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ctaea spicata. Christophskraut. In Schwaben als Zauberpflanze gerühmt und beim Christophlsgebet [sic] zur Beschwörung geldbewachender Geister ("Christofeln") verwendet. Sanct Christoph vertritt hier den Thor, der als Schatzgott angerufen wurde. Letzterer trug Loki über das Wasser, wie der Heilige den Herrn (Chevalier, 1. c.). Der Standort der Pflanze in düsteren Schluchten mag zu diesem Aberglauben Anlass gegeben haben. In Niederösterreich heisst die Pflanze wegen der Blüthezeit Johannis-und Sonnenwendkraut; sie gilt auch als Wundmittel.

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Allium sativum. Knoblauch. Gehört zweifellos zu den Berufskräutern. Knoblauch und Zwiebel sind dem Volke mehr als blosse Zuspeisen. Mit Knoblauch bannten die Römer ihre bösen Hausgeister, die Lemuren. Denselben tragen noch neugriechische Schiffer als Amulett in der Mütze. Knoblauchkloben hängen auch die Slaven ihren kranken Kindern um den Hals, und die galizischen Juden haben diesen Brauch übernommen. Aber auch in Gablonz (Deutschböhmen) und in Ostpreussen gilt Knoblauch für zauberscheuchend. Zum Lobe über das blühende Aussehen eines Kindes fügt man in Königsberg die Bemerkung hinzu: "Knoblauch, Hyacinthenzwiebel, drei Mal weisse Bohnen". Und, weit von diesem Kulturkreise, binden die Esthen den Kindern bei der Taufe neben Geld und Brot auch Knoblauch in's Wickelband. (Andrée, Ethnographische Parallelen, Stuttgart 1878, p. 42.) Bemerkenswerth ist, dass die Gelehrten auch jenes Moly, mit welchem Odysseus den Zauber der Circe unschädlich machte, für eine in Griechenland vorkommende Lauchart (Allium magicum) halten. Daraufhin könnte man für den Wiener Ausdruck "zwif'ln", d. i. zum Gehorsam zwingen 7), gleichfalls mythischen Ursprung annehmen, obschon die Erklärung aus den hervorkommenden Thränen naheliegt. Bemerkenswerth ist auch die Redensart des Simplicius Simplicissimus: "Ich wuchs auf wie ein Narr im Zwiebelland". Der Abenteurer gebraucht sie, da es ihm fidel geht 8). Die Zwiebel als Thränenquelle kommt bei Shakespeare mehrfach vor. In "Ende gut, Alles gut" (A. 5, Sc. 3) meint Lafen in grosser Rührung : "Meine Augen riechen Zwiebeln, ich muss weinen", und in "Antonius und Cleopatra" (A. 4, Sc. 2) sagt Enobarbus zu Antonius :

.... Herr, was macht Ihr,
Dass Ihr sie so betrübt? Seht, wie sie weinen;
Ich alter Esel auch roch Zwiebeln.

In demselben Drama (A. 1, Sc. 2) heisst es: "die Thränen, die diesen Kummer bewässern sollen, stecken in einem Zwiebel", und in "Der Widerspänstigen Zähmung" (Vorsp. Sc. 1) lesen wir:

Und hat der Junge nicht die Weibergabe,
Gebot'ner Thränen Schauer zu ergiessen,
So kommt ihm eine Zwiebel wohl zu Statten,
Die, heimlich in ein Taschentuch gewickelt,
Das Aug' unfehlbar unter Wasser setzt.

In den Krümmungen der fädigen Wurzeln einer Zwiebel, die zu Neumond durch neun Tage eingesetzt war, suchen die Sieveringer nächst Wien "Nummern" für das Lotto. Auch thut man in der Wiener Gegend vor dem Gange zur Christmesse in zwölf Zwiebelschalen je ein Häufchen Salz; man sieht dann nach, wo das Salz trocken geblieben und wo es feucht geworden ist, um die Witterung für die Monate des neuen Jahres voraussagen zu können.

