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Rabenweib 25.03.2009 14:52

Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
Das lustige Leben einer Zigeunerin



Seit etwa zwei Jahren bin ich Mitglied im Verein „Romano Centro“ in Wien, einem Verein, der sich für in Österreich lebende Sinti und Roma einsetzt.

Es ist fragwürdig, weshalb diese Bevölkerungsgruppe überhaupt jemanden braucht, der sich für sie einsetzt, warum sie erst vor wenigen Jahren als Zigeuner anerkannt wurden von der Regierung. Wieso sie bis vor wenigen Jahren als „Ausländer“ bezeichnet wurden, wo sie doch schon drei Generationen zurück hier begraben liegen und hier leben und hier geboren sind.



Zigeuner stehen nicht öffentlich dazu, Zigeuner zu sein. Oftmals geben sie sich als Jugoslawen oder Tschechen aus, um nicht als Zigeuner erkannt zu werden.

Sie haben Angst. Heute noch.

Man darf nicht vergessen: Zigeuner stinken, sie haben Läuse und Flöhe, waschen sich nicht, stehlen natürlich wie die Raben, können nicht schreiben und lesen, und da ist es immer noch besser, ein normaler „Ausländer“ zu sein, als gleich ein Zigeuner.

Und weil sie so schlechte Menschen waren, wollte Hitler sie auch umbringen- genauso wie Alte und Kranke und Behinderte.

Aber da gab es doch jemanden, der Zigeuner als etwas ganz Besonderes sah.

Dr. Mengele in Auschwitz nämlich. Der war total begeistert von den Zigeunern, baute ihnen eigene Baracken, und Kindergärten, weil er die Kinder so mochte, ließ sich sogar manchmal „Vater“ nennen von den hübschen dunklen Zigeunerkindern, die er sogar als intelligent bezeichnete.

Besonders die oftmals unterschiedlichen Augen der Zigeunerkinder zogen ihn richtig magisch an. (Sie haben oftmals ein grünes und ein braunes, oder ein blaues und ein grünes Auge)- und Zwillinge waren auf der Hitliste Mengeles ganz oben.

Er ließ sie vermessen, machte Gipsabdrücke von ihren Gesichtern, zwei Kinder wurden am Rücken zusammengenäht, ihre Arterien miteinander verbunden, er wollte künstlich siamesische Zwillinge aus ihnen machen. Später durfte die eigene Mutter die beiden Kinder mit einem Polster ersticken, weil sie so geschrien haben, dass sie es nicht aushalten konnte.

Die verschiedenen Augen wurden nach der Ermordung vieler Zigeuner eingeschickt und untersucht.

Von etwa 11.000 in Österreich lebenden Zigeunern wurden vorsichtig geschätzt 9000 ermordet.

Die wenigen, die die KZ`s überlebt haben, haben sich nie wieder getraut, öffentlich zu sagen, wer sie sind. Sie verschweigen ihre Geschichte.

Sie geben diese Angst an ihre Kinder weiter, und die Kinder wachsen mit dieser Angst auf.

Da können sie noch so wunderbare Gipsy- Musik spielen und fröhlich tanzen und singen, es schwingt immer ein trauriger Unterton mit.

Wer wusste schon, dass die Zigeuner zwar aus Indien nach Europa kamen, dass sie aber keineswegs ein „Nomadenvolk“ waren, sondern nur deshalb herumgereist sind, weil sie nirgends stehen bleiben durften für längere Zeit? Weil sie gehetzt und gejagt wurden, vertrieben wurden wo immer sie auch aufkreuzten, weil die Österreicher Angst hatten vor diesen dunklen Gesichtern, vor den schwarzen Haaren und vor der fremden Energie, die sie mitbrachten als Scherenschleifer, Kesselflicker, Teppichverkäufer und so weiter…

Dass viele Zigeuner etwas stehlen mussten, weil sie oftmals gar nicht die Möglichkeit bekamen, etwas zu kaufen, aber ihre Familien auch irgendwie ernähren mussten- darüber spricht man nicht, das wird heute noch in Rumänien totgeschwiegen, dass Zigeuner an den Rand der Städte gedrängt werden, in Betonblocks teilweise ohne Strom und Wasser, die bekommen keine Chance, eine normale Arbeit anzunehmen, wegen ihrer Herkunft. Was bleibt übrig? Kriminalität…



Ich habe mich jedenfalls lange mit diesem Thema beschäftigt, habe mir viele Dokumentationen über Zigeuner im Fernsehen angeschaut, viele Berichte gelesen, viele Zeitungen, Bücher gekauft, usw… Aber ich wollte natürlich auch endlich jemanden kennen lernen, der mir LIVE davon erzählen konnte, was einen Zigeuner ausmacht und was übrig geblieben ist von ihrer Kultur, ihren Bräuchen, ihren Liedern und Tänzen.

