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eucanthemum vulgare. Orakelblume. Sie galt schon in den Zeiten ritterlicher Minne als "Blume der Unentschiedenheit". Durch Goethe's Gretchen wurde sie in die alten Rechte der liebeskündenden Rupfblume 23) wieder eingesetzt. Die Zahl der um die gelbe, aus Röhrenblütchen zusammengesetzten Scheibe herumstehenden weissen Strahlblütchen ist entweder gerade oder ungerade. Im ersteren Falle geht der Herzenswunsch in Erfüllung, im letzteren nicht. "Liebt mich - liebt mich nicht" war der früher am häufigsten beim Abrupfen gesprochene Spruch ; jetzt findet man ihn gewöhnlich zu: "Er (Sie) liebt mich - vom Herzen - mit Schmerzen - ein wenig - oder gar nicht" erweitert. Aber auch andere grosse Fragen muss die Orakelblume beantworten. Sie entscheidet über den künftigen Beruf mit den Sprüchen: "Edelmann, Bettelmann, Bur (Bauer) . . ." oder "Edelmann, Bettelmann, Major . . ."; über Heirat und Ledigbleiben: "Ledig si - Hochzig ha - In's Chlösterli ga. . ." oder "Heiraten - ledig bleiben - Klosterfrau werden . . ." ; schliesslich gar metaphysisch über das zweite Leben: "Himmel - Fegfür - Höll' ..." Wie bei den während des Rupfens der Orakelblume gesprochenen Worten, so ist in den kindlichen Zählreimen gerade und ungerade entscheidend. Laube führt zahlreiche solche Spielreime an, aus denen ich auf gut Glück einige herausgreife:

A B C Paerpendickl
Du bist ä schlimmer Nickl !

Mäderle schau, schau,
Es kommt der Wauwau,
Hots Ranzel am Rucken,
Und's Pfeifel in 'n Maul.

Jakob hat kein Brot zu Haus,
Jakob macht sich gar nichts draus,
Jakob hin, Jakob her,
Jakob ist ein Zuttelbär.

Vielleicht besteht nicht blos diese äusserliche Beziehung zwischen den Orakelsprüchen der Grossen und den Zählreimen der Kinder; vielleicht hängen sie auch ursächlich zusammen. Ich spreche hiemit eine Muthmassung [Mutmassung] aus, deren Beurtheilung [Beurteilung] und weitere Verfolgung ich gerne dem berufenen Folkloristen überlasse. Besonders möchte ich auf die Zählreime die Aufmerksamkeit lenken, die deutlich erotischen Beigeschmack haben; so aus Laube's Sammlung: "Hopp Mariannel, hopp Mariannel - Geh mit mir in 'n Keller - Uem ä Bier'l, üm ä Weinl - Uem en Muschketeller".

Walther von der Vogelweide, der schon die echtdeutsche Sitte des "Losens" oder Schicksalsuchens mit ungleich grossen Halmen anwendet, macht hiezu die freundliche Bemerkung: "Da hoeret (gehört) ouch geloube zue ". Man muss an die Kraft der "Wunderblume", - so auszeichnend benennt der Niederösterreicher die Orakelblume! - eben glauben. Der durch unglückliches Lieben tiefverstimmte Hermann Gilm, dem wir das einzigschöne Lied : "Stell' auf den Tisch die duftenden Reseden, die letzten rothen Astern trag' herbei ..." verdanken, spottet auch der zwischen den wehenden Grashalmen in heiterer Sommerluft erblühenden Orakelblume:

Gesenkten Hauptes in den Wiesenbeeten,
Als ahne sie der Sense Todeshieb,
Steht silberweiss die Blume des Propheten.
Wahrsagerin, sag' an, hat sie mich lieb?
Und du sagst ja, du lügst, ich will's beweisen:
O schäme dich! so jung, so zart, so licht,
Geschaffen, um den Sommertag zu preisen,
Und lügen! denn sie liebt mich nicht!

Ganz so, wie die Strahlen der Orakelblume habe ich die Fiederblättchen der fälschlich "Akazie" genannten, aus Nordamerika stammenden Robinia Pseudacacia abrupfen gesehen. Ein merkwürdiges Liebesorakel verzeichnet Holuby (Oest. botan. Zeitschr. 1878) für die ungarischen Slovaken. Wenn die jungen Hanfpflanzen die ersten vier Blätter zeigen, pflegen die heiratslustigen Mädchen irgendwo am Rande des Feldes zwei solche Pflanzen mit einem farbigen Faden zusammenzubinden, um dann, wenn das Geschlecht der Pflanze bereits zu erkennen ist, nachzusehen, ob die zusammengebundenen Sämlinge gleiches oder ungleiches Geschlecht haben; ist die eine Pflanze weiblich, die andere männlich, dann schliesst das Mädchen auf eine baldige Heirat. Um aus der grossen Zahl der hiehergehörigen Beispiele noch eines anzuführen, gilt im Elsass bei den heiratslustigen Mädchen folgendes Liebesorakel als probat. Haben mehrere Bewerber ihre Augen auf eine Schöne geworfen und begehrt sie zu wissen, welchen davon das Geschick ihr zum Manne bestimmt hat, so pflückt sie das mit ganz besonderen Kräften ausgerüstete Kräutlein Ehrenpreis (Veronica sp.), im Volke auch "Männertreu" genannt, legt davon so viele kleine Zweiglein in je ein Stückchen Papier, als es Liebhaber sind, und schreibt auf jedes den Namen eines derselben. Diese Zettelchen gibt sie sodann beim Schlafengehen unter das Kopfkissen. "Wenn sie dieselben dann am folgenden Morgen eröffnet, so zeigt das frisch und grün gebliebene Zweiglein den künftigen Gatten an, während die anderen, welche welk geworden sind, die unbeständigen Freier bedeuten. Von dem orakelnden Johanniskraut wurde schon unter Hypericum berichtet.

23) "Rupfblumen" (Margueriten [Margeriten]) sind die meisten Korbblütler, deren Blüten in Strahl und Scheibe gesondert ist. Am häufigsten dient aber Leucanthemum zum Liebesorakel. In der altdeutschen "Bedeutung der Blumen" heist es: "Wer Rupfblumen trägt ungerupft, der weiss nichts Besonderes an seiner Liebsten; wer sie gerupft trägt bis auf zwei Blätter, der versteht dabei Gerechtigkeit, wem aber ein Blättchen stecken bleibt, so bedeutet es, dass ihm Unglück geschehen sei."

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Linaria alpina. Alpenleinkraut. Wird schon von Haller als Alpenblume besungen. "Beschreikräutl" in den bairischen Alpen. Verwandt mit Antirrhinum, das man vergleichen wolle.

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Lithospermum officinale. Steinsame. Die kalkreichen, mit Säuren aufbrausenden Samen dienen gegen Harngries. Auch werden sie als Zaubermittel verwendet. Plinius geräth bei Erwähnung der Pflanze mit den perlenartigen Samen in wahres Entzücken und meint: "Ich habe wirklich unter den Pflanzen nichts gesehen, was so wunderbar wäre... die seltsame Erscheinung aus einer Pflanze hervorgewachsener Steine . . . Uebrigens ist es eine ganz ausgemachte Sache, dass eine Drachme dieser Steinchen, in weissem Wein getrunken, Blasensteine zerstört und abtreibt."

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Lycium barbarum. Bocksdorn. Schon bei Dioscorides (I, 119) als Zaubermittel zum Befestigen an Fenstern und Thüren [Türen] empfohlen.

Quelle: Zauberpflanzen und Amulette, Dr. E. M. Kronfeld, Wien 1898, S. 39ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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