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Alt 30.09.2010, 13:37
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Elfie Elfie ist offline
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Standard AW: Flucht aus Russland und Erzählungen von Flucht bis heute

Diese Geschichte ist keine typische für dieses Thema, weil sie eher die Besatzungszeit als die Flucht beschreibt und weil sie durch Humor und zeitlichen Abstand der Autorin (sie schrieb sie erst vor ca. 15 Jahren auf) auch irgendwie unterhaltsam ist, doch ein paar Sätze liefern auch Bezug zur Gegenwart: nicht einmal die eigenen Landsleute waren als Flüchtlinge gern gesehen.
Margarethe Lutz ist Jg. 1918 und ein lebensfroher, offener und warmherziger Mensch, der auch in schwierigen Situationen lieber das Positive in der Vordergrund stellt. Sie freut sich, hier einen Beitrag aus „ihrer Zeit“ zu leisten. Nachdem ich gerade dabei bin, den Inhalt unzähliger Ordner in den Computer zu transferieren – Generationen von Schreibmaschinen erleichtern dieses Vorhaben nicht – stoße ich vielleicht noch auf die eine oder andere Geschichte, die ins Forum passt.

DIE FLUCHT 1945
Auf der Flucht vor den Russen kamen mein Mann und ich ins Salzkammergut und nach Kaprun. Dort war eine Freundin von uns dienstverpflichtet worden, nachdem ihr Mann schon in den ersten Kriegstagen gefallen war. Sie stammte aus einer Hamburger Reederfamilie, aber ihr hatten es die Berge angetan. Dort hoffte sie über ihren schrecklichen Verlust leichter hinwegzukommen und dort hofften auch wir eine vorläufige Bleibe zu finden.
In einem großen Bauernhaus, der Besitzer war Pächter und Hüttenwirt der Kreefelderhütte am Kitzsteinhorn, fanden wir ein Zimmer.
Dort lernten wir als Flüchtlinge - obwohl Österreicher aber unwillkommene Gäste, die Schwierigkeiten aller Flüchtlinge kennen. Nicht gerade Ablehnung aber doch viel Fremdsein und wenn wir uns mit den Lebensmittelkarten anstellten gab es vor den Geschäften zwei gesonderte Reihen. In der einen warteten die Einheimischen, in der anderen wir. Nach drei Einheimischen kam immer ein Flüchtling dran. So rückten wir beim Bäcker, Fleischer und Gemüseladen recht langsam vor. Wir bekamen zwar immer das uns Zustehende auf die Lebensmittelmarken, nur wussten wir mit einiger Bitterkeit wie viel behüteten Zubeiß die Anderen in ihren Speisekammern verwahrten. Indessen nach einigen Tagen änderte sich alles, denn dieser Teil des Salzkammergutes wurde von den Amerikanern besetzt. Wilde Gerüchte, dass nicht weiße Soldaten sondern schwarze anrückten, waren im Umlauf - und dass sie möglicherweise wild, gewalttätig und grausam sein könnten.

