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Der Schermausfänger.

Im Lenz, wenn es "ausgeapert" 1) hat, aber meist im Herbst, nachdem abgemäht ist, tauchen auf den neubelebten Fluren Gestalten auf, die dem geschmackvoll gebildeten Auge bloß als harmlose landschaftliche Ausschmückung erscheinen, die jedoch bei näherem Hingehen als hochwichtige Förderer der bäuerlichen Feldwirtschaft in Betracht zu ziehen sind. Ich meine da nicht jene feststehende Staffage der Triften, jenen hemdärmeligen Knecht, der hinter Pflug und Egge den Acker durchfährt und in Verbindung mit feinem Ochsengespann in die Einförmigkeit der Herbstlandschaft Abwechslung bringt, noch weniger endlich jene zweifelhaften Spukgestalten verschiedener Vogelscheuchen, welche nunmehr zwecklos aus den abgeräumten Ackergründen im Winde hin und herbaumeln und dem vorüberwandelnden Handwerksgesellen brüderlich zuwinken. Keines von allem.

Unsere Betrachtung gilt heute dem "Scherfanger", jenem Mitglied jeder wohlgeordneten Gemeinde, dessen Aufgabe es ist, den Schermäusen, diesen "Wühlhubern" der Wiesen, auf den Leib zu rücken und dieselben zu vertilgen oder wenigstens zu verringern. Er ist also in gewissem Sinne der amtlich bestellte Scharfrichter des Bezirkes, der Todfeind der genannten Vierbeiner und deshalb der innigste Freund der sensenschwingenden Mäher und Mäherinnen, denen die "Scherhaufen" im Heumonat gar viele Verwünschungen entlocken. Was nützt es, daß der Hans und die Moidl fast Tag für Tag diese Erdhügel entweder umwerfen oder "anrechen" - der nächste Morgen schon findet die Zahl verdoppelt.

Der "Scher" (talpa europaea) oder gemeine Maulwurf (eigentlich Moltwurf von Molte - Erde, Staub) hat seinen Namen von der Gepflogenheit, kreuz und quer in den Wiesen unterirdische Gange zu graben, um zu seiner Lieblingsnahrung, Regenwürmern, Käfern, Kerbtierlarven, vorzüglich Engerlingen oder Maikäferraupen zu gelangen. Von dieser Bohrtätigkeit heißt er in Südtirol Wühlscher, in den östlichen Alpengegenden Wühlischer (Pustertal) und Wülschger 2) (Kärnten). Die Namen sind sämtlich deutsch, nur im etsch-ländischen Münstertale hat sich die romanische Form Talp erhalten, vom lateinischen Namen talpa. 3)

Das Äußere des "Scheren" entspricht ganz seinem dunkeln Dasein und ist nicht gerade einladend. Sein walzenförmiger, etwa 12 cm langer Körper, der rückwärts in einen kurzen Schwanz, vorn in einen zugespitzten, knorpeligen Rüssel endigt, trägt mit Ausnahme der nackten Füße einen sammet-weichen blauschwarzen Pelz, in dem die Augen und Ohren ganz versteckt liegen. Die Hinterfüße sind ziemlich schwach, desto entwickelter und stärker sind die kurzstockigen, wulstigen, schaufelförmig nach außen gestellten Vorderfüße. Zum Überfluß haben sie scharfe, unten hohle Nägel. Man sieht, der Bursch ist für sein Wühlhandwerk gut eingerichtet.

Auch seine Behausung ist unterirdisch. Sie besteht aus einer Kammer und zwei kreisförmigen Gängen. Von hier aus begibt er sich durch eine lange, kreisrund ausgewölbte Laufröhre, welche die Höhe von beiläufig drei Fingern hat und mit der Schlafstelle verbunden ist, täglich dreimal in seinen Jagdbezirk. Wo sich dieser befindet, zeigen die aufgeworfenen Erdhügel, die Scherhaufen, und die sind es auch, welche seinem Mörder, dem Scherfanger, die Fährte nach ihm weisen.

Aber wie kann man, fragst du, einem solchen harmlosen Sonderling, der sich der Menschheit durch Vertilgung schädlicher Insekten, besonders gefährlicher Engerlinge, so nützlich erweist, nachstellen?

Die Antwort ist sehr einfach. So zweckwidrig ein planmäßiges Ausrotten des Maulwurfs wäre, so notwendig wird es oft durch die zu starke Vermehrung desselben. Aber wenn auch nur wenige "Scheren" da sind, so sind sie imstande, in kurzer Zeit eine Wiesmahd durch die aufgeworfenen Scherhaufen so umzugestalten, daß es wie ein Ackerfeld aussieht. Denn der "Scher" ist ein unersättlicher Vielfraß und braucht täglich so viel Nahrung, als er selbst wiegt. Wie sehr er sich daher durch Vertilgung schädlicher Insekten und Insektenlarven nützlich macht, ebenso schädlich wird er durch zu starke Ausbeutung des Wiesgrundes.

