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SAGEN.at 18.06.2011 12:00

Tiernamen in der Technik
 
9 Anhang/Anhänge
Eine sehr interessante Übersicht über Tiernamen in der Technik bringt Constantin Redzich im Jahr 1928:

"Als erstes Baugerät, zum Emporwinden schwerer Steine, kann man gewiss die Winde betrachten. Aus ihr entwickelte sich sodann der Flaschenzug, der später an einen Ausleger gehängt wurde, woraus sodann der Kran entstand.


Bezeichnenderweise gab man damals den neuerfundenen Geräten fast lauter Tiernamen, wovon der erste und am meisten gebräuchlichste wahrscheinlich der „Bock“ gewesen sein wird. Tausenderlei verschiedenartige Gestelle, in ihrer Grundform aber demselben Zwecke dienend, werden nach jenem störrischen, an Eigensinn ungemein ausdauernden Tierchen benannt, das da, mit seinen vier kraftvoll ausgespreizten Beinen, sich beharrlich gegen jegliche Gewaltanwendung wehrend, eher erdrücken lässt, als auch nur einen Fußbreit nachzugeben. Kann man nun in ein drei- oder vierbeiniges stabiles Gestell, das sich ähnlich behandeln und verwenden lässt, einen treffenderen Namen legen, als den eines Bockes? - Der Widder rennt in seiner Gereiztheit krachend gegen eine Mauer, würde mit der Zeit ein ganzes Haus umwerfen, ohne sich den Schädel einzuschlagen; ist es daher nicht verständlich, wenn man im Altertum jene eisenbeschlagenen wuchtigen Bäume zur Zertrümmerung von Festungstoren und Burgmauern mit dem Ausdruck „Widder“ oder „Sturmbock“ belegte? Es gibt auch menschliche Böcke, die mit ihrem „harten Schädel“ durch die Wand brechen möchten.


Die „Pferdestärke“ wird der Berechnung von Maschinenleistungen zugrunde gelegt. Warum sagt man nicht „Ochsenstärke“ oder „Büffelkraft“, jene Tiere werden doch gleichfalls zur Arbeitsleistung herangezogen! - Weil sich fast jedermann einen ungefähren Begriff zu machen vermag, wie stark ein mittelkräftiges Pferd sein kann, viele Leute aber einen Ochsen in ihrem Leben höchstens einmal abgebildet sahen. Über den „Eselsrücken“ schiebt man beim Rangieren auf der Eisenbahn einen zu verteilenden Wagenzug und lässt die Gefährte einzeln ablaufen, damit sie bestimmten Gleisen zugeführt werden. Auf größeren Seeschiffen heißen kleinere Hilfsmaschinen „Esel“, die runden Kabinenfenster „Ochsenaugen“ (bulleyes). „Hunde“ sind kleine Bergmannskarren, worin man das gebrochene Gut auf Schienen, dem „Hundelauf“, zu den Förderkörben bewegt, und „Katzen“ dienen in der Hauptsache der Fortbewegung schwerer Lasten auf hochliegenden Tragestellen. Dort oben huscht die eiserne Laufkatze, genau wie ihre fleischerne Kollegin in der Natur, geschmeidig, geduckt, fast lautlos, wie auf dem Mäusefang hin und her, unermüdlich, beutelüstern.

Anhang 3236
Ochsenaugen

Viele der ursprünglichen Tiernamen wurden mundartlich entstellt, lauten heute anders als ehedem, doch kann man ihre Entstehungsform unter Anwendung einiger Phantasie noch recht gut zurückverfolgen. Auf einem „Möllerhaufen“ (Maul-, Moll-, Möller-) wurden früher die Erze gemischt. Der Maulwurfshaufen gab demnach die Anregung zu dieser Bezeichnung. Der „Wolf“ wird im „Wolfsofen“ als 200 - 300 kg schwerer Eisenklumpen geschmolzen; nach dem „rennenden Wolf“, „lupus“, benannte man Schmiedeherde, Schmiedefeuer als Renn- oder Luppenfeuer. Der „Reißwolf“ zerkleinert in der Textilindustrie die Rohstoffe, in der Landwirtschaft Runkelrüben für Viehfutter.


