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-   -   Arme-Leute-Essen (http://www.sagen.at/forum/showthread.php?t=3920)

harry 14.11.2012 20:05

Arme-Leute-Essen
 
Zitat:

Zitat von Elfie (Beitrag 31460)
Ich frag nur so, weil bei uns auch der Mais als "Menschenfutter" unbekannt war.

Ich verbrachte meine Kindheit in Kärnten, wo wir zum Frühstück immer (Türken)Sterz mit (Malz)Kaffee bekamen. Heute noch habe ich manchmal Lust nach dieser goldgelben Köstlichkeit aber meine Frau, eine Weinviertlerin, lehnt dieses "Hendlfutter" auch noch nach 40 Jahren strikt ab ... :D

baru 14.11.2012 20:19

Arme-Leute-Essen
 
Zitat:

Zitat von Berit (SAGEN.at) (Beitrag 31458)

Heute bekommt man es fast nicht mehr, wie so viele "Arme-Leute-Essen"...

lg Berit

In einem Dorf des Trentino, in San Lorenzo in Banale, wurde ein ehemaliges Arme-Leute-Essen zu einem Hit gemacht: Die Ciuìga, eine Rübenwurst:
aus http://www.visitacomano.it/lang/DE/p..._food_,69.html , Fotos auch auf dieser Seite :

Die “Ciuìga del Banale” Slow food
Auf keinen Fall sollten Sie sich während Ihres önogastronomischen Urlaubs in Italien den Geschmack der typischen und originalen Salami mit Rüben, der „Ciuìga del Banale“ entgehen lassen.

Diese Salami ist einzigartig in Italien und wurde das erste Mal zu Zeiten großer Armut Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt. Diese Salami wurde somit aus den weniger wertvollen Teilen des Schweins und aus gekochten und geschnitzelten weißen Rüben gemacht. Die „Ciuìga“ hat diese mageren Zeiten heute gänzlich hinter sich gelassen. Sie ist jetzt zu einem Produkt geworden, für das nur ausgesuchtes Schweinefleisch und autochthone weiße Rüben verwendet werden.

Sie wird vorzugsweise gekocht verzehrt und gemäß alter Tradition in den Wintermonaten gemacht. Die „Ciuìga“ ist von der Vereinigung „Presìdi Slow Food“ in die Gruppe der zu bewahrenden Lebensmittel aufgenommen worden.

Jedes Jahr feiert San Lorenzo in Banale Anfang November seine unvergleichliche Salami mit Rüben mit der inzwischen schon traditionellen Sagra della Ciuìga. Eine folkloristische Veranstaltung mit Themenmenü, Straßenkünstlern, Musik und einem Markt mit typischen Trentiner und Handwerksprodukten.


Die Wurst gibt es nur Anfang November und wirklich nur in San Lorenzo - und so hatte ich noch keine Gelegenheit, einmal zu kosten...

@Elfie: Als Futterrübe wurde bei uns die Runkelrübe angebaut, eine nahe Verwandte der Zuckerrübe.
Die Rüben wurden dann "geschnitzelt" und vor allem an die Kühe verfüttert.

Polenta(brei) kam in meiner Kindheit regelmäßig auf den Tisch, als Hauptmahlzeit, entweder als "Kaspolenta" (vermischt mit Käsewürfeln, übergossen mit gerösteten Zwiebeln in brauner Butter) oder "siaß" (mit Preiselbeermarmelade und geschmolzener Butter)
Kaspolenta mache ich auch heute immer wieder einmal. :koch: Hmmm!

Berit (SAGEN.at) 14.11.2012 20:20

Arme-Leute-Essen
 
Angeregt durch das Fotorätselspiel möchte ich ein eigenes Kapitel zu dem Thema "Arme-Leute-Essen" vorschlagen. So viele Speisen oder Gemüsearten die früher verpönt waren, erleben heute ein Revival und werden als teure Spazialitäten vermarktet. Ich denke da z.B. an Kohl- und Rübengerichte....

Also, bitte um Rezepte, Erinnerungen, Anbautipps und was euch sonst noch so zu "Arme-Leute-Essen" einfällt!