Aber wie lernt man Zigeuner kennen, wenn sie sich nicht öffentlich „outen“?

Ich weiß zwar, dass im Burgenland welche wohnen, konnte aber schlecht von Tür zu Tür gehen, anläuten und fragen: „Tschuldigung, san sie zufällig a Zigeina“?



Ich wandte mich also an den Verein Romano Centro in Wien und stellte meine Frage, ob sie jemanden wüssten, der Sinti oder Roma ist, eventuell KZ`s überlebt hat und als Zeitzeuge fungiert, und den ich kennen lernen könnte.

Ich bekam die Adresse von einer Frau aus Wien, mit den Zeilen:“ Frau Ceija Stojka würde ihnen sicherlich weiterhelfen können, sie hat 3 KZ`s überlebt und ist Roma, hat Bücher über ihr Leben geschrieben und würde ihnen sicher genre darüber erzählen.“



Ich habe diese Adresse lange Zeit zu Hause gehabt, habe mich aber nie getraut, ihr zu schreiben, Wien schien so weit weg zu sein, ich wusste nicht wirklich, was ich sie fragen sollte, was ich sie fragen KONNTE- denn man stellt ja nicht einfach so Fragen wie: „Wie schrecklich war es im KZ“?

Ich kannte diese Frau nicht, also kaufte ich erstmal ein Buch über sie.

Auf dem Cover des Buches das Bild von ihr: eine wunderschöne alte Frau mit sehr weisen, wissenden Augen, sehr stolz, sehr mutig sah sie mich an, mit magischen Amuletten um den Hals, der Fatima- Hand und einer Marienfigur, blond gefärbte Haare.

Ich hab das Buch zweimal gelesen. Es ist geschrieben, als hätte es ein Kind geschrieben. Leicht. Locker. Ohne große Ausschmückungen, einfach so, wie sie es erlebt hat. Ravensbrück, Bergen- Belsen, Dachau- die Schornsteine, die Abholung ihres Vaters, seine Vergasung, der Tod des kleinen Bruders an Typhus, die unheimliche Kraft der Mutter „Sidi“, die alles zusammenhielt.

Hunger. Überlebenskampf. Und dann als sie alles überlebt hatte die Rückkehr nach Wien- und wieder kein Dach über dem Kopf, wieder kein zu Hause, wieder umherziehen mit Pferd und Wagen.



Das Buch hat mich sehr berührt.

Ich habe mich dann entschlossen, ihr zu schreiben, und ihr zu sagen, dass ich sie für eine sehr stolze, mutige, schöne Frau halte, die ich sehr bewundere für ihre Kraft und ihren Mut darüber zu reden- immer wieder- und dass ich sie gerne kennen lernen würde.

Lange Zeit bekam ich keine Antwort. Drei Monate später, als ich schon gar nicht mehr damit rechnete, kam plötzlich ein unscheinbarer Brief daher.

Ich schaute auf den Absender und war auf einen Schlag hellwach. Ich öffnete den Brief und das Erste was mir aus dem Kuvert entgegenblinzelte waren bunte Blumen, eine bunte Wiese mit wunderschönen Blumen.

Ich zog das Bild heraus, das dick mit Ölfarbe gemalt war, drehte es um, und da stand in krakeliger Schrift:“ Atmen, Leben Danach“- und daneben ein Hakenkreuz.

Mir standen Tränen in den Augen.

Wie musste es sein, nach 3 KZ`s und all dem Leid und der Not und dem schwarzen klebrigen Rauch und dem Schreien nach drei Jahren zum ersten Mal wieder auf einer Blumenwiese zu stehen, und die Freiheit zu spüren, den Wind, der durch das Gras streift, die Blumen in all ihren wunderbaren Farben zu sehen, und zum ersten Mal nach so langer Zeit wieder reine Luft einatmen zu können, ohne damit die Toten zu inhalieren.



