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etula alba. Birke. Zauberkräftig. In Niederbayern werden nach Kobell 14) die Kühe im Frühjahre zu gutem Gedeihen mit Birkenzweigen ausgetrieben. Die Raupen lassen sich vertreiben, wenn man Birkenruthen [Birkenruten] in den Kohlgarten bringt und dabei ruft:

Raupen packt euch,
Der Mond geht weg,
Die Sonne kommt.

In Birkenhainen fanden sich die germanischen Gaue zusammen. Die aus dem Birkenreis gemachten Hexenbesen wurden gegen Furunculosis geopfert 15). Diente einst zu den Lictorenbündeln ("Betula terribilis magistratuum virgis", Plinius XVI, 75). Die Birke gibt die Ruthen zum Schlagen der Kinder. Sie erzieht so Generationen. Daher das Lied aus dem 16. Jahrhundert:

Grüss dich, du edles Reise,
Dein Frucht ist Goldes wert,
Der jungen Kinder Weise,
Du machst sie fromm und gelehrt,
Beugst ihren stolzen wilden Mut.
Nicht besser Holz wird gefunden.

Doch sagt der Herzog in Shakespeare's "Mass für Mass" :

.... zärtliche Väter binden
Zusammen wohl die drohenden Birkenreiser
Und stecken sie den Kindern hinter'n Spiegel
Zum Schreck, nicht zum Gebrauch: bald wird die Ruthe
Verhöhnt, nicht mehr gescheut. (A. 1, Sc. 4.)

Ein anderer Engländer sagt beim Anbohren der Birke, die ihm den Zuckersaft hergeben muss:

Oh birch! thou cruel bloody tree
J'ell be at last reveng'd of thee;
Oft hast thou drunk the blood of mine;
Now par an equal draught of thine.

Birken, mit ihren zitternden Blättern und den duftigen silberschimmernden Stämmen sind im Mondlicht ein entzückender Schmuck der Heimat. Diese Stimmung hat Keiner so schön erfasst, wie Lenau in seinem "Postillon":

Ich sah in bleicher Silbertracht
Der Birken Stämme prangen,
Als wäre d'ran aus heller Nacht,
Das Mondlicht blieben hangen.

Ein culturhistorisch [kulturhistorisch] hochinteressantes Document [Dokument] über die Birke als Strafmittel wurde im vorigen Jahre vom russischen "Kijewljanin" veröffentlicht. Es ist eine Resolution der Kiewschen Gouvernements-Verwaltung vom 8. April 1849 und sie betrifft folgenden tragikomischen Fall. Die Gouvernements-Verwaltungen von Taurien und von Chersson hatten sich - jene am 5., diese am 25. Februar 1849 - an die Kiew'sche Gouvernements-Verwaltung mit Gesuchen gewendet, in welchen erklärt wird, dass weder in dem einen, noch im anderen Gouvernement Birken wachsen, so dass es unmöglich sei, Ruthen[Ruten] zur Bestrafung von Verbrechern zu beschaffen. Infolge dessen wird die Kiew'sche Verwaltung um folgende Auskunft gebeten: ob es möglich sei, im Kiew'schen Gouvernement alljährlich 26.000 (!!!) Bündel Ruthen anzufertigen, und zwar 6000 für das Grouv. Taurien und 20.000 für das Gouv. Chersson, und ferner: was die Zustellung dieser Bündel nach Ssimferopol, resp. Chersson kosten würde. Infolge dieses Gesuches schrieb die Kiew'sche Gouvernements-Verwaltung allen Polizeibehörden im genannten Gouvernement vor, unter der Hand die nothwendigen Daten zu sammeln und auch den Modus der Anfertigung und Zustellung der Ruthenbündel auszuarbeiten. Ob die Kiew'sche Gouvernements-Verwaltung den Auftrag der beiden anderen Verwaltungen wirklich ausgeführt hat, darüber liegt keine historische Urkunde vor.

