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Alt 02.10.2010, 18:23
Huber Huber ist offline
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Standard AW: Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

Spannendes wurde von meinem Großvater erzählt, leider nicht von ihm persönlich, da ich ihn zwar kennengelernt habe aber er nicht lang genug gelebt hat bzw. ich zu jung war, seinen Erzählungen zu folgen.
Darum nur eine Kurzfassung nach den Erzählungen meiner Großmutter.

Mein Großvater war einer jener unliebsamen Soldaten, der nie ein so großer Fan der Nationalsozialisten war, dass er eher vorgezogen hat, in irgendwelchen Arresten zu darben, als aktiv mitzukämpfen.
Sehr viele seiner Art wurden in den späten Kriegsjahren dem Russlandfeldzug zugeteilt, wo sie, quasi noch vor der eigentlichen Heeresspitze, mit mittelprächtiger Ausrüstung den Kugelfang spielen mussten, kurz, sie waren die ersten mit "Feind"kontakt, eventuelle Rückzugversuche hieß Kugeln von Deutscher Seite (Ich bilde mir sogar ein, es gab eine eigene Bezeichnung für diese Art Soldaten)
Wie auch immer, so zwischen den Fronten gefangen, hat er irgendwo in Russland beschlossen, nicht mehr mitzumachen, seine Waffen fortgeworfen, irgendwo ein deutsches Waffenrad aufgetrieben, ob durch Diebstahl oder anderwie, weiß man nicht genau, und hat sich auf den Heimweg gemacht, heim ins Weinviertel, nahe der heutigen tschechischen Grenze. Seine Nahrung und Kleidung hat er auf seiner Fahrrad-Odysee über Russland, Polen und Tschechien entweder nach "Hans im Glück"-Manier, Arbeiten auf abgelegenen Bauernhöfen oder vielleicht auch Diebstahl gesichert. Bei dieser Reise hat er einigermaßen die russische Sprache gelernt und scheinbar auch kräftig Selbstbewußtsein getankt, denn heimgekommen, war der Krieg schon um und sein Heimatdorf mitten in der russischen Zone gelegen. Doch wie er so siegesbewusst mit noch immer dem gleichen Rad angekommen ist, waren sogar die russischen Besatzer schwer beeindruckt und bis auf ein paar eher freundschaftliche Verhöre und irgendwelchen Aktennotizen blieb er von den Besatzungsmächten unbelangt. Auch die österreichischen Behörden haben es nach Alliiertenabzug nicht für notwendig befunden, dem noch irgendetwas hinzuzufügen. Bis auf ein paar Verletzungen, die auf Streifschüsse oder leichte Messerverletzungen hindeuten, sowie einer abgefrorenen Zehe, war er auch unverletzt.

lg
erich
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