Und dann eine kleine weiße Karte mit wenigen Worten: „Ich lade Dich herzlich ein, mich in Wien zu besuchen; Es wird nie aufklärbar sein, aber nachdem Du da bist, sind wir schon zu zweit. Es freut mich, dass es solche Menschen wie Dich gibt“.



Na, ich bin natürlich gesprungen vor Freude und war den ganzen Tag ganz überdreht. Zweimal haben wir vor unserem Treffen telefoniert, am Telefon erwische ich einmal ihren Sohn, einmal ihre Tochter, einmal ihre Schwägerin, man muss sich durch die ganze Sippe durchkämpfen, wenn man da jemanden bestimmten sprechen will. Haha Das finde ich natürlich alles total aufregend und es wird immer spannender für mich. Ich bin so nervös, dass mir schlecht wird, kurz bevor wir in Wien sind und ihre Haustür suchen.



Als wir (mein damaliger Freund und ich) sie schließlich gefunden hatten und nervös mit einem Geschenk an ihrer Tür läuteten hüpfte mir erstmal ein kleiner wuscheliger Hund die Beine hoch und beschnupperte mich und bellte und wedelte mit dem Schwanz, und dahinter kam eine Frau zum Vorschein, die mir echt die Sprache verschlug.

Vom Buch- Cover her hatte ich mir Ceija etwas rundlich und groß vorgestellt.

Die Frau aber, die da über`s ganze Gesicht strahlte und sich für den Hund entschuldigte und auf Romanes mit kindlicher weicher Stimme mit ihm schimpfte, war sehr zierlich und klein, hatte lange strubbelige blonde Haare, sie trug ein langes schwarzes Samt- Kleid, dazu eine glitzernde goldene Schürze und gestrickte Woll- Socken, war total quirlig und war etwa 70 Jahre alt.

Um den Hals hatte sie jede Menge magischer Amulette die mir vom Buch Cover bekannt vorkamen. Sie bat uns, hereinzukommen.

Als wir durch den Flur Richtung Wohnzimmer gingen sah ich an den Wänden

überall ihre wunderbaren Blumenbilder hängen, sowie Pferdegeschirr, Steine, die beschriftet waren mit „Bergen Belsen“, „Dachau“, „Ravensbrück“ und „Auschwitz“ lagen am Boden. Spiegel und riesige Teppiche zierten die Wände und Böden.

Und dann kam ein riesiger Durchgang, der mit riesigen dicken Teppichen verhangen war. Und als die zierliche Frau davon verschluckt wurde, und ich hinter ihr die Teppiche zur Seite schob um den Raum dahinter zu betreten verschlug es mir gleich zum zweiten Mal den Atem, denn der Raum der dahinter war , war etwa 100 Quadratmeter groß, von der Decke hing ein riesiger Luster, der funkelnd sein Licht verteilte, alle Wände waren voll von wunderbaren riesigen Bildern, Ahnengalerien, Fotos von der ganzen Zigeunersippe, von Ahnen und verstorbenen Familienmitgliedern, von Ceija, usw…

In der Mitte des Raumes stand ein riesiger Tisch, an dem sicher 15 Personen Platz haben, er war gedeckt mit großen Tüchern die aus Thailand oder Bali zu stammen schienen.

In einer Ecke des Raumes stand eine riesige hellblau, weiß und rosa bemalte Marienfigur aus Holz, die mit glitzernden Plastik- Ketten geschmückt war,

(es fehlte meiner Meinung nach nur noch blaues Lametta und eine elektrische Lichterkette)- davor ein Altar mit Kerzen, Engelsfiguren, getrockneten Blumen und einer Wahrsagekugel, die Wohnung war voll mit barocken Sesseln, dick gepolstert mit edlen Stoffen, überall dicke Teppiche…

Und an der Wand ein ungemachtes Bett mit bunter Bettwäsche.



Ceija rannte aufgeregt zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, stellte auf den großen Tisch Schmalz, Wurst, Brot, Semmeln, Wasser, Cola, Kaffee und Käse, Aufstrich und so weiter- obwohl wir ihr versicherten, dass wir gerade gegessen hatten.

Dann übergab ich endlich mein Geschenk für sie, das ich vor lauter staunen noch immer in der Hand hielt.

Als sie das Geschenk sah, stellte sie es vor sich auf den Tisch, stützte ihre beiden Unterarme am Rand des Tisches ab, schaute mich an, schüttelte den Kopf und grinste. Sie freute sich so sehr, dass sie fast weinte.

