SAGEN.at >>Informationen, Quellen, Links >> Dokumentation >> Fern von Europa - Tirol ohne Maske

   
  Ein Aufgeklärter.

Ein solcher war Lienhard Flexel. - Lange hatte er in Europa gelebt, und so wurde er allmählich zivilisiert, vielleicht sogar kultiviert. Das Deutsche beherrschte er in hohem Grade. Wenn wir uns beim Mittagstische trafen, sagte er "Mahlzeit", auch spuckte er niemals vor sein Gegenüber hin sondern stets zur Seite. Seinem Hunde reichte er die Bissen nicht auf dem Teller zu, sondern mit der Gabel, indessen er selbst mit dem Messer auffaßte. Europas Hygiene war ihm nicht fremd. Nach dem Mahle säuberte er seine Zähne stets mit dem Taschenmesser und badete seine Finger im Trinkglase.

Manche seiner Eigenheiten sprachen für einen raffinierten Lebenskünstler. So spuckte er vor dem Anrauchen stets auf seine Zigarre "damit daß 's Däckchblott bessa pickchen tuat," und die Zigarettenstummeln mischte er unter den Schnupftabak "wä' dös a so vül a feins Arauma gibt".

Weite Reisen hatten ihn mehrmals nach Europa geführt. So war er einmal in Lambach in Oberösterreich gewesen und ein anderes Mal in Raubling im Bayernland.

Von diesen weiten Reisen stammte seine Welt- und Menschenkenntnis.

Soweit ols daß die Berch gengan, ischt dö Wölt sche', pflegte er zu sagen; durt oba, wo die Berch aufher'n, do wirt's wüascht. Do bi' i nocha, wia i koane hoch'n Berch mehr g'seg'n hob', um'kchehrt und wieda hoamg'fohrn. Wä' ma dalloam die Berch hom, und wo die Berch san, ischt's sche', und vo' olle Berch san insere Berch die schensten Berch ! -

Etwas Rührendes liegt in dieser "Berch"-Philosophie. Der Weltreisende, der Weltmann, der die Erdkugel von Tarrol bis Lambach und Raubling kennt und doch mit unbezähmbarer Sehnsucht aus aller Breite und Weite wieder in die "Berch" zurückkehrt: die Kraft der Scholle, der Sieg der Heimat über Unstetigkeit und Wandertrieb!

Die Berge umgeben ihn wie ein schützender Wall vor allem, was ihn anders machen könnte. Er aber will bleiben, was er bisher war: ein Tarrola. Dazu braucht er seine Berge; die werden das besorgen.

Selbst eine Bibliothek besaß er. Er zeigte sie mir einmal mit vielem Stolze. Hier sah ich nicht nur Heimburg und Marlitt, denn zwischen den beiden Damen schob sich ein Band Nietzsche ein, und von diesem gelangte man über Ganghofer und drei Bände Gartenlaube zur "Kritik der reinen Vernunft".

Olles moderne Literatur! bemerkte er. Von der Literatur kam er auf seine Weltanschauung zu sprechen und erklärte mir: I bi' Gott sei Dankch freiheitlach gesinnt! I scho'! Wenn i zon o'schoff'n hätt', nocha gangat's glei' andascht!

Was würden Sie tun, Herr Flexel?

I? Erschtens: Es wirt die Räbublickch ei'g'führt, zweitens: Es wirt die Weibergemeinschoft va'kindet, und nua dä, dä wo racht olte, schiache Weiba hom, kennen si's b'holt'n fir eana sölwa l), drittens: Es wirt in jed'n Ort a Unifersitet ei'g'richt, damit daß das Volkch an urdantlache Bültung kriagt, dann werden sechs wechantlache Feiertäch ei'g'fihrt, daß si da Mensch vo' seiner Orwat 2) erholen ko', ferner werden semmtlache Jud'n, dö wo in Tarrol san, kaschtriert, und semmtlache Pölz 3) von staatswegen o'g'schossen! So mochat's i, wä' i a Libarala bi', und nocha wurdat's bessa bei ins! Wonn nua dö Mehraren so denkchen tat'n wia i! Owa dö Mehraren san eb'n a Bagaschi! -

Damit traf er den Kern der Sache.