So flüchteten viele Weiblichkeiten irgendwohin in die Berge um einmal alles abzuwarten. Unser Hauswirt stieg mit seiner Tochter zur Kreefelderhütte hinauf und war bereit, auch uns mitzunehmen. Mein Mann blieb im Haus mit der alten Miarz (Maria, die Magd, Anm.) zurück und versprach, wenn es so arg nicht kommen sollte, ein Leintuch über das Balkongeländer zu hängen, von der Hütte aus konnte man mit einem Feldstecher den weißen Fleck ausnehmen. Nachdem unser Wirt mit Tochter und großmächtigen Rucksäcken voraus war, machten wir uns zu Dritt auch auf den Weg. Unsere Freundin, Müsch genannt, die zweite, eine einheimische Lehrerin und ich. Als Proviant hatten wir nur Käs und Brot. Der Aufstieg dauerte Stunden bis wir endlich an der Baumgrenze bei den Almen angelangt waren.
Müde und hungrig rasteten wir bei einer der kleinen Sennhütten, rundherum grasten Schafe und es gab bereits einige Schneeflecken - die Ankündigung, dass uns weiter oben schließlich ein Gletscher erwartete. Während wir unseren Käs verzehrten, an die warme Holzwand angelehnt, öffnete sich plötzlich oberhalb eine Tür und über unsere Köpfe hinweg erledigte ein Mann mit einem weiten Strahl seine Notdurft. Wir blieben steif und unbeweglich sitzen in der Hoffnung, dieser faule Kerl würde uns nicht bemerken. Er klatschte dann die Tür wieder zu, aber gleich darauf kamen aus der Hütte zwei weitere Kerle, es waren amerikanische Soldaten.
Immerhin waren sie weißer Hautfarbe und freuten sich riesig, in dieser Höhe und Einöde drei Mädchen zu finden. Mit der Sprache ging es halbwegs, besonders Müsch konnte sich als Hamburgerin recht gut verständigen. Die Amis luden uns zum Essen ein, wenn wir ein von ihnen erschossenes Schaf für alle zubereiteten. Welches Glück, wenn es nur dieser Wunsch war, was blieb uns übrig wir mussten einverstanden sein, außerdem sahen sie in der Nähe eigentlich ganz manierlich aus. Sie häuteten das Schaf, holten Wasser und Holz und entzündeten ein mächtiges Feuer auf dem offenen, rußigen Herd, während wir die Stücke mit Viehsalz einrieben.
Wir waren alle drei so schrecklich ausgehungert und konnten den Braten gar nicht schnell genug erwarten, aber dann fehlte das Fett. Macht nichts, sagte der Anführer und schickte einen Kameraden danach aus. Wohin nur, fragten wir uns, weit und breit nur Weideland, ein paar Felsbrocken und Schafe. Damit die Zeit besser verging, legten die zwei Amis einen Kotzen auf das nasse Gras vor der Hütte, wir lagernden uns zurückhaltend und redeten drauf los. „ Immer nur ablenken die Mander" sagte die Kaprunnerin, „ damit sie nicht auf blöde Gedanken kommen!“ Müsch tat ihr Bestes, aber von Wien hatten die Soldaten keine Ahnung, damals waren die weltverbindenden Kenntnisse von Mozart und den Lipizzanern noch nicht nach Kentucky gelangt, wir wiederum konnten mit diesem Staat auch nicht die geringste Vorstellung zusammenbringen.
Dann kam der Fettversorger, er brachte in einer abmontierten Lampenporzellankugel das herrlichste Schmalz. Wir brieten drauf los, als plötzlich die Tür aufging, der Schafbesitzer dastand und lautstark nach seinem Schaf schrie. Es war ein sturer Bauer der keine Ahnung vom Kriegsrecht des Stehlens und der Nahrungsmittelbeschaffung hatte. „ Wann schon rauben," schrie er, „ dann aber glei zahlen. Wo war ma den do?" Die Amis zuckten mit den Achseln und sagten „No". Die Kaprunerin redeten dem Aufgebrachten gut zu, der Dialekt war für uns nur teilverständlich aber als er auch mit der Faust drohte und einen Rempler versuchte, zog einer der Amis ganz ruhig seine Pistole und schoss knapp vor dem Bauern in den Fußboden.
Es knallte ohrenbetäubend in dem kleinen Raum und der Rabiate war sofort weg. Auch wir wären gerne weg gewesen , denn uns schwante, dass die freundlichen Soldaten vielleicht auch noch andere Seiten haben könnten. Jedenfalls aßen wir gut und reichlich, es wurde uns vorgelegt, das Wasser eingeschenkt und dann wollten wir endlich gehen. Aber nein, alle waren satt, jetzt wurde es gemütlich, bald würde es dämmern, wir hatten ein schönes Feuerchen, alles sehr romantisch. Wir würden oben im Heu schlafen, sie unten in der Herdstube. Dieses glaubten wir aber nicht so ganz, sondern drängten fort zu gehen. Oben, in weiter eisiger Höhe wartete unser besorgter Großvater!
