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Der Frauendreißigst.

Der "Frauendreißigst" oder die sogenannten "Dreiß'gen", wie man die Zeit zwischen dem "hohen" oder "großen Frauentag", d. i. Maria Himmelfahrt (15. August) und dem "kleinen Frauentag", d. i. Maria Geburt (8. September), nennt, zählen beim tirolischen Bauern zu den wichtigsten Festzeiten des Jahres. Gleichwie um Sonnwend glaubt man, daß in diesen Tagen ein dreifacher Segen auf Tieren und Gewächsen ruhe, vorzüglich auf jenen, welche den Menschen nützlich sind, weshalb auch deren heilsame Wirkung um das dreifache erhöht sei, während andererseits alle giftigen Tiere und Wanzen keinen oder doch nur geringen Schaden zu bringen vermögen. Daher ist es die angelegentlichste Sorge jeder Bäuerin, einen oder mehrere solche Sträuße zu sammeln oder durch Kinder und Dirnen sammeln zu lassen. Dazu gehören außer jenen Blumen und Kräutern, die man zu Tee und Medizinen braucht, noch eine gewisse Anzahl anderer, welche aus irgend einem Grunde von altersher im Gerüche der Heiligkeit stehen. Es sind vor allem Himmelbrand, Frauenschuh, Wegwart, Mohn, brennende Lieb, Rauten, Johanniskraut, Wermut, Wohlgemut, Mutterkraut, Sinngrün, Tausendguldenkraut und das heilige Karbendelkraut (thymus serpyllum), von dem die Legende erzählt, daß sich die Muttergottes, als sie "übers Gebirg" zu Elisabeth ging, darauf niedersetzte, weswegen die Pflanze mit dem "Schreibnamen" Marias Kar-ben-del benannt worden sei. Auch Donnerkugeln (Stechapfel) und "Baslgoam" (basilicum), Edelweiß, Sonnenblumen, gelbe Ringelblumen und dergleichen werden dazugebunden.

Alter Bauerngarten mit Flechtzaun © Berit Mrugalska
Alter Bauerngarten mit Flechtzaun und Ringelblumen, Navistal (Tirol)
In Tirol und Südtirol wird aus Melkerfett und Ringelblume gerne eine Ringelblumensalbe
selber hergestellt. Sie wird als Wund- und Heilsalbe verwendet.
© Berit Mrugalska, 4. September

Das Sammeln beginnt schon am Vorabend des Maria Himmelfahrtsfestes nach dem Feierabendläuten, das an solchen Tagen schon um zwölf Uhr mittags geschieht, denn da fängt nach der Volksmeinung bereits der Feiertag an. Kinder, Mädchen und Weiber machen sich auf den Weg, durchstreifen Wiesen und Wälder und füllen ihre Schürzen oder Körbe mit diesen Wunderkräutern. Besonders haben es die alten Weiblein geschäftig, die gern "doktern", und lassen sich keine Mühe verdrießen, die nötigen Pflanzen herbeizuholen, aus welchen sie dann die Salben und Mixturen für ihre Hausapotheke brauen. Von den Almen und Bergmähdern, besonders von der Seiseralpe, bringen die Senner und Mäher ganze Ladungen solcher duftender Kräuter herab. Diese gesammelten Kräuter und Blumen werden nun in "Büschel" zusammengebunden, oder in Körbe gegeben, um sie am darauffolgenden Maria Himmelfahrtstage von dem Priester weihen zu lassen. Die Einsegnung geschieht gewöhnlich in der Kirche, hie und da auch vor der Kirche oder in der Totenkapelle, wie zum Beispiel in Ötz und Untermieming, und zwar meist vor dem Festgottesdienste. Die Weiber bringen ihre Büschel oder gefüllten Körbe und stellen sie auf das "Speisgatter" (Kommunionbank) oder auf die Stufen, falls die Weihe, wie es häufig der Fall, vor dem Seitenaltare vor sich geht. Alle da unterzubringen, ist oft schwer, denn man schleppt besonders von den größeren Bauernhöfen die Kräuter in umfangreichen, oben mit großen Blumen verzierten Tragkörben herbei. Auch in Navis, wo die Feier überhaupt einen äußerst erbaulichen Charakter trägt, sind die niedlichen Körbchen mit Bändern und Rosen geschmückt, sodaß die ganze Kirche von Blumenduft erfüllt ist. Nach der Weihe, welche aus den üblichen Gebeten und der Besprengung mit Weihwasser besteht, eilt man nach Hause, wo die "Weihbuschen" meist ins "Unterdach" zum Ausdörren gegeben werden.

