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  † Sepp Schluiferers Schmach u. Ende †.

(Von einem Augenzeugen)

Indem ich diese Zeilen über Schluiferers Ende vor das Publikum bringe, erfülle ich die Pflicht des Chronisten und zugleich eine sittliche Mission. Denn durch meinen Bericht wird wieder einmal ganz klar, daß die Bösen unbedingt zu Falle kommen.

Es drängt mich, ehe ich zur 5ache übergehe, ausdrücklich zu bemerken: Ich begann meinen Umgang mit Schluiferer zu einer Zeit, wo niemand seine Verbrechernatur geahnt hätte. Er schien ein normal veranlagter Mann, rauchte selbst pfeifen, spuckte sogar häufig und war, wie ich aus manchen Vorkommnissen schließen möchte, durchaus nicht prinzipiell gegen gute Verhältnisse mit den weiblichen Eingeborenen. Erst bei näherem Umgange lernte ich die dunkle Seite seines Wesens kennen, sobald er mit seiner europäischen Anmaßung über die Vollkommenheit und erhabene Besonderheit der tarrolischen Welt geringschätzig und hämisch zu reden begann.

Daran erkannte ich, daß sein Weg abwärts ging, gab ihn aber noch nicht ganz verloren. Allein es war schon zu spät! Denn seine Schmähschrift erschien, ehe ich noch mit ernstlichen Bekehrungsversuchen begonnen hatte.

Anfangs bewahrte das schwerbeleidigte Land noch eine verhältnismäßige Ruhe.

Mehrere Stammtischgesellschaften und Eingeborenenstämme beschlossen Entrüstungskundgebungen. Dr. Lochcherl, ein tarrolischer Gelehrter, der das Deutsche fast ebenso gut wie seine Muttersprache beherrschte, suchte Sepp Schluiferer zunächst mit kaltem Hohn und durch den Vergleich abzutun, daß das Gebell eines Mopses niemals des Mondes stille Majestät beirren könne.

Schluiferer aber war ein Mops mit besonders verhärtetem Gemüt. Es berührte ihn kaum merklich, als sich der Familienareopag unter dem Vorsitz einer sehr energischen Tante versammelte und seine Verstoßung aus der eigenen Sippe in einem würdigen und zugleich vernichtenden Schreiben kund tat.

Ohne Anrede wurde ihm darin folgendes gesagt.

"Du hast Dinge geschrieben, wofür wir uns alle schämen müssen, indem daß diese Dinge unanständig sind. Und wenn schon leider unanständige Dinge vorkommen, so darf man doch nicht darüber reden oder gar schreiben. Wenn man überdies bedenkt, daß Du zum Beispiel vielleicht selbst die Sängerin angeschaut hast, wo so schmutzig gewesen ist, so schämt man sich für die ganze Verwandtschaft. Bei uns hast Du das nicht gelernt! And es steht auch im Lexikon, wo ich unter T (Tirol) und D (Dirndel) nachgeschaut hab', nichts, daß es dort so ausschaut, wie Du schreibst.

Merke Dir: wer einmal lügt, der gräbt sich seine eigene Grube, und das Krüglein geht so lang zum Brunnen, bis es selbst hineinfällt, welches wir Dir alle wünschen. Deine Tante Eulalia."

Dieses verdammende Verdikt zeigte mir Schluiferer selbst, und zwar mit einem verächtlichen Achselzucken. Noch mehr mußte geschehen, um seine stumpfe Verbrecherseele aufzurütteln.

* * *

Und es geschah!

Es geschah, als des "Mondes stille Majestät" nicht mehr still bleiben konnte und auf den bellenden Mops zurückbellte.

Historische Augenblicke waren das!

Europa freilich erfuhr nichts davon und beschäftigte sich mit seinen Kleinigkeiten: Der ostasiatischen Frage, den Balkanwirren und anderem Krimskrams weiter, als ob es kein Tarroi gäbe. Dort jedoch verstand ein tatenbereites Geschlecht, worum es ging: Man entdeckte Sepp Schluiferers politische Konspirationen!

Anfangs stellte sich heraus, daß der unselige Mensch, ein Welscher, mit Garibaldi in direktem Verkehr stand, um das heilache Lont zu erobern und zu unterjochen. Später entdeckte man, daß Garibaldi schon lange tot war. Und nun erschien Schluiferers Verrat um so schändlicher, da er überdies als ein bei Wien geborener, aus Ungarn zugereister Magyare erkannt wurde!

Das Verdienst, diese für Schluiferer niederschmetternden Feststellungen gemacht zu haben, gebührte dem berühmten tarrolischen Historiker, Schriftsteller, Dichter und Schornalisten Steffi Kchropfgeschpuckch. Im Namen des ganzen Landes konnte er den flammenden Aufruf loslassen.