Dann begann sie mit langsamen, bedächtigen Bewegungen, die Masche der Verpackung zu lösen, sagte mir so nebenher, dass sie meine Briefe ihrer Familie vorgelesen hätte und dass ihre Kinder geweint hätten vor Rührung. Dann bewunderte sie das Verpackungs- Papier, die Masche, und als sie den Inhalt sah, stützte sie sich wieder ab und schüttelte wieder den Kopf, biss sich auf die Lippen, trug die Kerze die darin war zu ihrer Marienfigur und sagte zu ihr: „Siehst Du Maria, was wir bekommen haben? So eine schöne Kerze, die zünden wir morgen an, ja? Und wie die duftet!“

Dann kam sie zurück und schaute sich die anderen Dinge an, die ich ihr mitgenommen hatte- darunter eine gefilzte bunte Decke, die ich mal auf einem Mittelaltermarkt gekauft habe, und die sie ihrer Maria zum Altar legen wollte, und ein Gedicht und zwei gemalte Bilder von meiner Tochter, wobei sie fast zu weinen begonnen hat vor Freude darüber.

Dann setzte sie sich an den Rand ihres Bettes, und wir begannen zu reden. Über mein Leben, über ihr Leben, über ihre Erlebnisse in den KZ`s.

Dabei konnte ich es nicht lassen, auf ihren Unterarm zu starren, der tätowiert war mit der Aufschrift „Z 9600“- die Nummer aus dem KZ- wobei das „Z“ für Zigeuner stand. Diese Tätowierung tat weh in den Augen und sie versuchte nicht, sie zu verbergen, sondern trug sie mit Würde.

Ich wusste, dass sie damals 7 Jahre alt war, als man ihr das tätowierte. Und es war nicht schön tätowiert, so wie meine Tattoos, sondern wild reingestochen in die Haut.



Sie erzählte, dass sie gerade erst vor wenigen Wochen erfahren hätte, dass ihr Vater nicht in Dachau an Lungenentzündung gestorben sei ( so wie damals angeblich ALLE an Lungenentzündung gestorben sind laut Papieren) , sondern in Hartheim in Oberösterreich, und dass die Urne, die sie damals nach Hause bekam nicht die Asche ihres Vaters enthielt, sondern irgendetwas anderes.

Ich habe ihr dann gesagt, dass ich in Hartheim mit behinderten Menschen gearbeitet hatte und viele Bücher darüber hätte und wüsste, dass die Überreste der dort vergasten Menschen per Güterwaggons zur Donau transportiert wurden und dort in den Fluss gekippt wurden.

Daraufhin war sie komplett aufgelöst vor Freude, bedankte sich tausendmal, dass ich ihr das gesagt habe, denn Zigeuner legen Wert darauf zu wissen, wo Verstorbene begraben liegen, und nun wüsste sie, dass ihr Vater in der größten „Ader“ Europas fließt, dass er verdunstete und zu Regen wurde und wieder herunterkommt vom Himmel, dass sie ihn wahrscheinlich schon getrunken hätte, und dass er bei seinem Tod an seine Familie, seine Kinder gedacht hat, und dass er diesen Weg gewählt hat, weil es der einzige und schnellste Weg war, auf direktem Weg zurück nach Wien zu kommen.

Ich war total gerührt, als sie später meinte: „Auschwitz war so grausam, dass sogar der Tod Angst hatte. Denn der Tod kann so viele Seelen auf einmal gar nicht mitnehmen. Der war total überfordert, denn die sind ja nicht normal gestorben, sondern umgebracht worden. Und das war sogar dem Tod zu viel. Der hat richtig Angst gehabt!“



Dann erzählte sie mir von ihrem Sohn, der mit 23 Jahren an Drogen gestorben ist. Sie sagte, dass Zigeuner ihre Angst weitergeben, ungewollt. Dass die Kinder damit aufwachsen und dass kein Zigeuner öffentlich sagen würde, dass er Zigeuner ist, weil dann sofort ein Schritt zurück gemacht wird und die alten Vorurteile- dass Zigeuner stehlen würden und Läuse hätten, sich nicht waschen würden und stinken- wieder zu Tage kämen.