Berit

Berit (SAGEN.at) 14.11.2012 20:51

AW: Arme-Leute-Essen
 
Es gibt natürlich immer "Problemchen" wenn die Postings zeitlich vor dem neuen Thread geschrieben werden.... aber es wird schon gehen:schnecke:


@ Elfie ich glaube dieses "Ruabkraut" wurde aus Kohlrüben gemacht, also erst mittels Milchsäuregärung wie Sauerkraut eingelegt und auch so verkocht.

Die Kohlrüben sind in Norddeutschland auch unter "Steckrüben" bekannt. Mir wurde erzählt, dass man im Norden Deutschlands heute die Sorte "Teltower Rübchen" in Feinkostläden zu kaufen bekommt und das ehemalige "Armen-Essen" nicht gerade billig ist!

Berit

Elfie 14.11.2012 22:58

AW: Arme-Leute-Essen
 
Zitat:

Zitat von harry (Beitrag 31462)
meine Frau, eine Weinviertlerin, lehnt dieses "Hendlfutter" auch noch nach 40 Jahren strikt ab ... :D

Als ich zum ersten Mal mit ein paar Maiskolben (kein Zuckermais, vom Feld) nach Hause kam, mit der Absicht, sie zu kochen, sagte meine Mutter noch nichts, aber ein Mitessen hat sie mit den Worten: ich bin ja keine Kuh, abgelehnt :D.
Polenta, Grieskoch, Milchreis ess ich heute noch für mein Leben gern.
Oma machte mir immer 2 Spezialitäten: ein "O´griehrts" - hieß so viel wie "Abgerührtes". War nur Dotter, Zucker verrührt, Schnee dazu und das ganze mit Brösel verrührt. Das hätte ich 3x täglich essen können. Das zweite war gekocht, aber ich weiß nicht was. Sie nannte es Glinza Koh (Linzer Koch vielleicht) und es war süß. Ich glaube Fett (vermutlich Schmalz), Zucker und Mehl, wahrscheinlich auch Wasser, das hat sie unter ständigem Rühren gekocht. Vielleicht kennt das noch jemand. Es war süß, dickflüssig, ein wenig zäh.
Eier haben nichts gekostet, weil Hühner da waren, sonst gabs beinahe jeden Tag Erdäpfel in allen Varianten, davon gabs genug, weil auch ein Schwein gefüttert wurde. Für dieses wurden auch Rübenschnitzel gekauft. Da haben wir glaub ich nicht mitgegessen :).

Ulrike Berkenhoff 15.11.2012 10:43

AW: Arme-Leute-Essen
 
Ältere Leute erzählten mir oft von "Steckrübenwinter", deshalb möchten sie
diese nicht mehr essen.Ich habe sie mal gekocht (sind gar nicht billig) und
fand den Geschmack zwischen Kohlrabi und Möhren, eigentlich ganz
schmackhaft. Meine Familie war aber eher ablehnend.-
Arme Leute Essen: Pellkartoffeln, Brot. Ein Schmalzbrot war eine Delikatesse,
die Kinder bekamen als "Süßigkeit" ein Butterbrot mit Zucker bestreut. Früher
aßen wir auch Unmengen von Rübenkraut, war wohl der billigste süße
Brotaufstrich (Nutella u.a. gab es noch nicht). Rübenkraut kam auch
auf die Reibeplätzchen. Pellkartoffeln mit Quark, Hering oder einem Ei.
Eine Brotsuppe wurde aus getrockneten alten Brotresten mit Milch gemacht.
War auch eine Fastenspeise bei meiner katholischen Freundin, ihre Eltern
hatten ein Lebensmittelgeschäft, ein Paradies meiner Kindheit, denn sie waren
sehr großzügig. Meine Mutter verfeinerte ihre Brotsuppe mit Rosinen, da zog ich
ein langes Gesicht und mochte diese nicht essen. - Es gab auch viele Kohl-
gerichte, alles aus dem eigenen Garten. Am liebsten mochte und mag ich
Rosenkohl! -Ulrike

Elfie 15.11.2012 20:00

AW: Arme-Leute-Essen
 
Brotsuppe gabs bei uns auch, war aber mit klarer Suppe. Wir hatten eine Milchsuppe, heißt Stosuppe, mit Kümmel – und mir waren Erdäpfel hinein lieber als Brot. Im Krankenhaus gabs die manchmal zum Nachtmahl, die älteren Patienten waren immer ganz glücklich drüber.