"Vaterlander! Gibt es eine ordinärere Beschimpfung als diese? Wenn je Lynchjustiz am Platze war, ist es dieser Fall, der nach Rache und Vergeltung zum Himmel brüllt. Vaterlander! Tut Euere Pflicht!!!"

Wer je Steffl Kchropfgeschpuckch im Kaffeehause gesehen, wie er vor seinen Korrekturbogen sitzend, überlegen und kaltblütig vor sich hinspeit, empfing sicher den bleibenden Eindruck, eine bedeutende, zielsichere Persönlichkeit des modernen Tarrois vor sich zu haben.

Sein Aufschrei nach Rache verhallte auch nicht ungehört.

Von den Stammtischen griff die Erregung gar bald auf weitere Kreise über, der Alkoholverbrauch stieg unheimlich, die Landesregierung erklärte Schluiferer als vogelfrei und Amandus Daxenbichler forderte sogleich ungestüm die Verbrennung des wüsten Ketzers.

Dieser verstand endlich die nahenden Sturmzeichen und begann in Eile seine Koffer zu packen.

Es war zu spät.

In einer dunklen Nacht bewegte sich ein Zug kampfbereiter Männer gegen das Haus, darin Schluiferer wohnte, mit Schlagringen Bewaffnete, Leute mit Handschellen, voran der streitbare, eisenfeste Amandus Daxenbichler.

Schluiferer, der das Herannahen des Volksheeres beobachtet haben mochte, kam mit einem großen Hausschlüssel vor die Türe. Daxenbichler aber trat ihm furchtlos entgegen und rief eine Beschwörungsformel gegen den Verrufenen, die er sonst nur gegen Stuhlverstopfung und verhexte Stiere anwendete.

"Abra kantambra! Wöhe! Wöhe! Wöhe!" sagte er feierlich. "Tuifi du, verwinschter, wuischt da a no morten mit diesem Refolfer in deiner verruchten Hant?"

Ohne zu antworten, sperrte Schluiferer mit seiner verruchten Hand und dem Refolfer die Haustüre ab.

Auch das war ein eitles Beginnen, denn nun eröffnete das Volksheer den Angriff. Nachdem es eine halbe Stunde lang Kriegslieder gesungen hatte, begann es durchdringend zu jodeln. Sogleich kam Schluiferer Sepp, in sich zusammengesunken, heraus, und ergab sich auf Gnade und Ungnade.

Gefesselt wurde er weggeführt, indessen die siegreichen Belagerer auf den Bergen Freudenfeuer anzündeten.

Alle Berichte über angebliche Mißhandlungen Schluiferers im Gefängnis sind frei erfunden. Er wurde human behandelt. Die einzige Verschärfung seiner Haft bestand darin, daß man ihn zwang, "Schpezial" zu trinken und sich von echt tarrolischem "Kchalbsgreschtl" und "Maibutter" zu ernähren.

Die Verhandlung gegen ihn war öffentlich. Den Vorsitz führte Amandus Daxenbichler, als öffentlicher Ankläger fungierte Steffl Kchropfgeschpuckch, als Dolmetsch für Deutsch und Tarrolisch Dr. Lochcherl, die Vorführung des Delinquenten hatten Anderl Vicheisen, Bartl und Lastl übernommen.

Als Kläger traten fast sämtliche von Schluiferer beleidigte und beschimpfte Personen auf. Es fehlten nur der Poschtdirektor, der inzwischen Ackerbauminister geworden war, und der Pforra von Brunäckch, der in Rom als technischer Leiter der Modernistenverbrennungen wirkte. Dagegen war Legationsrat von Glienicke eigens aus Berlin gekommen. Auch Ursula, Purgl, Mariedl, Jobst Schießling, Lienhard Flexel, Oberlindober, Kchilian Schirrhackchl und alle übrigen durch Schluiferers Ruchlosigkeit aufgebrachten Menschen waren zu sehen.

Im Hintergrunde drängte sich das Volk, vor jedem Richter stand das landesübliche sogenannte Sautröglein, in das man feuchte Tabakreste zu deponieren und bei lebhaften Debatten auszuspucken pflegt.

Die Szenerie war eindrucksvoll und würdig. Schluiferer erschien mit den Mienen eines zerknirschten Bösewichts in einer wüsten, reuelosen Verzweiflung.

Nach der kraftvollen Ausspeiung dreier gewaltiger "Bierschnäckchn" verlas Steffl Kchropfgeschpuckch die kurze, aber markige Anklageschrift, in der Schluiferer als Magyare, Wiener Radaubruder, Garibaldianer, Protestant, Jude, Heide, Unchrist und Unmensch eindringlich gekennzeichnet war.