Dem Knoblauch wurden vordem ernstlich Heilkräfte zugeschrieben (Cf. Frank, 1. c. p. 35). Man nannte ihn als besonderes Medicament Bauerntheriak. Frank widmet ihm folgendes Tractätlein : "Ist warm und trocken im vierten Grad, verdünnet, dringet durch, öfnet, zertheilet, dienet wider den Gift, die Colic oder Grimmen, so von Blehungen entstanden, widerstehet den Würmen im Leibe, giftigen Schwämmen, so man etwa dergleichen gegessen hat, wenn einem ohngefehr eine Eidexe in den Mund gekrochen u. dgl. Die Pest zu verhüten, kann auch der Knoblauch mit Essig vermengt, gebraucht werden. In der Bresslauischen Contagion pflegten die Todtengräber täglich was vom Knoblauch zu käuen, und sich wohl darauf zu befinden, wie solches Purmann in seinem Pestbarbier mit vielen Umständen erzehlet. Von denen Juden wird er täglich genommen, und ein Schluck Brandewein darauf getrunken. Der Saft vom Knoblauch ist auch ein Remedium, die Würmer zu tödten, dergleichen Exempel Aug. Pfeifer von einem seltsamen Herzenswurm anführet. Wenn der Saft äusserlich in den Nabel gestrichen wird, curiret er die Krätze, Verstopfung des Urins, den Schlag, und M....beschwerungen; Andere vermengen ihn mit Schweineschmalz, streichen ihn auf die Fusssohlen und stillen den Husten damit. Wenn man den Knoblauch bey vollen Monden pflanzet und um diese Zeit wieder ausgräbet, soll er süsse schmecken. In denen Apotheken ist das Electuarium de Allio zu finden." Es mag hier bemerkt werden, dass man in Japan Schnupfen und Husten durch Aufhängen von Knoblauch im Hause verscheucht.

Für salonfähig gelten die Laucharten, zumal der Knoblauch, schon lange nicht. In Shakespeare's "Coriolan" (A. IV, Sc. 6) wird verächtlich von "der Knoblauchfresser Athem [Atem]" gesprochen, und Zettel mahnt im "Sommernachtstraum" (A. IV, Sc. 2): "Wertheste Actörs, esst keinen Knoblauch, keine Zwiebeln : denn wir sollen süssen Athem von uns geben, und ich zweifle nicht, wir hören sie sagen : es ist eine süsse Komödie" 9). Doch kommt der Lauch (leek) gerade auch bei Shakespeare zu hohen Ehren, was wohl auf die alte Vorstellung zurückgeht, dass die Laucharten erhitzen und muthig machen. Wenn der Spottvers von der. Zwiebel als "des Juden Speise" spricht, so denken die Spötter kaum daran, dass in der Edda der Lauch als die erste und vornehmste Pflanze bezeichnet wird. In dem germanischen Schöpfungsgedicht Völuspa heisst es :

Sonne von Süden schien auf die Felsen
Und dem Grund entgrünte grüner Lauch.

Und Gudrun klagt :

So war mein Sigurd bei Ginkis Söhnen
Wie hoch aus Halmen edler Lauch sich hebt.

Es kann daher nicht Wunder nehmen, dass die Walliser, nachdem sie unter König Cadvallo am 1. März 640 über die Sachsen einen grossen Sieg errungen hatten, Lauchsträusschen als Siegeszeichen auf den Hut steckten. Am Davidstage (1. März) trägt noch heute jeder Walliser sein Lauchsträusschen, und man verkauft an diesem Tage künstliche Lauchsträusschen in den Londoner Strassen. In Shakespeare's "Heinrich V." begegnen wir nun dem Lauch als bedeutungsvollem Feldzeichen des Kriegers. Da Pistol Fluellen grollt, sagt er mit Bezug auf den wällischen Kämpen (A. IV, Sc. 1) :

So sag ihm doch, ich würde seinen Lauch
Ihm um den Kopf am Davidstage schlagen.

