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V Verbascum Thapsus. Königskerze.
Zu den prächtigsten Blumen, welche im Hochsommer erscheinen, gehört
die Königskerze. Schon in ihrem Namen liegt Auszeichnendes. Denn
auf öden Plätzen, wo sonst wenig anmutender Flor, ragen kerzengerade
die mit grossen gelben Blüten versehenen Aehren der majestätischen
königlichen Pflanze empor. Da sie geradeaus gegen Himmel weist, eine
"Kerze ohne Licht", wie sie der Botaniker Trattinick nannte,
heisst sie wohl auch Himmelbrand, im Altdeutschen himilbrando. Bedeutet
doch "Brand", hergenommen von der emporlodernden Flamme, überhaupt
etwas Prächtiges. Hildebrand und Hadubrand leiten sich davon her.
Und, merkwürdig genug, spricht der Kärntner die Königskerze
als "Hillebrandt" an. Zur Zeit, da man in Jeglichem, das da
wächst und blüht, besondere "Krafft und Würckung"
vermuthete, glaubte man den Himmelbrand als treffliches Mittel wider Brandwunden
benützen zu können. Und innere Entzündungen sind es, gegen
welche der "Wollkrautthee" [Wollkrauttee] noch heutigen Tages
volkstümliche [volkstümliche] Anwendung findet. Nach Pfarrer
Kneipp ist Königskerze eine wichtige Arznei und wird als Thee
[Tee] oder Tinctur [Tinktur] gebraucht. Der Wollblumenthee gilt als Katarrh-
und rheumatisches Mittel. Die in Milch gekochten Blätter werden als
Ueberschläge auf schmerzhafte Hämorrhoidalknoten appliciert.
Dr. Quinlon in Dublin hat gefunden, dass die Blätter und Blüten
oder die ersteren allein, in Milch gekocht, nicht nur den Husten der Schwindsüchtigen
erleichtern, sondern auch die schwächenden Durchfälle mildern.
Das Oel aus den Blüten wird in den homöopathischen Apotheken
als "Mulleïn Oel" geführt. Die Verbascumtinctur dient
äusserlich wider Gesichtsneuralgieen, gegen - Bettnässen etc.
Auch in der Fassung:
kommt der Segensspruch vor. Wenn Einer mit schlimmer Wunde behaftet ist, hat man ihn mit den Blüten des Himmelbrandes zu berühren und drei Mal den Spruch zu sagen. In der Rolle einer hilfreichen Marienblume tritt hier die Königskerze auf. Damit mag zusammenhängen, dass die Mädchen in Ostpreussen die Königskerze zur Orakelblume machen. Die Mädchen hängen einen grünen Himmelbrandstengel über das Bett. Je länger die Pflanze andauert, ohne zu welken, desto länger währt das Leben des betreffenden Mädchens. Auch tragen die Mädchen Himmelbrand oder Königskerze zur Weihe in die Kirche. Die schöne Blumenähre nimmt die Mitte ein im Büschel von 77 verschiedenen Kräutern, deren jedes zauberkräftig ist (Chevalier). Einen gar prächtigen Anblick gewährt die blühende Königskerze. Wie gleich Anfangs bemerkt, hat dies Anlass gegeben zu dem auszeichnenden Namen. Daher kommt es aber auch, dass im " Paradiesgärtlein" die Königskerze zum Vergleiche mit "grossen Herren" benutzt wird, Die Stelle lautet:
*** Verbena officinalis. Eisenkraut.
Schon bei den alten Griechen und Römern hatte dieses überall
wild vorkommende Unkraut, das eigentlich nur durch die starren Zweige
auffällt, ausserordentlichen Ruf. Es hiess nach dem Griechischen
Hierobotane, d. i. heiliges Kraut. Verbena wurde als Symbol der heimatlichen
Erde fremden Völkern entgegengetragen. Wie Plinius berichtet, wurde
mit diesem Opferkraut der Tisch des Jupiter abgestäubt. Auch das
Mittelalter kam der Verbena, die deutsch "Isenkraut" genannt
wurde und den Mann, der sie trug, stich-, hieb- und schussfest machen
sollte, mit besonderer Achtung entgegen. Damit Eisenkraut voll seine Wirkung
thue, musste es unter Einhaltung bestimmter Vorsichten gegraben werden.