Da wäre noch ein Bericht aus der Region Weststeiermark/Koralm über Arme-Leute Essen am Land:
„Ziegenmilch (die armen Keuschler hatten keine Kühe sondern Ziegen); Mehlsuppe; Kartoffel und Sterz. Sterz aus Maisgrieß war bei uns eine zentrale Nahrung: in der Früh Sterz, zu Mittag Sterz und am Abend wieder Sterz. In der Südweststeiermark hat man daher die Sterzesser auch als "Gelbfüßler" bezeichnet.
Kraut war ein wichtiges Nahrungsmittel, weil im Kraut alle notwendigen Inhaltstoffe sind die der Mensch braucht damit es keine Mangelerscheinungen gibt. Fleisch gab es nie oder nur zu den heiligen Zeiten.
Wie haben die armen Familien am Land überlebt? Sie haben mangels eigenem Futter für ein Schwein im Wald Bucheckern und Eichel gesammelt. Für die Ziegen alle "Roan" (Feldränder)abgemäht. Einige haben auch gewildert, nicht mit dem Gewehr sondern sie haben Kupferdrahtschlingen gelegt und damit die Rehe stranguliert. War geräuschlos und hat keiner teueren Gewehre und Munition bedurft, nur etwas Geschick und Können. Warum Kupferdrahtschlingen und nicht Eisendrahtschlingen? Kupfer ist weicher und hat sich nicht wieder geöffnet wenn das Reh mit dem Hals gefangen war. Beim Eisendraht bestand die Gefahr dass er sich geöffnet hat und das Reh frei kam.“

Ulrike Berkenhoff 16.11.2012 10:43

AW: Arme-Leute-Essen
 
Elfie: Ziegen nannte man hier " Bergmannskuh", die reichen Bauern hatten
Kühe, die armen Leute eine Ziege im Stall (dann gehörte man wiederum
nicht mehr zu den Allerärmsten). Es gab auch Federvieh (Hühner) und
Kaninchen. Mais wurde bei uns wohl erst nach dem Krieg durch die Amerikaner
bekannt.- Reibekuchen war hier schon mal das Thema bezw. Reibeplätzchen
aus rohen geriebenen Karrtoffeln, ursprünglich in Rapsöl gebraten. Heißt bei
uns seltsamerweise "Pannekauken", darunter verstehen viele einen Mehl-/
Eierpfannkuchen. Letztere kenne ich auch herzhaft, d.h. z.B. mit gebr. Hackfleisch
u. Pilzen gefüllt. Süß esse ich ihn gerne mit Apfel, Pflaume o.a.
Mein Favorit: süßer Milchreis. Früher gab es auch süße Nudeln, dazu wurde
Dörrobst eingeweicht, gekocht u. untergemischt.-
Was muß ich mir unter einer klaren Brotsuppe vorstellen? War es eine
Fleischbrühe mit Brotstückchen? Wie berichtet, ich kenne es nur mit
gekochter Milch. - Viele Grüße von Ulrike

Berit (SAGEN.at) 16.11.2012 10:47

AW: Arme-Leute-Essen
 
Also in der Nachkriegszeit ging es den Menschen im Norden Deutschlands in den Städten wahrscheinlich schlechter, als jenen die auf dem Land gelebt haben. Die Familie meiner Mutter wurde in Hamburg zwei mal ausgebombt, sie sagt wenn sie als Kinder nicht in den Wald gegangen wären um Bucheckern für sich zu suchen, dann wären sie wohl verhungert...

Brotsuppe gehört übrigens zu meinen "Leibspeisen" (aber das kann vielleicht auch nur jemand sagen, der in der Wohlstandsgeneration aufgewachsen ist?).