In Scene 7 apostrophirt [apostrophiert] Fluellen den König Heinrich und erinnert ihn an die Herkunft des seltsamen Helmschmuckes : "Wenn Euer Majestät desselbigen erinnerlich sein, die Wälschen thaten fürtrefflichen Dienst in einem Garten, allwo Lauch wachsen that, und steckten Lauch an ihre Monmouther Mützen, welcher . . pis auf diese Stunde ein ehrenvolles Feldzeichen (an honourable padge of the Service) ist, und ich denke, Eure Majestät halten es nicht unter Eurer Würdigkeit, Lauch zu tragen am Sanct Davids-Tag." A. V, Sc. 1rächt sich Fluellen an Pistol. Er trägt Lauch an der Mütze, trotzdem Davidstag vorüber ist, und zwingt Pistol, der das Symbol verspottet hat, den Lauch zu essen. Bedenkt man zu alledem, welche Rolle der Knoblauch noch gegenwärtig in Griechenland, Serbien, Italien und Spanien als Volksnahrungsmittel spielt, so ergibt sich aus unserem kleinen Excurse nicht nur eine gewisse Begründung des Ansehens, welches Allium sativum im Volksglauben geniesst, sondern auch die Lehre, dass kein Volk dem anderen - seinen Lauch vorzuwerfen hat.

7) In Tirol findet sich, nach Schöpf s Idiotikon, die gleiche Redensart für zu Paaren treiben oder prügeln. Man vgl. auch die Redensart: "Sigst es, da bliad ma da Gnofl", an Jemanden, dem man die Feige zeigt. -Während der zweiten Türkenbelagerung (1683) gab es zu Wien einen schwachsinnigen Menschen, Thanon, den das Volk spottweise mit "Baron Zwif'l" titulirte. Er wurde während eines Auflaufes erschlagen, als er thörichter [törichter] Weise in einen Brand schoss.
8) Grimmelshausen, Simplicius Simplicissimus, herausgegeben von Bobertag. Bd. I, p. 141.
9) Man vergl. auch Shakespeare's "Maass für Maass" (A. III, Sc. 2), Lucio vom Herzog: "Er ist jetzt über die Zeit hinaus, und doch sag' ich dir, er würde eine Bettlerin schnäbeln, und wenn sie nach Schwarzbrot und Knoblauch röche", und "Heinrich IV." (I. Th., A. III, Sc. 1):
... Ich lebte
Bei Käs' und Knoblauch lieber in der Mühle,
Als in dem schönsten Schloss der Christenheit
Beim feinsten Festschmaus sein Geschwätz zu hören.

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Allium Victorialis. Sieglauch, Allermannsharnisch. Die Zwiebel des Sieglauchs war im Mittelalter als Amulett für Kriegsleute im hohen Ansehen, weil sie von Fasern kettenhemdartig umstrickt ist. Der Siegwurz wurde wohl auch die Gestalt eines Alrauns (cf. Mandragora) gegeben, und dieselbe dann um theures Geld verkauft. Zwei solcher unechter Alraune aus der Sammlung R u d o l f 's II. befanden sich noch vor wenigen Jahren in der Hofbibliothek zu Wien. Clusius erwähnt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, dass Allium Victorialis
in unseren Alpen "Lanlauch" genannt und zur Vertreibung der düsteren Bergnebel verwendet wurde. Noch gegenwärtig hört man am Oetscher die Bezeichnung "Lanawurzen". Frank nennt die Siegwurz auch Allermannsharnisch, Oberharnisch, Neunhämmerlein, Siebenhämmerlein, und sagt von ihr recht aufgeweckt: "Sie pfleget angehangen zu werden, und soll Gespenster, Poltergeister und Bergmänner vertreiben, auch die Wunden zusammenheilen, doch hat ein jeder von dergleichen Alfanzereyen Macht zu glauben, was er will." Auf die dem Sieglauch einst zugemutheten Wunderkräfte beziehen sich mancherlei Märchen. Auf dem Harze wollte einst ein böser Geist ein Mädchen entführen. Dieses aber hielt ihm Allermannsharnisch entgegen, worauf der Böse davonfuhr und wüthend schrie :

Allermannsharnisch, du böses Kraut,
Hast mir genommen meine junge Braut.