Bemerken will ich hier noch hinsichtlich der Weihe, daß es den Bauern durchaus nicht gleichgültig ist, von welchem Priester die Weihe vorgenommen wird. Man traut in dieser Beziehung den P. P. Franziskanern und Kapuzinern einen ganz besonders "kräftigen" Segen zu und macht stundenweite Wege, um ein solches Kloster zu erreichen. Auch das Prämonstratenserstift in Wilten und die Pfarrkirche daselbst erfreuen sich diesbezüglich eines bedeutenden Zulaufes, und am Morgen des Marienfestes kann man ganze Karawanen von Weibern mit Büscheln auf den Armen von den Dörfern des Mittelgebirges herabsteigen sehen. Übrigens wird in beiden genannten Kirchen die "Büschelweih" nicht um Maria Himmelfahrt, sondern erst um Maria Geburt, also am 8. September, vorgenommen. Dies ist auch in ganz Unterinntal und Brixental der Fall, obwohl sie nach dem kirchlichen Rituale am erstgenannten Frauentage stattfinden sollte. Doch entspricht diese Verschiebung dem Wunsche vieler Landleute. Sie haben so die ganze Zeit der "Dreißgen" Muße, die heilsamen Blumen und Kräuter zu sammeln, wenn auch der Blütenstand mit der vorrückenden Herbstzeit täglich kleiner wird und man dann häusig Gartenblumen, besonders Georginen und Astern, verwenden muß, welche "die Weih' nicht annehmen". Dafür hatten sie früher reichlich Gelegenheit, die berühmten "Dreißgen-Höppinnen", das sind die während dieser Zeit unterkommenden Kröten zu fangen, wobei man besonders einer gefleckten Art nachstellte. Man spießte sie bei lebendigem Leibe auf und ließ sie auf dem Dache von der Sonne ausdörren. Dann nagelte man sie an die Türen der Ställe und Sennhütten als Schutz gegen Hexerei; auch anderen abergläubischen Unfug trieb man mit ihnen, wie wir gleich hören werden. Zu dem Zwecke praktizierte man sie heimlich sogar in die "Weihbüschel", um durch die Einsegnung ihre Wirkung zu verstärken. Doch geschieht letzteres wohl selten mehr. Das Volk scheint selbst zu fühlen, daß es sich damit zu tief in das finstere Gebiet des Aberglaubens verirrt und hat deshalb auch manche Pflanzen, so die Alraunwurzeln, die Doppelwurzel der Veitsblume (Brunelle), sowie den Beifuß, eine Wermutart, die man ehedem acht Tage vor oder nach Bartelmä ausgrub und zu allerlei unsinnigen Schwarzkünsten gebrauchte, aus den Weihebüscheln verbannt. Auch die "vürnehmste" Blume "Dahaggen" (Einhaken), ein von Sennern sehr geschätztes "Läusekraut" (rotblühende Pedicularis) wird nicht dazugegeben, weil man glaubt, sie besitze alle himmlischen Gaben und Gnaden schon ohnehin.