„Salm“, „Gans“ oder „Sau“ hieß das im Schmiedefeuer gewonnene Metall. Gewaltige Aufregung herrscht aber in jedem Hüttenbetrieb, wenn durch irgendeine Unachtsamkeit die Hochofenfeuerung versagt und nun die „Sau“ als erstarrter Erzklumpen behäbig und massig den tiefer gelegenen Raum ausfüllt, allen Versuchen, das Feuer wieder in Gang zu bringen, beharrlich spottet, so dass das Mauerwerk an einer Stelle aufgebrochen werden muss, um das Hindernis zu beseitigen. Es kommt aber auch vor, dass der „Fuchs“ verstopft ist, jener Abzugskanal für die Feuergase, einem Fuchsbau nicht unähnlich. Der Zimmermann braucht einen „Fuchsschwanz“ zum Zerschneiden von Hölzern an schwer zugänglichen Stellen, gräbt einen „ Frosch“ in die Erde, wenn er mit einer Aufzugswinde seine Balken in die Höhe zieht und benutzt einen eisernen „Bären“, um damit allerlei Pfähle in den Erdboden zu rammen. Ein ähnlicher „Bär“ verhämmert auch größere Schmiedestücke auf dem Amboss (Dampfhammer).

Anhang 3238
Kranich

Unsern Altvordern erschien es angebracht, eine beobachtete Gestalt, deren Eigenart und Wesen auch in ihren Arbeitsbetrieb zu übernehmen. Eigentümliche Bewegungen bei der Nahrungssuche, beim Kampf, auf der Flucht, in der Ruhestellung, gab beste Veranlassung zur Namensgebung für ein ähnlich geformtes und wirkendes Werkzeug, das man zu seiner Hilfeleistung ersann. Ein Hebekran ähnelt schlechterdings der Stellung eines Kranichs, der mit langem Hals und gespreizten Beinen sein Futter aus der Tiefe heraushebt; der „Hahn“ wird in den bekannten Gas- und Wasserarmaturen verkörpert, gleichzeitig mit einem „Küken“ im Innern, dem Schraubstift, an dem die Lederscheibe befestigt ist. Durch einen kräftigen Fingerdruck am Halse werden Lebewesen erdrosselt, gleich den Drosseln im Dohnenstieg. Mit metallenen „Drosseln“ und „Drosselklappen“ vermindert man die Strömung in den halsähnlichen Dampfleitungen.


Der „Papageienschnabel“ ist jedem Monteur als Rohrzange bekannt; ein „Schwalbenschwanz“ dient als Verbindungsstück für Holz- und Maschinenteile; ebenso wird ein größeres Scharnier zum Befestigen von Stalltüren „Schwalbenschwanz“ genannt. Der „Storchenschnabel“ ist ein Zeicheninstrument; er dient zur Vergrößerung oder Verkleinerung von Werkzeichnungen. Ein anderer „Storchschnabel“ überträgt gewisse Maschinenbewegungen. Der Schuster benutzt „Ahle“ zum Vorstechen beim Ledernähen, andere Handwerker „Reibahlen“ zum Nach-und Aufbohren von Löchern. „Heringe“ sind kleine Holzpflöcke zum Befestigen der Zeltspannseile, und in England gibt es verstellbare Rohrzangen, die man „Krokodile“ nennt. „Froschklemmen“ werden zum Befestigen von Drähten benutzt; „Frösche“ sind Feuerwerkskörper, Querstücke an Sturzkränen (Kranich mit Frosch im Schnabel), auch trägt eine Art Grubenlampe diesen Namen. „Schlangen“ sind gebogene Rohre in Badeöfen, Heiz- und Kühlanlagen, „Schildkröten“ werden in der Großstadt an belebten Straßenkreuzungen zur Verkehrsregelung aufgestellt.