Für die "Vinschger Brotsuppe" nimmt man eine gute, klare Rindfleischsuppe und gibt kleingehacktes Vinschgerlbrot hinein. Das Brot sollte möglichst Gewürze wie Kümmel und Fenchelsamen enthalten und aus Sauerteig bestehen, es wurde eigens getrocknet und wird dann in der Brotgrammel in kleine Stücke zerteilt. Wer mag gibt Maggi oder Suppenwürze aus der Flasche hinzu :smi_mitha

Berit

Elfie 16.11.2012 18:05

AW: Arme-Leute-Essen
 
@Ulrike: das ist wirklich lustig - bei und hießen die Ziegen: Eisenbahnerkuh. Es gab ja hier keine Bergleute, aber gemeint war das Gleiche.
Die Brotsuppe war eine, wie sie Berit beschreibt.
Ich kann schon verstehen, dass Menschen, die mit verschiedenen Gerichten an eine schlimme Zeit erinnert werden, sie nicht mehr mögen. Ich hab wasEssen angeht nie Not gelitten, weil die Großeltern einen Garten, eine Ziege, Hühner und ein Schwein hatten. Mich erinnert es eher an die Kindheit und außerdem esse ich immer noch das Einfache am allerliebsten. Kartoffeln meinetwegen täglich, man kann sie so vielfältig zubereiten.

Ulrike Berkenhoff 17.11.2012 10:58

AW: Arme-Leute-Essen
 
Liebe Berit: Brotgrammel???-Ulrike

Berit (SAGEN.at) 17.11.2012 17:01

AW: Arme-Leute-Essen
 
Liebe Ulrike,

ich habe leider ad hoc kein Foto zur Hand. Ich versuche sie dir zu beschreiben:

Du kannst dir die Brotgammel (auch Grampel) ähnlich wie einer Holzschublade vorstellen, in der sich ein Wiegemesser befindet. Die Klinge hat auf einer Seite einen Griff, hier ist die Seite vom Holzboden nicht nach oben gezogen und auf der gegenüberliegenden Seite ist sie im Holzrahmen fixiert. Das wirklich harte Brot kann nun ohne viel Kraftaufwand und geminderter Verletzungsgefahr mit der Klinge zerhackt werden, ein weiterer Vorteil sind die hochgezogenen Seiten, die fliegende Brotstückchen verhindern.

Unsrige hat übrigens starke Gebrauchsspuren, in der Mitte hat sich eine halbkreisförmige Vertiefung gebildet. :)

Einziger Nachteil für die heutigen, eher kleinen Küchen besteht darin, dass sie mehr Platz als ein einfaches Holzbrett mit Messer wegnimmt.

lg Berit

baru 17.11.2012 18:50

AW: Arme-Leute-Essen
 
Da wär noch die Brennsuppe: hell- bis mittelbraune Einbrenn mit Wasser aufgießen, salzen, mit Kümmel würzen.
Ich vermeide jetzt absichtlich die mit den heutigen ZUtaten mögliche Aufbesserung, denn die hatten die "armen Leute" ja nicht....;)
Und das Mehlkoch: helle Einbrenn mit Milch aufgießen und kochen bis es am Pfannenboden leicht "anwächst" (das nennen wir "Prinzen"). Mit Butterstückerl belegt kommt ea auf den Tisch, wenn die Butter geschmolzen ist, wird gegessen, natürlich alle aus einer Pfanne.
Besonders beliebt war das "Ummischüttkoch": in einer neuen Pfanne wird Butter geschmolzen, das Koch mit den Prinzen nach oben in die Pfanne gegeben, in der das Koch noch einmal "anwachsen" soll, vor dem Essen mit Zucker bestreuen. (Das war in der Grundschule viele Jahre mein Frühstück, ich hatte einen weiten Schulweg...)
Das Melkermuas wird ähnlich hergestellt.

Das "Bettelmandl-Gulasch" ist nix anderes als ein Erdäpfelgulasch.

Meine Mutter erzählte auch vom selber hergestellten Zichorie-Kaffee aus Löwenzahnwurzel.

Die einfache Bauernkost der frühen Jahre kann man der Armen-Leute-Kost zurechnen, hergestellt aus dem, was der Boden hergab und Milch(produkten) und Wasser, heutzutage "aufgemotzt" zu Schmankerln in der sogen. gehobenen Gastronomie (wobei dann vor allem die Preise sehr "gehoben" sind)


@Ulrike: Brotgrammel

Dresdner 23.11.2012 17:10

AW: Arme-Leute-Essen
 
Auch Bratbrot und "armer Ritter" war einst ein Armeleuteessen. Zudem wurde nichts weggeworfen und auch alle Innereien kamen zur Verarbeitung.
Heute muss man schon sehr suchen, um saure Nierchen zu bekommen (ich mag sie nur nicht selbst zubereiten),
Dresdner