Birkenbüschel sind ein wichtiges Werkzeug für das "russische" Schwitzbad. Pfarrer Prätorius (bei Tetzner 1. c.) erzählt von den Litauern: "Bekommen sie etwa Ungeziefer in die Kleider, so lauffen sie in die Badstube, und brennen sie mit Hitz heraus. Denn sie haben Badstuben, darin ist anstatt des Ofens von Feldsteinen ein Ofen zusammengefliehen, den machen sie recht glüend, giessen Wasser darauff, dass von dem Fraden oder Dünsten die Badstube so heiss wird, dass einer, der es nicht gewohnt, darin sterben möchte. Wenn sie nun in die heisse Badstube kommen, hat ein jeder einen Quast von Birken mit dem Laube, den legen sie auff den Steinhauffen, machen ihn heiss und peitschen sich damit, dann lauffen sie ins kalte Wasser, das ist ihr Bad." - Sehr häufig kommt die Birke im litauischen Volksliede vor. Begnügen wir uns mit einigen Beispielen aus der Tetzner 'sehen Sammlung:

Fröhlich in der vielgeliebten Heimat,
Eine rote Preiselbeere, sprosst ich,
In der Fremde liebeleerem Lufthauch,
Weh, zu welkem Birkenlaube ward ich.

Ich gieng dereinst zum Birkenwald.
Kamen drei junge Bursche bald
Zogen die Hütchen zierlich und fein:
"Guten Morgen Jungfräulein." u.s.w.

Kam auch die Mutter,
Kam herangegangen,
Brachte dem Manne
Ein Birkenstöckchen.
"Schilt nur, lehr nur,
Du liebes Söhnelein,
Thu nach deinem Behagen." u.s.w.

14) Kobell, Ueber Pflanzensagen und Pflanzensymbolik, München 1875.
15) Höfler, 1. c. p. 138.

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Botrychium Lunaria. Mondraute. Einst zauberberühmt. War für die Alchimisten eine Gold- und Silberquelle. "Ankerkraut" und "Beseichkraut" in Oberösterreich. Gibt gute Milch, weswegen es mit dem Spruche :

Grüss dich Gott, Ankerkraut,
Ich brock' dich ab und trag' dich z'Haus,
Wirf bei mein Kühl fingerdick auf!

abgepflückt wird. Dagegen glauben die Salzburger Aelpler, dass Kühe, welche von Botrychium fressen, weniger Milch geben, an der Milch abnehmen, "sich beseichen". In den niederösterreichischen Voralpen heisst die Pflanze Petersschlüssel, der alte Bock verzeichnet: St. Walpurgiskraut.

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Bryonia dioica und alba. Zaunrübe. Die an Hecken und Zäunen kletternde Giftpflanze hat mächtige Rübenwurzeln, die im Volksmunde als Körfcheswurz bekannt und wegen ihrer vermeintlichen Zauberkräfte gerühmt waren. Stücke der Wurzel legen die Dorfmädchen in manchen Gegenden noch jetzt, bevor sie zum Tanz gehen, in die Schuhe und sprechen dazu die Formel :

Körfcheswurzel in meinem Schuh',
Ihr Junggesellen, lauft mir zu!

Bei den galizischen Ruthenen : "Perestup." Gilt als Zauberpflanze, die der Bauer nicht zu berühren wagt, auch wenn sie ihm die Culturen erdrückt. Als der echte Alraun (cf. Mandragora officinalis) der Mittelmeerländer noch im Schwange war und dessen die Gestalt eines kleinen Männchens bald durch natürlichen Zufall, bald nach Hilfe mit einem Schnitzmesser nachahmenden Wurzeln mit Gold aufgewogen wurden, fälschte man die gleich Heiligthümern gehüteten Alraunlein (auch Heck- und Geldmännchen genannt) mit Figürchen, die man aus den Wurzeln der heimischen Zaunrübe fertigte.

 

Quelle: Zauberpflanzen und Amulette, Dr. E. M. Kronfeld, Wien 1898, S. 20ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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