Zuerst redeten sie uns freundlich zu, dann etwas dringlicher, schließlich wurden sie ob der Ablehnung ziemlich verärgert und böse aber sie ließen uns gehen. Ein Späßchen mit den rüden Bergmaiden ließen sie sich aber doch nicht entgehen. Wir kletterten schon ein Stück oberhalb, da schossen sie neben uns in den Schnee, dass es nur so stiebte. Niemals mehr habe ich jene Geschwindigkeit erreicht, mit der ich damals um die nächste Felsnase hastete.
Schon nach wenigen Tagen hing in Kaprun das Leintuch vom Balkon und wir machten uns erleichtert auf den Abstieg. Gott sei Dank, nur nach Hause.
Aber was für ein Zuhause? Die meisten Häuser waren inzwischen für die Amis zwangsrequiriert worden und Einheimische und Flüchtlinge wohnten in schöner Eintracht in der Schule oder bei den Wenigen die ihr Haus behalten durften und nur die Zimmer abgeben mussten. In unserem Bauernhaus waren zwei Amis eingezogen und erlaubten uns vorläufig, zu bleiben. In unser Zimmer kam die inzwischen obdachlos gewordene Müsch und alles wurde recht eng. Die beiden Amis sahen recht menschlich und freundlich aus , sie stellten sich vor und gaben uns sogar die Hand was bei Amerikanern ja sehr selten vorkommt. Der eine hieß Wyn, der andere Joe. Wir gingen bald schlafen, ich lag in des Ehebettes Mitte, rechts von mir Müsch, links mein Mann. So um 10 Uhr nachts kamen die beiden Amis lautstark und fröhlich nach Hause. Nicht lange danach klopfte es an unserer Tür und ein verstörter Hausherr mit der alten Miarz stand da. „Fad is denen", sagte er „ i bitt, gehn´s obi, sie verstengan ja die Sproch. Und i bitt, sans recht freundli, daß ma olle im Häusl bleim kennen. Jo, und der Mo braucht net mit kemmen.“ Müsch nahm ihre Lockenwickler ab, wir zogen uns an und gingen in die Stubn hinunter. Mein Mann als heroischer Beschützer ging unaufgefordert mit. Über seine Anwesenheit waren die Männer nicht so sehr erfreut aber sie waren gutmütig und ließen ihn bleiben. Es gab unglaublich viel herrlichstes Essen, Whisky, Zigaretten, wie im Schlaraffenland. Es war richtig lustig, ein fröhliches Kennenlernen, von unserer Seite nicht so ganz sorgenfrei und von Herzen. Dann gingen wir alle schlafen, es war spät.
So um 2 Uhr morgens klopfte es wieder an unsere Tür. Es war der Hauswirt mit der alten Miarz. „De schloffn no allweil net," sagte er, „und do is a Zettl, lesens, der ane mecht wos!" Auf dem Zettel stand, da mein Mann ein Mormone ist, möge er eines seiner beiden Eheweiber vorläufig dem lieben Wyn abtreten. Eine Weile waren wir alle ganz still, dann sagte die alte Miraz: „Sell is a Notfall und dann is ka Sind!" Dabei sah sie mit ihrem zerfurchten Knochengesicht - alt, abgearbeitet aber stark im Gemüt - so aus, wie ich mir die Weibsleut beim Andreas Hof er vorgestellt hatte als es hieß, „Mander, s´isch Zeit!“
Müsch nahm abermals die Lockenwickler ab und sagte: „Ich bin seit vier Jahren Witwe, schaut mich nicht so an, ich gehe!“ Und sie ging.
Diese Nacht war für mich sehr arg, ich konnte lange nicht einschlafen, während mein Mann von Whisky, gutem Essen und seinem Gewissensschock erholt, sehr bald die Gegenwart vergaß.

Am nächsten Morgen gab uns die Miarz zum dünnen Kramperltee ein ordentliches Stück Butter und ein extra Brot. „A Stückl Gselchts könnts a no haben“, sagte sie wirklich freundlich „und von draußt a Petersil, wanst mogst.“ Aber wir brauchten diese Gewissensbuße-Aufbesserung nicht mehr, denn ab da ging es uns gut. Wyn sorgte für uns alle, er stahl aus der Küche der Kompanie oder sagen wir, er zweigte etwas ab. Kaffee, Zigaretten, Schokolade, Fleischkonserven, weißes Brot und lange schmale Speckstreifen womit sie ihre Truthähne umwickelten. Und warum tat er all dies? Ja, er hatte sich in das zweite Mormonenweib verliebt und beschlossen sie zu heiraten. Irgendwann holte er sie aus Hamburg in seine Heimat. Es wurde eine glückliche Ehe und sie hatten einen Sohn.
Ist es nicht schön wenn aus dem Dornengestrüpp des Krieges ab und zu eine Wunderblume hervorleuchtet.
Margarethe Lutz

Während ihres Aufenthaltes in Kaprun wurde Gretes Vater in Wien beim Angeln von russischen Besatzern für einem Spion gehalten und erschlagen.
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