Nicobär 24.11.2012 22:10

AW: Arme-Leute-Essen
 
Nicht nur in den Küstenregionen war Fisch ein Arme-Leute-Essen. Besondere Bedeutung erlangte dabei der Hering, der als Salzhering eine sehr große Rolle bei der Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung spielte. Bis in die späten 60er Jahre des 20. Jahrhunderts fuhren von Glückstadt (Elbe), Bremen-Vegesack, Bremerhaven und Cuxhaven große Fischfangflotten zum Heringsfang in die Nordsee aus. Der Fisch wurde noch auf See geschlachtet und in Holzfässern eingepökelt (ein bisschen zur Vegesacker Heringsfischerei findet Ihr hier). Da die Besatzungen traditionell am Gewinn beteiligt waren, bedeutete ein guter Fang für alle an Bord - vom Schiffsjungen bis hin zum Skipper - richtig viel Geld. Die Besatzungen, die oft nebenberuflich zur See fuhren - kamen nicht nur aus dem Bremer Raum, sondern auch aus dem Weserbergland und dem Raum Osnabrück. Viele nahmen sich in der Zeit nach dem II. Weltkrieg während der Matjeskampagne extra Urlaub, um dann für mehrere Wochen auf die Doggerbank zum Fischfang zu fahren. Das dabei verdiente Geld war mehr als willkommen, waren doch in der Zeit viele dabei, ihr Eigenheim zu bauen.

Sagenhaft ist der Salzhering in Norddeutschland auf jeden Fall: so gibt es seit 1401 am Sonntag Lätare alljährlich die sogenannte "Störtebeker-Spende" in Verden. Der Sage nach hatte der Seeräuber Klaas Störtebeker verfügt, dass in seiner Heimatstadt Verden (Aller) jedes Jahr die Armen mit kostenlosem Brot und Salzhering gespeist werden müssten.

lillifee07 18.03.2014 13:13

AW: Arme-Leute-Essen
 
Maroni waren früher ein Arme-Leute-Essen. In der Schulzeit meiner Oma haben die ärmeren Kinder Maroni als Jause gegessen. Heute kosten beim Maronibrater 6 Stück 2 Euro oder mehr!

greultina 26.09.2014 13:18

AW: Arme-Leute-Essen
 
Ich bezeichne gerne "Arme Ritter" als Arme-Leute-Essen. Einfach Milch und Ei miteinander verquirrlen, anschließend tunkt man Toastscheiben in die Flüssigkeit und brät diese auf der Pfanne an. Herzhaft oder süss sind sie zu genießen. Naja, und Pizza wird ja auch als ein solches Essen deklariert, obwohl heutzutage das kaum noch in Verbindung damit bringt.

harry 23.03.2015 10:17

AW: Arme-Leute-Essen
 
Nicht nur Fleischloses gab es als Arme-Leute-Essen.Wo aber findet man heute noch ein gutes (und vertrauenswürdiges :koch:) Beuschl?
Für diejenigen, die es nicht kennen, eine kurze Beschreibung: Herz und Lunge (heutzutage ohne Röhren!) werden mit Wurzelgemüse und Gewürzen weich gekocht, klein geschnitten und die Suppe mit etwas Rahm eingesickt. Mit Zitrone abgeschmeckt und mit Semmelknödeln ist der Genuss perfekt.

Steffi 02.12.2015 15:19

AW: Arme-Leute-Essen
 
Bei uns gab es früher immer Spaghetti Aglio e Olio und Pasta con Mollica als arme Leute essen. Ich mag beides bis heute sehr gerne. Auch Pellkartoffeln mit Quark esse ich sehr gerne noch.

Elfie 02.12.2015 18:19

AW: Arme-Leute-Essen
 
Zitat:

Zitat von greultina (Beitrag 46142)
Einfach Milch und Ei miteinander verquirrlen, anschließend tunkt man Toastscheiben in die Flüssigkeit und brät diese auf der Pfanne an. Herzhaft oder süss sind sie zu genießen. Naja, und Pizza wird ja auch als ein solches Essen deklariert, obwohl heutzutage das kaum noch in Verbindung damit bringt.

Stimmt, das hat schon meine Großmutter gemacht, mit Semmelschnitten. Ich war ganz wild drauf.