Dass am Nachbarhaus ein Schild hängt, auf das jemand geschrieben hat: „Tötet alle Roma- Kinder!“ Und dass am Gehsteig vor dem Haus jemand ein Hakenkreuz auf den Asphalt gesprüht hat.

Ich bin nicht mehr schockiert über diese Dinge, ich kenne die Szene und weiß, dass sie es oftmals gar nicht aus wirklicher Bosheit machen, sondern aus Unwissenheit, aus Minderwertigkeitskomplexen und Rudelverhalten. Sie denken nicht darüber nach, wen sie treffen, Hauptsache, es lenkt von ihren eigenen Problemen ab. Auch Ceija weiß das. Aber sie ist schockiert darüber, dass es nie aufgehört hat, obwohl alle wissen, was geschehen ist. Sie ist schockiert darüber, dass es noch immer Leute gibt, die behaupten, KZ`s hätte es nicht gegeben.



Sie erzählte, dass sie mit ihrer Familie auf Kriegsfuß stehen würde, seit sie ihr Buch veröffentlicht hat, weil die eine Hälfte der Familie neidisch ist, weil bei ihr täglich hohe Leute aus und ein gehen, Interviews gemacht werden und sie dadurch auch Geld verdient hat, sich zu outen. Die andere Hälfte der Familie hat einfach Angst, dass dadurch Hass erzeugt wird, oder dass Rechtsradikale aufmerksam werden auf sie.



Außerdem will niemand von den Roma oder Sinti über ihre Erfahrungen in den KZ`s reden, das wäre ein Thema, das totgeschwiegen wird.

Sie aber hätte das nicht ausgehalten, und sie würde immer wieder darüber reden, denn die Seelen der Toten begleiten sie und sie sähe es als ihre Aufgabe in diesem Leben, darüber zu reden, und ihr Volk mit Stolz und Würde zu vertreten.



Die ganze Zeit während sie redet bin ich wirklich fassungslos über ihre wunderbare Ausstrahlung, das Licht, das sie versprüht trotz ihrer vielen schrecklichen Erlebnisse. Sie lacht und dann scheint es wieder als würde sie beinahe weinen, wenn sie nachdenklicher wird- und sie redet und strahlt und spricht über Geister und Seelen und Wiedergeburt, über Karma und den Tod ihres Vaters als wäre das total normal und überall üblich.

Sie schenkt mir ein Video über ihr Leben, ein Buch, in dem sie Gedichte schreibt, die meinen sehr ähnlich sind, sowie eine CD, auf der sie Roma- Lieder singt, und ein mit ihren typischen Blumenmustern bemaltes Marmeladeglas, gefüllt mit Marillenmarmelade.

Sie erlaubt mir, Fotos zu machen, und als sie erfährt, wie lange Johannes um mich kämpfen musste, sagt sie lachend: „Mädel, Du bist ja ärger wie 10 Zigeuner zusammen“- worüber wir lange lachen müssen, denn ich empfinde das als größtes Kompliment aus dem Munde einer Zigeunerin.

Sie nennt mich die ganze Zeit „Mädel“- sagt mir mit kopf schütteln: “ Mädel, Du musst ein Buch schreiben!“ rennt weiterhin zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her, wird immer wieder von den dicken Teppich- Vorhängen verschluckt, um dann wieder daraus hervorzukommen als würde ein riesiges Wurmloch sie ausspucken.


Verzückt hört sie meinem Freund zu, der über vergangene Leben und seine Ansichten zu Spiritualität redet, schüttelt lachend den Kopf, schaut mich an und sagt:“Mädel, wo hast Du denn DEN aufgegabelt?“

Die Stimmung ist total locker, so als wäre sie eine alte Schwester, die wir seit Jahren kennen. Alle Fragen die ich vorbereitet hatte waren vergessen, die ganze Nervosität ist in dem Moment verflogen, wo sie die Türe geöffnet hatte.

Ich erzähle ihr, dass ich bei einer Geistreise ein Mädchen getroffen habe, die mit ihr im KZ gewesen sein soll und JOBST hieß.

Nachdenklich sagt sie: Ja, ich kenne eine Familie, die hat Jobst geheißen, und die wurden alle auf einem Fleck erschossen. Da war ein Mädchen dabei“

Sie erzählt mir, dass der RABE ihr Tier wäre, zu dem sie eine starke Beziehung hätte- und ich zeige ihr mein Raben- Tattoo und erzähle ihr von den indianischen Krafttieren.