Die Romantik von einst hat der Oekonomie von heute Platz gemacht. Wenn die Bauern noch jetzt beim Apotheker oder Drogisten Allermannsharnisch verlangen, so brauchen sie ihn für den Viehstall. Die Heldenwurz, einst so berühmt wie

Die Salbe aus Hexenkraut
Unter Zaubersprüchen gekocht und gebraut -

hat ihre Zauberrolle ausgespielt.

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Alnus. Erle. Die Innenrinde, in Wein gekocht, als Heilmittel gegen Zaubertränke. Die Erle, deren Stümpfe zu den Schauern des Moores gehören, ist der Baum, aus dem nach altgermanischem Mythos das Weib erschaffen wurde. In den Erlenzweigen wohnt der gespensterhafte Elbenkönig, von Goethe (nach Herder's Vorgang) "Erlkönig" genannt. Ein alter Spruch besagt:

Erlenholz und rothes Haar
Sind auf gutem Grunde rar.

In Niederbayern bei Niederaltaich stand das Bild des heiligen Hirmon auf einem Erlenstumpfe im Walde und kehrte wiederholt dahin zurück, als man versuchte, das Bild in einer Kirche unterzubringen. Im Jahre 1340 baute man dort eine Wallfahrtskapelle 10). Die gänzliche Entsagung von der Verwandtschaft geschah in althochdeutscher Zeit durch Zerbrechen einiger Stücke Erlenholz vor Gericht und auf dem Kopfe. Ein Kreuz aus Erlenholz, das das Wasser aus der Luft begierig anziehen soll, wurde von den mittelalterlichen Quellensuchern benützt.

10) Dr. M. Höfler; Wald- und Baumkult. München 1892, p. 145.

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Antirrhinum maius und Orontium. Löwenmaul. Mit merkwürdiger rachenförmiger Blume. "Dorant" volksthümlich und zauberberühmt. Cf. Origanum vulgare. Schon zeitig hat die Blumenform die Aufmerksamkeit der Menschen erregt. Theophrast, Dioscorides und Plinius erzählen, dass das Kraut den Träger schön mache und von ihm alles Böse abwende. Im Profil sieht die Blume wie ein verzerrtes Gesicht aus, daher wohl ihr Ruf als starkes Berufskraut. Der alte Matthioli erzählt die rührsame Geschichte eines Kettenhundes, der verzaubert war und erst zu bellen begann, als man Löwenmaul in seine Hütte legte. Unter dem Namen Dorant spielte die Pflanze im Mittelalter eine grosse Rolle. Mit Dosten (Origanum vulgare), dem zuliebe es alliterirend Dorant getauft wurde, war es das wirksamste Mittel wider Teufelskünste. In einem vogtländischen Brauermärchen sagt ein Zwerg :

Hättest du nicht Dorant und Dosten,
Wollt ich das Bier dir helfen kosten.

oder nach einer anderen Version :

Hättest net Dorant und Dosten,
Solltest's Bierle nicht kosten.

Die Frau, die in den Keller gekommen war, um Bier zu holen, griff, als ihr ein Geist erschien, nach einem in der Nähe liegenden Strauss von Dosten und Dorant und ward so gerettet. Und ein Spuk raunt einer Frau zu:

Heb' auf dein Gewand,
Dass da nicht fallest in Dosten und Dorant.

Allein die Kluge merkte die Absicht, trat auf Dosten und Dorant eigens zu und scheuchte so den Zauber. Trotz dieser Tugenden ist Dorant doch auch eine Irrwurz ; denn es heisst:

Stoss nur nicht an den Dorant,
Sonst kommen wir nimmer in's Vaterland !