Was nun die Verwendung der geweihten Kräuter, beziehungsweise gewisser heiliger Tiere der Dreißgenzeit betrifft, so ist diese eine ziemlich mannigfaltige. Erstere werden, wenn sie gedörrt sind, zum Teile zerrieben und so aufbewahrt. Wenn Blitz und Hagelschlag droht, dann holt die Hausmutter Weihekräuter vom Estrich und wirft sie mit einigen Palmkatzchen in die Herdflamme. Im Eggental, wo die gedörrten Kräuter in einer "Zisten" (Tragkorb) verwahrt werden, geschieht dies in einer auf die Schwelle der Haustüre gestellten Glutpfanne und "sofort hört der Hagel auf und geht in Regen über". So erzählte mir die alte Mehlwürmerverkäuferin unter den Lauben in Innsbruck, eine geborene Eggentalerin. Noch wirksamer ist es, wenn man, wie wir schon im vorherigen Abschnitt hörten, etwas "Paterpulver" dazu gibt, das ist das Pulver, das die Kapuziner beim "Buttersammeln" am St. Ulrichstag den Bäuerinnen als Entgelt zurücklassen. Auch bei dem üblichen "Räuchern" in den drei "Rauchnächten" wird solches "g'weihtes Kraut" verwendet und ebenso dem Vieh am heiligen Abend davon zu fressen gegeben. Daraus erklären sich die großen Mengen von Blumen und Kräutern, die man besonders im Unterinntal und Brixental in Körben zur Weihe trägt. Erkrankt ein Stück Vieh, so mengt man ihm natürlich solches Krautwerk unter das Futter.

Aber auch wenn eine Person im Hause krank ist, erhält sie zu allererst einen Tee aus geweihten Dreißgenkräutern und hilft das nicht, so schüttet man wohl etwas Pulver von gedörrten "Höppinnen" in die Medizin; dann wird der Leidende unfehlbar gesund, es müßte denn sein, daß "seine Zeit aus wäre", in welchem Falle nach weitverbreitetem Glauben kein Arzt und überhaupt nichts mehr helfen kann. Das Krötenpulver gilt auch als besonders heilsam für die "Wildnis" (Rotlauf). Wenn weiters die Bäuerin mit dem Butterschlägeln nicht zustande kommt, woran meist eine so" genannte "Butterhexe" schuld ist, so streut sie etwas von diesem Pulver in den Kübel und siehe - die Butter gerät. Guten Appetit dazu!

Zu den Tieren, denen die Dreißgenzeit besonderen Wert verleiht, zählt auch das Wiesel oder Harmele. Es ist nach der Volksmeinung eines der gefährlichsten Tiere, da es den Menschen nicht nur giftig "anbläst" und "anpfeift", sondern ihm wie der Blitz mitten durch den Leib fährt. In der heiligen Dreißgenzeit aber verliert es sein Gift und läßt sich gefahrlos einfangen und ausbalgen. Fell und Fett gelten als gesuchtes Heilmittel für Kühe, denen man das kranke Euter damit einreibt. Sehr geschätzt sind endlich, wie jede Hausfrau weiß, die sogenannten "Dreißgeneier", das sind die während dieser Zeit gelegten Eier. Man rühmt ihnen nach, daß sie nicht faulen und behält sie deshalb für den Winter, in dem die Hennen weniger Eier legen, mit dem "Gupf" in Sand gesteckt auf. Aus alledem sieht man, welch wichtige Zeit die Dreißgen für Menschen und Vieh sind. Jetzt hat sich von den vielen abergläubischen Vorstellungen und Bräuchen, die sie begleiteten, viel verloren und auch die "Kräuter"-oder "Büschelweihe" am "großen Frauentag" hat viel von ihrer früherer Bedeutung, die man ihr beimaß, eingebüßt, besonders in der Stadt, wo man ohnehin die Kräuter, die einstmals unter gewissen Formalitäten und frommen Sprüchen gepflückt und gesammelt werden mußten, gleich den Palmzweigen am Markte zu kaufen bekommt.

Quelle: Ludwig von Hörmann, Tiroler Volksleben, Stuttgart 1909. S. 127 - 132.