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rica vulgaris. Das von Droste-Hülshoff und Theodor Storm so stimmungsvoll besungene Heidekraut wird in Eberhardt Gockel's "Tractat von Beschwörungen und Bezauberungen" als vortreffliches Mittel gegen das Berufen gerühmt. Es soll aus dem Blute erschlagener Helden stammen, die in den Hunnengräbern liegen. Daher die rothe Blumenfarbe, daher ist es auch "Schlangen und Wölfen zuwider" (Chevalier 1. c.). Wo Wölfe hausten, band man ein Büschel Heidekraut, der Elster zu Ehren, auf einen hohen Baum, damit sie durch ihr Geschrei das Nahen des Wolfes verkünde. Auch soll das Heidekraut - das in Niederösterreich " Heiderich", gleichsam Herr der Heide heisst - Eisen aus der Erde anziehen. Hiezu hat das Vorkommen von Raseneisenstein wohl Anlass gegeben. Den Hauch des Märchenhaften, der über Heide und Heidekraut liegt, hat Storm in seinem Gedichte "Abseits" wunderbar wiedergegeben.

Es ist so still, die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenrother Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale.
Die Krauter blüh'n; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durch's Gesträuch
In ihrem gold'nen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut,
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Die weisse oder Moorheide (Erica tetralix), die von den Mac Donalds als Abzeichen getragen wird, gilt in England als glückbringend und als Symbol des heimatlichen Herdes. In diesem Sinne hat Prinz Friedrich Wilhelm von Preussen, als er im Jahre 1855 um Prinzessin Victoria von England warb, ihr weisses Heidekraut gereicht. - In der alten Medicin hielt man von unserer Erica viel. Man vergl. Frank (a. a. 0. p. 242): "Wie dieses Kraut den Stein zermalme, erzehlet Matthiolus. Es digeriret, dient der M. . . , item wider die Lähmung, Schmerzen und Reissen der Glieder, den Stein, Milz-, Magen- und Rückenbeschwerungen, und vermehrt die Milch. Das hieraus verfertigte Oel curirt [kuriert] die alten um sich fressenden Geschwüre, das Wasser und die Schmerzen im Leibe, auch Schmerzen und Röthe der Augen."

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Erigeron acre. Berufskraut, Dauron. Hat nach einem alten Pflanzenkenner den Namen daher, "weil die Kinder, so man wegen ihres Abnehmens vor beschrien hält, damit gebadet, wieder besser werden". Etwas von dem Kraute legte man Säuglingen gegen das Berufen auch in die Wiege. Das berichtet u. A. Frank unter "Conyza coerulea", wie unsere Pflanze in den alten Officinen hiess: " Die Weiber pflegen dieses Kraut denen Kindern in die Wiege zu legen und wollen sie hiermit vor Zauberey verwahren". Nach Duftschmid dient Dauron - dieser Name klingt an Alchemistensprache an! - auch gegen Wetterschäden und wird gegen das Verhexen oder Beschreien des Viehs an die Stallthüre [Stalltüre] gesteckt. Ausser diesem eigentlichen "Berufskraut" zählt Carus Sterne 17) von naheverwandten Korbblütlern Inula Conyza, Pulicaria dysenterica und Pulicaria vulgaris zu den Berufskräutern. Alle galten in der Apotheke vordem als "Conyza" und enthalten ein scharfes, ätherisches Oel, welches, durch Räucherung oder Abkochen freiwerdend, Ungeziefer zu tödten vermag. In diesem Sinne ist ein gewisser Wert dieser Gruppe von Berufskräutern nicht abzusprechen. Die vier Compositen haben auch gemeinsam, dass sie auf trockenen Orten wachsen. Bei Erigeron acre, dem eigentlichen Berufskraut, bildet der Besatz der kleinen Schliessfrüchtchen einen kleinen grauen Bart, wie ihn die Phantasie [Fantasie] einem winzigen Kobold zuschreiben könnte.

17) Herbst- und Winterblumen. S. 201.

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Erythraea ramosissima. Verzweigtes Tausendgüldenkraut. "Vaschreikräutl" in Niederösterreich. Das zierliche Pflänzchen fällt durch die fast geometrisch genaue Verzweigung auf. Es ist in Allem zarter als das bekannte officinelle Tausendgüldenkraut, das nebenstehend abgebildet ist.

Tausendguldenkraut (Erythraea)

Fig. 2.
Tausendguldenkraut (Erythraea).


Quelle: Zauberpflanzen und Amulette, Dr. E. M. Kronfeld, Wien 1898, S. 27ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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