Er war ein Mann, der deutlich zeigte, daß es auch in Tarrol Liberale gibt. Aber sie sind eben alle wie er: ihre Ideale gehen allzuhoch, darum erreichen sie wenig.

Doch genug daran: es sind nicht gewöhnliche Liberale, es sind ganz und gar tarrolische Liberale.

Das ist ein Programm für sich. - Äußerlich schien er noch ein Tarrola zu sein, aber auch nur an Wochentagen. An Sonntagen zeigte er sich vollkommen als Weltmann - wenigstens oberwärts. Das landesübliche Jägerhemd mit der Touristenschleife verschwand; er erschien stets mit hohem weißem Stehkragen, Handschuhen und schmaler Modekrawatte, schwarzem Salonrock und geblumter Weste, wozu er kurze Hosen, Wadelstrümpfe und Bergschuhe, sowie einen grünen Hut mit "Gamschbort" trug. Man kann also sagen, daß er vom Hals bis zum Nabel Europäer geworden war, nur Kopf und Beine bewahrten die nationalen Eigenheiten seines Volkes.

Wer ihn so daher kommen sah, hätte kaum vermutet, einen Mann vor sich zu haben, dem bloß die Gelegenheit fehlte, Throne zu stürzen und die freie Liebe einzuführen. -

Ein Aufgeklärter

Einmal gab ich ihm ein Buch zu lesen, das man mir - ich weiß nicht warum - geschenkt hatte. Es hieß "Ehe und Liebe". Was sagen Sie zu dieser Schriftstellerin? fragte ich ihn nach einiger Zeit.

Gelassen antwortete er: Arrogante Nockchn! Dö moant, da Mensch ko' si g'scheida mochn alsch a ischt! Geht nöt! Geht nöt! Arrogante Nockchn !

Das Beste an ihm war doch nicht europäisch! Niemals versäumte Flexel, die Predigten des berühmten Kanzelredners Daxenbichler (siehe später!) anzuhören. Ich konnte dabei oftmals bemerken, daß er zu dem großen Manne mit Tränen in den Augen emporblickte.

Wie, der kann's! sagte ich einmal gelegentlich der Predigt gegen die Juden.

Jawoi ! entgegnete Flexel, der kann's no' bessa alsch der Hannibal!

Als der Hannibal? - - Hat der Reden gehalten ?

G'wiß! Das ischt ein großer griechischer Redner g'wesen, der wo große Reden getan hat, als die Juden seine Vaterstadt Jericho haben erobern wollen! - Aber der Daxenbichler kann's no' bessa ! -

Nach diesem Ausspruche mied ich Herrn Flexel einige Zeit. Er hatte mich nämlich beleidigt, weil ich Hannibal als Redner unbedingt über Daxenbichler stelle.

Endlich sah ich ihn wieder. Sein Gesicht war ungewöhnlich ernst.

Befinden Sie sich nicht wohl, Herr Flexel, weil Sie so gedrückt aussehen? fragte ich teilnahmsvoll.

Wohl fühl' i mi' schon, entgegnete er, aber eben nur auswendi' ! Einwendi' gor nöt!

Ah! Wo fehlt's ? Im Magen?

Na, na, no' einwendiger ! In d'r Söl! 4) In d'r Söl! I' hob' gonz vergessen, daß i scho' zwoa Wochen nöt beichten wor! Dös ischt zu lang - auch fir inseroan !

Er wandte sich zum Gehen.

Leben Sie wohl, sagte ich, ihm herzlich die Hand drückend. Sie sind ein ganzer Mann!

Da richtete er sich plötzlich stolz empor und meinte: Jawoi ! Dös scho', Gott sei Dankch ! Aber es koscht' ! 5) Es koscht' ! - Vierzich Gulden Alimenter im Monat ! - - -

Dann schieden wir.

Lienhard Flexel ist noch jung. Wenn er einmal das nötige Alter erreicht haben wird, wählen sie ihn sicher zum Abgeordneten. Er verdient es! Er, der berufene Vertreter des echt tarrolischen Liberalismus, den eine Eigenschaft hoch über alle Gesinnungen ähnlicher Art emporhebt; sie heißt: Konsequenz verbunden mit unverwüstlichem Humor.


1) für sich selbst.
2) Arbeit.
3) Welsche.
4) Seele
5) kostet