Diese schädlichen Folgen zu vermindern, ist Aufgabe des "Scherfangers". Sein Geschäft ist durchaus nicht so einfach, als es aussieht. Bei der großen Ausdehnung des Jagdgebietes eines solchen Scheren denselben aufzufinden, wäre für den Laien keine leichte Sache. Ein bewährter Scherfanger kennt nun aus der langen Übung genau die Schliche und Gänge des Tieres. Er weiß aus der Lage der Scherhaufen ziemlich bestimmt die Richtung, in welcher der Scher "schiebt", ob sohin oder fohin. Er weiß ferner auch aus Erfahrung, daß der Scher alle drei Stunden aus einem feiner Kamine, gewöhnlich beim letzten, herausschaut, teils um Luft zu schnappen, teils um die überflüssige Erde mit seinem Rüssel auszuwerfen. Hier paßt man nun und schlägt ihn tot. Man muß aber beim Passen sich ruhig verhalten, denn der Scher hat ein sehr gutes Gehör und einen noch besseren Geruchsinn. Deshalb ist auch diese Art des Fangens die langweiligste und kommt am seltensten zur Anwendung.

Gewöhnlich stellt man dem Scher mit dem sogenannten Latz nach, d. h. man legt ihm eine Schlinge, in der er sich selbst fängt, und die ihn erwürgt. Wenn man im Frühjahr, noch ehe das Gras stark aufschießt, über Land geht, so kann man in den Angern und Wiesen häufig solche aufgerichtete "Trappelen" sehen. Sie bestehen aus einem niedergebogenen elastischen Stecken, gewöhnlich aus leicht federndem Hasel- oder Birkenholz, an dessen oberem Ende eine Drahtschlinge (Latz) befestigt ist. Diese wird in den Gang unmittelbar hinter dem "Scherhaufen" eingesenkt und zwar so, daß der "Latz offen ist", d. h. den Gang ganz umschließt. Dann wird der Ausgang mit einem Erdknollen verstopft. Um nun die herabgebogene Rute niederzuhalten, und das Aufschnellen derselben zu rechter Zeit zu ermöglichen, wird vor dem Ausgang unmittelbar hinter dem "Knollen" eine "Trappel" aufgerichtet, eine Vorrichtung ähnlich jener, wie sie Knaben in ihren Schlaghäuschen beim Vögelfangen anbringen. Sie besteht aus zwei eingekerbten Hölzern (Zollen), von denen das größere und stärkere in die Erde gesteckt wird, das kleinere und breit eingekerbte sich kreuzweis daranlegt und mit dem einen Arm den Knollen berührt. Ein Fallhölzchen, das mit einem Bindfaden am Stecken befestigt ist, das sogenannte "Findl" oder die "Finden", spreizt sich zwischen beide eingekerbte "Zollen" und bewirkt den Zug, den die elastische Rute nach oben ausübt, daß die Vorrichtung, wenn man sie nicht anrührt, zusammenhält.

Kommt nun Freund Wühlhuber nach einiger Zeit wieder zum Ausgang, so findet er diesen durch den erwähnten Knollen verstopft. Er sucht daher, bereits in der Schlinge befindlich, dieses Hindernis mit seinem Rüssel zu beseitigen und den Knollen vorwärts zu schieben, drückt dadurch auf den wagrechten Arm des einen "Zollen" und bringt so die Falle zum Abgehen. Die Rute schnellt auf und erwürgt den Scher, indem ihn die Schlinge an die Oberwand des Ganges preßt. Ist der Boden lettig, so muß man "Klüppchen" machen; das sind zwei Querruten, die man über den Boden legt und mit starken Nägeln befestigt. Dazwischen geht die Latzschnur durch. So kann die Schlinge mit dem Scher den weichen Boden nicht durchreißen.

