten sie die Männerarbeit in Haus und Stall, auf den Feldern und Wiesen, im Wald und am Fluss. Wo immer sie zupackten, ob winters beim Schneeräumen, ob im Sommer beim Einbringen des Getreides, sie taten es rasch und mit fester Hand. Wassili Grigorewitsch konnte mit ihnen zufrieden sein und er war es auch. Wanja hingegen, der dritte Sohn auf dem Hof, war ein ungeheurer Faulpelz. Die Arbeit schmeckte ihm wie dem Hund die Brennnesseln."

Beschreibung:

Sieben Säcke Sonnenblumenkerne nimmt Wanja mit auf den Backofen, auf dem er sieben Jahre verbringt, ohne ein Wort zu sprechen. Das ist seine erste Probe, bevor er auf gefährliche Abenteuer auszieht...
Märchen und Sagenmotive sind zu einer Erzählung von starker Bildkraft und sprachlicher Schönheit verarbeitet.

Quelle: www.buch.de


Mein Gott, ich habe so viel in der russischen Literatur nachgeschlagen, und das war so einfach: in dem Wikipedia-Artikel über Preussler den Namen des Buches nehmen und ihn dann einfach in einer deutschen Suchmaschine eingeben

Warum ist es keinem mehr eingefallen??? Oder – warum ist es mir nicht früher eingefallen??? 4 Stunden Forschung und die Lösung war so einfach... Doch, den Text mit meinen Gedanken lösche ich nicht.

Außerdem bleibe ich doch wegen Sonnenblumenkernen unsicher. Wenn jemand den Text vollständig im Netz findet – bitte ich um einen Link, bin sehr neugierig, was Iwan in diesem Märchen noch erlebt… Aber ehrlich gesagt, 200 Seiten sind auch zu viel für ein Märchen, ist es dann doch kein Märchen???

Müde Grüße von Oksana

Ich fand deinen Beitrag sehr interessant. Eröffnet er doch (zumindest Ansatzweise) die Vielfalt der russischen Märchen-Kultur.

Nun habe ich natürlich auch gleich eine Frage an dich.

Kennst du ein spezielles (Märchen)Buch, welches speziell mit/ von/ über Ilja Murometz handelt. Und dann das ganze auch noch auf deutsch?

Würde mich über eine Antwort (gern auch per PN/ Mail) sehr freuen!


Puck
Mit Zitat antworten