Zu Zeiten der sogenannten Armen Leute war Pizza noch unbekannt ;). Die ist vor allem schnelles Essen, besonders die fertigen Schnitten an den Imbiss-Ständen. Ja und preiswert ist sie auch.

Babel 09.01.2016 15:06

AW: Arme-Leute-Essen
 
In Babelsberg (früher Nowawes), heute ein Stadtteil von Potsdam, gibt es ein Lokal namens "Nudeltopper". Auf meine Frage, was der Name bedeute, erklärte mir die Wirtin, früher habe man die armen Leute des Ortes "Nudeltopper" genannt. Der Nudeltopf war das Arme-Leute-Essen – irgendwelche Reste, die man auf dem Markt billig bekam, vielleicht ein bißchen Gemüse aus dem winzigen Gärtchen, mit Nudeln zusammengekocht ...

Es waren meist Weber, für die Friedrich der Große das Dorf hatte bauen lassen; mittlerweile war aber die Hausweberei eine Arbeit, von der man nicht leben und nicht sterben konnte. Als 1899 die erste Fabrik in Betrieb ging, wurde es besser: Die Männer hatten dort höheren Verdienst, und mittags kamen ihre Frauen oder Töchter an den Fabrikzaun, um ihnen den "Nudeltopp" rüberzureichen.

Mittlerweile scheint "Nudeltopp" ein scherzhafter Name für Babelsberg zu sein, vielleicht weil der Begriff durch das Lokal wieder popularisiert wurde.

Elfie 10.01.2016 12:13

AW: Arme-Leute-Essen
 
Na, Pasta-Gerichte sind doch hoch im Kurs!!!

Bewährtes braucht nur einen neuen Namen und schon kann man wieder zugeben, dass es schmeckt.

Ich denke, man hat sich sehr lange aus Prinzip von Allem distanziert, das an die schlechte Zeit erinnerte. JETZT konnte man es sich ja wieder leisten, etwas Anständiges zu Essen. Dieses Jetzt dauert über ein halbes Jahrhundert und Diätheime und Internisten können ein Requiem drüber singen :D.

Ich bin mal mit einer Verwandten - an die 90 Jahre damals - durch den Frühling gefahren und hab eine Bärlauchwiese entdeckt. Als ich mit meinem Sackerl wieder eingestiegen bin, hat sie mich mit einer Mischung aus Grausen und Erschütterung angesehen und mit einem Gruftton gesagt: des hob i scho untan Kriag net mögn.
Also wie kann man in Zeiten, wo es doch so viel Gutes zu essen gibt, sowas machen :D.

ulli292 10.01.2016 15:40

AW: Arme-Leute-Essen
 
In den Gegenden, wo es Austern gibt, galten diese lange Zeit als Armeleuteessen.

Babel 11.01.2016 21:08

AW: Arme-Leute-Essen
 
Zitat:

Zitat von Elfie (Beitrag 54697)
Na, Pasta-Gerichte sind doch hoch im Kurs!!!

Ich denke, man hat sich sehr lange aus Prinzip von Allem distanziert, das an die schlechte Zeit erinnerte. JETZT konnte man es sich ja wieder leisten, etwas Anständiges zu essen ... mit einer Verwandten - an die 90 Jahre damals ...

Pasta-Gerichte wurden schick, als die ersten Italienreisen (in den 50er Jahren noch ein ausgesprochener Luxus) gemacht wurden. Sie hießen freilich noch nicht "Pasta", sondern es war immer "Spaghetti Bolognese".

Ein "Prinzip" war das wohl weniger. Manches schmeckte einfach scheußlich (was nicht unbedingt an dem jeweiligen Lebensmittel lag, sondern daran, daß man es mangels Gewürzen, Zucker, Fett etc. auch nicht schmackhaft zubereiten konnte). Also war man froh, diese Scheußlichkeiten nicht mehr essen zu müssen. Ich muß zugeben, obwohl ich noch nicht ganz 90 bin :D, schüttelt es mich, wenn ich heute Anhänger "alternativer Ernährung" Gemüse aus Miere, Melde und Brennesseln anpreisen höre. :(

cerambyx 14.01.2016 21:08

AW: Arme-Leute-Essen
 
Bei uns gab's den "Polenta" auch ... Maisschrot ... und zwar mit schwarzem Feigenkaffee übergossen!