Die eigentliche Irrwurz, an die noch heute Jäger glauben, gehört aber zu den Farnkräutern, (cf. Athyrium Filix femina.)

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Artemisia Abrotanum. Eberraute. Zaubermittel für Kinder. Diente nach Bock und Tabernaemontanus, unter das Kopfkissen gelegt, wider böse Anfechtungen, Gespenster, Zauberei und Nestelknüpfen. Hiess auch Mugwurz (vom Keltischen, = wärmen) wegen der anregenden Würze, und galt als wirksames Mittel gegen Lungenschwindsucht. Daher der Vers, den eine Meerfee sprach, als in Glasgow die Leiche eines jungen, an Tuberculose gestorbenen Mädchens zu Grabe getragen wurde:

"Wenn sie Nesselsaft tränken im März
Und Mugwurz ässen im Mai,
So gienge noch manch' fröhliche Maid
Munter am Ufer des Clay.

Dafür genas ein anderes Mädchen, nachdem man der Weisung der Meerfrau gefolgt war:

Ihr lasst sterben das Mädchen in eurer Hand,
Und doch blüht die Mugwurz rings im Land.

Interessant ist der österreichische Volksname "Herrgottshölz'l" für die vielgepriesene Pflanze, die mit Artemisia Absicthium, Inula Helenium, Eupatorium cannabinum, Valeriana officinalis und Tanacetum vulgare zu den am Mariä-Himmelfahrtstage (15. August) gesammelten, in den Rauch- oder Rauhnächten (Thomastag, Weihnachtstag, Neujahr und drei Königstag) im Viehstall gegen Druden und Hexen angezündeten Rauchkräutern gehörten (Kerner).

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Artemisia vulgaris. Beifuss. Wer Beifuss im Hause hat, dem kann der Teufel nichts anhaben. Am Johannistage sind unter der Wurzel Kohlen zu finden, die zu Gold werden, so Einer Glück hat. Aus Beifuss wird der Johannisgürtel geflochten, den Leidende in's Johannisfeuer werfen, um ihre Gebreste zu verlieren. In Galizien und Mähren am 24. Juni geweiht und dann als Johannisgürtel um den Leib getragen, damit Kreuzweh, Verhexung u. s. w. gebannt bleiben. Schützt vor dem Müdewerden; das weiss schon Plinius 11): "Artemisiam adligatam qui habet viator, negatur lassitudinem sentire." Schon die deutschen Väter der Botanik wetterten gegen den Aberglauben, der mit Beifuss getrieben wurde. Beispielsweise Brunfels: "Also haben die alten Heyden gegauckelt, so haben wir wie die Affen nachgefolgt, und ist uff den heutigen tag solcher und dergleichen superstitionen weder mass noch end." Konrad von Megenberg wendet sich besonders gegen die Meinung, dass Beifuss nicht ermüden lasse: "ez sprechent die maister, wer peipoz an diu pain pind, ez benem den wegraisern ir müed. daz versouch, wan ich gelaub sein niht, ez wär dann bezaubert." Was die unter der Wurzel gesuchten "Narrenkohlen" oder "Thorellensteine" anlangt, so sind sie nichts anderes als abgefaulte, theilweise schon humisirte Wurzelstücke. Daher die Sagen vom Golde der Schatzgräber, das sich Morgens in schwarze Kohlen verwandelte.

K. Reiterer theilt in der Grazer "Tagespost" vom 13. Mai 1897 aus einem alten Buche mit: "Nimm den Stengel vom Beifuss, wenn dieser blüht, und schneide den Zweig möglichst nahe am Boden ab. Am dritten Tage hefte ihn mit einem Stückchen Stahldraht an den First des Hauses, so dass die Spitzen der Pflanze nach abwärts stehen; kein Blitzstrahl wird jemals auf dieses niederfahren, keine Seuche ins Haus einkehren".