Von Pfeiffer's alten deutschen Arzneibüchern widmet das zweite,
aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammend, dem "chrout verbena"
ein eigenes Capitel. Dasselbe lautet: "Ein chrout heizet verbena,
daz ist für manich dinch nutze unde guot. Von demselben chrûte
saget uns Macer, der best arcet, der ie wart, daz si habe grôze
chraft an ir, swer si neme mit wurz mit alle unde bedecke si in der cewesen
hant unde gêzuo dem siechen, daz er der wurz nicht inne werde, unde
sprech zuo im : "wie versihestû dich ze leben unde wie gehabestû
dich?"; sprichet der siech danne: "ich gehabe mich wol",
zwâr, sô geniset er wol; sprichet er: "ich gehab mich
übel", sô enchümt er nimmer ouf; spricht er: "ine
mach mich nû niht baz gehaben" oder: "ich gehabt mich
gerne baz, möht ich", so geniset er wol; er muoz aver michel
arbeit lîden in dem legere. Der die selben wurz graben wil, der
sol si umberîzen mit golde unde mit silber unde sprech dar obe einen
pater noster unde credo in deum unde sprech: "ich gebiute dir, edeliu
wurz verbena, in nomine patris et filii et spiritus sancti unde bi den
zwein und sibenzech namen des almehtigen gotes unde bî den vier
engelen Michahel, Gabriel, Raphahel, Antoniel, bî den vier evangelisten
Johanne, Matheo, Luca, Marco, daz dû neheine tugende in dirre erde
verlâzest, dune sîst immer in miner gewalt mit der chreft
unde mit den tugenden unde Dich got beschaffen hat unde gezieret. Amen."
Mit dieser Beschwörung und dem goldenen oder silbernen Werkzeug ist
es noch nicht genug. "Des selben nachtes" - so fährt die
mehr- als sechshundert Jahre alte Handschrift fort, die auch ein bemerkenswertes
Sprachdenkmal bildet - "solt du lazen lîgen bî der wurz
silber unde golt unz des morgens, ê diu sunne ouf gê, sô
grab die wurzen, daz dû si mit dem îsen nime rüerest.
So wasch si danne mit wine und wihe si danne an ant Marien tage der ereren
unde gehalt si danne mit michelem flize. Diu selbe wurz ist guot den frowen,
die ze chemenâten gênt: habent sie die selben bî in,
in gewirret nimmer dahein twalmen unde habent guot rouwe."
Der Brauch der Verbena ist noch lebendig. Gegen schmerzhaftes Zahnen und gegen das Verschreien wird Kindern Eisenkraut in einem Säckchen um den Hals gehängt. In Morleys Werke über die Skrofeln wird empfohlen, die Wurzel der Verbena mit einer Elle weissen Atlasbandes um den Hals zu tragen. Doctor [Doktor] Paris ist in der geschichtlichen Einleitung zu seiner Pharmakologie eine ausreichende Erklärung für den Verbena-Wunderglauben geglückt. Hiernach bezeichnete der Ausdruck verbena (gleichsam herbena) alle Kräuter, welche man ihrer Verwendung bei den Opfern wegen für heilig hielt. Da aber vorzüglich ein Kraut für diese Gebräuche verwendet wurde, so bezeichnete das Wort verbena nach und nach das eine besondere Kraut, das Eisenkraut, das seinen grossen Ruf bis in unsere aufgeklärten Tage zu erhalten wusste. *** Veronica bellidioides. Bellisartiger Ehrenpreis. Beschreikräutl in Niederösterreich. Wird gegen Verschreien oder Verhexen des Viehes in Anwendung gebracht. *** Viscum album. Leimmistel. Die
seit Alters zauberberühmte Schmarotzerpflanze dient auch wider Kinderbehexung. 34) Man vergleiche zur Geschichte dieser - nun hoffentlich gegenstandslosen - Streitfrage meinen Aufsatz im: Biologischen Centralblatt 1887, mein offenes Schreiben an Professor Kornhuber: "Zur Biologie der Mistel", Wien 1888, ferner meine Mittheilungen in: "Die Natur", 1891, S. 182. Und die Mistel, die im nordischen Mythos von den Druiden mit Gold von