Anhang 3240
Papageienschnabel

Genau wie alle Kunst in Wirklichkeit nichts anderes ist, als eine Nachahmung der Natur, der gotische Baustil einer Kirche einem Walddom gleicht mit seinen Verästelungen im Kreuzgewölbe, den Säulen wie Baumstämme, den Türmen als hochragende Baumkronen, genau so bildet auch die Technik nach der Natur und gibt ihren Schöpfungen entsprechende Namen. Aus welchem Grund sonst würde der Kühler des Kraftwagens seine Luft durch „Waben“ schlürfen, wenn sie nicht einem Bienenkorbe nachgebildet wären; wie käme man auf den Namen „Raupe“ bei Tanks und Kraftschleppern. „Wanzen“ heißen Ausscheidungen am Roheisen, spaßeshalber auch Reißnägel und Zentrierstifte. Der „Glaserfloh“ splittert recht oft beim Glasschneiden ab und sticht in die Haut der arbeitenden Hand. Die „Made“, eine Schraube, frisst sich tief ins Fleisch der behandelten Baustoffe, ebenso der,,Wurm“ bei „Schneckengetrieben“. „Schneckenbohrer“ und „Schneckengänge“ sind jedem Handwerker bekannt; eine „Fliege“ sitzt als „Korn“ auf dem Flintenlauf, die „Libelle“ auf der Wasserwaage. „Rattenschwänze“ sind dünne gebogene Feilen.



Es folgen sodann allerlei Geräte, deren Namen nicht der Form, sondern ihrer von ihnen entwickelten Eigenschaften wegen aus dem Tierreich herausgegriffen sind, darunter beispielsweise der „Staubsauger“. Die AEG gab ihrer Erfindung den bezeichnenden Namen „Vampyr“, nach jenem unheimlichen fledermausartigen Gesellen der südamerikanischen Urwälder, der, neben seinen Arbeitsgenossen, dem „fliegenden Hund“, „fliegenden Fuchs“ u. a. m. nächtens schlafende Warmblüter überfällt und ihnen gierig das Blut aussaugt. Ein leichter Verdeckwagen wird aus ähnlichen Ursachen heraus „Phaethon“ genannt, als Sinnbild des leuchtenden Sonnenwagens, den Phaethon, der Sohn des Sonnengottes, lenkte. „Herkules“, „Elefant“, „Mammut“, „Blitz“, „Dachs“, „Wiesel“, „Eber“ u. dgl. nennt man Maschinen und Werkzeuge, womit deren Leistungsfähigkeit, Schnellauf, Haltbarkeit oder Anpassungsfähigkeit gekennzeichnet werden soll, und unsere eisernen „ Röhren“ sind doch offenbar nichts anderes als eine Nachbildung von Röhrenknochen, die bereits der Urmensch zu allen möglichen Zwecken benutzte.

Quelle: Constantin Redzich, Das große Buch der Erfindungen und deren Erfinder, 2. Band, Erfurt und Leipzig 1928, S. 66 – 72.

Wolfgang (SAGEN.at)

Dresdner 18.06.2011 17:11

AW: Tiernamen in der Technik
 
Das Thema ist wohl auch heute noch aktuell.

Eines der bekanntesten Produkte des ehemaligen VEB Fahrzeugwerk Waltershausen der DDR war die "Ameise" - siehe auch unter http://www.feldbahn-guben.de/index.h...ben.de/m21.htm.

"Phaeton" ist die Bezeichnung des aktuellen Luxusautos von VW, welches in der "Gläsernen Manufaktur" Dresden hergestellt wird.