Bananen waren praktisch unerschwinglich, aber schon bekannt ... so wurden um 50g (österreichische Groschen) am Samstag knapp vor Mittag die unansehnlichen und unverkäuflichen, bereits braunschwarzen Bananen an kinderreiche Familien abgegeben. Diese Köstlichkeit kam auf ein Teller und der Vater schlitzte die Banane auf und klappte sie auf. Mit einem Löffel wurde der braune, cremig-halbflüssige Inhalt (nicht erschrecken, es war nichts weiter als fermentiertes Fruchtfleisch!) mit Genuß und mit möglichst kleinen Happen herausgelöffelt, um länger etwas davon zu haben! Wir wurden darauf hingewiesen, NICHT die Innenseite der Schale abzukratzen, weil dort "Ungesundes" vermutet wurden. Mit heutigen, künstlich reifeverzögerten und/oder nachgereiften oder halbreifen behandelten Bananen ist dies nicht mehr möglich - ich habs vor Kurzem probiert, aber sie schimmeln/faulen schneller als sie in der Schale fermentieren können!

Mein Vater hatte in der Fabrik Arbeits- (und Kriegs-)Kollegen aus der Bauernschaft. So kamen wir fallweise in den Genuß von "Hendlhax'n" (Hühnerfüße) ... wer glaubt, dass dies die Beine mit Schenkel bedeuten würde, der irrt! Es waren nur die gelben abgehackten Füße von der Zehe bis zur Ferse - also alles was so gelb beschuppt ist am Hühnerbein!!
Das wurde erstmal für eine Suppe gekocht und wir Kinder durften (!) die Haut, das wenige darunter liegende Fett und Fasern der Sehnen abknabbern und ablutschen, was wir auch lautstark und genußvoll taten! Die Knöchelchen zerlegten sich im Mund und wurden ausgespuckt. Erst viel später wurde uns bewußt, dass dies für die Bauern eigentlich Abfall war, der allerhöchstens mitverkocht wurde ...

Mit den Schweinshax'n war es ähnlich - die Klauen bis zum Fersengelenk kamen fallweise und VIEL SELTENER ausgekocht auf den Tisch; mit Senf und vor allem viel Kren aus dem eigenen Garten, trockenes Brot dazu und schon war das Festmahl für 5 kleine hungrige Mäuler fertig! Wer's kennt wird wissen, wie klebrig diese sulzartige Masse war, die man zwischen den Knochen und unter der Haut hervorholte; wenn die Stücke schlampig entborstet waren (was sie meist waren), hatte man mit der Haut immer ein kratziges Etwas im Mund, was aber tapfer gekaut und mitgegessen wurde.

Trotz allem: nichts davon hat uns geschadet, und das gemeinsame Essen von so aussergewöhnlichen Speisen war immer ein kleines Freudenfest! Übrigens: da wir nicht so viele Stühle hatten, saß ich zwischen meinen beiden Brüdern und einer Schwester auf einem Bügelbrett, das wiederum über einen Sessel und einen Hocker gelegt wurde ....

Mahlzeit in die Runde
Norbert

Ulrike Berkenhoff 14.01.2016 21:46

AW: Arme-Leute-Essen
 
Mir fällt zu diesem Thema noch ein:
Ich war mal bei einer älteren Dame eingeladen, Erbsensuppe mit
Schwänzchen. Sie war erstaunt, dass ich nur die Suppe "ohne" essen wollte.
Schweineschwänzchen seien doch eine billige Delikatesse! Ich gehöre halt
zu einer anderen Generation.- Ulrike

harry 15.01.2016 01:02

AW: Arme-Leute-Essen
 
Zitat:

Zitat von cerambyx (Beitrag 54821)
...Mit den Schweinshax'n war es ähnlich ...

Das ist heute noch eine meiner (leider vielen) Leibspeisen. Gegen den erbitterten Widerstand meiner Familie MUSS ich die hin und wieder haben! Für unsere deutschen Freunde: Wir verstehen darunter die "Pfoten" des Schweines. Das, was in Bayern als Schweinshaxe gilt, ist bei uns die Stelze.
Da fällt mir auch gleich eine Klachlsuppe mit Heidensterz ein. Auch das war eine Speise der ärmeren ländlichen Bevölkerung in der Steiermark. Das muß ich mir auch wieder einmal machen. :koch:
Klachlsuppe: Mit einem Mehlteigerl oder Einbrenn leicht eingedickte Schweinssuppe, in die das Fleisch der gekochten Haxln ("Klachln") und das mitgekochte Wurzelwerk eingeschnitten ist.
Heidensterz: Buchweizensterz.