der Eiche geschnitten wird, die Balder um sein frohes Leben bringt, kann
- bei ruhiger Erwägung der entscheidenden Momente - nur Viscum
album, nicht aber Loranthus europaeus gewesen sein. Erstens kommt Loranthus
europaeus nördlich der Alpen nur in Oesterreich, Mähren und
Böhmen vor, im nördlichen und nordwestlichen Deutschland fehlt
sie. Zweitens ist die Riemenblume oder eigentliche Eichenmistel, wo sie
auf der Eiche wächst, keine Seltenheit, und es wäre nicht zu
begreifen, wie ihr so ausserordentlicher Rang von altersher hätte
zutheil werden sollen. Im 13. Buche seiner Naturgeschichte sagt zudem
Plinius: "Alexander Cornelius nennt den Baum, aus welchem das Schiff
Argo gemacht sei, Eon; er sei der Eiche, welche die Mistel (Viscum) trägt,
ähnlich und könne gleich der Mistel weder durch Wasser noch
durch Feuer zerstört werden. So viel ich weiss, kennt ihn Niemand
weiter." Aus dieser vagen Stelle ist natürlich nichts über
die Natur der Eichenmistel zu gewinnen, ebenso wenig aus dem Satze des
11. Capitels im 16. Buche: "Auch soll auf Eichen die Mistel (Viscum)
wachsen." Von Wichtigkeit aber ist der Anfang des 93. Capitels im
16. Buche, der also lautet: "Von der Mistel gibt es drei Arten. In
Euboea nämlich nennt man die auf der Tanne und Lärche (in abiete
ac larice) wachsende Stelis, die in Arkadien wachsende heisst Hyphear.
Viscum aber heisst die auf der Eiche, der Steineiche, der wilden Pflaume,
der Terebinthe, sonst aber auf keinem Baum wachsende Pflanze. Die am häufigsten
auf der Eiche vorkommende heisst Hyphear Dryos." Was das Hyphear
Arkadiens sei, lässt sich nicht sagen. Dagegen lassen sich die drei
anderen von Plinius genannten Misteln mit botanisch genau unterschiedenen
Arten identificieren, und zwar: Stelis = Viscum laxum, Viscum XVI, 93
= Viscum album, Hyphear Dryos = Loranthus europaeus. 35) Verzeichnis der österr. Gewächse. Wien 1780. Es konnte nicht fehlen, dass Viscum album auch in der volksthümlichen [volkstümlichen] Medicin [Medizin] Anwendung fand und von hier selbst in die alten Officinen und Droguerien überging. Frank in seinem "Kräuterlexikon" rühmt vom Viscum, dessen weissen Beeren er purgierende Kraft zuschreibt: "Es erweichet, zertheilet, ziehet Splitter aus, erweichet die harten und drüsigten Schwulsten, und heilet alte Geschwäre. Der Eichenmistel und vornehmlich der Haselmistel sind die besten, und pflegen wegen ihrer irdischen Theile die Säure wegzunehmen, die allzustarken Bewegungen des Geblütes zu hemmen, auch in der hinfallenden Krankheit gut zu thun." Aehnlich klingt die Anpreisung, die wir schon früher in Durante's "Herbario" (Venedig 1636) lesen:
Bemerkenswert ist namentlich der Ruhm, welchen die Mistel als Mittel gegen die Fallsucht (Epilepsie) genoss, einer Krankheit, die in ihrem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Nervensystem früherer Zeiten als Ergebnis specificischer Behexung galt. Hoch oben, oft in schwindelnder Höhe aus dem Aste emporwachsend, sollte die Mistel den "Schwindel" vertreiben. Dieser primitiven Vorstellung verdankt wohl Viscum album seine sympathetische Anwendung gegen Fallsucht. Für Volksmedicin und gelahrte Heilkunde vieler Jahrhunderte wirkte eben der Edda (Hawamal, Ed. Simrock, 138) wundersame Mahnung mit, die im Princip [Prinzip] mit der Homöopathie übereinstimmt:
Quelle: Zauberpflanzen und Amulette, Dr. E. M. Kronfeld,
Wien 1898, S. 72ff. |