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Rosa canina. Hundsrose. Die wilde Heckenrose, die moderne Systematiker in eine Unzahl von Arten zersplittert haben, war schon in germanischer Vorzeit hochgeachtet. Ihr Holz durfte auf dem Scheiterhaufen, der die Leichen verzehrte, nicht fehlen. In hellen Mondnächten sprechen Zigeunerfrauen ihre Zauberformeln am liebsten im Rosenstrauch. Sind es kinderlose junge Frauen, so erbitten sie so viele Kinder als der Strauch Blumen oder Knospen trägt. Ein Zauberspruch gegen die Macht der Krankheitsdämonin Lilyi, den die christlichen Zigeuner vor Sonnenaufgang bei einem Rosenstrauche sprechen, lautet nach Vlislocki:

Unser Herr Jesu ging,
Auf dem Felde müd' er ging,
Beim Bache er sass
Und ihm ein Fischlein sagte:
"O Herr! Blätter der Rose
Gib mir, o Herr!
Wärme der Sonne,
Wärme des Feuers
Habe ich niemals!"
Da weinte der Herr und sprach:
Neun böse Kinder (Krankheiten)
Zu den Menschen werden kommen,
Und die Menschen werden sterben.
Wärme der Sonne,
Wärme des Feuers
Immer du habest,
Wenn das Blatt der Rose
Zu dir kommen wird;
Im Namen Gottes!

Brach eine Hexe einen Zweig der Hagerose ab, so war sie entlarvt. Wehrwölfe waren machtlos der Heckenrose gegenüber und liefen entzaubert als Menschen davon. Die durch die Rosengallwespe (Rhodites rosae) hervorgerufenen Moosgallen oder Bedeguare gelten noch heute für zauberkräftig. Die Galle heisst auch Schlafkunz, Schlafkonrad und Nesseln der Frau Holle (s. Hollunder, Sambucus nigra). Sie hilft Kindern gegen Behexung und Krämpfe. Erwachsenen bringen die Schlafäpfel prophetische Träume. Odin legte den Schlafapfel unter das Haupt der Brunhilde. Die Hecken-oder Hundsrose heisst in Oesterreieh Hetschepetsch, ihre rothen Früchte nennt man Hetscherln. Die Sage (auch in Wien verbreitet) kennt einen dornenumsprossten Hetscherlberg, auf dessen Gipfel ein Teich mit lauter "verwunschenen" Fischen anzutreffen ist. Im Scherze wünscht man Missliebige auf den Hetscherlberg, wie etwa sonst in das Pfefferland. Mag eine Zusammenstellung der Sage vom Hetscherlberg mit "Dornröschen" nicht ganz einwandfrei sein, so ist doch unverkennbar die Beziehung dieser Schlafäpfel zum Schlafdorn des nordischen Götterglaubens. Mit diesem trifft Odin die Walküre Brunhild (Edda, Hrafnagaldr, 22).

Da hebt sich von Osten aus dem Eliwagar
Des reifkalten Riesen (Nörwi) dornige Ruthe,
Mit der er in Schlaf die Völker schlägt,
Die Midgard bewohnen, vor Mitternacht.

Die Bedeguare, ihr Pulver oder den weinigen Absud verwendete man gegen Durchfall, Nieren- und Steinleiden sowie gegen den Biss toller Hunde. Auch als Zahnmittel wurden sie vom Volke gebraucht. Man nahm eine frische Rosengalle in den Mund und hielt das Gesicht über siedendes Wasser. Es fielen dabei manchmal die kleinen Maden der Gallwespen aus den Bedeguar-stücken in's Wasser und die Leute glaubten, dass es die Würmer aus den Zähnen waren. (P. R. Stolzissi, Die Rose, Pharm. Post 1890.) Aehnlich glauben die Leute, die den Samen des Bilsenkrautes (Hyoscyamus niger) auf heisses Blech werfen und den Dunst gegen Zahnweh aufsaugen - an sich eine nicht unvernünftige Medication - dass die aus den zerplatzenden Samen hervortretenden weissen Keime die "Würmer" der bösen Zähne seien.