Sie freut sich und erzählt mir über eine Indianerin, mit der sie eine Zeremonie in Auschwitz machte, mit Trommel und Tanz, und dass die Indianer ein verwandtes Volk mit den Roma wären, die wären sehr ähnlich.



Sie sagt uns auf die Frage, warum sie ihre Haare immer blond gefärbt hatte, dass sie als Teppichverkäuferin am Wiener Markt gearbeitet hat und dass die Leute bei dunklen Menschen Angst haben. Dann hat sie ihre Haare blond gefärbt und konnte viel mehr verkaufen. Und irgendwann hat sie sich daran gewöhnt und so ist es bei blond geblieben.



Wir rauchen Zigaretten und reden und vergessen die Zeit um uns herum, und irgendwann sagt sie uns, dass sie uns jetzt verabschieden muss, weil sie schlafen geht. Sie umarmt uns herzlich, nicht ohne uns zu sagen, dass sie sich freuen würde, wenn wir bald wieder kommen würden.



Wir verlassen das Haus mit vielen, vielen Eindrücken, sind ganz stumm und jeder denkt für sich nach über alles, was sie gesagt und erzählt hat.

Wir fahren noch in ein kleines Lokal, wo wir uns an einen Tisch setzen, eine Kerze anzünden, stumm die Leute an den Nachbartischen beobachten, das Buch von Ceija lesen und nachdenken.

Wir sind gleichzeitig tief beeindruckt von der lichtvollen Ausstrahlung dieser Frau, schwer betroffen von der Art, wie sie über die KZ`s redet und die vielen Toten in ihrer Familie, über das schreckliche Leid und die Bilder, die sie im Kopf hat- und die man auf anderen Bildern von ihr findet, die sie in einem Zimmer hinter einem dicken Teppich versteckt hat. (Ihre Malerein sind in zwei Bereiche zu teilen, einmal die Blumenwiesen, immer wieder, Blumen in allen Farben- dazu Pferde und Planenwagen und Menschen mit langen dicken schwarzen Zöpfen und bunten Kleidern. Und der andere Bereich zeigt Schornsteine, durch die Seelengesichter fliegen, nackte Menschen die brennen, SS- Uniformen, Hunde und Gewehre, schreiende Kinder, schwarze Wolken, den Tod und Stacheldraht.)



Wir sind voller Freude darüber, dass sie uns als „Gadje“ (so nennen die Zigeuner uns „Weiße“) so voller Liebe und Gastfreundschaft, Offenheit und Herzlichkeit aufgenommen hat. Und wir sind überrascht über die tiefe Spiritualität dieser Frau, denn für eine Frau ihres Alters ist das wirklich unglaublich wie sie damit umgeht und wie sie darüber redet, wie sie sie LEBT…



Damals hab ich nach meinem Besuch bei ihr ein kleines Paket an sie geschickt, darin enthalten ein Buch über Hartheim, ein kleines Heiligenbildchen der Maria- aus Russland, und ein langer Brief, sowie meine Gedichte und das Versprechen, dass wir sie bald wieder besuchen und ich ihr dann ein Bild schenke, das ich für sie gemalt habe- ein Chamäleon.

Ich denke nämlich, dass dieses Bild auch ganz gut zu ihr passt, denn das Chamäleon passt sich seiner Umgebung optimal an, kann sich je nach Situation verändern, bleibt aber doch immer ein Chamäleon.

So, wie sich Ceija in ihrem Leben an sehr viele Situationen anpasste um zu überleben, aber innerlich doch immer eine Zigeunerin blieb und nie ihre Sprache, ihre Lieder und ihre Werte vergessen hat.



Wir sind dann am nächsten Tag am Vormittag zur russisch- orthodoxen Kirche im dritten Bezirk gefahren, haben eine russische Messe angehört, haben Kerzen gekauft, die wir dann zu einer Mutter Gottes- Ikone stellten und für Ceija, sowie für unsere Ahnen und Familien angezündet haben.