Er wußte nichts zu erwidern.

Das Zeugenverhör gestaltete sich für ihn geradezu vernichtend.

Wastl beschwor, daß er nie auf Buchenblätter, sondern immer auf Kiefernadeln gefallen, Ursula, daß sie mit ihrem Bräutigam stets nur im Heuschober und niemals im Freien zusammengekommen war. Der Legationsrat beeidete seine ungebrochene Virilität, Mariedl die Geburt von Zwillingen, die gleich nach dem Partus - gemäß dem Zeugnisse des Kurschmiedes - an Arterienverkalkung gestorben waren. Im Landesmuseum hatte man unter der Inventarnummer 3784 keinen in Alkohol konservierten Menschenschädel, sondern eine irgendwo in Europa durch die ethnographische Abteilung erworbene Nagelfeile mit dem Vermerk "Verwendung unbekannt" aufgefunden - und so weiter.

Das ganze Lügengebäude Schluiferers brach demnach in nichts zusammen.

Sie führten ihn weg, da er sich selbst gerichtet.

Bald darnach erschien Kchropfgeschpuckch mit einem Stoß Zeitschriften im Gefängnis und verkündete dem Delinquenten den ersten Teil des Verdikts.

"Jtzt kchemt der Anfang! Ichch werte dir sämtlache Nummern von meiner Zeitung vorlesen, bis wohin deine Schandtaten berichtet wer'n."

Und er spuckte und las fünf Stunden. Schluiferers Blick verriet darnach die beginnende Auflösung, allein seine Herztätigkeit hielt noch ungeschwächt an.

Daraufhin sagte Kchropfgeschpuckch: "Itzt kchemt der zweite Teil! Ichch werte dir, weil du's überdauerst hascht, a no meine Lebensgeschichte ,Von der Wiege bis zon Waschtl' vorlesen."

Wieder las er drei Stunden.

Schon hatte Schluiferer die Augen geschlossen und atmete schwer.

Steffl fühlte ihm den puls und sagte: "Guet, so werte ichch dir a no meine Gedichte dekchlamieren. Das überlebscht owa necht, du Rackcher du!"

Bereits nach dem dritten Gedicht vomitierte Schluiferer - ein einziges Mal - kurz und scharf, fiel mit dem Bauch nach unten und rührte sich nicht mehr.

Nun war's vorbei - schmerzlos, aber sicher.

Als Steffl Kchropfgeschpuckch aus dem Kerker trat, sagte er zu den Umstehenden schlicht und einfach: "Hin ischt hin! Der wacht necht amol am jingschten Tog mehr auf."

So gründlich richtete und dichtete das rächende Tarroi.

* * *

Um dem Ort und seinem Fremdenverkehr nicht zu schaden, darf nicht verraten werden, wo Schluiferers Überreste zu finden wären. Nur wenn ein Wanderer zufällig auf die folgende Inschrift stoßen sollte, dann mag er wissen, daß sie von Steffl Kchropfgeschpuckch gedichtet worden ist auf Sepp Schluiferer, den einzigen Menschen, der das hailachste Land nicht so sehen und verstehen konnte, wie es gesehen und verstanden werden will und soll und muß.

Diese Inschrift, mit leider wenig haltbarer Schrift auf eine Holztafel gemalt, lautet:


Der do ligt hob ins veracht,
hod Tarroi frei runter 'gmacht.
Berch, Durischtn und die Koscht,
insre Breiche, insre Poscht,
d' Kinschtla, d' Deandeln, insre Tracht
hod der Sapperment valacht,
d' Geischtlinga und onders vül,
s' Jodeln gor und 's Zidernspül!
Dieses tat der Schluiferer Sepp,
holbscheid Tuifi, holbscheid Tepp!
So a Mo, der koa Mo g'wesen,
denn a wor behext vom Besen
und drum ollas miteinand,
Pölz, Iud, Heid und Proteschtant!
Und indem wir ihm getettet,
ischt Tarroi vor ihm gerettet,
s' ligt a Felschtrum auf der Stel,
denn net aufsteh dorf die Seel,
die die greßte Sint veribt,
weil 's Tarroi net heiß gelibt!
Faul und bleib wia dein Verleger
ein verschimmelter und träger
Boanahaufn, wenn wir andern
dereinscht himmelaufwertz wandern!
Hin ischt hin, gor ischt gor,
orger Ruach, verdommter Norr!

Quelle: Tirol ohne Maske, nach den Aufzeichnungen des Sepp Schluiferer herausgegeben von Carl Techet, Leipzig 1923, S. 179 - 188.