Frank rühmt von der Heilkraft der Hagebutte: "Die Blätter werden im weissen und rothen F . . . . gebrauchet, heilen die Wunden und Kopfwassersucht. Die Früchte . . . treiben den Stein. Der Schwamm (Bedeguar) curiert den Stein und Nierenwehe, auch der tollen Hunde Biss, stillet die Steinschmerzen. Die Würmgen, welche darinnen gefunden werden, vertreiben die Würme im Leibe. Die Wurzel kan man, Splitter auszuziehen, applicieren. Man findet von dem wilden Rosenbaum unterschiedene Präparata als die eingemachte Frucht, den dicken Saft, Spiritum und Wasser aus denen Schwämmen. Wenn der Spiritus alkalisiret oder öfters überzogen wird, so dienet er wider den Stein."

Von der wilden Weinrose (Rosa rubiginosa) wird nach Laube um Teplitz erzählt, sie rieche darum so gut, weil auf ihr die Mutter Gottes auf der Flucht nach Egypten Windeln getrocknet habe; daher die Bezeichnung "Muttergottesdorn". Seitdem blühen manche Hagrosen weiss und haben so grosse Kraft, dass sich die Hexen davor fürchten.

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Ruta graveolens. Raute. Zauberpflanze, der man namentlich gegen Gifte ausserordentliche Kräfte zumuthete. Sie war ein Hauptbestandtheil des Mithridat und des Theriak. Die salernianische Schule stellte zur Zeit, da mit Giftbechern noch Politik gemacht wurde, den Satz auf:

Salvia cum Ruta
Faciunt pocula tuta.

zu deutsch:

Salbei und Raute, vermengt mit Wein,
Lässt Dir den Trank nicht schädlich sein

Aus diesem Grunde fand die Raute, die gegenwärtig noch in Bosnien als Amulet gegen Verschreien der Kinder angewendet wird, einen Platz in den Hausgärten. Aus Raute wurde mit Hilfe anderer Krauter der "Vierräuberessig" bereitet, so genannt, weil während der Pest von Marseille vier Räuber, die sich seiner bedienten, ohne Ansteckungsgefahr die Pestkranken und Todten geplündert haben sollen. Zu diesem Pestessig oder Spitzbubenessig (franz. vinaigre de quatre voleurs) werden ausser Raute Wermuth, Rosmarin und Wachholderbeeren, Lavendel, Kalmus, Knoblauch, Zimmt, Muskat und Gewürznelken genommen. Ein solches Getränk hat jedenfalls "Kraft" in sich. Rue bedeutet im Französischen Raute und Reue. Reue aber ist mit Treue verwandt. Zugleich symbolisiert das haltbare Grün des Krautes, dessen Aroma der Verwesung widersteht, die Erinnerung. Bei dem ländlichen Feste im "Wintermärchen" (A. 4, Sc. 3) sagt Perdita:

. . . Werte Herrn,
Für euch ist Raut und Rosmarin; sie halten
Farb' und Geruch den ganzen Winter lang;
Dank und Erinnerung sei euch beschieden . . .

Auch Ophelia vertheilt neben Rosmarin Raute, letztere überaus sinnig an den König. Schuldbeladen, wie er ist, soll er durch die Raute an den Gemordeten erinnert werden. Bei der Aufführung des "Hamlet" im Wiener Burgtheater legte Fräulein Barsescu gerade hierauf verständnisvolles Gewicht, und ein leiser Schauer durchdrang die Zuhörer, wenn sie zum Könige gewendet sprach : "Da ist Raute für Euch und hier auch für mich. Wir können sie auch Reu- und Gnadenkraut nennen. ..." In Wahrheit, ein Reukraut dem verbrecherischem Könige, ein Gnadenkraut dem unglücklich liebenden Mädchen! Die Raute als Trauerpflanze begegnet uns ferner in "Richard II." (A. III, Sc. 5). Der Gärtner pflanzt Raute dort, wo die Königin mit ihren Thränen den Boden netzte:

Dies Plätzchen netzten ihre Thränen; hier
Pflanz' ich ein Rautenbeet als traur'ge Zier.
Bald mahnen wehmuthsvoll die jungen Sprossen
An einer Königin Thränen, die hier flossen.

Quelle: Zauberpflanzen und Amulette, Dr. E. M. Kronfeld, Wien 1898, S. 51ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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