Sonja

Ulrike Berkenhoff 26.03.2009 10:17

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
Liebe Sonja, dies ist ein beeindruckender Bericht! Selten hat mich hier etwas so ergriffen! - Nun erzähle ich heuer
zum 2. Mal von unserem Friedhof: Hier ist nämlich ein altes Zigeunergrab.
Es ist abgeräumt, der eindrucksvolle Stein noch vorhanden (leider kann
ich keine Fotos versenden). Es handelt sich gewissermaßen um einen
steinernen Baumstamm mit Fischsymbol u.a. Früher stand auf dem Grab eine
Ulme (eingegangen). - Wir haben vor Ort eine sog. "Zigeunerwiese",
jährlich kamen diese früher als fahrendes Volk eine Weile hierher. Sind auch
so Kindheitserinnerungen! - Viele Grüße von Ulrike

Rabenweib 26.03.2009 10:35

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
oh schade, wieso kannst du keine fotos versenden?
per mail auch nicht? sonst könnte ich sie ja für dich hier einstellen.
wo ist denn der friedhof genau?
oder die wiese?
magst du mir eine PM schicken?
meinst du, es wäre möglich, wieder eine ulme dort zu pflanzen, oder würde ich probleme bekommen dann?
alles liebe, sonja

volker333 29.03.2009 17:35

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
Hallo Sonja,
schönes Erlebnis und interessant berichtet. :smiley_da
Es gibt allerdings auch andere Erfahrungen mit Zigeunern.
Wenn du willst, kann ich dir mal die Erfahrungen einer Krankenschwester berichten, die eine Zigeuner"königin" "chefin" pflegen musste. :down:
Wir machen seither einen großen Bogen um Zigeuner. Zum Glück gibt es da, wie in allen Menschengruppen, Unterschiede. Ich bin froh, dass jemand was positives berichtet. Aber selbst gemachte Erfahrungen sitzen sehr tief.
Gruß Volker

Rabenweib 29.03.2009 18:20

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
hallo volker!
natürlich gibt es überall schwarze schafe. ich kenne auch einige österreicher die ich :smi_nein: finde...
deshalb male ich denen aber auch keine sprüche an die hausmauer oder will sie loshaben. *lach*
da hatte ich halt glück, daß ich mir die richtige ausgesucht habe. :-)
bzw. wurde mir eine liebe frau empfohlen von dem verein.
ich habe sie später noch einmal besucht mit meinen kindern und es war wirklich eine schöne zeit.
alles liebe, sonja

Berit (SAGEN.at) 30.03.2009 22:34

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
4 Anhang/Anhänge
Da die "Zigeunergräber" angesprochen wurden, möchte ich ein paar Fotos zeigen, die meine Mutter vor 3 Jahren auf einem Friedhof bei Paris (Montreuille) gemacht hat. Die Gräber liegen alle beieinander auf einem christlichen Friedhof und sind sehr prunkvoll. Als Grabsteine wurden meistens polierte Steine (Granit?) gewählt, zusätzlich zu den Inschriften werden auch Bilder der Verstorbenen in den Stein gefräst/geätzt. Besondere Blickpunkte sind die vergoldeten Details wie Schmuckketten und Siegelringe. Die Verstorbenen bzw. Inhaber der Gräber werden so dargestellt wie man sie kennt, die Frauen mit Kopftüchern und langen Röcken, die Männer in Anzügen. Auch Statussymbole bzw. "Symbole der Freiheit" sind abgebildet wie z.B. der Planwagen mit Pferden und der Mercedes.
Unbekannt ist uns der Brauch Getränke, Kaffeservice und Spitzendeckchen auf die Gräber zu stellen. Ich nehme an, dass dem Verstorbenen zu Ehren diese "Gaben" mitgebracht wurden, vielleicht wird aber auch dazu eingeladen hier zu verweilen und einen "Kaffeeklatsch" zu halten?
Wer weiß mehr zu diesen Bräuchen der Zigeunerkultur?

Berit

Rabenweib 30.03.2009 23:55

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
oh, wie schön, danke fürs zeigen!
ich bin mir ziemlich sicher, daß es opfergaben für die verstorbenen sind.
schnaps und wein, kaffee und kekse...
schade, daß man hier bei uns wahrscheinlich gleich für verrückt erklärt wird,
wenn man sowas macht. ich bringe meinem opa ab und zu mal tabak auf den friedhof oder opfere heimlich ein paar manner-schnitten, wenn keiner herschaut. *lach*
aber ein bier hinstellen, das trau ich mich dann doch nicht. *ggg*
sehr schön, diese gräber.
alles liebe, sonja