Babel 15.01.2016 11:52

AW: Arme-Leute-Essen
 
Ein Arme-Leute-Essen waren auf der Schwäbischen Alb früher Weinbergschnecken: Es gab genug davon, sie kosteten nichts, jeder konnte sie sammeln (was heute verboten ist). Um 1960 erzählte man mir in einem Albdorf (und mich grauste es!), viele Leute sammelten im Herbst Schnecken. In den Jahrzehnten danach hörte das auf. Seit gut zehn Jahren wird die Albschnecke gezüchtet – jetzt aber als Delikatesse.

Anderswo galten sie früher schon als solche und wurden in Massen exportiert – vor allem die Donau entlang bis nach Wien. Wenn die Anlage neuer Schneckengärten weiter so fortschreitet wie in den letzten Jahren, wird es wohl bald wieder so sein ... :D

Ulrike Berkenhoff 23.02.2016 10:05

AW: Arme-Leute-Essen
 
Heuer in der Tagespresse ein großer Bericht, was die Menschen für Insekten
essen: Heuschrecken, geröstete Wespen usw. Was z.B. in Afrika für arme Leute
notwendig war, kommt nun auch in die" Delikatessenrestaurants". Ohne mich!
Auf keinen Fall würde ich z.B. eine Weinbergschnecke essen (dies sagt man so,
wenns ums Überleben ginge: vielleicht doch). Manche essen ja auch lebende
Regenwürmer (Mutprobe). Ich habe mal ein Buch über frühere Armut in
Island gelesen, da schaudert es mich heuer noch. Ein Rezept war: ausgekochte
lederne Schuhsohlen. Die Brühe hatte einigen" Nährwert ", half zu Überleben.
-Ulrike

Tatzlwuam 23.02.2016 19:57

AW: Arme-Leute-Essen
 
Hallo zusammen,

Ich beschäftige mich seit einer Weile mit dem Thema Nahrung in Zusammenhang mit Draußen überleben (Outdoor Survival) und habe an Pflanzen schon ziemlich alles gegessen, was in unseren Breiten vorkommt und nicht giftig ist.

Ich verstehe, daß es vielen Leuten grauslich erscheint, Insekten zu essen, vertrete aber den Standpunkt, daß es "nur" eine Frage des jeweiligen Kulturkreises ist, was Ekel auslöst.
Ich würde alles essen, um zu überleben, habe aber auch das Wissen, was es zu beachten gibt- zum Beispiel Parasiten bei Insekten.
Zugegeben, die Vorstellung, etwas lebendes zu essen, ist kein Wunschtraum, aber wenn man einmal 5 Tage nur Blätter, Wurzeln usw. zu sich genommen hat, erscheint einem (mir zumindest) eine fette Maikäferlarve wie ein Festmahl.
Lg, Tatzlwuam

Ulrike Berkenhoff 25.10.2021 20:20

AW: Arme-Leute-Essen
 
Heute in der Tagespresse ein Artikel, der bei mir echt Ekel verursacht hat:
Vom schleimigen Tier zur Delikatesse ...Die Schnecken werden in kochendes
Wasser geworfen, dann ausgenommen u. entschleimt ... Ein französischerZüchter hat 300.000 Schneckenbabys in seiner Farm ausgesetzt ... Nur 140 Tonnen
wurden nach Deutschland importiert ... Ein Foto sogar auf der Titelseite,
2 Schnecken - im Innenteil ein Foto von der Farm u. ausführlicher Artikel, ich
kann mich nur wundern über die Reklame für das "Nischenprodukt" (jedenfalls
was Deutschland beträfe) -
ein anderes Thema war bei uns im regional TV: Tierschützerprotest gegen
Gänsestopfleber in der Gastronomie. Ich dachte, dies wäre bei uns längst
verboten - dann führt man ein aus Ländern, wo es erlaubt ist. -
Mich würden Meinungen dazu interessieren!
Ulrike


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