11) 1. c. XXVI. 98. Nr. 119/98.

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Athyrium Filix femina. Waldfarn, und andere Farnkräuter. Das feingegliederte, "im Waldgedränge" hervorkommende Laub, das braune Pulver an der Wedelunterseite, der eigenartige Wurzelstock, vor Allem aber das Fehlen jeglicher Blüte musste das Farnkraut frühzeitig schon als ein ganz besonderes, ein zauberhaftes erscheinen lassen. Sprechen wir vorerst von den häufigsten Arten, den beiden Schildfarnen, die, als Reminiscenz an die alte Anschauung, noch heutigen Tages als "männlich" und "weiblich" unterschieden werden (Polystichum Filix mas, Athyrium Filix femina), so geht von ihnen die Sage, dass sie nur um Mitternacht blühen, komme man hinzu, so verschwinde die Blüte. In zahlreichen deutschen Sagen wird die Johannisnacht (24. Juni) allein genannt, in der das Farnkraut blühe und Samen erzeuge, seltener die Christnacht, Das Holen des unbezahlbaren Samens ist aber ein gefährliches Beginnen; wer Farnsamen haben will, müsse auf einem Kreuzwege die Mitternacht erwarten, sich nicht rühren (ansonst ihn der Teufel zerreisst), und dann komme der finstere Jäger und gebe ihm eine Düte voll. Wer Farnsamen besitzt, ist stark in der Arbeit, glücklich in allen seinen Unternehmungen, ja selbst unsichtbar, so Einer darnach Verlangen trägt! In Shakespeare's "Heinrich IV.", 1. Th., A. 2, Sc. l sagt Gadshill: "Wir besitzen das Recept zum Farnsamen, womit man unsichtbar umherstreift." Nach galizischem Glauben öffnet die "Blüte" des Farnkrautes jedes Schloss und hilft Schätze entdecken (Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild, Band Galizien, p. 303). Farnsamen, über Schusswunden gestreut, macht "des geschozes âne, daz geschoz vert uz" (fährt heraus!). Man nannte den Samen als Pendant zur Wünschelruthe (cf. Corylus) auch "Wünschelsamen". Die Verwandtschaft mit dem Bösen verräth das Farnlaub durch seine Wirkung. Bringt man es in ein Haus, so entsteht Gezanke, daher es auch Greinkraut genannt wird. Anderseits hilft es gegen Zauber und Hexerei. Von dem grossen Adlerfarn werden die Blätter als Streu in die Ställe gelegt.

Fuhrleute im Gebirge haben beim Herabfahren auf steilem Wege Farnbüschel vorne aufgebunden. Schildfarn (noch mehr aber die Mauerraute, Asplenium Ruta muraria) gilt in den Alpen als "Stoanneidkraut", es ist Bestandtheil der täglich dem Vieh gereichten "Maulgabe", die gegen das "Verneiden" schützt. Aus dem Kopfe des Wurzelstockes, der mit wurmförmigen gekrümmten Wedelknospen versehen ist, wurden ehedem die Johannis- oder Glückshändchen geschnitzt. Die Mondraute (Botrychium Lunaria), die als im Zeichen das Mondes erwachsenes Farnkraut von den Alchemisten geschätzt wurde, wird in Oberösterreich als milchbeförderndes Mittel angesehen und mit eigenem Spruche gepflückt. Johanniswurzel heisst noch heute der Tüpfelfarn (Polypodium vulgare), nebstdem wegen der Süsse des Wurzelstockes Engelsüss. Die Apotheken führen den gepulverten Wurzelstock des Schildfarns als gutes Wurmittel. Auch hier mag der erste Hinweis durch das Volk geschehen sein, welches sympathetisch die Würmer mit dem wurmartige sprossetreibenden Rhizom zu vertreiben versuchte. Uebrigens gilt das Farnkraut in Thüringen auch als Irrwurz; wer unversehens darüber schreitet, vergeht sich im Walde. Der Name Irrwurz, den Höfer aus Niederösterreich anführt, gilt vielleicht ebenfalls für diese Pflanze. Bei den Wenden im Spreewald geht folgende Sage: Einem jungen Hirten fiel beim Weiden der Gänse Farnsamen in die Schuhe. Nun verstand er, Wort für Wort, was das Federvieh schnatterte. Er wollte es auch seinem Herrn zeigen und da er Prahlhans war, zog er neue Schuhe an. Da war aber der Zauber weg und er stand blöde da, wie er früher war. Vielerlei sind die Kräfte des Athyrium filix mas, die Frank zu rühmen weiss: "Dieses Kraut ist ein trefflich Medicament in lange anhaltenden Krankheiten, treibet den Urin, curiert Entzündung der Nieren, den Stein, Würme, Scorbut und die Englische Krankheit, Die Wurzel ist warm im ersten und andern, und trocken im dritten Grad, dienet der Milz, hält gelinde an, eröffnet und wird dieser wegen in Verstopfung derer Eingeweide, der Milz, M ..., in Seiten- oder Milzwehe und wider die breiten und langen Würme im Leibe (Bandwurm) gerühmt."