Ulrike Berkenhoff 31.03.2009 10:09

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
Eine Frage: Sagt man überhaupt noch Zigeuner? Wie nennen sie sich , heißt es
nicht Sinti und Roma o.ä. Ich weiß, viele kamen nach der Wende z.B. aus dem
total armen Rumänien, wo sie mehr "schlecht als recht" lebten. Wie soll ein
"Volk ohne Land" denn leben, und wo? - Es gibt da viele traurige Beispiele. - Bei einem
Besuch in Berlin haben wir damals auch "schlechte" Erfahrungen gemacht
(Bettler im Park). Da mir aber die Umstände bewußt waren, sehe ich alles von
beiden Seiten. "Leute holt die Wäsche rein, Zigeuner sind in der Stadt ..."
hat nicht Reinhard Mey dies in einem Lied verarbeitet? Früher kamen sie z.B.
an die Türen und baten um frisches Wasser. Sie lagerten auf Wiesen, ohne
Strom, Toiletten, Wasser u.a. Von Ort zu Ort ging es weiter! Also: lustig war
so ein Leben nicht. Manche wollten vielleicht etwas anderes, aber welche
Chancen gibt es. So bleibt die "Sippe" als Halt (bei uns natürlich sieht auch
dies alles anders aus). Man soll nichts beschönigen - aber auch nichts ver-
schweigen. Diese Menschengruppe hat im "Dritten Reich" wahnsinnig leiden
müssen und leider keine große "Lobby".
Mich wunderte immer das Grab auf unserem Evangelischen Friedhof, dachte
ich doch, der Katholische Glaube (Marienverehrung) wäre dort verbreitet.
Liebe Rabenfrau, weißt Du etwas darüber?
Viele Grüße von Ulrike

Rabenweib 31.03.2009 11:43

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
also die ceija hat gesagt, daß sie sich selber zigeunerin nennt, sie sei stolz drauf, sich so nennen zu dürfen. viele zigeuner sind halt nicht mehr stolz drauf, sie haben eher angst davor, sich zu "outen" und bezeichnen sich lieber anders.
und nehmen dann das wort "zigeuner" als schimpfwort, sow ei es oftmals halt gesagt wurde.
und es gibt da eine ganze menge unterteilungen: sinti und roma sind da nur die größeren zwei gruppen, da gibt`s noch viele kleinere gruppierungen. die namen müsste ich raus suchen aus büchern, auswendig merk ich mir die nicht. wenns dich interessiert schau ich mal nach.
das mit der marien-verehrung ist bei einigen sehr ausgeprägt, die pilgern ja sogar nach frankreich und haben dort ihre rituale wo sie die marienstatue in einer prozession herum tragen, und ich glaube sogar, daß sie an eine frau von jesus glauben, oder an eine tochter (durch die frau) die sahra heisst? müsst ich mich auch nochmal erkundigen.
eine freundin hat ein buch darüber, da könnt ich mal nachfragen und die ISBN-nummer abschreiben.
ich meld mich nochmal zu dem thema.
alles liebe, sonja

Berit (SAGEN.at) 31.03.2009 22:58

AW: Das lustige Leben einer Zigeunerin
 
Ich bin mir fast sicher, dass meine Mutter die Fotos auf einem evangelischen Friedhof gemacht hat... im übrigen habe ich mir sagen lassen, dass die Marienverehrung in einigen evangelischen Gemeinden stark im Kommen ist, wie z.B. in Hamburg. Und unter den "Zigeunern" gibt es auch Muslime.

Bei dem Wort "Zigeuner" mußte ich sehr (!) lange nachdenken, ob ich es denn wirklich benutzen will. Mir stellte sich dann die Frage: wann schreibe ich Roma und wann schreibe ich Sinti? Liegen die Unterschiede nur in der "Sippschaft" oder auch im Glauben, Riten, Gebräuche...? Nach einem kurzen Blick ins Internet habe ich dann festgestellt, dass es noch einige andere "Gruppen" gibt... und schlußendlich bin ich auf diese Seite gelangt, siehe auch http://www.forumromanum.de/member/fo...878&threadid=2 oder die anderen interessanten Zigeuner/Seiten von Rüdiger Benninghaus und habe mich dann für den Begriff "Zigeuner" entschieden.
Ich wurde dann schon gestern abend gefragt ob das Wort nicht zu den "verbotenen Wörtern" gehört, man sieht die "Sensibilisierung" oder "political correctness" ist in unserer Kultur doch schon weit fortgeschritten.

Beste Grüße :smi_blume

Berit


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