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Alt 24.05.2011, 22:15
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Standard AW: SAGEN.at-Fotowettbewerb - Gerüche - Mai 2011

Schon beim Erstellen des Themas für diesen Fotowettbewerb war für mich klar, welches Motiv ich hier einstellen wollte

Die Umsetzung gestaltete sich dann schwieriger als erwartet...

Schon als Kind wurde von meinen Eltern das Radfahren immer gefördert. Zuerst bekam ich einen Roller, dann zum Üben ein gebrauchtes Fahrrad und dann im stolzen Alter von 12 Jahren mein erstes "Zehn-Gang-Fahrrad", das ich viele Jahre lang hatte.

Wenn es eine Reparatur - also einen Patschen - gab, schob ich mein Rad nicht allzu weit zu einem kleinen Fahrradhändler, der in einem uralten Haus seine Werkstätte hatte. Die Werkstätte hatte einen ölverschmierten Holzboden und überall hingen Fahrradreifen und -schläuche herum, die einen unvergesslichen Geruch hatten. Der Fahrrad-Doktor mit tiefschwarzem Haar wischte zuerst immer seine öligen Hände in ein Handtuch und schrieb ähnlich einem Rezept die Wünsche auf einen kleinen Zettel. Er sprach nie viel, sein Deutsch war gebrochen aber er war der beste Fahrrad-Monteur den ich je kennengelernt habe.

Gestern hatte ich auf einem etwa 25 Jahre alten Fahrrad einen Patschen und an der Werkstätte befand sich zu meinem großen Bedauern ein Schild irgendeiner Versicherung...

Ein bischen Fragen und alle haben nur noch irgendwelche Sport-Supermärkte empfohlen. Also machte ich mich auf den weiten Weg zum ersten Supermarkt an der Bundesstraße auf, wobei ich mit dem alten Fahrrad vor den Kleider-Boutiquen in diesen Marmor-Hallen sicherlich einen eigenartigen Eindruck machte. Die Leute im Supermarkt haben sich bemüht, konnten den Patschen aber nicht flicken, weil sie als Sport-Supermarkt keine alten Reifenformate bestellen dürfen. Aber sie haben mir einen Tipp zu einem eher abgelegenen Sportgeschäft gegeben.

Heute habe ich das Fahrrad dorthin geschoben und plötzlich war der Geruch aus meiner Kindheit wieder da: der Geruch von Fahrradreifen, das angehängte Foto ist mein Wettbewerbsbeitrag.

Nach einiger Zeit kam langsam ein älterer Herr mit schneeweißen Haaren aus der Werkstätte wo er gerade ein kleines Kinderrad reparierte, wischte seine Hände in ein Handtuch, bewunderte auf meinem Rad den Stempel des alten Fahrrad-Geschäftes und schrieb auf einen kleinen Zettel: "Schlauch und Mantel und neue Draht für Lichtanlage. Das ich mache bis morgen!" Das war mein Fahrrad-Doktor aus meiner Kindheit, am Sprachakzent habe ich ihn wiedererkannt! Da haben wir noch einige Zeit über die alte Werkstätte geplaudert und überlegt wie vielen Kindern und Erwachsenen er wohl in seinem Leben Freude gemacht hatte...

Wolfgang (SAGEN.at)
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Gerueche_Gummi_Radreifen.jpg  
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