Gewöhnlich ist der Scherfänger ganz sicher, wo er den "Latz" anzubringen hat; denn der Scher pflegt die Gänge, welche er nicht mehr benützt, zu verstopfen. Sonst aber müssen zwei Fallen aufgestellt werden, natürlich in entgegengesetzter Richtung. Man benützt übrigens zum Fang auch eigene eiserne "Trappeln", welche so groß sind, daß sie in den Gang genau hineinpassen. Sie sehen fast aus wie Zuckerzangen, nur mit dem Unterschied, daß sie nach innen federn. Zum Auseinanderspreizen bedient man sich eines eisernen Ringes oder eines kreisrunden, in der Mitte mit einem kleinen Loch versehenen Scheibchens. Der "schiebende" Scher wirft das Scheibchen um und die zuklappende Trappel erdrückt ihn. Will man den Scher lebendig fangen, was öfter vorkommt, um ihn in ein von Engerlingen heimgesuchtes Mahd oder in einen insektenreichen Baugrund zu verpflanzen, so paßt man ihm auf und versperrt ihm durch eine hinter ihm in den Gang gestoßene "Scherschaufel" den Rückweg. Man muß aber schnell bei der Hand sein, um ihn zu packen, da er sich ungemein rasch eingräbt. Sonst läuft er auf der Oberfläche des Bodens nicht gut und man fängt ihn leicht. "Kein "Scher" kommt über einen Weg", so unbehilflich ist er. Im Kistchen, in dem man ihn weiterbringt, muß sich Erde befinden, sonst krepiert er schnell. Man sieht aus alledem, das Geschäft des Scherfangens will auch gelernt sein. Der "Scherfacher" (Scherfanger) oder "Talper" wird meist von der Gemeinde für einen bestimmten Jahreslohn angestellt. Die Summe schwankt zwischen 180 und 200 Kronen. Zum Beleg für seine erfolgreiche Tätigkeit muß er dem Vorsteher die getöteten "Scheren" bringen. Der "Scherfacher" von Pill im Unterinntal legt die toten Maulwürfe der Reihe nach vor ihn auf den Tisch. Wird er vor Alter untauglich, so erhält ihn die Gemeinde und er bekommt abwechselnd von den Bauern die Kost. An anderen Orten ist kein eigener "Scherfacher" in der Gemeinde angestellt, sondern man läßt ihn jedes Jahr kommen und zahlt ihn "stückweise", d. h. er bekommt für jeden Maulwurf 6 Heller, jetzt fast allgemein 14 Heller ö. W. Zum Beleg hat er die abgeschnittenen Schweife oder die Vorderpratzen vorzuweisen. Im Oberinntal -schreibt er sich die Zahl auf und man zahlt ihn auf "Treu und Glauben". In Südtirol, so z. B. in der Gegend von Kastelrutt unterhandelt die Gemeinde mit ihm nicht, sondern das "Wühlischermannl" geht zu den einzelnen Höfen auf die "Stör". Da wird er überhaupt nur für das Aufrichten der Fallen bezahlt; ob nun der Fang glückt oder nicht, geht ihn nichts mehr an. Selbstverständlich liegt ihm selbst daran, seine Sache gut zu machen, da er sonst seinen Verdienst verliert.

Im Übrigen ist er an keine bestimmte Zeit gebunden, obwohl schon der Stand des Bodens ihm bestimmte Zeiten setzt. Im Frühjahr, kaum daß der Schnee fort ist, kommt er und geht, wenn das Gras schön im Wachsen ist. Ebenso stellt er sich nach dem Grummetmahd, meist Mitte September wiederum ein.

Die Scherfanger sind eigentümliche Leute, die in der Regel für etwas anderes nicht zu gebrauchen sind, gewöhnlich ausgepichte Schnapsbrüder, die den erworbenen Batzen sofort in das Wirtshaus oder in den Branntweinladen tragen. Der gute Mann könnte sich bedeutend mehr Gewinn herausschlagen, wenn er, wie es in einigen Gegenden geschieht, den prächtigen sammetmeichen Pelz der Scheren verwerten wollte. Man macht daraus Geldbeutelchen und "Stützeln" oder Vorsteckärmel. Als Seltsamkeit mag bemerkt werden, daß die "Scheren" in Oberösterreich, wie ich höre, als sogenannte "Erdzeiseln" gegessen werden. Nun, der Geschmack ist eben verschieden! Die verwendbarsten und billigsten Schermausfänger sind übrigens die "Harmelen" oder Wiesel, die das "mausen" trefflich los haben und größten Dank verdienten, wenn sie nicht die schlimme Gewohnheit hätten, hie und da ein Hühnchen für einen Maulwurf anzusehen.

1) Aper - unbedeckt, schneefrei; ausapern - schneefrei werden.

2) Dieser Ausdruck ist interessant, denn er hat noch die althochdeutsche Form Skero (Wuoli-skero) bewahrt.

3) Da auch die Bezeichnung salpa vorkommt, so dürfte das Wort auf den Stamm scalp - schneiden, "scheren" zurückgehen.

Quelle: Ludwig von Hörmann, Tiroler Volksleben, Stuttgart 1909. S. 433 - 438.