Alles in Allem waren Farnkräuter der abendländischen Vorstellung besonders kräftige und wirksame Zauberpflanzen. Dass es schon früh an aufgeklärten Geistern nicht gefehlt hat, die dem Aberglauben entgegentraten, mag an dem einen Beispiel des anonymen Autors einer im Jahre 1703 erschienenen Schrift, die uns auch bei Mandragora beschäftigen soll, erwiesen sein. Dieser gute Mann erzählt von einem Officier, der sich im Jahre 1702 veranlasst sah, Farnsamen zu erwerben: "Der Saame war ihm nun sehr lieb, und also zweifelte er nicht, dass er damit Universalglück haben würde, trug derohalb solche Blätter fleissig bei sich, liess sie in die Hose einnähen, nahm allerhand Proben damit vor. Allein er hat damit kein Glück bei Frauenzimmern, kein Glück im Spielen gehabt, in summa gar nichts daran mehr befunden."

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Atropa Belladonna. Tollkirsche. Das gefährliche Giftkraut, dessen Saft die italienischen Frauen zum Vergrössern der Augenpupillen oder als Schminke und Haarfärbemittel verwendeten 12), wird in Galizien zu Liebestränken, die gewiss nicht gleichgiltig sind, verwendet. In Salzburg ereignete es sich im Jahre 1802, dass ein Händler aus Triest angebliche Klettenwurzeln erhielt, die in Wirklichkeit Tollkirschenwurzeln waren 13). Eine Frau, welche einen Absud davon trank, starb kurz darauf. Infolge dessen verordnete die kurfürstliche Landesregierung, dass Alle, welche von diesem Händler Klettenwurzeln gekauft haben, dieselben an die Ortsobrigkeit einliefern müssten.

Die Tollkirsche oder die naheverwandte Scopolina atropoides dürfte mit jenem Kraute Maulda (von: Mandragora ?!) identisch sein, die bei den Litauern noch um das Jahr 1680 eine unheimliche Rolle spielte : "Sie haben auch ein Kraut, das nennen sie Maulda, wenn sie einen was schuldig, sehen sie, wie sie ihm solches im Trincken beybringen, der das Kraut in's Leib bekommt, muss sterben, dagegen hilfft die gantze Apothecke nicht." (So Pfarrer Prätorius im "Erleuterten Preussen", 1724, abgedruckt bei F. und H. Tetzner, Litauische Volksgesänge, Reclam's Universalbibliothek, Nr. 3694, p. 11.)

12) Daher der Name "Belladonna".
13) Botan. Zeitg. 1804, p. 60.

 

Quelle: Zauberpflanzen und Amulette, Dr. E. M. Kronfeld, Wien 1898, S. 11ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Gabriele U., Juni 2005.
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