Eine enge Beziehung zum Tierreich scheint auch das Militär zu haben.
Die westdeutschen Landstreitkräfte benannten ihre Panzer- und Schützenpanzerserien nach Raubtieren wie Tiger, Leopard etc.. Eine gewisse namentliche Traditionslinie zu den deutschen Panzern des WKII (Marder, Nashorn ...) ist dabei unübersehbar.
US-amerikanische Kampfflugzeuge sowie Kampfhubschrauber hören auf Luftbewohner wie Falcon, Eagle etc..
Kampftechnik der Truppen des ehemaligen Warschauer Vertrages trug keine derartigen Bezeichnungen, teilweise wurde sie im Westen jedoch mit Phantasiebezeichnungen belegt.

Dresdner

harry 18.06.2011 20:03

AW: Tiernamen in der Technik
 
Warum in die Ferne schweifen? - Zum Öffnen dieser Seite verwendete ich eine Maus, der Browser, den ich benütze heiße "Firefox" und das Mailprogramm "Thunderbird" :)

Egon 18.06.2011 21:32

AW: Tiernamen in der Technik
 
Seht euch doch die Autonamen an

Dresdner 19.06.2011 10:09

AW: Tiernamen in der Technik
 
@ Egon: Meinst du Käfer und Jaguar? Meiner ist nicht tierisch und hört auf i30, gut, die davor stehende Marke hat, falsch ausgesprochen, auch einen tierischen Beiklang. http://www.gratissmilies.de/gifs/hund/a_ti_h11.gif

Fuchsschwanz:

Handholzsäge, mit spezieller Sägeblattausformung

Schwalbe, Habicht ...

Kleinmotorräder / Motorroller aus dem ehemaligen VEB Fahrzeugwerke Suhl.
Produziert in der DDR, genießen die Fahrzeuge heute Kultstatus in Ost und West, sie werden als Sammlerstücke gepflegt und gehegt. Die Produktion wurde um 1990 eingestellt.
Dazu folgender Filmverweis - nicht nur für Technikinteressierte, sondern auch für alle Geschichtsinteressierten und "urban explorer" sehr zu emfehlen: http://www.mdr.de/search/mediasearch...s=suhl&x=0&y=0 (dort erstes Video anwählen).

Dresdner

SAGEN.at 19.06.2011 10:28

AW: Tiernamen in der Technik
 
Habicht heißt auch die langjährige Fernrohr- und Gucker-Serie von Swarovski aus Tirol.

Wolfgang (SAGEN.at)

Elfie 19.06.2011 11:13

AW: Tiernamen in der Technik
 
Die Vespa (Wespe) - und ich weiß nicht, ob die Bezeichnung "Libelle" für die kleinen Hubschrauber mit der Glaskanzel und hinten nur dieses schmale Eisengerüst (technischer Ausdruck ist mir unbekannt), jemals offiziell war.
Ponny für die KTM-Mopedroller, mein erster fahrbarer Untersatz :).

harry 19.06.2011 11:31

AW: Tiernamen in der Technik
 
@Elfie: Du meinst die Bell 47. "Libelle" ist der Rufname des Polizeihubschraubers am Polizeifunk.

Eine wahre Fundgrube für Vogelnamen sind "naturgemäß" auch die Typenbezeichnungen von Segelflugzeugen:

L-Spatz
Rhönlerche
Bergfalke
Blanik (polnisch Storch)
Weihe
Bussard
Habicht
....

baru 19.06.2011 13:59

AW: Tiernamen in der Technik
 
Zitat:

Typenbezeichnungen von ...flugzeugen:
Da wär dann noch die (Etrich) Taube.

Rösser sind auch in den Techniknamen vertreten, im geländegängigen Puch Haflinger und im Puch Pinzgauer ,wobei sich "Pinzgauer" auf die robusten Arbeitspferde, eine Linie der Noriker, bezieht.

Dresdner 19.06.2011 20:33

AW: Tiernamen in der Technik
 
Eidechse

Transportfahrzeug für vorwiegend innerbetriebliche Belange

Ausführungsbeispiele:
http://www.gaswerk-augsburg.de/fahrzeuge.html
http://www.mafi.eu/produkte/elektrof...hp?gid=5&sid=4

Dresdner


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